Verband Deutscher Grundstücksnutzer

"Sonnenenergie nutzen - Dämmung weglassen"

Im Interview: Der Architekt Konrad Fischer über „Dämmwahnsinn“, eine wiederentdeckte Studie und das richtige Heizen

Konrad Fischer, geboren 1955, ist seit über 30 Jahren in seinem Beruf tätig und hat dabei rund 450 Alt- und Neubauprojekte betreut. Neben der Arbeit in seinem Architekturbüro in Hochstadt am Main hält er Fachvorträge für Architektenkammern, an Hochschulen, im Baugewerbe und vor Verbändevertretern. Seit 1990 gehört er dem Beirat für Denkmalerhaltung der Deutschen Burgenvereinigung e.V. an.

"Energiewende“ heißt eine der erfolgreichsten Wortschöpfungen von Experten des Politikmarketings in den letzten Jahren. Wo das Wort in den Mund genommen wird, ist auch die Forderung nach „energetischer Ertüchtigung“ vorhandener Gebäude nicht weit. Als ein Hauptmittel dafür gilt das Anbringen von Dämmstoffen an den Wänden. Sie, Herr Fischer, gehören zu den namhaftesten Kritikern des „Dämmwahnsinns“, wie Sie das Phänomen gelegentlich genannt haben. Was spricht eigentlich dagegen, wenn Hauswände so beschichtet werden, daß einmal erzeugte Wärme nicht nach außen entweichen kann. Bei der Thermoskanne mit heißem Kaffee oder Tee funktioniert das doch auch?

Die Thermoskanne müssen wir uns genauer anschauen. Ihre Isolierschicht verzögert die Abkühlung des Getränks nur. Nach einem Tag sind der Kaffee oder Tee im Innern abgekühlt. 

Das System Thermoskanne funktioniert nur in eine Richtung. Beim Haus aber ist es etwas komplett anderes. Dort haben wir eine zweiseitige Wärmeaufnahme, einmal durch die Heizung – wir betrachten nur die Heizperiode – im Innern und dann durch die Solarstrahlung von außen, die zum einen direkt erfolgt bei strahlender Sonne, zum anderen auch diffus bei bewölktem Himmel. Da geht es um ungeheure Energiemengen, selbst an der Nordseite eines Hauses.

Eine Dämmung setzt nun die Außenenergieaufnahme fast auf Null. Und das führt in der Konsequenz zu einer Erhöhung der Heizkosten. Dafür gibt es wissenschaftliche Beweise, die das Fraunhofer-Institut für Bauphysik zwischen 1983 und 1985 bei jetzt wiederentdeckten Untersuchungen ermittelt hat.

Der Staat greift aber mit Vorschriften in den Umgang mit Gebäuden ein. Insbesondere gibt es da die Energieein-sparverordnung (EnEV), die demnächst noch verschärft werden soll. Solche staatlichen Vorschriften, davon geht man als Bürger jedenfalls aus, bedürfen des wissenschaftlichen Fundaments. Sie nun behaupten, das sei nicht vorhanden …
Dieses wissenschaftliche Fundament konnte bisher tatsächlich niemand vorlegen. Nehmen wir die Deutsche Energie-Agentur GmbH (dena), die sich selbst als das „Kompetenzzentrum für Energieeffizienz“ bezeichnet. Sie ist im Zuge von Recherchen nach wissenschaftlichen Belegen für die positive Wirkung von Dämmung gefragt worden. Da kam gar nichts.

Als 2002 die Energieeinsparverordnung  erlassen wurde, gab es die Forderung nach einem Ergebnisbericht der Folgen ihrer Anwendung. Dieser Bericht ist nie vorgelegt worden, obwohl jetzt ein Jahrzehnt um ist.

Was an Untersuchungen vorliegt, trifft nur Aussagen über negative Effekte, so auch die Studie des Hamburger GEWOS Instituts für Stadt-, Regional- und Wohnforschung. Dort wurden 47 Häuser untersucht. Es zeigte sich: Immer wenn eine Dämmung drauf war, wurde mehr Energie verbraucht. Zum selben Ergebnis kam Professor Jens Fehrenberg von der Hochschule für angewandte Wissenschaft in Hildesheim bei einer Langzeituntersuchung. Der sah sich in Hannover drei Wohnblöcke an, die immer gleich viel verbraucht haben. Dann wurde einer gedämmt und verbraucht danach mehr Heizenergie als die anderen.

Ihre Kritiker wenden ein, Sie seien mit Ihrer „Ziegelphysik“ auf dem Holzweg. Denn die in einer Wand gespeicherte Energie aus der Sonneneinstrahlung werde aus physikalischen Gründen immer nach außen abgegeben, bringe also keinen Effekt.
Das müssen wir genauer betrachten. Selbstverständlich wird die eingespeicherte Wärme auch wieder abgegeben. Aber in der Gesamtbilanz erhalten wir ein günstigeres Ergebnis, als wenn die Wärmedämmung außen die Einspeicherung jeglicher Energie abschottet.

Interessanterweise hat das Fraunhofer-Institut mit seinen Messungen auch herausgefunden, daß eine Außendämmung in keinem Fall zu einer Erhöhung der Innenwandtemperatur geführt hat, so wie sie all die angeblichen Schimmelexperten behaupten, die sagen, man müsse dämmen, damit man eine wärmere Wand bekomme. Die  Wandtemperatur war in diesen Untersuchungen immer ausschließlich abhängig vom individuellen Heizverhalten. Denn die Innenwand nimmt das über die Heizung eingestellte Niveau der Raumtemperatur auf.

Das Problem ist: Es wird nie eine Gesamtbilanz aufgestellt. Betrachtet man nämlich eine 24-Stunden-Periode, kommt heraus, daß eine ungedämmte Wand trotz des Abgebens von Energie nach außen insgesamt wesentlich wärmer bleibt als eine gedämmte Wand. Eben weil die Solarenergie verwertet werden kann. Der Raum wird damit zwar nicht beheizt, aber die Verluste verringern sich, wie es in der Untersuchung des Fraunhofer-Instituts heißt. Und darum geht es ja: verringerte Verluste. Man könnte auch sagen: Wer ein massives Haus hat, leistet mit dem Weglassen von Dämmungen den besten Beitrag zur lautstark geforderten Nutzung alternativer Energien.

Wenn ich jetzt ein älteres Haus kaufe, was sagt mir dann der vom Verkäufer vorgelegte Energieausweis über dieses Gebäude bzw. die zu erwartenden Kosten für das Heizen?
Zu den Heizkosten rein gar nichts. Im Gegenteil, er stellt sie vollkommen falsch dar. Forscher der Universität Cambridge haben 2012 mit einer Studie die deutschen Berechnungsmethoden quasi in der Luft zerrissen. Sie haben einfach die theoretischen Bedarfsrechnungen, bei denen es immer um den sogenannten Energiekennwert geht, mit dem tatsächlichen Verbrauch an Heizenergie ver-glichen.

Ergebnis: In älteren Häusern mit geringer oder keiner Dämmung lag der Verbrauch um 30 bis 40 Prozent unter den Berechnungen, die Grundlage für die Energiepässe sind.

Die gesamte Rechenmethode ist demnach für die Katz. Die stimmt hinten und vorn nicht, denn sie berücksichtigt in keiner Weise die Solareinstrahlung. Das ist der zentrale Punkt.

Was das Dämmen von Außenwänden angeht, nennen Sie für gewöhnlich weitere Kritikpunkte, zum Beispiel die Entflammbarkeit von Dämmstoffen. Alles gar nicht so problematisch, sagt zum Beispiel der Verantwortliche für vorbeugenden Brandschutz bei der Feuerwehr von Freiburg im Breisgau. Er könne sich nicht vorstellen, daß sich eine angesehene Einrichtung wie das Deutsche Institut für Bautechnik bei den Zulassungstests für Dämmstoffe von Vertretern der Industrie beeinflussen lasse…
Die Beeinflussung beginnt doch schon damit, daß die Hersteller diese Prüfungen bezahlen müssen. Man muß nur schauen, welche irre Summe hier hineinfließt in den Apparat, um irgendein Ergebnis zu bekommen. Wer zahlt, schafft an. Das ist eine alte Bauernregel, die gilt auf der ganzen Welt. Und ich möchte mal vermuten, sie gilt auch in der Industrie.

Sie sagen, Dämmung der Außenwände fördere den Befall mit Algen und Pilzen. Deshalb würden Anstrichstoffe mit Bioziden versetzt, die sich aber auswaschen und dann in den Boden und ins Grundwasser gelangen. Ihre Kritiker wenden ein, Algen- und Pilzbefall seien nur ein „ästhetisches Problem“, die Wirksamkeit der Dämmung werde von ihnen nicht beeinflußt, und für die Biozide forsche man nach einem ungefährlichen Ersatz.
Klar kann man sich auf diesen Standpunkt stellen – die Häuser sehen halt aus wie Sau, und vollbiologisch ist es auch. Wir lieben ja auch den Blauschimmelkäse oder den Camembert. Wer es so sehen will, bitte…

In jedem Fall muß man aber nach der Ursache für dieses Symptom fragen. Und dann kommt man zum Punkt: Diese Dämmfassaden, die ja keine Wärme speichern, werden in den Nächten regelmäßig so kalt, daß der Taupunkt unterschritten wird.  Es bildet sich also Kondensat, das häufig nicht mehr abtrocknet und den Dämmstoff durchnäßt. Die dauerhafte Feuchte ermöglicht die ästhetischen Beeinträchtigung durch Algenwachstum. Sie führt aber auch dazu, daß auch Schimmel anwachsen können, oft in einer Symbiose mit den Algen, so daß solche Fassaden komplett anschimmeln. Beim Lüften der Räume können die Schimmelsporen schnell mal in die Atemluft gelangen.

Und was ist mit dem Mauerwerk hinter der Dämmfassade?
Dem tut´s nicht gut. An den Wärmedämmdübeln, die in die Wand getrieben werden, kann das  Tauwasser in die Wand hineintröpfeln, so daß zum Schluß die gesamte Wand naß wird und sich der Schimmel auf dieser Wand bildet. Davon habe ich mich schon an verschiedenen Stellen überzeugen dürfen. Es gibt sogar Fälle, daß  Dämmfassaden vollständig abgenommen werden mußten, die komplett naß waren.

Kann unsachgemäße Verarbeitung eine Ursache sein?
Nein, weil die Dämmstoffe selbst wasserdicht sind, soweit es sich um Schaumstoffe handelt. Damit kann man ja auch Boote bauen. Es hat mit der Verarbeitung also nichts zu tun. Diese Dämmstoffe haben Luft in sich, Luft hat Feuchte in sich, und Feuchte muß ausfallen, sobald der Taupunkt da ist. Und der wird in der Nacht laut Fraunhofer-Institut oft unterschritten. Leider werden diese Untersuchungen nicht berücksichtigt.

Was raten Sie denn einem Hauseigentümer, der seine gesamte Fassade gern neu verputzen, aber keine Dämmplatten anbringen lassen will? Nach der EnEV unterliegt er da doch einem rechtlichen Zwang.
Das Energieneinsparungsgesetz (EnEG), das Grundlage der EnEV ist, verlangt eine Wirtschaftlichkeit der Einsparungsmaßnahme. Eine Maßnahme, die sich nicht in der festgelegten Zeit von zehn Jahren amortisiert, ist nicht wirtschaftlich. Das läßt sich bei jeder beliebigen Dämm-Maßnahme spielend nachweisen. Und auf der Grundlage dieses Nachweises muß eine Befreiung gewährt werden, den Forderungen der EnEV nachzukommen.

Sie sagen, die größten Effekte beim Energiesparen werden über Veränderungen beim Heizen erzielt. Haben Sie Ratschläge sowohl für die Technik als auch für das persönliche Verhalten?
Punkt eins: die Wärmeerzeugung selbst. Wenn der Heizkessel ungünstig ausgelegt ist, führt er zu einem unwirtschaftlichen Betriebsverhalten. Dadurch entstehen Verluste. Ein modernisierter, maßgeschneiderter Kessel kann erhebliche Effekte erzielen. Fragen muß man auch nach der Energiequelle. Mit einer Elektroheizung etwa fährt man nicht unbedingt schlechter als mit anderen Heizsystemen. In der Gesamtschau, die Investitions-, Betriebs- und Wartungskosten sowie den Platzbedarf einbezieht, schneidet die Elektroheizung überraschend gut ab.

Punkt zwei: der Wärmetransport. In vielen Häusern führt das Verlegen von Leitungen in der Wand zu einem über 30 Prozent höheren Heizenergieverbrauch gegenüber freiliegenden Leitungen. Denn die Leitungen geben ja selbst Wärme ab, die der Raum nutzen kann. Ansonsten versumpft sie im Wandinneren.

Bei Fußbodenheizungen ist regelmäßig die Trägheit des Systems Anzeichen für Ineffizienz. Weil eine große Masse in Bewegung gesetzt werden muß, wird eine sehr hohe Energiemenge verzehrt, bevor die Wärme an der Oberfläche für den Raum zur Verfügung steht.

Punkt drei: die Art und Weise des Heizens. Jeder Depp in Deutschland weiß, Autofahren mit ständigem Stop and Go braucht mindestens 30 Prozent mehr Sprit als beständige Fahrt bei 100 Kilometer pro Stunde. Beim Heizen wird dieses Wissen vollkommen vergessen – noch schlimmer: Wenn ein Berglein kommt, wird sogar die Handbremse eingelegt. Bezogen auf die Heizung heißt das: Nachts, wenn es draußen kälter wird, drehen die meisten die Heizung herunter. Auf diese Weise setzt man aber die Energie wesentlich verlustreicher ein, als wenn Räume in der gewünschten Zimmertemperatur durchgeheizt werden. Durch die Nachtauskühlung werden die Außenwand und auch die Raumluft kälter. Kältere Raumluft führt bei dichten Fenstern zu  Kondensat an den Wänden. Um es am nächsten Tag wieder behaglich zu bekommen, muß man erstmal die Feuchte aus den ausgekühlten Wänden herausheizen. Und  die feuchte Raumluft verbraucht beim Aufheizen mehr Energie als trockene Luft. Das ganze führt auch zu einem ungünstigeren Brennerverhalten als bei beständigem Halten derselben Temperatur.

Deshalb beachten: Stetiges Durchheizen bringt eine warme Wand und spart Energie. Außerdem schützt es vor Schimmelbefall und Durchfeuchtung der Wände, die bei der Nachtabsenkung provoziert werden.

Wie sehen Sie die Sache bei den Fenstern? Was bringen mehrere Lagen Glas, was bringt luftdichter Abschluß?
Je mehr Scheiben ich übereinanderlege, desto geringer ist mein Energiegewinn durch Licht. Deswegen gab es früher, als die Leute noch tatsächlich Energiesparer waren, Einfachfenster. Dazu klappte man außen oder auch innen abends einfach die Fensterläden zu. Damit war der Wärmeverlust erledigt. Und die Fenster waren preisgünstig zu haben – im Unterschied zu heute, wo mit den Zwei- bis Dreifachverglasungen viel Geld verdient wird.

Die hermetische Abdichtung durch heutige Fenster führt zu hoher Feuchtigkeit in der Raumluft. Und die verbraucht, wie schon gesagt, mehr Energie, um auf Temperatur geheizt zu werden. Allein durch die Herausnahme der obersten Gummilippe an einem Fenster kann man auf einen Schlag bis zu 30 Prozent geringere Raumluftfeuchte erzielen. Dann bekommt man nicht nur gesündere Luft mit weniger Krankheitskeimen und belastenden Giftstoffen, sondern auch günstigere Heizkosten.              

Fragen: Holger Becker

www.konrad-fischer-info.de

Veranstaltungstip
Wie Schimmelpilzbefall vermieden werden kann, steht im MIttelpunkt der öffentlich zugänglichen Schimmelpilzkonferenz am 21. März 2013 in Berlin. Auch unser Interviewpartner wird dort einen Vortrag halten.

www.schimmelpilzkonferenz.de.

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