Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Generation 50 plus bald die Mehrheit

Demographischer Wandel erfordert Handeln für selbstbestimmtes Leben im Alter

Wenn Menschen sich begegnen, wünschen sie sich oft „Gesundheit und ein langes Leben.“ Aber bereits Benjamin Franklin wußte: „Alle wollen lange leben – aber keiner will alt sein.“ Daher gilt als Maxime: „Es kommt nicht darauf an, wie alt man wird, sondern WIE man alt wird.“

Der Senat von Berlin hat in seiner Sitzung am 10. Januar 2012 den vom Senator für Gesundheit und Soziales, Mario Czaja, vorgelegten Bericht „Pflege- und pflegeunterstützende Angebote in Berlin – Landespflegeplan 2011“ beschlossen. Daraus geht u. a. hervor, daß Ende 2009 in Berlin rund 101.350 Personen im Sinne der Pflegeversicherung pflegebedürftig waren. Fast 75 Prozent dieser Menschen werden zu Hause von ihren Angehörigen oder mit Unterstützung eines ambulanten Pflegedienstes betreut und gepflegt.

Berlin verfügt – so ist dem Bericht zu entnehmen – über 500 Pflegedienste, 78 Tagespflege- und 32 Kurzzeitpflegeeinrichtungen sowie 309 vollstationäre Pflegeheime. Und im April 2011 gab es in Berlin 402 anerkannte Wohngemeinschaften für pflegebedürftige Personen. Zum Netz an Informations- und Beratungsstellen der Stadt gehören 26 Pflegestützpunkte.

Deutschland wird – so weisen es Prognosen aus – um 2035 weltweit das Land mit der ältesten Bevölkerung sein. Dieser demographische Wandel findet bereits statt, denn allein in den letzten fünf Jahren stieg der Anteil der 80jährigen und älteren Menschen um 23 Prozent, und in den nächsten fünf Jahren wird die Generation „50 plus“ in der BRD die Mehrheit bilden.

Der im bundesweiten Trend liegende Altersstrukturwandel gilt auch für Berlin. Dafür sprechen folgende Fakten (Quelle: Bevölkerungsprognose 2007-2030, Senatsverwaltung Berlin):

- Bis zum Jahr 2030 wird sich das Durchschnittsalter der Berliner Bevölkerung von 42,5 Jahren im Jahr 2007 auf 45,3 Jahre erhöhen.

- Im Prognosezeitraum wird die Zahl der älteren Menschen (ab 65 Jahre) von rd. 630.300 im Jahr 2007 um ca. 188.000 auf 818.000 Personen zunehmen. Innerhalb dieser Altersgruppe werden die „jüngeren Alten“ (65 bis unter 80 Jahre) um 14 Prozent zunehmen, die Zahl der „Hochbetagten“ (über 80 Jahre alt) wird sich nahezu verdoppeln.

- Im Jahr 2020 – in nur 10 Jahren – werden in Berlin etwa 727.000 Menschen leben, die 65 Jahre und älter sind.

- Besonders stark wird der Anstieg der Personen im Alter von 75 und mehr Jahren zu beobachten sein. Ihre Zahl wird bis 2030 auf rund 434.000 Personen und damit auf 12,9 Prozent der Gesamtbevölkerung ansteigen.

In den Berliner Stadtbezirken vollzieht sich diese Entwicklung sehr differenziert. In sechs Bezirken steigt die Bevölkerungszahl an, in fünf Bezirken sinkt sie bis zum Jahr 2030. Den höchsten Anteil der Bevölkerung mit 75 Jahren und älter werden im Jahr 2020 die Bezirke Steglitz-Zehlendorf (13,7 Prozent) und Treptow-Köpenick (12,4 Prozent) aufweisen. Mit der Zunahme des Anteils älterer und hochbetagter Personen in der Gesellschaft muß dem entstehenden Hilfe- und Pflegebedarf für ältere Menschen erheblich mehr Aufmerksamkeit gewidmet werden. Das gilt auch für die Versorgungserfordernisse und -strukturen. Der Verbleib in der eigenen Wohnung unter Wahrung und Aufrechterhaltung von Autonomie und Selbstbestimmung ist ein elementares Bedürfnis, das nachhaltig unterstützt werden sollte. 

Die Fragestellung nach dem Leben im Alter verlangt demzufolge auch immer eine Antwort auf die Pflege in dieser Lebensphase. Die Beibehaltung (oder sogar Rückgewinnung) von Normalität in unseren Lebensräumen, auch im Alter, sollte – unter Berücksichtigung des Prinzips „ambulant vor stationär“ und „Rehabilitation vor Pflege“ – der Maßstab für zukünftige Lösungen sein. Zukunftsfähige Lösungen erfordern daher zwingend die systematische Einbeziehung des Pflege- und Gesundheitssektors in Projekte des Wohnens und Lebens im Alter, die über bisher bekannte Konzepte hinausgehen. Dazu liegen entsprechende Schlußfolgerungen und Vorschläge vor, die vom Verfasser in Zusammenarbeit mit Experten des Pflege-, Gesundheits- und Wohnsektors  auf der Grundlage des Demografiekonzeptes für Berlin (30. Juni 2009) erarbeitet wurden .

Insbesondere wird der Bedarf an qualifizierter und spezialisierter geriatrischer Versorgung deutlich zunehmen. Ein besonderes Problem stellt dabei die altersabhängige Zunahme von Demenzkranken – insbesondere vom Typ Alzheimer – dar. Bei etwa 40 Prozent aller geriatrischen Patienten besteht neben somatischen Erkrankungen eine Demenz.

Ausgehend von dieser Entwicklungstendenz müssen die geriatrischen Strukturen ausgebaut werden. Die Stadt braucht ein flächendeckendes System geriatrischer Kliniken, Tageskliniken, Arztpraxen sowie neuer Versorgungsstrukturen. Auch dazu liegen ein konkreter Vorschlag und praktische Erfahrungen aus einem Modellprojekt vor.

In den „Richtlinien der Regierungspolitik 2011-2016“ hat der Berliner Senat

E den Ausbau der wohnortnahen ambulanten haus- und fachärztlichen Versorgung, insbesondere den Ausbau der geriatrischen Versorgung,

E die Förderung baulicher Maßnahmen speziell für generationsübergreifende und andere gemeinschaftliche Wohnformen, insbesondere unter demografischen Aspekten,

E die Fortschreibung der seniorenpolitischen Leitlinien und des Seniorenmitwirkungsgesetzes sowie eine Kampagne für Pflegeberufe mit den Leistungserbringern und Kostenträgern als wichtige Aufgaben in dieser Legislaturperiode formuliert.

Die komplexen Veränderungsprozesse des demographischen Wandels können nur durch partnerschaftliches Handeln aktiv gestaltet werden. Dafür braucht Berlin die Kooperation mit Unternehmen, Verbänden, Vereinen sowie mit den Bürgerinnen und Bürgern der Stadt. Daher unterstütze ich den Vorschlag zur Gründung eines Vereins „Leben und Wohnen im Alter”.

Klaus Naumann,  Projektentwicklung für medizinische und soziale Infrastruktur    

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