Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Reichswolkenkratzer

Rund um den Reichstag (Folge 7): In den 20er Jahren hätte das Parlamentsgebäude beinahe ein 50geschossiges Gegenüber bekommen

Von Holger Becker

Hoch hinaus wollte der Architekt Otto Kohtz (1880 bis 1956), als er 1920 einen Plan für das Bauen in der Mitte des seit dem 9. November 1918 republikanischen Berlin vorlegte. Auf dem Reißbrett war die Sache schon im Groben skizziert: Kohtz schwebte ein „Reichshaus“ mit 50 Geschossen vor, das gegenüber dem Reichstag auf der Nordseite des Königsplatzes entstehen sollte. Auf seinen Zeichnungen nahm sich das Parlamentsgebäude im Vergleich zu dem projektierten Monumentalbau für die nachkaiserliche Epoche fast wie ein Spielzeug aus.

Doch Vorwürfe des Größenwahns waren in diesem Fall nur zum Teil berechtigt. Zwar folgte Kohtz schon länger Vorstellungen von einer Monumentalarchitektur, die sich unter anderem an den durch archäologische Ausgrabungen bekannt gewordenen Bauten der Assyrer und Babylonier orientierten. Der Vorkämpfer des Hochhauses hegte aber auch soziale Intentionen, die zu seiner Zeit andere Architektenkollegen teilten. Als Kohtz im damals renommierten Architekturverlag „Der Zirkel“ ein Heft über seine Vorstellungen zum „Reichshaus“ veröffentlichte, hieß der Untertitel: „ein Vorschlag zur Verringerung der Wohnungsnot und der Arbeitslosigkeit“.

Kohtz dachte sich die Sache so: Viel billiger als der Neubau neuer Wohnquartiere müßte es sein, bislang zweckentfremdeten Wohnraum wiederzugewinnen. Immerhin befanden sich auch zahlreiche Behörden des Reiches in Gebäuden, die zuvor von Menschen bewohnt worden waren. Und für die Reichsbürokratie wollte Kohtz nun mit seinem Büro-Hochhaus Platz schaffen: Rund 105.000 Quadratmeter reiner Nutzfläche ohne Korridore und Treppenhäuser sollten es sein. Nach den Berechnungen des Architekten hätte der folgende Behördenumzug etwa 2000 Wohnungen freigemacht.

Die Kosten für das monumentale Pendant zum Reichstagsgebäude meinte er vergleichsweise niedrig halten zu können. Grund und Boden gehörten dem Staat. Die Nähe zum Humboldthafen sollte einen billigen Antransport der Baumaterialien per Schiff garantieren. Und ansonsten dachte er sich die Baustelle zugleich als „Zentralstelle für die Beschäftigung der Arbeitlosen in Berlin“. Immerhin gebe die Stadt ja im laufenden Jahr 1920 allein 80 Millionen Mark für die Arbeitslosenunterstützung aus. Nach Kohtz´ Vorstellungen sollten dort nicht nur Arbeiter, Maurer, Glaser und Tischler beschäftigt werden, sondern „auch kaufmännisches Personal für die Führung der Lohnbücher usw. und technisches Per-sonal für die Baufüh-rung“.

Für lösbar hielt er auch die Materialprobleme, die aus der ökonomischen Notlage Deutschlands resultierten. Immerhin hatte das Land mit dem Weltkrieg auch seine Kohlengruben und Stahlwerke in Lothringen und Oberschlesien verloren. Im Zuge der Reparationen mußte Deutschland Stahlprodukte an die Siegermächte liefern. Der Preis für Eisen betrug nun das 25fache der Vorkriegssumme. Und auch Zement war zehn- bis fünfzehnmal so teuer wie im Frühjahr 1914. So war erst einmal nicht daran zu denken, wie in New York Wolkenkratzer hochzuziehen: ohne Rücksicht auf die Verfügbarkeit von Stahl und Eisenbeton. Otto Kohtz schlug deshalb unter anderem vor, für die Pfeiler des 50-Geschossers Granit zu verwenden.

Das Parlament betrachtete das Vorhaben des „Reichshauses“ keineswegs als Spinnerei – auch wenn es romantische Vorstellungen von einer sakralen Ästhetik verfocht und sich für einen Bau aussprach, der „ähnlich wie die gotischen Dome durch die verschiedensten Meister geschaffen würde“. 1922 sprach sich der Hauptausschuß des Reichstages einstimmig für das Projekt eines zentralen Hochhauses der Reichsbehörden aus. Die Ausführung scheiterte an der Wirtschaftkrise und der Inflation 1923.

Otto Kohtz unternahm dann zwischen 1930 und 1932 erneut Anläufe, sein republikanisch gedachtes Monumentalgebäude ins Werk zu setzen. Doch nun war er chancenlos. Und nach dem Hitler an die Macht geschoben worden war, mußte das Berliner Stadtplanungsamt noch im Jahr 1933 Konzepte für eine Nord-Süd-Achse als Prachtstraße vorlegen. Zu deren Zentrum sollte der Königsplatz ausgebaut werden, der zwischenzeitlich für einige Jahre Platz der Republik geheißen hatte.

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