Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Heft 4-2013

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Sonnenenergie nutzen und Dämmung weglassen?

Eine Replik auf das Interview mit dem Architekten Konrad Fischer

Von Dr. Günter Sawatzky, Prüfsachverständiger für energetische Gebäudeplanung, Energieberatungs- und Planungsbüro

Dr. Günter Sawatzky (geboren 1949) nahm nach dem Physikstudium und der Promotion  eine Industrie-tätigkeit  als Entwicklungsleiter eines mittelständischen Unternehmens für elektronische Medizingeräte auf. Seit 14 Jahren ist er selbständig als Energieberater und als Dozent an verschiedenen privaten Lehreinrichtungen, speziell in der Lehrgangsleitung zur Ausbildung von Energieberatern mit BAFA-Zertifizierung. Seit einem Jahr ist er als Prüfsachverständiger für energetische Gebäudeplanung im Land Berlin zugelassen.

In diesem Jahr soll eine neue Version der Energieeinsparverordnung (EnEV) auf den Weg gebracht werden und aus allen betroffenen Kreisen mehren sich die Stimmen dazu. Begriffe wie „Dämmwahnsinn“ in der Diskussion verdeutlichen, daß oftmals Emotionen Sachargumente ersetzen. Nicht selten werden auch Sachverhalte falsch dargestellt.

Im Interview mit Holger Becker vom Verband Deutscher Grundstücknutzer, erschienen in „Das Grundstück“, Heft 1-2013, erklärt Herr Fischer, daß Dämmung keinerlei Wärmeeinsparung bringe, ja sogar höhere Verbrauchswerte verursache. Außerdem verhindere Dämmung nicht die Schimmelpilzbildung; der Energieausweis sage rein gar nichts aus; die Solareinstrahlung werde konsequent vernachlässigt, weil nie eine wärmetechnische Gesamtbilanz aufgestellt werde, und Forscher der Universität Cambridge hätten die deutschen Berechnungsmethoden quasi in der Luft zerrissen. Zum Schluß gibt er noch einen Tip zu Fenstern: Wenn man ein „tatsächlicher Energiesparer“ sein will, sollte man auf preiswerte Einfachverglasung mit klappbaren Fensterläden zurückkommen. Zusammenfassend kann man seine Worte so interpretieren: Alles, was die Energieeinsparverordnung vorschreibt und was von Energieberatern empfohlen wird, ist falsch und alle seine Behauptungen seien durch zum Teil erst jetzt wiederentdeckte (geheimgehaltene?) Studien klar untermauert.

Diese Äußerungen werden fast wortgleich mit Namensnennung und der Charakterisierung „Deutschlands bekanntester Dämmkritiker“ gern von der Presse und dem Fernsehen aufgegriffen, oftmals nicht im Interview, sondern als Beleg einer Botschaft: „Deutsch-land im Dämmwahn“, Wirtschaftswoche 25.1.2013, „Wärmedämmung kann Heiz-kosten in die Höhe treiben, WELT, 8.10.12, „Wärmedämmung – der Wahnsinn geht weiter“, NDR, 26.11.2012.

Wenn so seriöse Nachrichten- und Meinungshändler auf Herrn Fischers Informationen zurückgreifen, können diese dann falsch sein?

Schimmel an der Innenwand
Beginnen wir mit Schimmel. Herr Fischer sagt im Interview: „Interessanterweise hat das Fraunhofer-Institut mit seinen Messungen auch herausgefunden, daß eine Außenwanddämmung in keinem Fall zu einer Erhöhung der Innenwandtemperatur führt, so wie sie all die angeblichen Schimmelexperten behaupten, die sagen, man müsse dämmen, damit man eine wärmere Wand bekomme…“.

Diese Aussage kann bei flüchtigem Lesen leicht mißverstanden werden. Er sagt richtig, eine Dämmung auf der Außenwand habe nur einen geringen Einfluß auf die Temperatur einer Innenwand. Oh, fragt da der Fachmann, muß das erst gemessen werden?

Was ist aber mit dem Schimmel an der Außenwand? Nun, dazu äußert sich Herr Fischer nicht, ich kann dem Leser aber versichern, die Innentemperatur einer Außenwand wird durch Dämmung sehr wohl angehoben und damit der Abstand zur Taupunkttemperatur vergrößert.

Also Dämmung hilft sogar, anders als Herr Fischer behauptet, Schimmel zu vermeiden. Interessant wäre hier zu erfahren, welche Messungen des Fraunhofer-Instituts Herr Fischer hier im Sinn hatte, leider sind bei Quellenangaben alle seine Hinweise immer nur vage.

Nach dieser kleinen Kostprobe der Fischerschen Argumentationskunst möchte ich auch auf seine weiteren Äußerungen eingehen und dabei nicht Punkt für Punkt und Satz für Satz des Interviews analysieren, sondern gleichzeitig allgemeinere Informationen zu den Themen Dämmen, EnEV und Energieausweis usw. geben.

Höherer Verbrauch nach derDämmung ist möglich
Die erste Frage soll sein: Kann nach einer Dämmung der Verbrauch von Heizmittel steigen? Selbstverständlich kann er das. Denn der Heizmittelverbrauch hängt nicht nur von der Dämmung ab. Wenn sich andere Parameter vor und nach der Dämmung ändern, ist dieser Fall ohne weiteres denkbar.

Hier stellt sich dann die Frage, wovon der Heizmittelverbrauch überhaupt abhängt und wie er bestimmt wird. Die Antwort auf diese Frage ist zum Verständnis der Diskussion unerläßlich.

Nun, es sind vier Hauptteile:

1. die Architektur des Gebäudes (Kubatur, Außenwanddicke, -material, Dämmung, usw.),

2. die Technik zur Wärmeerzeugung (vom Kessel bis zum Heizkörper),

3. das Nutzerverhalten der Bewohner (Lüftungsverhalten, Leerstand, Raumtemperatur, usw.),

4. das Wetter.

Zwei der vier Teile, nämlich die Architektur und die Haustechnik sind ingenieurstechnischen Berechnungen sehr gut zugänglich und damit entsprechend planbar, die anderen beiden nicht. Es ist also nicht möglich, den Verbrauch eines bestimmten Gebäudes für das kommende Jahr exakt zu berechnen. Es mag komisch klingen, daß wir z. B. per GPS jede Position auf der Erde mit einem geeigneten Empfänger auf einige Meter genau bestimmen können, aber zukünftige Wärmeverbrauchszahlen nur bedingt, aber es ist so, Menschen und Wetter sind schwer kalkulierbar.

Um doch zu einer vernünftigen Abschätzung des Wärmeverbrauchs zu gelangen, verwendet der Ingenieur statistische, manchmal mit einem „Sicherheitszuschlag“ korrigierte Werte für das Wetter und das Verhalten der Bewohner. Diese Daten sind in verbindlichen Normen für die entsprechenden Berechnungen hinterlegt. Die damit gewonnenen Ergebnisse sind die theoretische Wärme, der sogenannte Wärmebedarf.

Allein mit diesem Wissen wird manchem jetzt schon klar, daß sich unter bestimmten Bedingungen der Vergleich Wärmeverbrauch und Wärmebedarf trefflich nutzen läßt, um die Berechnungen in Frage zu stellen, wobei dann selten die Richtigkeit des Verbrauchs hinterfragt wird (Restmengen Öl, Abrechnungszeiträume, usw.). Hier möchte ich auf den hinteren Teil der Abhandlung verweisen.

Vorab möchte ich aber zum weiteren Verständnis für spätere, spezielle Ausführungen eine kurze Geschichte des Wärmeschutzes skizzieren.

Als Wärmeschutz noch einfach war
Als Herr Fischer Architektur studierte (in den siebziger Jahren), gab es für Berechnungen des Wärmebedarfs keinen Anlaß. Das einzige, was Architekten über die wärmetechnischen Eigenschaften eines Gebäudes lernen mußten, war die Wärmedurchlässigkeit von Außenbauteilen. Es gab aber auch Lehreinrichtungen, in denen nicht einmal dies gelehrt wurde. Die ersten Energiesparmaßnahmen beim Hochbau (ab 1977) begnügten sich mit der Berechnung einer einzigen wärmetechnischen Kennzahl für die Außenbauteile (besonders gemittelter k-Wert, jetzt U-Wert). Dieser  Wert beschreibt, wie gut oder schlecht Bauteile Wärme durchlassen. Von Wärmeströmen und Wärmebedarf war zu der Zeit überhaupt noch nicht die Rede. Wenn man eine Analogie zum Kfz herstellen wollte, dann kann man das ungefähr vergleichen mit der Festlegung einer verbrauchsrelevanten Größe, wie des Hubraums, ohne Berücksichtigung der anderen Einflußfaktoren. Selbst für komplexe Gebäude konnten mit zwei/drei Formeln (nebst derer zur Flächenbestimmung) die Nachweise zum Wärmeschutz gemacht werden. Die Berechnungen selbst wurden meist von den Statikern als „kleines Zubrot“ mit erledigt.

Als alles kompliziert wurde
Wärmetechnik im Sinne einer Bilanzierung von Wärmeströmen kam erst 1995, allerdings wurde obiger Punkt 2, die Technik der Wärmeerzeugung, noch nicht berücksichtigt. Dies geschah erst 2002 mit der Energieeinsparverordnung. Seit also elf Jahren müssen wärmetechnische Berechnungen durchgeführt werden, die dann auch einen Vergleich mit dem Verbrauch erlauben. Der Rechenaufwand ist seitdem nur noch mit Computerhilfe zu bewältigen. Das Verständnis der Aufgabe setzt physikalische Grundkenntnisse der Wärmelehre, Kenntnisse der Architektur und der wärmetechnischen Anlagen voraus. Die wichtigsten Normen haben einen Umfang von über 800 Seiten, deren Durchdringung beschäftigten Architekten und Statikern eigentlich unmöglich ist.

Mit den enorm gestiegenen Anforderungen an den Wärmeschutz wurde auch ein neuer Beruf kreiert, der des Energieberaters.

Brisanz wiederentdeckter Messungen
Mit dem eben gewonnenen Hintergrundwissen können wir nun die Frage beantworten, was es mit den verschwundenen und von Herrn Fischer wiederentdeckten Veröffentlichungen des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik zu tun hat, die nach Fischer beweisen sollen, daß Dämmung die „Außenenergieaufnahme“ (Solarenergie) aussperrt  und so in der Bilanz zu einer Erhöhung der Heizkosten führe. Diese Untersuchungen sind zu einer Zeit (Anfang 1980) gemacht worden, als man sich noch mit der Berechnung einer einzigen wärmetechnischen Kennzahl, dem k-Wert, zufrieden gab, und man eine Korrektur desselben zur Berücksichtigung der solaren Einstrahlung haben wollte. Nur, damit wird seit 1995 gar nicht mehr gerechnet, die solaren Wärmegewinne werden nicht über eine Korrektur, sondern direkt und somit genauer sowohl für Fenster als auch für Mauern nach der DIN V 4108-6 (oder der DIN V 18599) ermittelt. Die „wiederentdeckten“ Veröffentlichungen können also getrost ins Archiv zurückgelegt werden.

Selber rechnen macht klug
Den „wissenschaftlichen Beweis“ für die Unterdrückung der Solarenergie können wir aber in einem Gedankenexperiment mit rechnerischer Unterstützung selbst prüfen, indem wir die Wärmeströme durch eine Wand bilanziell betrachten, dabei werden Gleichungen und Tabellenwerte aus der DIN V 4108-6 benutzt.

1. Die Heizung sorgt für warme Luft im Raum und erwärmt auch die Außenwand, die nun wegen des Temperaturunterschieds mit der Außenluft Wärme nach außen abgibt, also ein Wärmeverlust.

2. Scheint die Sonne, wird durch Strahlungsabsorption die Außenfläche der Wand erwärmt. Die solare Wärme hat nun die Möglichkeit, entweder über die kalte Außenluft wieder zu entweichen, oder durch die Wand zu kriechen, um dem Wärmestrom von innen entgegenzuwirken. Bekanntlich geht in der Physik (und offenbar nicht nur dort) alles den Weg des geringsten Widerstandes.

3. Kommt eine Dämmung dazu, wird diese nun den Heizwärmestrom von innen nach außen, aber auch den solaren Wärmestrom von außen nach innen um den gleichen Faktor mindern. Ist die Heizwärme nach außen größer als der solare Wärmestrom nach innen, dann mindert die Dämmung den Verlust stärker als den Gewinn, also habe ich im Saldo eine Gesamtverlustminderung bzw. einen Gewinn.

4. Wie sieht die Sache nun in einem konkreten Beispiel aus?
Zwischen Oktober und März liegt die mittlere Einstrahlung auf eine Südwand in Berlin und Umgebung immer unter 100 w/m2 (Watt/Quadratmeter). Von diesen werden maximal 80 Prozent absorbiert, wenn die Wand ganz dunkel ist, macht maximal 80 W/m2. Diese 80 W/m2 haben bei einer ungedämmten Wand einen 25 Mal größeren Widerstand durch die Wand als nach außen in die Luft, macht ungefähr 3,2 W/m2 Solarwärmestrom zum Innenraum.

Der Heizwärmeverlust der ungedämmten Wand beträgt für den gleichen Zeitraum im Mittel ca. 15 W/m2.

5. Was passiert nun nach der Dämmung? 10 cm Außenwanddämmung reduziert den Wärmestrom um den Faktor 3. Die nutzbare Solarenergie beträgt 1,1 W/m2. Die Heizverluste werden um 10 W/m2 reduziert, das macht im Saldo 8,9 W/m2 Gesamtverlustminderung, also Gewinn.

Die obigen Berechnungen sind nur für die Wand mit den günstigsten Solarerträgen im Winterhalbjahr angestellt worden. Alle anderen Fälle liefern noch weniger Solarenergie. (Für Experten: Die Strahlungsdaten sind so ausgelegt, daß Tag und Nacht nicht unterschiedlich betrachten werden müssen.)

Wie Herr Fischer seine Solarerträge berechnet, um die Dämmung überflüssig zu machen, hat er im Interview nicht erwähnt und ist mir auch nicht bekannt. Diesbezügliche Veröffentlichungen in anerkannten Fachorganen konnten trotz Recherche nicht gefunden werden.

Brisanz nichtverschollener Veröffentlichungen
Die verbleibenden anderen immer wieder zitierten Studien, die höhere Heizkosten nach einer Dämmung beweisen, sind eine Studie des Hamburger GEWOS-Institutes und Arbeiten von Architekt Prof. Fehrenberg von der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hildesheim.

In der GEWOS-Studie aus dem Jahr 1995 (!) wurden aus dem Verbrauch von mehreren Gebäuden die Wärmeverluste sowohl durch die gedämmten als auch durch die ungedämmten Außenwände ermittelt und dabei falsch gerechnet. Dies wurde von Prof. Hauser (jetzt Direktor des Fraunhofer-Instituts für Bauphysik) in der unten angegebenen Literaturstelle bereits 1997 (!) kritisiert und richtiggestellt (Literaturangabe: Hauser, G.; Maas, A. und Höttges, K.: Analyse des Heizenergieverbrauchs von Mehrfamilienhäusern auf Basis der GEWOS-Erhebung. DBZ 45 (1997), H. 3, S. 155-162).

Auch die Werbung liebt es einfach
Auf der Internetseite von Prof. Fehrenberg kann man dessen Publikationen einsehen. Die von Herrn Fischer erwähnten Wohnblöcke sind in einer Veröffentlichung zu finden, allerdings finde ich dort keinerlei Hinweis darauf, daß wegen der Dämmung der Verbrauch angestiegen wäre. Stattdessen habe ich mit den veröffentlichten Daten eine eigene abschätzende Berechnung durchgeführt und die Ergebnisse von Prof. Fehrenberg, daß die installierte Dämmung zwischen 5 Prozent bis 10 Prozent Einsparung bringe, nachvollziehen können. Was Prof. Fehrenberg kritisiert, wie ich finde zu Recht, ist die von einigen Dämmfirmen oft groß herausgestellte Einsparung von ca. 50 Prozent durch Dämmung, ohne zu erwähnen, daß sich die 50 Prozent nur auf die betroffenen Bauteile beziehen und je nach Fall in einer Bilanz mit allen anderen Verlusten und Gewinnen auf eine Gesamteinsparung von 10 Prozent schrumpfen können. Mit einer vernünftigen Wirtschaftlichkeitsberechnung lassen sich aber auch für Außenwanddämmungen rentable Einsparungen nachweisen.

Um die 50 Prozent auszurechnen, braucht es auch nur die k-Wertberechnung wie anno dazumal, und markiger sieht es natürlich auch aus.

Können Deutschlands Ingenieure nicht rechnen?
Der größte Schlag gegen den deutschen Dämmwahn kam nach Herrn Fischers Meinung mit einer Studie von der englischen Eliteuniversität in Cambridge, die die deutschen Rechenmethoden „quasi in der Luft“ zerrissen hätten, so daß die Berechnungen „für die Katz sind“. Zentraler Punkt sei die Nichtberücksichtigung der Solareinstrahlung.

Die Literaturquelle der engl. Studie ist: Minna Sunikka-Blank & Ray Galvin (2012): Introducing the prebound effect: the gap between performance and actual energy consumption, Building Research & Information, 40:3, 260-273.

Hintergrund der englischen Studie ist die seit 2002 gewonnene Erkenntnis, daß bei sehr hohen und sehr niedrigen berechneten Wärmebedarfswerten die Abweichungen zu den Verbrauchswerten recht groß ausfallen können. Offensichtlich ist also das menschliche Verhalten durch die recht konstanten Werte der Norm nicht für alle Fälle ausreichend genau beschrieben. Dieser Befund ist nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern von den einheimischen Forschern gefunden und veröffentlicht worden.

Sunikka-Blank und Galvin aus Cambridge haben nun alle verfügbaren Daten dieser genannten Veröffentlichungen gesammelt, um daraus eine mathematische Formel zur Beschreibung der Abweichungen zu gewinnen. Der mathematische Ansatz für diese Formel wurde übrigens einer Veröffentlichung des Institutes für Wohnen und Umwelt (IWU) in Darmstadt entnommen.

Durchsucht man das umfangreiche Literaturverzeichnis der englischen Studie mit ca. 50 Veröffentlichungen nach einer Referenz „K. Fischer“, findet man nur „spezifischer“, die Autoren erwähnen nicht einmal das Wort „solar“.

Offenbar sind Herrn Fischers Thesen zur Dämmung und Solarenergie noch nicht bis nach Cambridge durchgedrungen, obwohl die englischen Autoren ausdrücklich in ihrer Veröffentlichung ihre Deutschkenntnisse betonen und in Deutschland recherchierten und Experten interviewten. Das Vertrauen in die Berechnungsmethoden in Deutschland muß dagegen ausreichend groß sein, um eine Ergänzung beim Erfassen des Nutzerverhaltens zu ermitteln.

Konsequenzen einer Studie
Wie erwähnt, weichen bei hohen und niedrigen Verbrauchswerten Theorie und Praxis auseinander. Dies hat die Ursache ganz überwiegend im Nutzerverhalten, ist also der Teil des Verbrauchs, der ingenieursmäßiger Berechnung nur statistisch, also nach einer gewissen Praxis zugänglich ist. Offenbar wird in energetisch schlechteren Gebäuden stärker auf die Heizkosten geachtet (mehr Teilbeheizung, Pullover, usw.) weil diese recht hoch sind. In energetisch besseren Gebäuden kann man sich höhere Temperaturen erlauben und auch mal die Heizung durchlaufen lassen, weil die Heizkosten insgesamt recht niedrig sind. So wird dies auch von Sunikka-Blank und Galvin interpretiert.

Sunikka-Blank sieht in ihrer Studie ein Hilfsmittel für die Politik, die tatsächlichen Energieeinsparungen besser einzuschätzen und meint, daß immer höhere Standards irgendwann nicht mehr wirtschaftlich werden, weil das konkrete Verhalten der Bürger die geplanten, berechneten Einsparungen in der Praxis schrumpfen läßt und damit die Wirtschaftlichkeit nicht mehr gegeben ist. Stattdessen sieht sie ein großes Potential beim Verhalten der Bewohner. Wie dieses Potential aber gehoben werden kann, bleibt sie leider schuldig. Was wäre denkbar? Die größten Einsparungen sind beim Altbau, wo der größte Wärmeverbrauch ist. Dort verhält sich der Bürger aber schon sparsamer als berechnet. Noch weniger heizen und eventuell ein zweiter Pullover sind wahrscheinlich schwer vermittelbar. Vielleicht liegt die Wahrheit nicht in den Extremen, keine Dämmung (Fischer) – ganz dicke Dämmung, sondern dazwischen. Hier kommt die qualifizierte Energieberatung ins Spiel, die den goldenen Weg finden soll (s. weiter unten).

Interessant ist in diesem Zusammenhang, daß im neuen Entwurf der kommenden Energieeinsparverordnung die Anforderungen für die Altbauten nicht weiter verschärft werden.

Welche Konsequenzen ergeben sich aus den Abweichungen für den Energieausweis und die Energieberatung?

Der Energieausweis
Der Energieausweis für Gebäude heißt so, weil er Gebäude energetisch bewerten soll. Zu den Gebäuden gehören die Bausubstanz oder Architektur und die Wärmetechnik, aber nicht das Bewohnerverhalten und das Wetter. Weil letztere aber für die Berechnung erforderlich sind, müssen dafür Daten verwendet werden. Entscheidend für eine Unabhängigkeit von menschlichem Verhalten und Wetter ist die Verwendung derselben Daten für alle Gebäude. Für ein besseres Verständnis ist es günstig, möglichst reale Durchschnittswerte zu verwenden, weil dann der Vergleich mit den realen Verbrauchswerten die einfache Zuordnung nach über- oder unterdurchschnittlich zuläßt. Unter Verwendung der in den Normen hinterlegten Werte für Wetter und Bewohnerverhalten erhält man den Bedarfsausweis.

Der andere Ausweistyp wird aus Verbrauchszahlen berechnet, wobei Temperaturschwankungen und Leerstand herausgerechnet werden. Hier sind trotz Korrekturen immer Anteile von Bewohnerverhalten (besonders bei zeitweiligem Leerstand) und Wetter enthalten, wahrscheinlich umso mehr, je weniger der Ausweisaussteller die Korrekturrechnungen kennt.

Sagen deshalb die Ausweise rein gar nichts? Die Ausweise sagen dem Käufer oder Mieter nicht exakt, wie hoch die Heizkosten sind, aber sie sagen, ob man mit hohen oder niedrigen Heizkosten rechnen kann.

Bei den üblichen Umfängen der Heizkosten von 500 bis 3000 Euro/Jahr bezogen auf ca. 120 m2 Wohnfläche ist das nicht unerheblich. Durch die Farbskala erhält man außerdem einen Vergleich mit anderen Gebäuden. Beim berechneten Bedarfsausweis ist sogar das Potential zur Energieeinsparung dargestellt.

Genau die gleiche Logik wird bei Verbrauchsangaben von Kfz angewandt. Wie viel Benzinkosten der Käufer im Jahr haben wird, kann auch nicht angegeben werden.

Bei elektrisch betriebenen Geräten ist es mit der Angabe von Energieklassen ebenso.

Die Energieberatung
Bei einer qualifizierten Energieberatung (z. B. gefördert vom Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle, BAFA) werden grundsätzlich die theoretischen Wärmebedarfswerte berechnet, um die Verteilung der Verluste auf die einzelnen Ursachen zuordnen zu können. Sind Verbrauchszahlen der Nutzer bekannt, müssen die Wärmebedarfswerte mit den Verbrauchswerten abgeglichen und entsprechend korrigiert werden, um eine möglichst an das Portemonnaie des Beratungskunden angepaßte Wirtschaftlichkeitsbetrachtung zu erhalten. Das Ergebnis der Cambridge-Studie ist also bei der qualifizierten Energieberatung schon länger berücksichtigt.

Sind die Verbrauchszahlen nicht bekannt, dann wird mit den Bedarfszahlen weitergearbeitet. Theoretische Durchschnittswerte sind allemal besser als eine Bauchentscheidung.

Allerdings muß gesagt werden, daß Energieberatung zwar fachlich, aber rechtlich keine Qualifizierung voraussetzt. Praktisch kann sich jeder Energieberater nennen. So wie übrigens auch Bauexperte.

Es ist daher zu empfehlen, sich bei der DENA nach zertifizierten Beratern umzusehen. Bei Recherchen im Internet sollte man mindestens auf den Hinweis achten, ob der Berater eine BAFA-geförderte Beratung machen darf, denn nur diese fordert aktuell Mindeststandards. Gute Kenntnisse in Bauphysik und Anlagentechnik sind unabdingbar wie eine saubere, verständliche Wirtschaftlichkeitsberechnung.

Die Benutzung von Software macht noch keinen Experten. Bei der Zulassung von Energieberatern wäre auch für die Politik noch Gestaltungsspielraum.

Was steht in der Energieeinsparverordnung (EnEV)?
Alle Vorschriften der EnEV unterliegen der Einschränkung der Wirtschaftlichkeit, die im Energieeinspargesetz definiert ist. Danach sind Maßnahmen als wirtschaftlich anzusehen, wenn die Investition innerhalb der zu erwartenden Nutzungsdauer der Maßnahme refinanziert werden kann. Anders als Herr Fischer behauptet, sind die Nutzungsdauern bei Dämmmaßnahmen der Außenwand nicht zehn, sondern 30 Jahre. Für Denkmäler gelten Ausnahmeregelungen, Denkmalschutz geht vor Wärmeschutz. Für Ein- und Zweifamilienhäuser gelten weitreichende Ausnahmen, sofern der Besitzer ein Objekt selbst bewohnt.

Mit ergänzenden Hinweisen zu den von Herrn Fischer empfohlenen einfachverglasten Fenstern zum Heizkostensparen möchte ich dann aber schließen. Einfachverglaste Fenster müssen auch in Wohnräumen von Altbauten nach der EnEV nicht zwingend ersetzt werden. Für den, der nicht gern am Fenster sitzt, nicht gerne lüftet oder nicht weiß, wie man lüftet, haben einfachverglaste Fenster sogar Vorteile, weil das Wasser auf den kalten Scheiben besser ist als an einer ungedämmten, schimmeligen Außenwand und die Luft schön trocken hält. Drosselt man alle Raumtemperaturen noch unter 10° Celsius, dann sind die Wärmeverluste durch einfachverglaste Fenster nicht höher als durch eine zweifachverglaste Scheibe bei 20° Celsius. Die Solareinstrahlung ist bei einfachverglasten Scheiben sogar um zirka 10 Prozent höher als bei zweifachverglasten, auch nach Norden hin. So konsequent angewandt sind einfachverglaste Fenster auch tatsächliche Energiesparer.

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