Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Wie viel Tonne braucht der Mensch?

Berlin: Preissteigerung und neue Wertstofftonne sorgen für Ärger

Michael Nießen gab seine OrangeBox wieder zurück

2013 und mal wieder eine neue Sammel-Tonne in Berlin – oder besser, eine alte im neuen Gewand. Denn die einheitliche, kostenlose „Wertstofftonne“ resultiert aus der Zusammenführung von Gelber Tonne, Gelber Tonne Plus, gelbem Sack (Alba) und Orange Box (Berliner Statdreinigung - BSR).

Und so sieht die Berliner Wertstofftonne dann auch aus: gelb oder orange oder einfach nur der gelbe Sack. Doch Äußerlichkeiten spielen keine Rolle. Entscheidend ist der Inhalt. Christian Gaebler vom Berliner Senat (Staatssekretär für Verkehr und Umwelt) tönte zur Einführung: „Mit der einheitlichen Wertstofftonne ist es uns gelungen, auf Basis der bestehenden Gesetze die Wertstoffsammlung zu vereinfachen. Damit setzen wir nicht nur eine politische Forderung um, sondern machen das Trennen für die Bürger-innen und Bürger einfacher. Ein weiterer Anreiz zum Trennen ist sicher auch, daß die Wertstofftonne gratis ist ...“

Trennerei wird skeptisch gesehen
Das sehen die Bürger anders, zumal die Voraussetzungen für eine korrekte Trennung Mitte Januar immer noch fehlten.

Auch wird es für die Verbraucher weder einfacher noch preiswerter, im Gegenteil. „Wichtig war mir vor allem, über die ehemalige Orange Box Elektrogeräte, Textilien oder Datenträger zu entsorgen. Das geht nicht mehr“, ärgert sich Michael Nießen aus Baumschulenweg. Jetzt müsse er wieder zum Recyclinghof fahren. Das kostet Zeit und ist bei den Benzinpreisen kein Schnäppchen. Er ließ die Orange Box – die jetzt Wertstofftonne heißt – kurzerhand wieder abholen. Nießen steht mit seiner Meinung nicht allein.

Auch sein Bekannter sieht die Trennerei skeptisch und erklärte, daß ihm das jetzt alles zu doof sei und er seinen gesamten Müll wieder über den Restmüllbehälter entsorgen wird. Nießen befürchtet nun, daß viele ihr Zeug einfach wieder im Wald und in Parkanlagen abladen, weil ihnen der Weg zum Recyclinghof zu weit ist.

Verbraucher müssen umdenken
Eigentümer, die über eine Orange-Box verfügen, müssen seit Jahresbeginn Elektrokleingeräte, Textilien, Holz und Datenträger wieder gesondert entsorgen. Für Grundstücksnutzer, die eine gelbe Tonne oder den gelben Sack (neu: Wertstoffsack) zur Verfügung haben, erweitern sich die Möglichkeiten: Küchensieb, Joghurtbecher und das kaputte Plastikauto gehören ab sofort in Tonne oder Sack, genau wie alle anderen Abfälle aus Kunststoff, Metall oder Verbundmaterialien – egal, ob es sich um eine Verpackung handelt oder nicht.

Neue Behälter werden nicht aufgestellt. Die bisherigen sollten laut BSR mit Aufklebern versehen werden, die Informationen zum Inhalt liefern. Das hat bisher noch nicht funktioniert: Bis zum Redaktionsschluß dieses VDGN-Journals (10. Januar) hatten weder die Tonnen Aufkleber noch wurden Eigenheimer oder Mieter über die neue Wertstofftonne informiert. „Ich weiß nicht, daß ich den Müll jetzt anders trennen muß und mache das so wie immer“, empörte sich eine Mieterin der „Stadt und Land“ in Berlin-Schöneweide und versenkte resolut ihr altes Holzregal in der Orange Box.

Wer trennt, zahlt drauf
Auf den Grundstücken stehen bis zu vier Tonnen (Restmüll, Papier, Bioabfälle und Wertstofftonne). Doch alles läßt sich so nicht entsorgen. Glas gehört in die Container auf öffentlichem Straßenland (Weiß-, Braun- und Grünglas), Textilien in die Kleiderspendenbehälter oder auf den Recyclinghof, genau so wie alte Fernseher oder Kühlschränke. Ein nicht unerheblicher Aufwand an Zeit und Geld für den einzelnen.

Als kleines Dankeschön für die Sorgfalt präsentiert die Berliner Stadtreinigung (BSR) den Berlinern eine Preiserhöhung – insbesondere den Grundstückseigentümern. Denn die zahlen für die 120-Liter-Restmülltonne künftig 1,64 Euro (6,4 Prozent) je Monat mehr. Der Preis für die Leerung der 1.100-Liter-Behälter, die vorwiegend bei Mehrfamilienhäusern üblich sind, erhöht sich dagegen lediglich um 3,5 Prozent. Dabei führte das Trennen der Wertstoffe zum stetigen Sinken des Restmüllaufkommens und wird das auch weiterhin bewirken. Der VDGN hätte es begrüßt, wenn die BSR, anstatt die Preise zu erhöhen, zunächst die zwangsweise zu bezahlende Mindestentsorgungsmenge von 30 Litern Restmüll pro Woche reduziert hätte.

Nicht auszuschließen ist zudem, daß die BSR mit ihrer Preiserhöhung Kosten refinanziert, die die fast flächendeckende Einführung der Orange Box gekostet hat.

Da ist es schon erfrischend, daß für die Biogut-Tonne künftig je nach Behältergröße „nur“ zwischen 2,6 und 3,8 Prozent mehr zu berappen sind.

Ist Trennen noch zeitgemäß?
Darüber streiten die Experten. Einige meinen, daß Maschinen heute in der Lage sind, viel besser zu trennen als jeder Mensch – allein die Kapazität solcher Anlagen würde noch nicht ausreichen.

Auch mehren sich die Stimmen von Kritikern. Sie prangern an, daß nur die Industrie von der Mülltrennung profitiert: Die verdient sehr gut an den Wertstoffen, gibt den Gewinn aber nicht an die Verbraucher weiter, indem beispielsweise die Müllgebühr gesenkt wird.

Einigkeit herrscht bei Fachleuten jedoch hinsichtlich des getrennten Sammelns von Papier, daß sich bis zu acht mal recyceln läßt, sowie von Glas, daß eingeschmolzen und zu neuem Glas verarbeitet wird. Vor allem, weil der Abbau von Rohstoffen für die Glasproduktion oft mit der Zerstörung von Landschaftsräumen verbunden ist.

Monika Rassek

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