Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„80 Jahre Eigentum auf Pachtland mit Füßen getreten“

Berlin-Buckow: Pächter fürchten Vertreibung von ihrem Zuhause

Brigitte und Peter Eckert in ihrem höchst bedrohten Refugium

Eine Hamburger Deern ist Brigitte Eckert eigentlich. Kontaktfreudig, eloquent und – wie sie bald verrät – „immer den Sozialdemokraten zugetan“. Doch was ihr und ihrem Mann Peter jetzt widerfährt, läßt sie zu dem bitteren Schluß kommen: „Das ist Kapitalismus pur, den wir erleben. Haarsträubend!“

Das kleine Paradies ist bedroht
Seit Jahrzehnten ist sie heimisch in Berlin. Die Liebe zu Peter Eckert war der entscheidende Grund, der Hansestadt Adieu zu sagen. Auf einem idyllischen Fleckchen Erde im Berliner Stadtteil Buckow steht ihr Haus: ein stabiler Holzbau mit kleinen, sehr gemütlichen Räumen inmitten einer parkähnlichen Landschaft. „Nachtigall und Dompfaff sind hier noch zu hören. Und die schönen alten Bäume ringsum schirmen den Lärm von der nahen Autobahn gut ab“, erklärt sie. Doch ihr kleines Paradies ist ernsthaft bedroht.

Denn das Grundstück, auf dem ihr Wohnhaus steht, haben die Eckerts, wie weitere 15 Hausbesitzer in der Nachbarschaft, nur gepachtet. Es gehört dem Land Berlin, dessen Liegenschaftsfonds damit hochfliegende Pläne hat.  Als im vergangenen Herbst Vermesser in der Siedlung auftauchten, wurden die Bewohner stutzig. Dann stieß eine Nachbarin im März diesen Jahres auf Dokumente im Internet, die nichts Gutes verhießen: Das bisher als private Dauerkleingartenanlage ausgewiesene Gelände, das unmittelbar an die Kleingartenanlage „Fliedergrund“ grenzt, soll nun als allgemeines Wohngebiet entwickelt werden. „Hier will ein Investor Ein- und Zweifamilienhäuser errichten“, erklärt Peter Eckert, „dafür sollen unsere 16 Häuser und 20 Kleingärten plattgemacht werden! Wir werden vertrieben. 80 Jahre Eigentum auf Pachtland – einfach mit Füßen getreten“.

Hier heimisch seit Kindheitstagen
Wie kam es eigentlich zu dieser, für das frühere Westberlin eher exotisch anmutenden Kombination von Pachtland und Eigenheim? Zu Beginn der dreißiger Jahre des vergangenen Jahrhunderts verpachteten Bauern, die „Gütlingschen Erben“, als damalige Eigentümer des Grund und Bodens kleine Grundstücke für die Errichtung von Wohn- oder Wochenendhäusern an Berliner, so auch an die Großeltern von Peter Eckert. „Die Verpächter bestanden in ihren Verträgen darauf, daß das Land für Wohn- und Wochenendzwecke, jedoch nicht für die kleingärtnerische Nutzung vorgesehen ist“, erzählt er. Seine Bindung an diesen Flecken ist eng, er wuchs bei den Großeltern auf. Mit der Historie hat er sich eingehend beschäftigt und die Dokumente aus dieser Zeit sorgsam verwahrt.

Als die Großeltern verstarben, erbte er das Haus und übernahm 1972 den Pachtvertrag für das Grundstück. 1973 wurde das Land Berlin Eigentümer des Grund und Bodens.

Pachtverträge mit bösen Haken
Die Pächter hatten damals keinerlei Zweifel, daß die Siedlung am Hochspannungsweg auch perspektivisch ihr Lebensmittelpunkt sein werde. So engagierten sie sich für eine Modernisierung der Infrastruktur. Sie übernahmen die Kosten für eine Erdverkabelung, um zuverlässig mit Strom versorgt zu werden. Dann folgte der Anschluß ans öffentliche Trinkwassernetz, wofür die Pächter wiederum zahlten. Schließlich gab es grünes Licht vom Bezirksamt Berlin-Neukölln für einen Antrag der Eckerts, eine Zufahrt zu ihrem Pachtgrundstück zu bauen.

Auch neue Pachtverträge bekamen sie und ihre Nachbarn immer mal wieder vorgelegt, zuletzt 1993. Damals fühlten sich die Eckerts  unter Druck gesetzt, unterschrieben aber letztlich. Peter Eckert war gerade arbeitslos geworden, das belastete ihn sehr. In dieser Situation versäumten sie es, sich gründlich beraten zu lassen. Ein Fehler, sagen sie heute. Ihre Rechte wurden per Vertrag immer weiter eingeschränkt, so eine jährliche Kündbarkeit festgeschrieben.

Die Geborgenheit in Gefahr
Was ihnen nun gefährlich werden könnte: „Der Gedanke, daß wir unser Haus und Grundstück vielleicht bald aufgeben müssen, macht uns krank.“ Sie sind hier so fest verwurzelt wie die alten Linden vor ihrem Haus. Ihr ganzes Leben ist mit diesem Platz verbunden – der Alltag und die Familienfeste, Einschulung, Hochzeit, Geburtstage. Inzwischen betreut Brigitte Eckert ihre vier Monate alte Enkelin, wenn die in der Nähe wohnende Tochter für ein paar Stunden ins Büro arbeiten geht.

Auch zu den Nachbarn entwickelte sich über die Jahre ein herzliches Verhältnis. Man nimmt gegenseitig Anteil an Freud und Leid. Wer krank wird, darf darauf vertrauen, daß ihm geholfen wird. Brigitte Eckert mit ihrer ausgeprägten sozialen Ader sorgt mit dafür.

Das all das, was das Leben ausmacht, was Geborgenheit gibt, jetzt in Gefahr ist, beunruhigt die temperamentvolle Frau zutiefst. Aus ihrer Wut und Enttäuschung über den sozialdemokratischen Bezirksstadtrat Blesing macht sie keinen Hehl. Ihn scheinen die Proteste der Anwohner des Hochspannungsweges und benachbarter Kleingärtner des „Fliedergrunds“ kaum zu berühren.

Hoffnung nicht aufgeben
Dennoch hoffen die Eckerts und ihre Nachbarn, daß sie die Pläne des Bezirks und des Landes noch ändern und das Fortbestehen ihrer Siedlung sichern können.

Sie wollen durchsetzen, daß die Flächen wieder als Grünland ausgewiesen werden, wie es früher einmal war. Sie suchen Unterstützer in der Politik, nahmen Kontakt auf zu Grünen, Linken und Piraten. Nun soll auch das Berliner Abgeordnetenhaus mit einer Petition wachgerüttelt werden.           

Kerstin Große

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