Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„In Würde altern, das muß doch möglich sein!“

Leben und Wohnen im Alter: Wie pflegebedürftige Menschen besser betreut werden können. Fragen an den Altersmediziner Prof. Dr. Jörg Schulz

 Vom Bundesgesundheitsminister Gesundheitsminister wurde es als ein Meilenstein in der Pflege gefeiert: Die Betreuung von Menschen, die an Demenz leiden, soll künftig besser vergütet werden. Wie wird sich das auf die Situation der Betroffenen auswirken?
Jede Verbesserung auf diesem Gebiet ist nur zu begrüßen. In den letzten Jahren gab es  da große Versäumnisse. Schon seit Jahrzehnten diskutieren wir Geriater mit der Politik über eine angemessenere Betreuung und Behandlung Demenzkranker. Vor wenigen Jahren dann gab es einen ersten Lichtblick: Neben körperlichen Gebrechen können nun auch mangelnde kognitive Leistungen einen Pflegebedarf begründen.

Ein Teil der Angehörigen, die an Demenz erkrankte Pflegebedürftige zu Hause betreuen, wird froh über mehr Pflegegeld sein. Ob das dann auch einer verbesserten Betreuung zugute kommt, sei dahingestellt. Mit Demenzkranken umzugehen, verlangt besondere Fähigkeiten, sehr viel Geduld und Einfühlungsvermögen.

Indes: Mehr Pflegegeld allein genügt nicht. Auch andere Voraussetzungen müssen stimmen. Da liegt noch immer vieles im Argen.

Woran denken Sie konkret?
Ausgebildete Fachkräfte werden – neben motivierten Angehörigen – unbedingt gebraucht – in der ambulanten wie stationären Pflege. Demenzkranke zu aktivieren, gelingt beispielsweise mit sogenannter Biographiearbeit. Hier wird bewußt an früher erworbene Kenntnisse, Erfahrungen, Vorlieben und Hobbys angeknüpft. Das Gespräch über Vertrautes, das Singen altbekannter Lieder, das Wiederaufnehmen gewohnter Handarbeitstechniken oder ähnliches bringt den Menschen viel.

Manchmal wird es unumgänglich sein, daß ein Heim die Betreuung übernimmt. Die klassischen Häuser mit den langen Fluren, von denen viele Türen abgehen, verfügen kaum über bauliche Voraussetzungen für diese Aufgabe. Vor einer Weile wurde ich beispielsweise um Rat gefragt, in Berlin-Hellersdorf sollte ein Haus für demente Menschen hergerichtet werden. Vorbereitet war man darauf keineswegs. Eine stumpfsinnige Fluratmosphäre, wie wir sie häufig antreffen, ist für solche Menschen Gift! Sie brauchen einen Rundlauf und möglichst wenige Barrieren, Ecken und Kanten. Wichtig sind auch Angebote für die sinnliche Wahrnehmung: Anlagen mit duftenden, farbenfrohen Blumen und Kräutern beispielsweise, Wasserspiele, Musik. Auch die Beleuchtung wird häufig unterschätzt, eine besondere Helligkeit und Konturenreichtum sind vonnöten.

Alte Menschen wollen natürlich am liebsten in ihrer vertrauten Wohnumgebung bleiben. Auch dafür müssen endlich bessere Voraussetzungen geschaffen werden.

Den Ausbau wohnortnaher Versorgung alter, pflegebedürftiger und dementer Menschen bis 2016 hat sich der neue Berliner Senat jedenfalls für seine Regierungsarbeit vorgenommen. Was muß aus Ihrer Sicht geschehen?
Eine Menge. Wie hier positive Veränderungen zu bewirken sind, soll auch Gegenstand eines Gespräches mit dem neuen Berliner Gesundheitssenator Mario Czaja sein, zu dem ich eingeladen wurde. Dabei sein werden auch VDGN-Vizepräsident Eckhart Beleites und Klaus Naumann, der in der Projektentwicklung für medizinische und soziale Infrastruktur tätig ist (s. VDGN-Journal, Heft 2/3-2012, S. 35f. – d. Red.).

Was schwebt Ihnen konkret vor, wo besteht Änderungsbedarf?
Lassen Sie mich von einem Modellprojekt in Sachsen berichten, an dem ich mitwirke. Ich denke, daß es Ansätze verfolgt, die auch für Berlin interessant sein dürften.

Das sächsische Vogtland eilt uns in Sachen demographischer Wandel sozusagen voraus. Dort ist der Altersdurchschnitt um fünf, sechs Jahre höher als hier, der Anteil Pflegebedürftiger ist extrem hoch. Die sächsische Landesregierung stellt das vor große Probleme. Wir wurden beauftragt, Lösungen sowohl für die wohnortnahe Betreuung als auch für die stationäre Versorgung alter, pflegebedürftiger und dementer Menschen zu entwickeln.

Eine geriatrische Klinik wurde aufgebaut, um akut und chronisch kranke alte Menschen stationär behandeln zu können. Ergänzend soll es künftig ein dichtes Netz der Betreuung geben: Alles wird von einem Träger – im konkreten Fall sind es die Paracelsus-Kliniken, aber auch ein Pflegeheim oder eine Wohnungsbaugesellschaft sind denkbar – geführt.

 Jeder pflegebedürftige Mensch braucht doch individuelle Angebote. Wie soll das funktionieren?
Angenommen, ein alter Mensch will in seiner vertrauten Umgebung weiter wohnen bleiben. Er selbst oder seine Angehörigen sollen sich dann an einen Stützpunkt in der Nähe wenden können, wo ein Lotse sie berät und weitere Schritte klärt. Es muß geschaut werden: Was sind die Defizite des Betroffenen, wo braucht er Hilfe? Mit einem eigens entwickelten Vitalitätstest wird die körperliche, psychische und soziale Situation des Menschen besser eingeschätzt.  Danach werden die passende medizinische Behandlung und weitere Betreuungsangebote ausgewählt. Was weiter entfernt ist, kann mit einem Fahrdienst erreicht werden.

Für mindestens genauso wichtig halte ich es jedoch, die Stärken des Betroffenen zu ermitteln: Was kann er noch gut? In der Betreuung muß es auch darum gehen, seine Stärken zu fördern, um die Schwächen so weit es geht zu kompensieren.

Schön und gut. Doch wie ist es mit der Finanzierung eines solchen dichten Betreuungsnetzes?
Im Vogtland ist es die Paracelsus-Klinik-Kette als Träger, die die Grundfinanzierung übernommen hat, vom Aufbau der stationären Geriatrie über das  Betreuungszentrum in Wohnortnähe – den sogenannten „Geronto-Point“ – bis hin zum Vitalitäts-test. Gleichzeitig haben wir für vier Forschungsprojekte mit Zustimmung des  Freistaats Sachsen EU-Mittel beantragt und sind optimistisch, sie zu erhalten.

In Deutschland wird im übrigen viel Geld für fragwürdige Dinge verpulvert. Andererseits gibt es Altersarmut in unserem reichen Land. Mich macht wütend, wenn ich sehe, daß Menschen, die unseren heutigen Wohlstand erst möglich gemacht haben, in existenzbedrohende Situationen geraten. In Würde altern, das muß doch möglich sein! 

 Bereits zu DDR-Zeiten arbeiteten Sie am Klinikum Berlin-Buch, waren seit 1979 bis vor wenigen Jahren Chefarzt. Was hat sich seither bei der medizinischen Betreuung alter und kranker Menschen verändert?
Als ich anfing, gab es zwei Geriatrie-Kliniken in Berlin-Buch, die zusammengefaßt wurden zu einem Zentrum, das ich dann leitete. Angesiedelt waren Akut- und Rehabilitationsgeriatrie, eine geriatrische Tagesklinik, eine eigene Ambulanz sowie psychologische Betreuungsstützpunkte für Demenzkranke. Der Mitarbeiterstab war im Verhältnis zur Patientenzahl deutlich höher als heute.

Schlecht war, daß wir damals Zimmer mit acht Betten hatten, keine so moderne Technik wie heute, und auch die Ausstattung mit Medikamenten war mit jetzigen Standards nicht vergleichbar. Aber: Wir hatten nicht mehr Todesfälle als heute und auch nicht mehr Siechtum. Wir konnten die Patienten ausbehandeln.

Mit anderen Worten, heute schickt man sie zu schnell nach Hause?
Drastisch ausgedrückt: Die Patienten werden blutig entlassen. Die Vorgaben der Krankenkassen lassen kaum anderes zu. Um das liebe Geld wird häufig erbittert gestritten. Nur ein Beispiel: Ein Patient mit Oberschenkelhalsbruch muß nach acht bis zehn Tagen die Akutstation verlassen. Denken Sie an einen 80jährigen, der noch andere Gebrechen hat. Selbst wenn er anschließend noch 15 Tage auf einer geriatrischen Station betreut wird, ist er hinterher doch nicht in der Lage, sein Leben wieder selbständig zu führen.

Ich bin ein Gegner der Privatisierung des Gesundheitswesens. Das läuft immer auf Gewinnmaximierung hinaus. Ich habe es selbst miterlebt. Nach einer Weile hieß es: „Erlöse optimieren!“, „Personal einsparen!“. Inzwischen knirscht es derart, daß die Ärzte erheblich gestreßt sind, kaum ein paar ruhige Minuten fürs Gespräch mit Patienten oder Angehörigen finden. Abrechnungen zu erstellen, kostet Ärzten heute 30 bis 35 Prozent ihrer Arbeitszeit. Vielleicht ist das effizient, patientenfreundlich ist es jedenfalls nicht!

Sie sind seit zwei Jahren Rentner. Wie halten Sie sich fit und gesund?
Schön ist, daß ich jetzt selbst steuern kann, wie viel ich arbeite. An zwei, drei Tagen in der Woche bin ich mit unserem Projekt im Vogtland beschäftigt. Außerdem helfe ich auch beim Aufbau von Gesundheitszentren, national und international, z. B. in Moskau. Und ich  forsche noch, unter anderem an einem Test zur Früherkennung des Prostatakarzinoms.

In der Freizeit unternehmen meine Frau und ich gern etwas. Aber jeder geht auch seinen eigenen Interessen nach. So fahre ich Rad oder bin mit dem Segelboot auf Brandenburger Seen unterwegs.  Außerdem spiele ich Gitarre, Klavier und weitere Instrumente. Einmal im Vierteljahr trifft sich unsere

Beatgruppe aus Studentenzeiten und probt, ein Heidenspaß für uns  alle. 

– Solange es geht, bin ich aktiv. Das ist mein Jungbrunnen.

Interview: Kerstin Große

 

Begriffserklärungen

Demenz: Demenz ist ein Oberbegriff für viele verschiedene Erkrankungen, bei denen die geistige Leistungsfähigkeit der Betroffenen überdurchschnittlich nachläßt. Die häufigste Form ist die Alzheimer-Demenz. Sie ist – wie alle primären Demenzen – derzeit nicht heilbar. Ein kleiner Teil der dementiellen Erkrankungen (sogenannte sekundäre Demenzen) gehen auf andere Grunderkrankungen wie Stoffwechselstörungen oder Vitaminmangel zurück. (Aus einer Information der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde (DGPPN))

Geriatrie: Altersmedizin oder -heilkunde, Lehre von den Krankheiten des alten Menschen (Quelle: Wikipedia)

Anti-Aging: Das Altern hinauszuzögern, die Lebensqualität alter Menschen auf möglichst hohem Niveau zu halten und das Leben zu verlängern, ist Ziel des A. A. Außer in der Medizin wird der Begriff auch im Marketing verwendet, z. B. für Kosmetika oder Lebensmittel 

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