Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Politik spielt mit der Gesundheit Tausender

VDGN fordert siedlungsverträgliche Grundwasserstände für Berlin

Wasser im Keller eines Eigenheims in Berlin-Biesdorf

Noch immer weit verbreitet ist die Meinung, daß steigendes Grundwasser und nasse Keller in Berlin ein Phänomen der Siedlungsgebiete am Rande der Stadt darstellen. Und natürlich, daß die Hausbesitzer die Schuld für ihre gefluteten Keller bei sich selbst zu suchen haben. Denn, wer ein Haus baut, muß sich im Vorfeld erkundigen, wie hoch das Grundwasser im schlimmsten Fall steigen kann und Vorsorge treffen – wie beispielsweise mit dem Bau einer Wanne.

Mitarbeiter der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Umwelt, wie Alexander Limberg, verweisen dann gern auf die Broschüre „Wie schütze ich mein Haus vor Grundwasser?“. Nur, wie sieht es aus, wenn die Hausbesitzer alle Voraussetzungen erfüllt haben und das Wasser dennoch im Keller steht? Das Problem wird schlicht ignoriert. Es trifft schließlich nur Vereinzelte und schon gar keine Armen. Daß die meisten Betroffenen ihr gesamtes Geld in ihr Haus gesteckt haben, kümmert nicht.

In einigen Gebieten leben Berliner schon seit 20 Jahren mit nassen Kellern. Das Wasser zieht in die Fundamente, gefährdet die Standsicherheit der Häuser und zerstört Wohnraum. Für die Senatsumweltverwaltung noch längst kein Grund, geeignete Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Selbst, daß sich im Laufe der Jahre zunehmend schwarzer Schimmel in den Häusern ausgebreitet hat und nachweislich die Gesundheit der Bewohner gefährdet, ist längst kein Grund, tätig zu werden. Die Bewohner schrieben an den Senat, baten um Hilfe. Doch von den „Bearbeitern“ der Hilferufe, wie beispielsweise Alexander Limberg oder auch Dr. Monika Kehlbacher, kommen nur nichtssagende Briefe: „Die starken Regenfälle Ende Juli letzten Jahres bewirkten einen Grundwasseranstieg... Zusätzlich wirkt sich natürlich auch der Rückgang des Trinkwasserbedarfs in Berlin aus: Seit 1989 wird von den Wasserbetrieben aufgrund des rückläufigen Trinkwasserbedarfs immer weniger Grundwasser gefördert; gleichzeitig haben viele grundwasserfördernde Betriebe ihre Produktion eingestellt, so daß auch dadurch das Grundwasser immer weniger abgesenkt wird...“ Die Briefe gleichen sich wie ein Ei dem anderen und enthalten zudem den Hinweis, daß das Grundwasser schon seit 2002 stetig ansteigt. Lösungsvorschläge? Keine.

Doch spätestens als in der Presse mit Riesenlettern verkündet wurde, daß das Bundesratsgebäude nach elf Jahren wegen steigendem Grundwasser nochmals saniert werden muß, dürfte klar sein, daß nicht nur vereinzelte Siedlungsgebiete am Rande der Stadt betroffen sind, sondern auch Gebäude im Zentrum der Metropole. Geschätzte Kosten für die erneute Sanierung des Bundesratsgebäudes: 24,4 Millionen Euro. Lapidarer Kommentar von Senatsmitarbeiter Limberg: „Berlin ist dicht am Wasser gebaut. Das Ganze hier war einmal eine Sumpflandschaft.“ Und da in Berlin die Grundwasserproblematik über Jahrzehnte totgeschwiegen und in der Senatsumweltverwaltung kein Handlungsbedarf gesehen wurde, verfügt die Hauptstadt auch über kein effizientes Grundwassermanagement um siedlungsverträgliche Grundwasserstände zu gewährleisten. Warum auch? Für die Kosten, die für die neuerliche Sanierung des Bundesratsgebäudes und anderer öffentlicher Gebäude anfallen, müssen schließlich nicht die Mitarbeiter der Senatsverwaltung geradestehen, sondern nur die Steuerzahler.

Aber auch viele Mietshäuser sind betroffen, wie beispielsweise im Stadtquartier Warschauer Straße. Besitzer Kalle Mietshaus (Name v. d. Red. geändert) kämpft seit Jahren gegen das Wasser im Keller seines Hauses. Die schmucke Gründerzeitvilla hat er 1991 vom Opa übernommen und für 1,9 Millionen Euro liebevoll saniert. Zu diesem Zeitpunkt waren die Keller noch trocken. Das Haus wurde 1900 gebaut – wie üblich und ausreichend 1,20 Meter über dem gemessenen Grundwasserpegel, denn zu diesem Zeitpunkt gab es noch keine Aussagen zu höchstmöglichen Grundwasserständen. Seit 1993 steht das Wasser im Keller, die Elektrik mußte hoch und die Aufzüge stillgelegt werden. Höchster gemessener Grundwasserstand im Keller: bis zu 30 Zentimeter. Kalle Mietshaus mußte Pumpen installieren. Die laufen im Dauerbetrieb. Er steht mit dem Problem nicht allein. Mehr als 100 Eigentümern im Viertel, daß sich etwa über zwei Quadratkilometer erstreckt, geht es genauso. Und auch dort werden die Betroffenen von der Politik im Stich gelassen.

Beim Verband Berlin-Brandenburgischer Wohnungsunternehmen e. V. wird von einem gesamtstädtischen Problem mit großer Bedeutung gesprochen: Betroffen sind die Stadtgebiete entlang der Spree und der Havel, dem sogenannten Berliner Urstromtal, in den Bezirken Spandau, Reinickendorf, Mitte, Charlottenburg-Wilmersdorf, Friedrichshain-Kreuzberg, Lichtenberg, Neukölln, Marzahn-Hellersdorf und Treptow-Köpenick. Es heißt: „Der Berliner Wohnungswirtschaft sind bis heute über Berlin verteilt rund 900 Gebäude mit ca. 19.000 Wohneinheiten bekannt, die durch den zu hohen Grundwasserstand Schaden nehmen.“ Und geht man davon aus, daß in den Wohneinheiten nicht nur ein, sondern auch gern mal zwei oder drei Personen leben… – kann wohl kaum von vereinzelten Betroffenen am Stadtrand die Rede sein.

Schenkt man dem Wasserkonzept 2040 von Berlin Glauben, steigt das Grundwasser munter weiter – da die Trinkwasserförderung (dank steigender Preise) weiter rückläufig sein wird. Ein Witz zudem: Berlin nahm 2010 allein mit dem Grundwasserentnahmeentgelt 51,8 Millionen Euro ein! Für grundwasserregulierende Maßnahmen ausgegeben wurden im gleichen Jahr jedoch lediglich 335.000 Euro!

Der VDGN fordert die Einrichtung einer „Kummer-Stelle” als zentralen Anlaufpunkt für Betroffene, um deren Probleme zu dokumentieren und Hilfsmaßnahmen zu organisieren, die Einberufung einer „Grundwasserkonferenz” für Berlin (einer Aktionsrunde mit Experten, Politikern und Betroffenen) sowie ein intelligentes Grundwassermanagement für dauerhaft siedlungsverträgliche Grundwasserstände – wie im Koalitionsvertrag festgeschrieben und unabhängig von der Trinkwasserförderung.

Monika Rassek

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