Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Glühbirnen, Henry Ford und die Murksplaner

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 11): An der Sollbruchstelle

Von Holger Becker

Schon mal was von geplanter Obsoleszenz gehört? Nein, nein, das ist nichts Unanständiges. Oder eigentlich doch, insofern einer so altmodisch ist, Betrug am Konsumenten als unsittliches Verhalten einzustufen. Bei Lichte besehen ist geplante Obsoleszenz sogar unanständiger als alles, was auf der Hamburger Reeperbahn passiert, wo ja keiner hingehen muß, der nicht zu den dort freiwillig oder zwangsweise Beschäftigten gehört. Die Peitsche der geplanten Obsoleszenz bekommen wir nämlich täglich alle zu spüren. Es geht hier schlicht um Produkte, deren Lebensdauer kürzer ist als sie sein könnte, und das mit Absicht.

Der Klassiker: das Phöbus-Kartell
Das klassische Beispiel dafür ist die gute alte Glühbirne. Sie war ein weltbewegendes Erzeugnis. Denn moderner Kapitalismus ist, wie wir wissen, nichts weiter als Staatsmacht zum Schutz des großen Eigentums plus allgemeine Erleuchtung mittels Elektrifizierung des ganzen Landes. Hatte in den Anfangszeiten des revolutionären Leuchtmittels jedes seiner Exemplare durchschnittlich 5.000 Stunden funktioniert, beschlossen die führenden Glühbirnen-Hersteller aus den USA, Großbritannien und Deutschland recht bald, daß die Lampe so nicht weiterbrennen könne. Sie gründeten das sogenannte Phöbus-Kartell, das nicht nur die Märkte aufteilte, die Preise bestimmte, sondern auch 1925 die Lebensdauer aller Glühbirnen in seinem Machtbereich auf 2.000 Stunden beschränkte. Nach dem Zweiten Weltkrieg reduzierte die ehrenwerte Phöbus-Gesellschaft ein Leuchtmittel-Leben dann noch einmal auf 1.000 Stunden.

Es gibt viele Geschichten rund um dieses Paradewiderlegungsbeispiel für die Lehren vom „freien Markt“. So die von der Abwicklung des DDR-Glühlampenkombinats „Narva“, das seit 1981 nach einem Patent der ungarischen Firma „Tungsram“ auch sogenannte Resista-Lampen herstellte, deren Lebenslicht aufgrund einer verbesserten Geometrie der Wolfram-Wendel im Innern erst nach 2.500 Stunden verglühte. Oder die von der chinesischen Glühbirne mit einer Brenndauer von 5.000 Stunden, die als Leuchtmittel die deutschen Wohnzimmer nie erreicht hat. Pfiffige Aktionskünstler verkaufen sie allerdings im Internet als „heatball“ (Hitzeball). Ausdrücklich weisen sie darauf hin, es handele sich  hier um ein Heizgerät mit hohem Wirkungsgrad. Denn es wandele 95 Prozent der Elektroenergie in Wärme um und nur 5 Prozent in Licht.

So gelingt es ihnen offenbar, das Verkaufsverbot der EU für Glühbirnen zu umgehen. Doch leider müssen auch die Chinesen bald ihre Stuben mit überteuerten Quecksilberbomben erhellen, die man hierzulande „Energiesparlampen“ nennt. Denn 2016 heißt´s auch in China für die Glühbirne: ab durch die Mitte.

Marketing statt Qualität
Aber wir waren beim Thema geplante Obsoleszenz. Erfinder dieser fiesen Methode sind sie aber nicht gewesen, die Lampenfritzen vom Phoebus-Kartell, die mit der Welt so umgingen (wahrscheinlich ist der Imperfekt hier falsch), wie das Klein Fritzchen und Wladimir Iljitsch Uljanow von Großkonzernen immer erwartet haben. Hier gebührt die Krone, soweit man weiß, dem US-Autohersteller General Motors, in Deutschland vertreten vor allem mit einer Marke, die schlechte Verseschmiede immer wieder zu Popelreimen verleitet.

GM, wie sie sich selber abkürzen, hatte zu Beginn der 1920er Jahre einen großen Konkurrenten: Henry Ford. Dessen berühmtes „Model T“, das es nur in schwarzer Lackierung gab, besaß 1921 in den USA einen Marktanteil von sage und schreibe 61 Prozent. Dieser Erfolg gründete sich auf einer hohen Qualität der Fahrzeuge, die einfach nicht kaputtgehen wollten. Fords Argument für sein Produkt war dessen hoher Gebrauchswert. GM setzte dem eine Umwertung der Werte entgegen. In den Vordergrund rückten Design, ein Wechsel der Moden, aggressives Marketing – und an den Bändern von GM bauten die Arbeiter Bauteile mit absichtlich verkürzter Lebenszeit ein.

Das Auto wurde vom Gebrauchsmittel zum Lifestyleprodukt. Der Plan ging auf. Fords Marktanteil sank bald auf 30 Prozent. Henry Ford mußte 1927 sein „Model T“ beerdigen, und nach und nach übernahmen alle Konkurrenten das Prinzip der geplanten Obsoleszenz. Insofern hatte der Dichter Peter Hacks schon recht, als er sich beschwerte über „Autos, die die Fabriktore verlassen, um in die Reparaturwerkstätte gerollt zu werden“. Zumindest sind die Fahrzeuge nicht so gut, wie sie sein könnten.

Zahnräder, Heizstäbe, Schuhsohlen
Zu lesen, zu hören oder zu sehen im Fernsehen zu diesem Thema ist wenig bis nichts. Immerhin: die Partei Bündnis 90/Die Grünen brachte das Thema vor kurzem in den Bundestag. Sie legte eine Studie der ARGE REGIO Stadt- und Regionalentwicklung GmbH vor, die Beispiele geplanten Verschleißes in großer Zahl nennt.

Hier eine kleine Auswahl:

- In bestimmte Handmixer bauen die Hersteller Kunststoffzahnräder ein, die sich schnell abreiben. Dabei würde der Einbau von Zahnrädern mit höherer Abriebfestigkeit nur unwesentlich mehr kosten. Ergebnis: eine kurze Lebensdauer des Haushaltshelfers. Als Gegenbeispiel nennt die Studie den DDR-Handmixer RG 28, dessen Haltbarkeit sich inzwischen bis Nordrhein-Westfalen herumgesprochen habe.

- Viele Schuhsohlen zeigen sich geschwind als verschlissen. Doch das Aufkleben neuer Sohlen ist oft nicht möglich. Ergebnis: Es muß ein neues Paar Schuhe gekauft werden, anstatt das ansonsten noch passable zu reparieren. Laut der Studie sind langlebige Sohlen „nahezu kostenneutral“ herstellbar.

- Meßbar zugenommen haben die Reparaturen bei Heizstäben von Waschmaschinen. Häufige Ursache dafür, die Dienste des Monteurs in Anspruch zu nehmen, ist laut der Studie Materialermüdung bei der integrierten Schmelzsicherung. Ergebnis: Reparaturkosten zwischen 120 und 250 Euro. Da kauft sich mancher lieber gleich ein neues Gerät.

- Nochmals Waschmaschinen: Fast alle Hersteller setzen für den Laugenbehälter, in dem sich die Waschtrommel dreht, nicht mehr wie früher Edelstahl, sondern Kunststoff ein. Ergebnis: teure Reparaturen, die „letztlich einen wirtschaftlichen Totalschaden begründen“. Außerdem wurden die Lager für die Waschtrommel so geändert, daß sie, die früher 20 Jahre und mehr hielten, oft nach wenigen Jahren kaputt sind. Die Reparaturkosten betragen bei der neuen Lagervariante das Sechsfache des früheren Betrages.

- Viele Autofahrer kennen es: Ist eine der ohnehin kurzlebigen Glühlampen in den Scheinwerfern defekt, wird der früher so einfache Wechsel zur Zumutung. Meistens wissen nur Profis, wie es geht. Bei manchen Modellen läuft ohne Werkstatt, die oft Spezialwerkzeug braucht und deshalb vom Hersteller abhängig ist, gar  nichts. Ergebnis: zerkratzte Hände oder eine nicht selten dreistellige Rechnung, auch Sicherheitsmängel, weil der Lampenwechsel sich verzögert.

Wucher bei Ersatzteilen
Alles in allem. Diese Studie ist harter Stoff, beschreibt sie doch auch noch das Ergänzungsprogramm zum Einbau von Sollbruchstellen. Dazu zählen die oft enorm überhöhten Preise für Ersatzteile, die man zudem zunehmend ungern an Privatpersonen oder freie Reparaturwerkstätten verkauft. Einige Beispiele wirken atemraubend:

- Wer einen neuen Geschirrkorb für seinen Geschirrspüler braucht, muß 80 bis 100 Euro berappen. Die Herstellungskosten für solch ein Teil liegen bei 3 Euro.

- Defekte Laugenpumpen gehören zu den häufigsten Reparaturen bei Waschmaschinen. Die Hersteller von Laugenpumpen verkaufen diese an die Waschmaschinenproduzenten für 3 Euro. Der Kunde bezahlt im Reparaturfall allein Materialkosten von 60 bis 80 Euro.

- Am Edelstahlgriff eines Kühlschranks war eine Feder gerissen, deren Materialwert bei 50 Cent bis 1 Euro liegt. Einbauen lassen mußte der Kühli-Besitzer einen komplett neuen Griff zum Preis von 85 Euro.

Feststellen müssen wir aber auch: Der alte Berliner Spruch „Komm ´se rin, komm ´se ran, hier werden ´se jenauso beschissen wie nebenan“ kann keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit anmelden. Es sind in der Regel nicht die kleinen Firmen, sondern die großen Konzerne, die zum Mittel der geplanten Obsoleszenz greifen. Das war in der Vergangenheit so, als der US-Chemiegigant DuPont in den 1940er Jahren „offenbar bewußt geplant“ die Haltbarkeit von Nylonstrümpfen verminderte, das ist heute so, wenn das Unternehmen Apple „offenbar bewußt geplant“ das Frühableben seines Ipods fördert. In Großkonzernen, so die Autoren der Studie, ist die Gewinnorientierung besonders stark ausgeprägt. „Vor allem börsennotierte Aktiengesellschaften unterliegen enorm hohen Renditeerwartungen seitens der Kapitalmärkte und sehen sich ständig gezwungen, über mehr oder weniger lautere Maßnahmen nachzudenken, die den Gewinn erhöhen.“ Der von den USA ausgehende Siegeszug des Shareholder-Value-Konzeptes seit den 1990er Jahren habe den Druck noch einmal deutlich erhöht.

Hilflose Verbraucher
Für den einzelnen ist im Einzelfall schwer zu durchschauen, was mit ihm gespielt wird. Ihm fehlt ohnehin die Möglichkeit zum wirklichen Vergleich. Zu unübersichtlich, zu groß ist die Zahl immer neuer Modelle und Versionen von Fernsehern, Autos, Mobiltelefonen, Kühlschränken, Waschmaschinen, Kameras usw. usf.  Aber was würde der Vergleich ihm auch nützen, wenn doch die Großproduzenten technischer Geräte wahrscheinlich alle Obsoleszenz-Planung betreiben und in diesem Punkt deshalb auch die Testberichte der Verbraucherschützer nicht greifen.

Vielleicht hilft eigenes Bemühen um Reklameresistenz ein wenig, den Geldbeutel zu schonen. Denn es gibt auf der anderen Seite auch viel zu viele Dinge, die auf den Müll wandern, obwohl sie noch funktionieren oder für wenig Geld repariert werden könnten. Die Lebensqualität jedenfalls leidet erfahrungsgemäß nicht, wenn man beim Handy oder beim Fernseher oder beim Auto mal ein bis drei Generationen überspringt.

Lernen immerhin ließe sich von der DDR. Nicht, daß dort alle Produkte mit vorbildlicher Langlebigkeit glänzten. Aber kluge Leute verankerten im Paragraphen 149 des Zivilgesetzbuches einen Absatz, der wie folgt lautet: „Der Käufer kann Ansprüche aus der Garantie auch nach Ablauf der Garantiezeit geltend machen, wenn nachgewiesen ist, daß die Ware Mängel aufweist, die auf einen groben Verstoß gegen elementare Grundsätze der Konstruktion, der Materialauswahl, der Fertigung und Montage, der Erprobung sowie der Lagerhaltung zurückzuführen sind und die Ware dadurch bei bestimmungsgemäßem Gebrauch keine ihrer Art angemessene Nutzungsdauer und Haltbarkeit hat.“

PS: Murks melden kann man über die Website www.murks-nein-danke.de. Dort läßt sich auch die Studie „Geplante Obsoleszenz“ abrufen.

 

 

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