Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Weltteil auf dem Sumpf

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 4): Berlin

Das Bodemuseum an der Spitze der Berliner Museumsinsel. Ein Großteil der Gebäude, erbaut auf morastigem Untergrund, steht auf etwa zehn Meter langen Holzpfählen, die das Wasser luftdicht abschließt und die deshalb nicht verrotten. Mit dem Problem steigenden Grundwassers hat praktisch auch die gesamte Mitte Berlins zu kämpfen. So muß das Gebäude des Bundesrats für 24,4 Millionen Euro wegen aufsteigenden Wassers saniert werden. Feuchteschäden gibt es auch an zahlreichen Regierungsgebäuden. Symbolisch für den Siedlungsplatz Berlin sind auch hunderte von Sumpf-Eichen (Quercus palustris), die ab 2000 im Regierungsviertel gepflanzt worden sind. Von der Berliner Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, die bislang den Kampf gegen steigendes Wasser nicht als staatliche Aufgabe wahrhaben will, ist die Art allerdings zur „Spree-Eiche“ umbenannt worden

Von Holger Becker

Wenn sich Bewohner der Berliner Vororte den Duft der großen weiten Welt um die Nase wehen lassen wollen, haben sie es nicht weit: Von Erkner aus zum Beispiel erreicht man Hamburg mit dem Auto in nicht einmal drei Stunden. Es sind nämlich die alten Städte mit den großen Seehäfen, über denen die Aura der Weltläufigkeit liegt. Schon seit Jahrhunderten treiben sie Handel mit allen Ecken der Welt. Seit Jahrhunderten sind sie die Plätze, von denen die Erfüllung von Sehnsüchten nach der Ferne ihren Ausgang nimmt. Und schon seit Jahrhunderten sind sie Heimstätten großen Geldes, das hier längst nicht mehr protzen muß, sondern seine baulichen Manifestationen in herrlichen Geschäftsgebäuden wie dem 1922 aus Rüterberger Klinkern errichteten expressionistischen Chilehaus gesucht und gefunden hat. Daß auch all dieses auf Blut, Schweiß und Tränen baut, wollen wir hier mal beiseite lassen

Aber könnte unser weltluftsüchtiger Mensch aus Erkner nicht nach Berlin aufbrechen? Mit der S-Bahn, so sie denn fährt, braucht er bis zum Alexanderplatz 23 Minuten. Nein, das ist etwas anderes. So wenig wie die tristen Betonflächen von Großflughäfen mit dem rauhen Charme von Seehäfen konkurrieren können, sollte sich Berlin mit Hamburg vergleichen. Berlin ist keine Weltstadt, sondern „Berlin ist mehr ein Weltteil als eine Stadt“. Der Spruch wird Jean Paul Friedrich Richter zugeschrieben, einem der am wenigsten gelesenen von den größeren deutschen Dichtern. Hoteliers, Immobilienmakler, Politiker und ähnliche Zeitgenossen, die noch kein Jean Paul-Buch in der Hand gehabt haben, zitieren ihn seit Jahren zuschanden. Macht aber nichts: Er stimmt.

Ein Kontinent an Angeboten
Was die urbane Struktur angeht, stellt Berlin ein Konglomerat vieler einst selbständiger Ortschaften dar. Deshalb fehlen der Kommune ein wirkliches Zentrum und die Gemütlichkeit des Homogenen, wie sie Städte wie Dresden, Heidelberg oder Lübeck abstrahlen. Man kann nicht alles haben. Dafür ist Berlin ein Kontinent: Ja, ein Kontinent an kulturellen Angeboten, Theatern, Museen, Kinos, Opernhäusern, Konzerten, Kneipen und Restaurants, Tierpark und Zoo, Bauten von Langhans, Schinkel, Gropius und Henselmann, Parks und Kleingärten, Universitäten und Volkshochschulen, Clubs, Diskotheken und Volksfesten, Sportplätzen und Kulturvereinen, Profi- und Freizeitchören, Matineen und Soireen in Botschaften, Landesvertretungen und Ministerien. Da bleibt einem beim Aufzählen die Luft weg. Und wer weiß, wie es geht, kann hier jeden Abend etwas erleben, oft ohne einen einzigen Cent auszugeben.

Deutschland wichtigste Siedlung
Spätestens seit 1871, als Bismarck seine Reichskanzlei in der Stadt an der Spree errichtete, liegt in Berlin Deutschland politischer Mittelpunkt. Hier fielen die meisten Entscheidungen, im Schlimmen wie im Guten, Berlin war Bühne für Kaiser Wilhelm II. wie für Rosa Luxemburg, für Adolf Hitler wie für Nikolai Bersarin, für Ernst Reuter wie für dessen ehemaligen Genossen Walter Ulbricht. Nicht die Mauer von Posemuckel teilte die Welt, sondern die von Berlin. Berlin war Stadt des heißen wie des kalten Kriegs, für viele später auch die des Friedens. Hier bekämpften sich CIA und KGB, spielten auf ihren Seiten der Grenze Dynamo und Union, Hertha und Tennis Borussia mehr oder weniger erfolgreich Fußball.

Auch wenn Berlin es selbst nicht so richtig wahrhaben will, denn sein 775 Jahre langes Bestehen hat es gerade recht verschämt nur gefeiert: Die politische Hauptstadt der Republik ist auch der bedeutendste Platz menschlicher Ansiedlung in diesem Lande. Inmitten der märkischen Sandbüchse auf einem Sumpfloch gegründet, hat Berlin heute mit seinen 3,5 Millionen Einwohnern eine größere Bevölkerung als Hamburg und München zusammen. Und da wundert es schon, wenn eine Haltung gesellschaftsfähig werden soll, nach der Teile dieser Metropole ruhig wieder dem Sumpf überlassen werden können.

Das Wasser als Herr?
In Berlin spricht sich derzeit herum: Der stark gesunkene Wasserverbrauch seit 1990 läßt im Gebiet des Berliner Urstromtals den Pegel des Grundwasser so stark steigen, daß er Fundamenten und Kellern von Häusern massenhaft gefährlich werden kann. Selbst am Rand des Tales, auf dem Barnim-Plateau zum Beispiel, ist  Alarm angesagt, weil Schichtenwasser in die Bauten eindringt – eine Folge vernachlässigter oder in den letzten 20 Jahren ruinierter Ableitungssysteme.

Die Frage „Was tun?“ beantwortete jüngst im zentralen Mitteilungsblatt der Berliner Kleingartenverbände ein Berliner „Umweltgutachter“ folgendermaßen: Es könne sein, „daß Standorte aufgrund sich verändernder hydrologischer Bedingungen nicht mehr zu nutzen sind und aufgegeben werden müssen“. Und: „Den Wasserstandsanstieg als politisches Problem zu deklarieren, ist einfach, geht jedoch am Gebot eines nachhaltigen Umgangs mit der Ressource Wasser vorbei und ruft den Anschein hervor, man schwinge sich zum Herrn über das Wasser auf.“

Man will ja nicht pathetisch werden. Aber ist schon mal jemandem aufgefallen, daß ausgerechnet das Nationalgedicht der Deutschen, Goethes Faust, einen Schluß hat, in dem der Protagonist sich zum „Herrn über das Wasser“ aufschwingt, und zwar nicht für sich selbst, sondern für das menschliche Gemeinwesen. Früher mußte das jeder Abiturient aufsagen können: „Ein Sumpf zieht am Gebirge hin/ Verpestet alles schon Errungene;/ Den faulen Pfuhl auch abzuziehn,/ Das Letzte wär' das Höchsterrungene./ Eröffn' ich Räume vielen Millionen,/ Nicht sicher zwar, doch tätig-frei zu wohnen./ Grün das Gefilde, fruchtbar; Mensch und Herde/ Sogleich behaglich auf der neusten Erde,/ Gleich angesiedelt an des Hügels Kraft,/ Den aufgewälzt kühn-emsige Völkerschaft./ Im Innern hier ein paradiesisch Land,/ Da rase draußen Flut bis auf zum Rand,/ Und wie sie nascht, gewaltsam einzuschießen,/ Gemeindrang eilt, die Lücke zu verschließen./ Ja! diesem Sinne bin ich ganz ergeben,/ Das ist der Weisheit letzter Schluß:/ Nur der verdient sich Freiheit wie das Leben,/Der täglich sie erobern muß.“

Konkret geht es im letzten Akt des „Faust“ um Land, das mit Deichen dem Meer abgetrotzt wird. Aber Wasser ist Wasser und das Ganze eine starke Metapher für die Auseinandersetzung des Menschen mit der Natur, einen Kampf, ohne den es Zivilisation nicht gibt. Wir wissen inzwischen um die Gefahren mangelnder Behutsamkeit dabei. Doch einfach der Natur ihren Lauf zu lassen, stellt sich als Ausfluß eines romantischen Denkens dar, wie es schon Goethe haßte und kritisierte. Das Romantische sei „das Kranke“, sagte er seinem Eckermann am 2. April 1829.

In romantischer Tradition
Mit dem Romantischen meinte er selbstverständlich die zeitweise dominierende Kunstrichtung, die in der deutschen Literatur Leute wie Ludwig Tieck, August und Wilhelm Schlegel oder E.T.A. Hoffmann repräsentierten. Die sahen in der Rationalität der Aufklärung Teufelszeug. So macht sich Hoffmann in seinem satirischen Märchen „Klein Zaches, genannt Zinnober“ lustig über einen Fürsten der die Aufklärung „einführen“ will, das heißt, „die Wälder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die Kuhpocken einimpfen“.

Kartoffeln, Kuhpocken und die Zivilisation
Das war schon starker Tobak, den der Berliner Romantiker da qualmen ließ, nachdem der Berliner Armenarzt Ernst Ludwig Heim zur Wende vom 18. ins 19. Jahrhundert in der Stadt die Pockenimpfung eingeführt hatte. Denn inzwischen war bekannt geworden: Einen Menschen mit einer bestimmten Dosis der Kuhpocken zu impfen, konnte ihn immunisieren gegen die Pockenkrankheit als schlimmste Epidemie der Zeit. Ebenso rettete die Kartoffel ungezählten Menschen in Preußen das Leben, nachdem König Friedrich II. ihren Anbau seinem Land verordnet hatte – jener um Aufgeklärtheit bemühte Absolutist, der – am Rande sei´s bemerkt – sich mit seinen Programmen zum Trockenlegen brandenburgischer Bruchlandschaften auch zum Herrn über das Wasser aufschwang.

Zu großes Geschütz wegen der Sprüche eines einzelnen „Umweltgutachters“? Wohl kaum. Der Mann - er heißt Klaus Möller - ist verantwortlich für das vom Land Berlin gebilligte Wasserversorgungskonzept der Stadt bis 2040.  Es bestätigt sich die alte Weisheit: Wo ein Romantiker, da auch ein Nutznieß. Denn die Verteidigung des Siedlungsplatzes Berlin wird viel Geld kosten. Die Eigentümer der zum Teil privatisierten Berliner Wasserbetriebe wollen das bislang nicht ausgeben, obwohl die Summe bestimmt nicht die Gewinne übersteigt, die bei dem menschlicher Gesittung widrigen Geschäft mit dem Wasser gemacht worden sind bzw. weiter gemacht werden sollen.

Wer also vorhat, diesen Weltteil zu besichtigen, dem mag man in Abwandlung eines Slogans raten, den ein US-Reisebüro in den Zeiten des kalten Krieges prägte: Besuchen Sie Berlin, solange es noch steht. 

 

 

 

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