Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Hölderlin, Hegel und der Schwabenstreit

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 6): Berlin/Tübingen

Blick über den Neckar auf Tübingen Schokoladenseite. Direkt am Fluß steht der gelb gestrichene Hölderlin-Turm, dessen verschneite Spitze sich im Wasserspiegel spiegelt. Foto: Torsten Mönk

Von Holger Becker

Nicht den Mut zu haben, Sachverhalte genau zu benennen, rächt sich manchmal. Das mußte auch Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse erfahren, als er kürzlich den in allen Blättern des Landes genüßlich zelebrierten Schwaben-Streit vom Zaune brach. Thierse, der als gebürtiger Schlesier nach einer biographischen Anwärmphase in Thüringen seine Erwachsenensozialisation im Osten Berlins erhielt, wo er im DDR-Kulturministerium und dann am Zentralinstitut für Literaturgeschichte der Wissenschaftsakademie arbeitete, hatte sich über Zeitgenossen aufgeregt, die in Berlins Mitte beim Bäcker „Wecken“ statt „Schrippen“ und „Zwetschgendatschi“ statt „Pflaumenkuchen“ verlangen.

So gab er Zuständen eine folkloristische Grundierung, die man mit etwas mehr Mut auch so benennen könnte: Den wenigen Ostlern, die in den angesagten Quartieren von Prenzlauer Berg, Mitte und Friedrichshain verblieben sind, geht die Dominanz der zugezogenen Westler auf den Senkel. Nachdem die Mehrzahl der früheren Bewohner in den letzten 20 Jahren das Feld räumen mußte, weil sie sich das Bleiben einfach nicht leisten konnten, ist dort eine durchaus seltsame Welt entstanden. Denn ein großer Teil der fast durchweg jungen Neubevölkerung hat noch keine Lebensleistung vorzuweisen und wäre von sich aus auch nicht in der Lage, die derzeitigen Preise für Eigentumswohnungen oder die rapide steigenden Mieten zu zahlen. Vielmehr versammeln sich in Thierses Wohn-umfeld Sprößlinge aus der obersten Mittelschicht des deutschen Westens, quasi Nutznießer besonderer Transferleistungen. Zu ihnen gesellen sich immer mehr Gleichgestellte aus Skandinavien, Großbritannien, den USA und spanischsprachigen Ländern. Wer sich an einem Sonnabendmorgen in die Warteschlange der vorzüglichen Bäckerei von Mario Zessin in der Zionskirchstraße stellt, kann sich ein Bild davon machen. Im Grunde ist es wie immer: Es geht um soziale Differenzen, die sich ethnisch oder kulturell maskieren.

Selbstverständlich bleiben da unangenehme Erscheinungen nicht aus. Der Berliner trifft jetzt auf Leute, deren Eltern an Sonntagen keine Wäsche heraushängen, die ihre Provinzpiefigkeit also mit der Muttermilch eingesaugt haben, in der Großstadt aber flugs das Kommando übernehmen. Es gibt schwangere Frauen, die nun an der Bäcker-Theke mit fordernder Stimme allen Ernstes sagen: „Ich krieg´ ein Brot!“ (und leider schweigt die Verkäuferin und erwidert nicht: „Da wird sich Ihr Mann aber wundern.“) Und auf den extrabreiten Berliner Gehwegen wandeln in großer Zahl Zeitgenossen, denen offenbar das Umfeldradar gesitteter Menschen fehlt und die deshalb regelmäßig davon ausgehen, die Entgegenkommenden müßten für sie zur Seite springen. Es sind nicht selten Typen, wie sie der Ruhrgebietsrocker Stefan Stoppok in seinem Lied „Hau ab, Du Heiopei“ beschrieben hat: „Wenn der Papa zahlt, isser immer gut drauf.“

Schwaben oder Nichtschwaben, das ist also gar nicht die Frage, obwohl man zugeben muß: Viele der heutigen Neuberliner kommen aus Baden-Württemberg, wo die gehobene Mittelschicht so viel Geld angesammelt hat, daß es wahrscheinlich zum Alimentieren mehrerer Generationen in den Familien reicht. Aber in Bawü, wie sich das Land volkstümlich abkürzt, gibt es nicht nur Schwaben, sondern auch Franken und Alemannen in großer Zahl.

So sei er denn begraben, der Schwaben-Streit. Aber kann sich nach alledem ein in Berlin lebender Ostler in die Landstriche der Schwaben trauen? In jene Region, wo der Bausparvertrag und die Hausratversicherung, der Benzinmotor und die Mundharmonika erfunden worden sind, die Geistesgrößen wie Friedrich Schiller und Albert Einstein hervorgebracht hat, aber auch Leute mit Blut an den Händen wie Erwin Rommel und Hans Filbinger? Wohin soll es gehen? Nach Tübingen, in die Stadt am lieblichen Neckar, jenem Fluß, der den meisten Deutschen seit Kinderzeiten aus dem Schnaderhüpferl „Bald gras ich am Neckar, bald gras ich am Rhein“ bekannt ist?

Ja, nach Tübingen. Denn Stuttgart, die Landeshauptstadt, das sagen alle Gewährsleute, sei wie Hannover, also stinklangweilig. Wohingegen Tübingen eine heimelige Altstadt, eine sehr starke universitäre Prägung, denn eine solche Hohe Schule wirke ja in ethnischer Hinsicht wie ein Schmelztiegel, allerhand kulturhistorische Merkwürdigkeiten und eine schöne Umgebung zu bieten habe. Außerdem gehe die Sonne erheblich später unter als in Berlin.

Das alles ist nicht zu bestreiten. Der norddeutsche Gast kann stundenlang im Ort umherschweifen, ohne einmal angeschwäbelt zu werden. Idyllisch ist der Blick von der Eberhardsbrücke über den Neckar zu jenem berühmten Turm, in dem ab 1806 bis zu seinem Tod 1843 der große und seltsame Lyriker Friedrich Hölderlin lebte. Bis heute streiten sich Gelehrte, ob der 1770 geborene Hölderlin in seinen letzten vier Lebensjahrzehnten tatsächlich wahnsinnig gewesen ist, und wenn ja, wie sehr. Der Hölderlin-Turm ist das touristische Markenzeichen der 90.000-Einwohner-Kommune. Und das ist auch gut so. Denn die Hölderlin-Zeit ist die interessanteste Periode der Tübinger Stadtgeschichte.

Im Mittelpunkt steht dabei das Tübinger Stift, ein immer noch bestehendes  evangelisches Studienhaus, das in jener Zeit gleich reihenweise Helden der europäischen Geistesgeschichte hervorbrachte. So lagen während der Großen Revolution der Franzosen  von 1789 im Stift zusammen mit Hölderlin  die späteren Philosophen Friedrich Wilhelm Joseph Schelling (1775 bis 1854) und Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770 bis 1831) auf einer „Bude“. Alle drei begeisterten sich für den weltbewegenden Umsturz im nahen Ausland und arbeiteten sich sodann an dessen Folgen ab, zwei davon auf dem Philosophie-Lehrstuhl der Berliner Universität, den erst Hegel und dann Schelling besetzte. Vor allem ohne Hegels weltumspannende Wirkung als Großmeister der Dialektik sind unsere modernen Zeiten nicht denkbar.

Zöglinge des Tübinger Stifts waren aber auch: Johannes Kepler (1571 bis 1630), der die Gesetze der Planetenbewegung entdeckte, Wilhelm Hauff (1802 bis 1827), der uns die Märchen vom Kleinen Muck und vom Kalif Storch schenkte, Gustav Schwab (1792 bis 1850), der Generationen  „Die schönsten Sagen des klassischen Altertums“ nahebrachte, Georg Herwegh, dessen einstmals unerhörte Zeilen „Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will“ inzwischen zum deutschen Zitatenschatz gehören, und Wilhelm Zimmermann (1807 bis 1878), der mit seiner bis heute immer wieder aufgelegten „Allgemeinen Geschichte des großen Bauernkrieges“ jenen „Aufstand des gemeinen Mannes“ im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts ins Blickfeld rückte, dessen grausame Niederschlagung die Feigheit des deutschen Bürgertums über Jahrhunderte begründete.

Bei dieser Reihe schnauft selbst der Berliner und kann kaum mithalten. Genauer aber auch in den dunklen Ecken der Tübinger Historie nachzuschauen, jedoch ersparen wir uns. Nur soviel. Schon vor Hitlers Machtantritt 1933 hatte die Tübinger Universität viel Energie aufgewendet, um Juden aus ihren Hörsälen, Seminarräumen und Labors zu entfernen. Als treibende Kräfte profilierten sich Teile der Professorenschaft und vor allem Korpsstudenten, wie man sie aus Heinrich Manns „Der Untertan“ kennt. Deren Häuser thronen auch heute – duchaus gruselig – auf Tübingens Höhenzügen über der Stadt.

Daß Tübingen sich mit Boris Palmer einen grünen Oberbürgermeister erwählt hat, der preisgekrönte Klimaschutzkampagnen ebenso betreibt wie eine ausgesproche Law-and-Order-Politik, führt uns an den Anfang unserer Betrachtungen zurück. Hochburgen der Grünen sind Hochburgen des Wohlstands, der ökologisch korrekt genossen sein möchte. Nichts dagegen, solange das Ganze nicht ideologisch oder verwaltungstechnisch in eine Ökodiktatur ausartet. Doch sollte man  im Südwesten Deutschlands nicht vergessen: Ein gar nicht geringer Teil des Wohlstands generiert sich aus Transferleistungen  eigener Art. Nennen wir es mal in einer Art von Betriebswirtschaftlerdeutsch den „Transfer von Humankapital“. Das meint die Hunderttausenden jungen, gutausgebildeten Leute aus den Landstrichen östlich von Elbe und Werra, die ihr im Osten nicht zu machendes materielles Glück insbesondere auch in Bawü gesucht und gefunden haben. Es ist schwer, die Zahl der heutigen Erwerbstätigen zu ermitteln, die in den letzten 20 Jahren aus dem Osten in dieses Bundesland kamen. Aber sie dürfte – nach Vergleichen verschiedener statistischer Angaben – bei 200.000 bis 300.000 liegen. Damit repräsentieren diese vom Arbeitsplatzmangel zuhause Vertriebenen ein Bruttoinlandsprodukt von 12 bis 18 Milliarden Euro pro Jahr. Wenn sie Glück haben, können sich ihre Kinder irgendwann eine Eigentumswohnung in Berlins Mitte leisten.

 

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