Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Effizienz vor Masse

Klare Konzepte für Wachstum der Ökostrombranche erforderlich

Von Monika Rassek

 Kaum ein Tag vergeht, ohne daß das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für Schlagzeilen sorgt. Die Stimmen der Kritiker mehren sich: Die Solarförderung sei zu hoch. Ein Schuldenberg von 100 Milliarden Euro habe sich angehäuft. Wirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP) möchte den Ausbau von Photovoltaik drastisch eindämmen, die Zahl von neuen Anlagen jährlich um die Hälfte reduzieren und das Gesetz reformieren. Die Wirtschaftsleute der CDU würden gern noch weiter gehen, Kartellamtspräsident Andreas Mundt verkündete gar die Unbrauchbarkeit des EEG. Die Verbraucher sind irritiert und ärgern sich über die stetig steigenden Strompreise. Ein durchschnittlicher Haushalt muß allein für die Öko-Umlage im Jahr etwa 130 Euro berappen.

 

EEG-Konzept ist wacklig

 

Wie konnte das passieren? Ganz einfach, das Konzept des EEG setzt lediglich auf das schnelle Wachstum der Öko-Strombranche und ließ so die Kosten für die Umsetzung des Gesetzes explodieren. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz vom 29. März 2000 gilt als Herzstück für die Förderung von Ökostrom. Doch das Konzept ist wacklig. Nachgebessert wurde 2004, 2008 und 2011. Immense Mengen an Fördergeldern sorgten dafür, daß der Anteil von „grünem“ Strom am Markt heute fast 20 Prozent ausmacht. Vor einem Jahrzehnt waren es gerade mal gut fünf Prozent. Ein Anstieg, der positiv zu bewerten ist. Doch der Öko-Strom-Markt rückt immer mehr in den Fokus renditeorientierter Anleger. Seit 2000 steigen die Strompreise kontinuierlich. Ein Ende – nicht absehbar. Der Wettbewerb knallhart. Die Zeche zahlt der Verbraucher, der Mensch. Und nicht nur in Form von Geld.

Der unkontrollierte Ausbau von Anlagen zur Produktion von Öko-Strom und der entfachte Wettbewerb unter den Anbietern schädigen den Menschen in seiner Gesundheit, in seinen Freiräumen für Erholung und Freizeit und in seiner Natur. Dem Potsdamer Landtag in Brandenburg wurde am 1. Februar eine Petition mit weit mehr als 600 Unterschriften übergeben. Etwa 20 Bürgerinitiativen brachten damit ihre Sorge zum Ausdruck, daß die Windkraftnutzung künftig einige tausend Hektar der märkischen Wälder zerstören könnte. Für ein Bundesland, das auf den Tourismus und seine Erholungslandschaften angewiesen ist, ein nicht zu ersetzender Verlust. Und: Unmengen riesiger Windräder drehen sich zudem in unmittelbarer Nähe zu Wohnorten, werfen Schatten, erzeugen Schall und stören durch Lichtsignale. Mehr als 20.000 dieser wenig effizienten Windmühlen rotieren für geringe Mengen an Grünstrom. Acht Cent kostet die Stromerzeugung für eine Kilowattstunde (kWh) mittels Land-Windkraft. Der Nutzungsgrad liegt bei etwa 25 Prozent. Vergleich: Ein modernes Kohlekraftwerk hat einen Nutzungsgrad von 90 Prozent, die Kilowattstunde kostet 7 Cent.

Solaranlagen werden günstiger

Seit 2006 boomen Solaranlagen. Bis 2011 verachtfachte sich die Leistung der jährlich neu angeschlossenen Anlagen. Und obwohl die Förderung für neue Anlagen stetig sinkt, sinkt sie noch zu langsam. Kürzlich ging Deutschlands einhunderttausendste Anlage ans Netz. Nach Angaben des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft e.V. (BDEW) sind im Jahr 2011 für „Erneuerbare“ Kosten in Höhe von 13,5 Milliarden Euro angefallen, die über die „EEG-Umlage“ auf die Stromrechnungen der Verbraucher umgeschlagen und von ihnen bezahlt wurden. 2011 lag die EEG-Umlage noch bei 3,530 ct/kWh (Cent je Kilowattstunde), aktuell beläuft sie sich auf 3,592 ct/kWh. Allein die Hälfte der Kosten für die EEG-Umlage entstehen durch die Solar-Förderung – wobei die Solarstromproduktion nur drei Prozent am deutschen Markt ausmacht.

Der Boom ist ungebrochen: Denn Solar-Anlagen werden immer günstiger. Viele Anlagen-Anbieter der Branche vertreiben Billig-Produkte aus China, die zudem unter denkbar schlechten sozialen Bedingungen produziert werden. Allein der Gewinn zählt. Betreiber von deutschen Übertragungsnetzen prophezeien – vornehmlich wegen des Solarbooms – einen Anstieg der EEG-Umlage auf 3,66 bis 4,74 Cent, allein bis 2013! Solange die Branche so profitiert, werden auch weiterhin auf blühenden Wiesen gigantische Solaranlagen wachsen. Auf Flächen, die eigentlich der Erholung dienen sollten oder auf denen Rinder in artgerechter Haltung weiden könnten.

Mitglieder des Verbandes und Labels „Bioland“, welches für ökologische Landwirtschaft steht, kritisieren die Politik der Bundesregierung: „In vielen Regionen Deutschlands verlieren Biobetriebe Pachtflächen an Biogaserzeuger.“ Der Biolandbau würde in der Flächenkonkurrenz zwischen einer exportorientierten Massentierhaltung und einer expandierenden Agro-Energieproduktion zerrieben, ließ Jan Plagge, Präsident von Bioland verlautbaren. Ebenso in der Kritik: Geothermie. In Rheinland-Pfalz verursachte ein Geothermie-Kraftwerk mehrere leichte Erdbeben, in Staufen hob sich nach Bohrungen ein beträchtlicher Teil der Altstadt und die historischen Gebäude zieren ausgeprägte Risse.

Fluch oder Segen?

Und dann die Stromtrassen, die Hochspannungsleitungen, die sich kreuz und quer durchs Land ziehen und bald auch die entlegensten Winkel erreichen, um Strom von den Produzenten zu den Verbrauchern zu transportieren. Leitungen, die wie ein bedrohlicher Schatten schwer auf einstmals malerische Landschaften drücken, die bei feuchter Luft beunruhigend knistern und hin und wieder Funken sprühen.

Sind die Erneuerbaren Energien am Ende doch mehr ein Fluch als ein Segen? Nein! Doch vor wildem, unkontrolliertem Zweckaktionismus sei gewarnt. Der Verein der Eigenheim- und Grundstücksbesitzer in Deutschland (VMEG) – der größte Mitgliedsverein im VDGN – befürwortet die Energiewende und den Ausbau regenerativer Energien, doch nicht um jeden Preis. Aus diesem Grund faßten die Mitglieder des VMEG auf ihrer 13. Ordentlichen Delegiertenversammlung den Beschluß „Lasten der Energiewende gerecht verteilen“ (s. S. 16) zur Energiepolitik Deutschlands. Der VMEG fordert beispielsweise, für Windparks einen Mindestabstand zur Wohnbebauung festzulegen und, daß die Gewinnung von Elektroenergie aus Wind-, Solar- und Wasserkraft nahe den Schwerpunkten des Verbrauchs erfolgen muß, um hohe Kosten und starke Beeinträchtigungen von Mensch und Umwelt durch lange Stromtrassen zu vermeiden. Auch verlangt der VMEG bei der rechtlichen Regulierung von Netznutzungsentgelten eine besondere Sorgfalt, da Gesetzeslücken zu erheblichen Preissteigerungen führen können.

Natur- und Umweltschützer sehen ebenfalls politischen Handlungsbedarf im Hinblick auf das EEG und wünschen sich durchdachte Konzepte. Das von vielen EEG-Kritikern favorisierte Quotenmodell, wonach jeder Energieerzeuger sich aussuchen kann, wie er seine Menge an Öko-Strom erreicht, wird allerdings zur Lösung bestehender Probleme abgelehnt. „Das fördert den unkontrollierten Wildwuchs von Anlagen zur Erzeugung von Ökostrom. Außerdem gibt es in meinen Augen kein Energie-, sondern ein Speicherproblem“, sagt Beate Kitzmann überzeugt. Die Dipl.-Biologin ist Geschäftsführerin des Fördervereins Naturschutz Berlin-Malchow, im Bereich der Umwelterziehung tätig und beschäftigt sich schon von Berufs wegen mit regenerativen Energien. Auf dem Gelände der Station wird Natur erlebbar – ein grüner Lernort, für Kinder, Jugendliche und Erwachsene aus den Neubaugebieten Hohenschönhausens und Marzahns. Auf dem Dach der gerade fertig sanierten Scheune leistet eine moderne Solaranlage ihren Dienst, quer übers Freilandlabor mit Kröten-Teich und Schmetterlingshaus ziehen sich Hochspannungsleitungen von gleich zwei Stromtrassen, die massiven Stützpfeiler fußen inmitten der Wiese. Dennoch betont die Biologin: „Die Energiewende bietet eine große Chance. Anstatt jedoch vorschnell mit Fördergeldern um sich zu werfen wie bei der Braunkohle, sollte die Öko-Strom-Branche lernen, auf eigenen Füßen zu stehen. Nicht die Masse an Maßnahmen, sondern die Effizienz muß gesteigert werden.“ Wenn das gelingt, da ist sich die Umweltschützerin sicher, sind Stromtrassen in Größenordnungen überflüssig. Beate Kitzmann befürwortet einen gesunden Mix von „grünen“ Energieträgern. Fördergelder sollte es vornehmlich für die Forschung geben, zur Effizienzsteigerung, der Entwicklung von leistungsfähigen Speichern oder aber der Weiterentwicklung der Wasserstofftechnologie. Und: „Industriebetriebe müssen an den Standorten den Großteil ihres Bedarfs an Elektroenergie aus Erneuerbaren Energien selbst decken. Oder ihren Standort verlegen.“ Sie halte lokale Lösungen wie beispielsweise Blockheizkraftwerke für sinnvoll, die jedoch mit anderen Erzeugeranlagen zu vernetzen seien. Stromhändlern würde mit dieser Vorgehensweise auch die Macht genommen werden, wie erst kürzlich fast geschehen, durch gefährliche Preisspekulationen einen Zusammenbruch, sprich einen flächendeckenden Stromausfall herbeizuführen.

Der Präsident der Fraunhofer Gesellschaft, Hans-Jörg Bullinger, verkündete unlängst: „Der beste Weg, Energiekosten nicht weiter steigen zu lassen, sind ein ressourcenschonender Einsatz sowie ein sparsamer Umgang mit Energie… Dem rasanten Wachstum der Ökostrombranche darf nicht die Natur, die Umwelt, die der Erholung dienen soll und vor allem die Gesundheit der Menschen geopfert werden. Das wäre ein zu hoher Preis.“

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