Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Hügel, Kirchen und eine vorbildliche Kapitulation

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Teil 2): Prenzlau

Prenzlauer Marienkirche

Von Holger Becker

 „Tach, Du alte Buttercremetorte“ – bei seinem Stop in Prenzlau, waren dies die ersten Worte, die der Ausflügler hörte. Vor der mehr als 700 Jahre alten domgroßen Marienkirche mit ihren den Himmel anbohrenden zwei Türmen begrüßte ein Mann mittleren Alters so den weiblichen Teil eines offensichtlich mit ihm bekannten Paares. Und die Buttercremetorte war nicht unfreundlich gemeint.

Es war nicht die erste Probe Prenzlauer Charmes, die der Berichterstatter kosten durfte. Woher diese besondere Form der Herzlichkeit rührt, die Weltläufigkeit mit Raubautzigkeit verwechselt  – wer kann das schon sagen? Vielleicht aus der Konkurrenz zu Berlin, in der sich jede brandenburgische Stadt sieht. Auch wenn sie es beinah’ nicht nötig hätte, so wie Prenzlau als Hauptstadt jener – bis zum massenhaften Auftauchen von Windkraftanlagen – anmutigen Region, mit der Brandenburg ins Mecklenburgische bzw. Vorpommersche ausläuft. Man nennt sie die Uckermark. In ihren Dörfern hört man hier und da noch das Uckermärker Platt, das, wie alle Varianten norddeutscher Ausdrucksweise, Zurückhaltung signalisiert, ganz anders als der berlinernde und immer etwas zu laute Prenzlauer Slang.

Mittelalterliche Metropole

Die heutige Kreisstadt Prenzlau, die man in einundeinerviertel Autostunde vom Berliner Alexanderplatz aus erreicht, gehörte einst zu den wichtigsten Städten der Mark Brandenburg. Sehen kann das aber nur, wer es weiß. Untrügliches Anzeichen für die Bedeutung einer Stadt des christlichen Abendlandes war die Anzahl der Kirchen, die sie in ihren Mauern beherbergte. Beste Beispiele dafür sind Köln, Würzburg, Magdeburg oder Erfurt, die mit hoher „Kirchendichte“ glänzten. Prenzlau, das zum Handelsbereich der Hanse gehörte, besaß in hochmittelalterlicher Zeit auf engstem Raum sieben Kirchen und damit mehr als die damalige Doppelstadt Berlin-Cölln. Die meisten dieser sakralen Bauten sind noch vorhanden, ebenso wie die Hälfte der mittelalterlichen Stadtmauern mit ihren Wiekhäusern, Toren und Türmen, die größtenteils von einheimischen Denkmalpflege-Spezialisten mit Kompetenz und Liebe restauriert worden sind.

Doch um all das zu entdecken, bedarf es gezielter Spaziergänge. Aufs Gesamte gesehen, handelt es sich nämlich nur um die traurigen Reste einstiger Herrlichkeit. Zu 85 Prozent sank das im 12. Jahrhundert gegründete Prenzlau Ende April 1945 in Schutt und Asche. Die Walze des verbrecherischen Krieges, den Hitlerdeutschland begonnen hatte, rollte von der Oder her auch über die Uckermark. So durchbrachen Verbände der 2. Belorussischen Front am 26. und 27. April die deutschen Verteidigungslinien bei Prenzlau, das am 27. April von der Roten Armee eingenommen wurde. Soweit rekonstruierbar wurde der Kampf um Prenzlau beiderseits mit Unterstützung aus der Luft geführt, so daß sowjetische, aber auch deutsche Bomben auf die Stadt fielen. Ebenso wird von Brandschatzungen durch sowjetische Truppen berichtet, wie sie in jenen Wochen auch andere Städte des Kampfgebietes im Osten erlebten.

Einen US-amerikanischen Luftangriff auf Prenzlau, wie immer wieder mal behauptet, hat es dem international anerkannten Luftkriegshistoriker Olaf Groehler zufolge nicht gegeben. Die Attacken britischer und US-amerikanischer Bomberverbände auf brandenburgische Städte endeten am 20. April  1945 mit  Angriffen auf Treuenbrietzen, Brandenburg an der Havel, Seddin, Neuruppin, Oranienburg, Wustermark und Nauen.  Aber das Bombardement brandenburgischer Kommunen durch deutsche Flugzeuge stellte in den Tagen kurz vor Kriegsende keine Einmaligkeit dar. So zerstörten Piloten der Nazi-Streitmacht am 26. April 1945 etwa ein Drittel der Innenstadt von Eberswalde. Auf das vorpommersche Anklam, das bereits Angriffe der US-Airforce und die Einnahme durch Sowjettruppen hinter sich hatte, fielen noch am 29. April 1945 deutsche Bomben.

In Prenzlau verloren nach den vorliegenden Angaben in jenen Tagen rund 600 Menschen ihr Leben. Nur Staub blieb übrig von historischen Bauten der Gotik, des Barock und des Klassizismus. Ganz im Sinne von Hitlers „Nero-Befehl“ bestand Prenzlau im Frühjahr 1945 fast nur noch aus Trümmern. Die Stadt zahlte einen hohen Preis – für die Verbrechen Hitlerdeutschlands im Osten, für den Wahnsinn eines ebenso verbissenen wie sinnlosen Widerstandes gegen die vor-rückende Rote Armee, deren Aufklärer mit Sicherheit wußten: In Birkenhain, am Stadtrand Prenzlaus befand sich die Kommando-Zentrale der Heeresgruppe Weichsel, die im Januar 1945 unter dem Kommando von SS-Chef Heinrich Himmler aufgestellt worden war. Unter dem Befehl von dessen Nachfolger Gotthard Heinrici wurde Birkenhain erst am 26. April 1945 von SS-Leuten geräumt.

Auch die Marienkirche, von den Reiseführern als früheste Hallenkirche Norddeutschlands gerühmt, brannte 1945 aus. Erst nach 1970 konnte der Wiederaufbau nach einem Vertrag von Staat und Kirche beginnen. Die Prenzlauer Innenstadt in alter Schönheit wiederstehen zu lassen, fehlten jedoch die Mittel. Außerdem gab es Drängenderes. Vor allem Wohnungen mußten gebaut werden, zumal die Stadt in großer Zahl Flüchtlinge und Vertriebene aus dem Osten aufnahm. So machten im Jahr 1946 im damaligen Kreis Prenzlau die Umsiedler 52,2 Prozent der Bevölkerung aus.

Gezeichnet für Jahrhunderte

Prenzlau, das einen  Besuch schon wegen seiner Lage in hügeliger Landschaft am Unter-uckersee allemal lohnt, wird man sein Kriegsschicksal noch auf Jahrhunderte ansehen, so wie anderen Städten auch, deren historische Substanz bei den Kampfhandlungen oder im Bombenkrieg untergingen. Furchtbar ist das. Heute beherbergt die 1945 fast ermordete Kommune eine Garnison, deren Soldaten nach Afghanistan müssen.

Kapitulation von Prenzlau – wem sagt das was? Richtig: Man schrieb das Jahr 1806. Nach der gigantischen Niederlage gegen Napoleons Truppen bei Jena und Auerstedt am 14. Oktober jenes Jahres zogen sich die Reste des preußischen Heeres zurück, erst nordwärts zur Festungsstadt Magdeburg, dann in Richtung Osten. Den Befehl über die demoralisierte, durch Desertionen, Krankheiten, Hunger und französische Attacken immer mehr geschwächte Truppe führte Fürsten Friedrich Ludwig zu Hohenlohe-Ingelfingen, dem als Stabschef der Württemberger Christian von Massenbach (1758 bis 1827) diente.

Der preußische König Friedrich Wilhelm II. war mit seiner kriegshetzerischen Gattin Luise längst in Richtung Ostpreußen getürmt, eine ganze Reihe adliger märkischer Schlagetots hatte seine Regimenter mit Extrapost in Richtung Osten verlassen, als der klägliche Rest des Hohenlohenschen Korps von 10.000 Mann bei Prenzlau vor den Franzosen kapitulierte. Es war vor allem Massenbach, der seinem Chef Hohenlohe-Ingelfingen zur Aufgabe geraten hatte. „Sollte ich … dazu beitragen, daß Tausende, die keines Widerstands mehr fähig waren und deren Verstümmelung den Staat doch nicht mehr retten konnte, dem Tod in die Arme geworfen wurden?“, schrieb Massenbach später. Er antwortete damit auf Vorwürfe, die bis heute nicht verstummt sind: Massenbach habe die Kapitulation „verschuldet“, weil er die Stärke der französischen Kräfte zu hoch veranschlagte.

Helden der Massenbach-Kritiker sind eher solch trübe Gestalten wie Gebhard Leberecht von Blücher und dessen Generalquartiermeister Gerhard von Scharnhorst, die im November 1806 die preußische Ehre retteten, indem sie im November 1806 in das neutrale Lübeck einfielen, dieses zur Geisel nahmen, um dann nach blutigen Kämpfen doch gegen die überlegenen Franzosen zu kapitulieren. Diese brutale und sinnlose Aktion kostete nach den Berichten von damals ca. 10.000 Soldaten auf beiden Seiten sowie einige Lübecker das Leben. Die Hansestadt wurde gründlich verwüstet, von Plünderungen und Massenvergewaltigungen heimgesucht. „Drei große Armeekorps brachen zugleich von Norden und Süden herein, deren Soldaten, durch lange, beschwerliche Märsche ermüdet, erhitzt durch den blutigen Kampf, glaubten, nach den harten Kriegsgesetzen in der mit Sturm eroberten Stadt alles sich erlauben zu dürfen“, wie es in der Erzählung eines Zeitzeugen heißt.

Warum kein Massenbach-Denkmal?

Was ihm die Gloria-Preußen, die so gern auf den Hintern Anderer durchs Feuer ritten, aber besonders übelnahmen, war Massenbachs Verehrung für Napoleon Bonaparte, den er als „Werkzeug der Vorsehung“ betrachtete, „vermittelst dessen ein vollkommener gesellschaftlicher Zustand herbeigeführt werden soll“.

Der Schulfreund Friedrich Schillers, der die preußischen Mißstände seiner Zeit so tief analysierte, daß der König den vierten Band seiner Memoiren einstampfen ließ, trat sogar für ein Bündnis Preußens mit Frankreich ein. „Schließen wir uns Frankreich an, so verbünden wir uns mit einem aufgeklärten Volke“, riet er, um gleichzeitig zu warnen: „Mich schaudert es vor dem Despotismus Rußlands.“

Für den Fall, daß Preußen sich an das reaktionäre Rußland statt an das fortschrittliche Frankreich anschließe, das ein vereinigtes Europa schaffen könne, sagte er auf lange Sicht die Teilung Deutschlands voraus. Preußen aber spielte die russische Karte. Massenbach verurteilte es 1817 wegen angeblichen Verrats von Dienstgeheimnissen zu 14 Jahren Festungshaft. Sieben Jahre davon mußte er absitzen.

Prenzlau zahlte 1945 einen noch höheren Preis als Lübeck 1806. Aber das eine hat mit dem anderen zu tun. Und Prenzlau könnte an Massenbach, diesen überaus interessanten Mann seiner Stadtgeschichte, ruhig mit einem kleinen Denkmal erinnern – am besten vor dem Bahnhof, der gerade umgebaut wird. Denn dort soll am 28. Oktober 1806 die für alle Zeiten vorbildliche Kapitulation von Prenzlau stattgefunden haben.

 

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