Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Schalldämmlüfter umstritten

Flughafen Berlin-Schönefeld kümmert sich nicht um Lüftungskonzept

In der vorigen Ausgabe des VDGN-Journals, auf den Seiten 32-33, hatten wir zum Thema Fluglärm beschrieben, welche Anforderungen sich insbesondere für den Tagschutz und die Wohnraumlüftung aus den Festlegungen des Planfeststellungsbeschlusses (PFB) vom 13. August 2004 „Ausbau Verkehrsflughafen Schönefeld“ im Zusammenhang mit dem Planergänzungsbeschluß (PFBErg) vom 20. Oktober 2009 ergeben und welche Ansprüche sich daraus für die Betroffenen ableiten. Dieser Beitrag beschreibt nun, wie der Flughafen gedenkt, diese berechtigten Ansprüche umzusetzen und was das für die Betroffenen bedeuten würde.

In Schlafräumen werden sogenannte Schalldämmlüfter eingebaut, das sind dezentrale Zuluftgeräte. Für die Wohnräume wird außer der Fensterlüftung keine weitere Lüftungsmaßnahme vorgesehen. Es wird auch die für Lüftungsanlagen und Schalldämmwirkung erforderliche Gebäudedichtigkeit weder überprüft noch hergestellt. Beim Einsatz der o. g.  Schalldämmlüfter beruft man sich auf das Vorhandensein einer allgemeinen bauaufsichtlichen Zulassung. Was ist dort zu lesen? Die Zulassung verlangt den Einsatz des Systems in Verbindung mit geeigneten Möglichkeiten zur Luftabströmung sowie ausreichend dimensionierte Überströmöffnungen zwischen den Zu- und Ablufträumen. Dies aber ist bei Planung und Einbau der Schall-dämmlüfter, soweit ich das sehen konnte, nicht berücksichtigt. Daß eine Zulassung vorhanden ist, reicht allein nicht aus, sie muß auch umgesetzt werden. An dieser Stelle gibt es seitens des Flughafens häufig die Argumentation, daß die Gebäude im allgemeinen ausreichend undicht sind und daß dadurch die zugeführte Luft auch abströmen kann. Da ist sich die Fachwelt einig: Undichtigkeiten der Gebäudehülle sind aus mehreren Gründen völlig ungeeignete Möglichkeiten zur Luftabströmung. Ein Einsatz von dezentralen Zuluftgeräten ohne Überström- und Abluftventile ist nach DIN 1946-6 ohnehin nicht zulässig.

Ein Lüftungskonzept wird nicht erstellt. In Antwortbriefen zu diesbezüglichen berechtigten Forderungen von Hausbesitzern ist zu lesen, nachdem man sich eingangs auf Einhaltung des Planfeststellungsbeschlusses als Grundlage des Schallschutzprogramms berufen hat, daß die Forderung nach Bereitstellung eines Lüftungskonzepts in keinem Zusammenhang zu den vom PFB verfügten Schutzauflagen steht und zukünftig durch die FBB auch abschlägig beantwortet werden wird. Dazu fällt mir dann wirklich nichts mehr ein! Die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) sieht das z. B. ganz anders. Bei geförderten Sanierungsprojekten verlangt sie den meßtechnischen Nachweis der erforderlichen Gebäudedichtigkeit

 

und das Lüftungskonzept, wenn Lüftungsanlagen eingebaut werden.

Wie schon beschrieben, sind Undichtigkeiten an der Gebäudehülle auch Schallbrücken. Werden sie nicht beseitigt, wird die berechnete Schallschutzwirkung nicht eintreten. Dies ist in zweierlei Hinsicht fatal: Es gibt neben der gesundheitlichen Beeinträchtigung durch Feuchtigkeit mit der Gefahr von Schimmelbildung und Bauschäden auch zusätzlich noch die Gesundheitsgefährdung durch nicht ausreichend begrenzten Lärmpegel.

Ich möchte an dieser Stelle noch auf folgende oft verwendete Argumentation des Flughafens Bezug nehmen: Der Schalldämmlüfter soll die Funktion eines gekippten Fensters übernehmen – was sagt man dazu? Ich kann nur sagen, das ist unmöglich!

Beim gekippten Fenster gibt es einen Druckausgleich zwischen innen und außen, Frischluft wird über das gekippte Fenster zugeführt, gleichzeitig werden über dasselbe Fenster auch Feuchtigkeit, CO2, Schadstoffe und Gerüche abgeführt. Andere Räume der Nutzungseinheit werden nicht oder nur gering von dieser Lüftungsmaßnahme beeinflußt.

Völlig anders ist dies beim Schalldämmlüfter. Frischluft wird über einen Ventilator  zugeführt, es entsteht ein Überdruck im gesamten Nutzungsbereich, der dann bewirkt, daß verbrauchte und mit Feuchtigkeit beladene Raumluft über Undichtigkeiten des Gebäudes abgeführt wird. Dies verursacht in der kalten Jahreszeit erhöhten Feuchteeintrag in die Außenbauteile und kann infolge Wasserdampfkondensation zu erheblichen Bauschäden führen. Andererseits, was geschieht, wenn das Gebäude (es gibt auch Neubauten oder sehr gut sanierte Bestandsgebäude) keine Undichtigkeiten besitzt? Dann kann der Schalldämmlüfter das gekippte Fenster auch nicht ersetzen, die Lüftung funktioniert nämlich dann überhaupt nicht!

Schalldämmlüfter ist ohnehin eine Wortschöpfung, die in keiner Norm verankert ist. Die Norm kennt Zuluftsysteme, Abluftsysteme sowie Zu-/Abluftsysteme. Diese können zentral oder dezentral betrieben werden, bei Abluftsystemen und Zu-/Abluftsystemen besteht zusätzlich noch die Option der Wärmerückgewinnung.

Fazit: Das im PFB beschriebene Schallschutzkonzept bietet ein Mindestmaß an Schallschutz gegen Fluglärm. Nicht berücksichtigt ist die erhebliche Minderung der Lebensqualität, denn wer hält sich schon 24 Stunden am Tag in geschlossenen Räumen auf? Auch das Nachtflugverbot ist nicht berücksichtigt. Vom Fluglärm Betroffene sollten trotzdem mindestens auf Umsetzung der Festlegungen des PFB ohne Abstriche bestehen. Dies betrifft insbesondere die Anwendung des Berechnungsverfahrens zur Ermittlung von Lärmbelastung und Lärmschutz (nach NAT 0), die Erstellung eines Lüftungskonzepts mit Überprüfung und Herstellung einer ausreichenden Gebäudedichtigkeit und die fachgerechte Installation einer geeigneten Lüftungsanlage. Dem Stand der Technik entsprechend sowie in Anbetracht der Energiewende als nationale Aufgabenstellung, aber auch aus Gründen der Wohnbehaglichkeit, kommen hier nur zentrale Zu-/Abluftanlagen mit Wärmerückgewinnung (Beispiel siehe Grafik) in Frage. Natürlich sind auch Schallschutzfenster und schalldämmende Maßnahmen an Dach und Außenwänden erforderlich, die neben der geforderten Lärmminderung auch die energetischen Anforderungen der Energieeinsparverordnung EnEV 2009 erfüllen müssen.

Wer das alles bezahlen soll? Tja, das muß man sich vorher überlegen, wenn man einen Großflughafen mitten in ein Wohngebiet (hier der dicht besiedelte Speckgürtel von Berlin) mit einer Vielzahl älterer Ein- und Zweifamilienhäuser setzt. Aus meiner Energieberaterpraxis sind mir die unterschiedlichen Bauweisen dieser Gebäude bestens bekannt, und es wird im Einzelfall erheblichen Aufwand brauchen, um z. B. Dachgeschoßwohnraum oder Wohngebäude in Holzständerbauweise mit ausreichendem Schallschutz nach PFB auszustatten. Schallschutz bedeutet Masse einbauen und Masse bedeutet Gewicht. Bestimmte Bauweisen kommen da schnell an die Grenze der statischen Belastung – da wird es dann richtig teuer.

Abschließend noch ein wichtiger Hinweis. Produkte oder Systeme, die der Sicherheit oder Gesundheit von Menschen dienen sollen, können nicht ungeprüft in Betrieb genommen werden. So soll z. B. die Brandschutzanlage des Flughafens in mindestens 30 Probeläufen getestet werden, habe ich gelesen. Wer testet aber, ob mit den ausgeführten Schallschutzmaßnahmen an Wohngebäuden die erforderliche Schalldämmwirkung erreicht wurde?

Zu empfehlen ist: Verlangen Sie den meßtechnischen Nachweis, ob das Produkt „Schallschutz gegen Fluglärm“ auch wirklich die bestimmungsgemäßen Eigenschaften besitzt. Ist das nämlich nicht der Fall, besteht akute Gesundheitsgefährdung!

Heinz Schöne, Energieberater

www.schoene-energieberatung.de

Quellen: Planfeststellungsbeschluß (PFB) vom 13.08.2004, Ausbau Verkehrsflughafen Schönefeld, DIN 1946-6 Lüftung von Wohnungen

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