Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Heft 4-2013

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Eule schlägt Adler

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 7): Bad Freienwalde

Von Holger Becker

Man glaubt es ja nicht: Skischanzen in Norddeutschland? Ein Skisprung im Brandenburgischen, der erst bei einer Weite von 71 Metern endete? Doch, doch, der polnische Nationalmannschaftsspringer Tomasz Byrt stellte am 29. August 2009 bei einem Mattenspringen diesen Rekord auf. Und zwar im ostbrandenburgischen Bad Freienwalde, kurz vor der polnischen Grenze.

In Bad Freienwalde nämlich endet das Plateau des Oberbarnim und stürzt ins Flachland des Oderbruchs ab. Die letzte Eiszeit stattete das Gelände der 12.000-Einwohner-Stadt mit dem extremen Höhenunterschied von 155 Metern aus, was sogar das thüringische Oberhof um einiges übertrifft, wo die Differenz zwischen oben und unten nur 125 Meter ausmacht. Schon 1930 entstand deshalb im Freienwalder Papengrund eine Sprungschanze. Der legendäre Norweger Birger Ruud (1911 bis 1998), mehrfacher Weltmeister und zweifacher Olympiasieger im Skispringen und gleichzeitig ein alpiner Rennläufer der Weltklasse, gab sich 1936 die Ehre und erreichte eine Weite von 40,5 Metern. Dieser Rekord des Nordmanns, den die Nazi-Besatzer seiner Heimat 1943 ins KZ steckten, weil er sich ihnen nicht zur Verfügung stellen wollte, hielt bis zum Ende der alten Papengrund-Schanze 1970.

Seit dem Jahr 2000 nun entstanden drei Kleinschanzen und eine Mittelschanze. Und beim Freienwalder Wintersportverein träumt man sogar von einer Normal- und einer Großschanze mit Flugweiten bis 100 bzw. 130 Metern sowie einem Stadion für 40.000 Zuschauer. Recht typisch aber für Bad Freienwalde: Bis vor kurzem fand der Besucher der Stadt kaum einen Hinweis auf den schon bestehenden 1,7 Millionen teuren Schanzenkomplex. Dabei kommen täglich etliche tausend Menschen daran vorbei. Die meisten von ihnen sind Tanktouristen, die aus Berlin den polnischen Zapfsäulen auf dem Markt hinter dem Grenzübergang von Hohenwutzen zueilen, wo der Liter Superbenzin bis zu 20 Cent weniger kostet als an den billigsten Tankstellen in Marzahn, Hellersdorf oder Hohenschönhausen. Sie alle fahren unter dem Anlaufturm der Mittelschanze hindurch. Inzwischen steht zwar dran, worum es sich handelt. Aber wirksame Werbung sieht anders aus. Also hält kaum jemand mal an.

Aber die Schanzen sind nicht die eigentliche Attraktion der Stadt. Auch das Kurviertel ist es nicht, das sich in einer gemütlichen halben Stunde durchschlendern läßt und mit dem ehemaligen Logier- und Badehaus für mondäne Gäste eine architektonische Schönheit zu bieten hat, die 1790 nach Plänen von Carl Gotthard Langhans – er entwarf auch das Brandenburger Tor in Berlin – erblühte. Nein, es sind nicht die Türme und Aussichtspunkte, von denen sich weit ins Oderbruch und über den Fluß hinweg nach Polen schauen läßt. Es ist nicht das Schlößchen, das eine Zeitlang Walther Rathenau gehört hat, dem Industriellen, Schriftsteller und deutschen Außenminister, den 1922 Angehörige der Organisation Consul, einer faschistischen Untergrundorganisation, ermordeten. Und es sind weder der verwunschene Baasee mit seiner Waldschenke und einem Wirt, der Trägern von Schlipsen dieselben konsequent abschneidet, noch das Oderlandmuseum oder das Grab von Theodor Fontanes Vater Louis Henry Fontane im nahen und längst eingemeindeten Neutornow/Schiffmühle. Nein, nein, nein.

Die wirkliche Attraktion, ja Sensation Bad Freienwaldes ist eine Eule, genauer eine Waldohreule. Kurt Kretschmann (1914 bis 2007), man kann ihn getrost als Vater des Naturschutzes in der DDR bezeichnen, hatte Anfang der 1950er Jahre die Idee dafür. Dessen Mitarbeiter in der damaligen Naturschutzstelle Oberbarnim Hans Ohnesorge zeichnete den Entwurf, woraus dann der Eberswalder Grafiker Heinz Friedrich ein Schild mit Eule auf gelbem Untergrund werden ließ. Das erste Exemplar stellte Kretschmann, so heißt es, im Oderbruch auf. Damit war das heute – per Beschluß der Landesumweltminister von 1991 – deutschlandweit akzeptierte Symbol für den Naturschutz geboren.

Die Länder der ehemaligen BRD benutzten bis 1991 einen Adler als Zeichen für den Schutz der Natur. Daß die Alt-Bundesrepublik sich überhaupt ein einheitliches Kennzeichen für Schutzgebiete und Naturdenkmäler anschaffte, dürfte auch auf Kurt Kretschmann zurückgehen. Denn der redete diese Idee 1955 dem Hamburger Naturschutzbeauftragten Carl Duve ein. Duve entschied sich für einen Seeadler als Naturschutzsymbol, was Kretschmann wunderte. Denn vom Seeadler gab es in Westdeutschland damals noch ganze drei Paare. Doch damit nicht genug. Im Laufe der Zeit wurde aus dem heimischen Raubvogel auf den Schildern ein Weißkopfseeadler, der als lebendes Tier nur in Nordamerika und ansonsten auf dem Siegel der USA vorkommt.

Den Sieg seiner Eule über den Ami-Vogel kommentierte Kretschmann später so: Die Eule symbolisiert die Weisheit, der Adler die Macht. In diesem Fall hat die Weisheit gesiegt. Dabei wußte Kurt Kretschmann allerdings, daß es sich nur um einen formellen Sieg handelte. Denn an vielen Stellen in den West-Bundesländern hängen noch die Schilder mit dem Adler.

Bad Freienwalde könnte als Hauptstadt des deutschen Naturschutzes jedenfalls richtig einen auf dicke Hose machen. Tut es aber nicht. Wer sich auf der Internetseite der Stadt bad-freienwalde.de umsieht, muß schon intensiv suchen, um die Eule zu finden – und damit das Haus der Naturpflege, das Kurt Kretschmanns Erbe bewahrt, so gut es das kann. Dieses Erbe nämlich ist ziemlich groß. In Bad Freienwalde und Umgebung haben er und seine Frau Erna Kretschmann (1912 bis 2001) etliche Kilometer an Wanderwegen und Naturlehrpfaden angelegt. Vieles davon zeigt sich heute in einem erbärmlichen Zustand. Kretschmann, der in der DDR lange vor dem Anlegen Roter Listen im Westen einen „Arbeitskreis zum Schutz vom Aussterben bedrohter Tierarten“ initiierte, rettete in dem nur acht Kilometer von Bad Freienwalde entfernten Dörfchen Altgaul einen alten Brennofen als Storchenturm und richtete dort 1978 eine Ausstellung über den Weißstorch ein. Kein Schild an der B 158, die den Ort über etliche Kilometer durchquert, weist die Transitreisenden zwischen Berlin und den polnischen Tankstellen unübersehbar darauf hin.

Das Haus der Naturpflege selbstverständlich gehört auch dazu, zu diesem Erbe. Es liegt an einem Hang mit Fernsicht. Kurt Kretschmann, der als bekennender Pazifist aus der Wehrmacht desertiert war,  stellte hier nach Kriegsende ein Blockhaus für die Familie hin. Ab 1960 – die Kretschmanns hatten zwischendurch den „Müritzhof“ bei Waren in Mecklenburg als zentrale Lehrstätte für den Naturschutz in der DDR aufgebaut – begann mit diesem Haus und seinem großen Garten ein vorerst privates Projekt. Auf eigene Kosten wandelte das Ehepaar es zum Haus der Naturpflege um, geöffnet für alle, die sich an Naturschutz, natürlichem Gartenbau und vegetarischer Lebensweise interessiert zeigten. 1982 übernahm es der Staat, während sich heute ein Verein darum kümmert.

Wer das Haus besuchen will, sollte Zeit mitbringen. Vor allem wegen des Gartens, in dem über 1000 Pflanzenarten gedeihen. Im Grunde ist er so, wie viele Menschen, die auf dem Dorf oder in kleineren Städten aufgewachsen sind, die Gärten ihrer Kindheit aus den Zeiten vor dem Einzug des Motorrasenmähers, der Formsteinchen und Betonkanten kennen. Gras ist Gras und kein golftauglicher Rasen, Laubbäume und Büsche sind erwünscht, weil sie Schatten spenden, Struktur ins Landschaftsbild und Schönheit aufs Grundstück bringen, Blumenrabatten sind prächtig und zeugen von Gestaltungswillen, aber kein Tummelplatz für weltfremde Gewächse. Der Kretschmann-Garten ist ein Ort, wo es sich vergnüglich und entspannt lernen läßt, über Kräuter und ihren Anbau, über Vögel und Insekten im Garten, über das Mulchen als natürliche Methode, im Garten Kraft und Zeit beim Hacken und Graben sowie Geld für Wasser und Dünger zu sparen und dabei die Fruchtbarkeit des Bodens zu steigern.

Es ist schwer, von diesem Ort – gemeint ist das Haus der Naturpflege – nicht zu schwärmen. Das gilt auch für die klüftige Landschaft im Oberbarnim, das Bruch und die Oder. Die Stadt vielleicht braucht noch Zeit, bis sie ihre Lage begreift.

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