Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gegen den Strom

Netzausbau: Betrofefen protestieren gegen Gesundheitsgefährdung und Landschaftsverschandelung

 Bundesweit wurden 24 Vorhaben zum Neubau oder zur Umrüstung von Höchstspannungsleitungen mit einer Nennspannung von 380 Kilovolt (kV) nach § 1 des Gesetzes zum Ausbau von Energieleitungen (Energieleitungsgesetz vom 21. August 2009) als vordringlich eingestuft.  

Anwohner protestieren
Die Hälfte dieser Projekte sind jedoch bei der Umsetzung im Verzug – vor allem wegen der Proteste von Anwohnern, Initiativen und Gewerbetreibenden vor Ort. Ein Beispiel: Die geplante Höchstspannungsleitung „Neuenhagen-Bertikow/Vierraden-Krajnak (Polen)“ – auch Uckermarkleitung genannt. Planungsbeginn 2005, seit 2009 wird das Projekt von 50 Hertz Transmission (vormals Vattenfall) betrieben. Die geplante Trasse mißt 115 Kilometer, quert die Landkreise Uckermark, Barnim und Märkisch-Oderland und schlägt damit eine gewaltige Schneise durch Stadt und Land.

Derzeit liegt das Projekt auf Eis – aufgrund von etwa 1.500 Einwendungen und einer Welle des Protestes von Anwohnern und Bürgerinitiativen. „Das Beteiligungsverfahren dauert, obwohl eigentlich schon Masten stehen sollten“, so Hartmut Lindner, Sprecher der Bürgerinitiative „Biosphäre unter Strom“ und erklärter Gegner der geplanten Freileitung. Er betont: „Die Freileitung gehört nicht ins Biosphärenreservat und die Vogelschutzgebiete. Wir fordern die Erdverkabelung.“ Obwohl es so schnell keinen Planfeststellungsbeschluß für die Uckermarkleitung geben wird, behält sich die Bürgerinitiative weitere Schritte vor: „Sollte die Leitung irgendwann doch genehmigt werden, steht der Gerichtsweg an.“  

Gesundheit gefährdet
Die Mitglieder der Interessengemeinschaft Uckermark kritisieren, daß die geplante Trasse Dörfer und Städte im Barnim und der Uckermark durchschneidet und so die Gesundheit von Einwohnern gefährdet – und fordern ebenfalls eine Erdverkabelung. Auf der Internetseite finden Interessierte Muster für Einwendungsschreiben. Und auch die Stadt Eberswalde gilt als scharfer Gegner der als Freileitung geplanten Stromautobahn – sie forderte immer wieder eine unterirdische Verlegung. „An dieser Forderung hat sich nichts geändert“, so Harald Händel, Pressesprecher der Stadt. Und obwohl die Stadt Eberswalde selbst nicht den Klageweg beschreiten werde, könne sich die Bürgerinitiative ihrer Unterstützung sicher sein. Angesichts dieses massiven Widerstands und der Fülle von Protestbewegungen gegen den Bau weiterer Höchstspannungsleitungen führen die jüngst von der Agentur für Erneuerbare Energien veröffentlichten Umfrage-Ergebnisse zu Irritationen: Die Mehrheit der Bevölkerung befürworte den Netzausbau, das jedenfalls suggerieren die  Ergebnisse von TNS Infratest nach einer Befragung von 3.798 Bürgern.

Wie kommt dieses Ergebnis zustande? Ganz einfach, es kommt nur darauf an, wen man fragt und wo. Beispiel: Neuenhagen bei Berlin. Auf einem winzigen grünen Flecken – umrahmt von der Altlandsberger Straße und Am Umspannwerk sowie dem hochumzäunten Solarpark, der direkt an das Umspannwerk Neuenhagen grenzt – befindet sich ein kleiner Hundesportplatz. Um Zehn ist schon viel Betrieb.

Claudia Besler kommt mit ihrem Hund aus Berlin. Angesprochen auf die Vielzahl von „Stromautobahnen“ nebenan und dem geplanten Neubau der Uckermarkleitung, sagt sie: „Auf eine neue Leitung mehr oder weniger kommt es nicht an. Hier war schon immer alles zugebaut. Schlimm ist es nur, wenn Anwohner direkt betroffen sind.“

Direkt betroffen sind die Bewohner der kleinen Wohnanlage auf der gegenüberliegenden Straßenseite – gigantische Masten mit knisternden Leitungen hinter den Wohngebäuden. „Der Lärm von der Autobahn ist viel schlimmer“, betont Rita Holst. Sie wohne schon Jahrzehnte hier. Das Umspannwerk habe es schon gegeben, den Gewerbepark auch. Weitere befragte Nachbarn sehen das genauso. Dr. René Zimmer, Sarah Kloke und Max Gaedtke vom Unabhängigen Institut für Umweltfragen (UFU) untersuchten im Rahmen der Studie „Erneuerbare Energien im Konflikt“ am Beispiel der Ucker- markleitung, welche Gründe zu Protesten führen (Der Streit um die Uckermarkleitung – Eine Diskursanalyse). Demnach würden gegen den Netzausbau die Beeinträchtigung von Flora und Fauna sprechen, der Werteverlust von Immobilien und Grundstücken, die Beeinträchtigung der Wohnqualität (z. B. IG Uckermark), das erhöhte Gesundheitsrisiko, der Verlust der regionalen Umwelt durch eine Verschandelung des Landschaftsbildes und ökonomischer Nachteile für die Region, beispielsweise wegen Beeinträchtigungen im Tourismus (BI „Biosphäre unter Strom“, Schorfheide-Chorin/UNESCO Weltnaturerbe) sowie ein empfundener Eingriff in die gewohnte Umgebung.  

Landschaft verschandelt
All diese Gründe treffen auf die befragten Neuenhagener nicht zu: Ihr Wohnumfeld hat sich seit ihrem Einzug nur wenig und schleichend verändert. Auch von einem Wertverlust sind sie nicht betroffen, sofern sie zur Miete wohnen. Und mit dem Gesundheitsrisiko durch elektromagnetische Strahlung leben sie seit Jahrzehnten. Ganz anders stellt sich die Situation für Grundstückseigentümer, Landwirtschafts-, Forst- und Tourismusbetriebe dar. Für sie spielen die meisten der aufgeführten Gründe eine erhebliche Rolle. Daher ist ihr Bestreben, ein Mitspracherecht wahrzunehmen und gegen bestimmte Vorhaben zu protestieren, sehr ausgeprägt. Auch ihr Verständnis von Grund und Boden ist ein anderes.

Laut UFU erwähnten bei einer Befragung beispielsweise die Vertreter aus Melchow, daß sie es als ungerecht empfinden, daß in der Uckermark Flächen (und damit Landschaft) zur Verfügung gestellt werden müssen, um Erneuerbare Energien zu produzieren und weiterzuleiten – die aber überhaupt nicht für ihre Region bestimmt sind.

Der VDGN fordert schon seit Jahren, den überdimensionierten, kostenintensiven Ausbau der Netze zu verringern und erneuerbare Energie dort zu produzieren, wo sie gebraucht wird. So ist für den nächsten Verbandstag 2013 ein Beschlußentwurf zu „Erneuerbaren Energien“ in Vorbereitung.

Monika Rassek

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