Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Pokern um Biomasse

Jahrelange Mais-Monokulturen schaden Natur und Mensch

Mais, soweit das Auge reicht. Kaum ein Landstrich, den nicht Felder mit dem gelben Körnergetreide prägen. Der Anbau der Pflanze boomt, doch ihre Popularität ist umstritten. Landwirte reiben sich angesichts des Gewinns die Hände, erholungssuchende Touristen rümpfen wegen der eintönigen Landschaft die Nase. Wildschweine erleben derzeit das Paradies auf Erden: Völlerei im Maisfeld, ungehemmte Vermehrung.

Körnerfutter für Biogasanlage
Folgen einer nicht durchdachten, unkontrollierten Energiewende. Während Mais zuvor überwiegend als Futterpflanze und Nahrungsmittel diente, ist er jetzt begehrter Rohstoff. Dank Subvention und Förderung zahlt sich die Produktion von Biomasse in barer Münze aus. Mais, das ideale Futter für Bio-gasanlagen, der einträgliche Energieträger der Zukunft und billiger Lieferant für Strom und Wärme? Was als Vision begann, entpuppt sich als gefährliches Pokerspiel mit dem Ökosystem und der Gesundheit der Menschen. Seit geraumer Zeit schlagen Natur- und Umweltschützer Alarm. Wissenschaftler, Verbände und Politiker kritisieren inzwischen den flächendeckenden Maisanbau und warnen eindringlich vor den daraus resultierenden Folgen und Schäden.

Und obwohl mit den neuen Vergütungen und Restriktionen des Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) 2012 für Großanlagen die Notbremse gezogen wurde, weiten sich die Mais-Anbauflächen weiter aus. Auf der Konferenz „Vielfalt statt Monokulturen – Auswege für Brandenburg aus der Krise der Biomassenutzung“ im Juni führte Dr. Günter Hälsig (Leiter der Abt. Umwelt, Klimaschutz, Nachhaltigkeit des Ministeriums f. Umwelt, Gesundheit und Verbraucherschutz Brandenburg) aus, daß mehrjährige Mais-Selbstfolgen (Monokulturen, die Red.) weder den Grundsätzen landwirtschaftlicher Bodennutzung noch dem Bodenschutzrecht und den Nachhaltigkeitsgrundsätzen der Biomassestrategie entsprechen. Sie seien zu vermeiden, um einem erhöhten Krankheits- und Schädlingsdruck sowie Umweltschäden vorzubeugen. Auch wies Hälsig auf den Rückgang von Feldvogelarten sowie auf eine Erhöhung der Erosionsgefahr – was so viel wie Landverschleiß bedeutet – hin. Die Förderbedingungen des EEG seien so anzupassen, daß negative Auswirkungen des Energie-maisanbaus vermieden werden.

Alarmierend sind auch die Ergebnisse der Studie von Dr. Annemarie Heinecke zum Thema veränderter Warenströme durch die zunehmende Bioenergieproduktion – vorgestellt auf dem Getreidehandelstag in der Bundeslehranstalt Burg Warberg im Juni: Durch die Zunahme von Biogasanlagen verlören demnach Agrarhandelsunternehmen bis zu 50 Prozent ihrer Getreidemengen – wobei regional sehr große Unterschiede zu verzeichnen seien. Beim Handel mit Winterweizen sei ein Rückgang von 25 und bei der Wintergerste sogar um 49 Prozent zu verzeichnen – beim Mais hingegen ein Zuwachs von 32 Prozent.

Brotgetreide immer teurer
Der Verband Deutscher Mühlen informierte im August, daß die Bilanz für Brotgetreide weltweit äußerst knapp ist: „Gegenwärtig reichen die Vorräte nur noch für 69 Tage.“ Die Preise in Deutschland hätten ein Rekordniveau erreicht. „So viel mußte in den letzten 25 Jahren zur Erntezeit noch nie bezahlt werden.“ Damit sei Brotgetreide heute um rund 25 bis 35 Prozent teurer als vor einem Jahr.

Noch verheerendere Folgen hat die Zunahme von Nitrat im Grundwasser. Siegfried Stengel, Vorsitzender des Wasserzweckverbandes Auracher Gruppe, prangerte auf dem Wasserforum in Oberfranken die Monokulturen an: „Durch den steigenden Maisanteil in der Fruchtfolge kommt es zu einer höheren Nitratauswaschung.“ Das liege auch an der verstärkten Gülleausbringung auf die Felder.

Auch das Weltnaturerbe „Nationalpark Schleswig-Holsteinisches Wattenmeer“ könnte Schaden nehmen, befürchtet der Diplombiologe Dr. Walther Petersen-Andresen: „Vor etwa 25 Jahren wurde der Maisanbau auf Föhr unterbunden, weil das Grundwasser durch den starken Nitrateintrag belastet wurde.“ Er sei bei seinen Wattwanderungen damals auf Algenmatten gestoßen: „Das ist ein deutliches Zeichen für viel zu hohen Nährstoffeintrag.“ Er befürchtet, daß der verstärkte Maisanbau auf der Geest sich bis hin zum Wattenmeer auswirken könnte. „Die intensive Düngung der Maisfelder hat bereits dazu geführt, daß in Kleingewässern vermehrt Pilzbefall auftritt und im Wattenmeer das Algenwachstum wieder zunimmt“, so Petersen-Andresen.

Belastung für Natur
Auch Havarien in Biogasanlagen könnten sich langfristig auf das Ökosystem auswirken. In Schultenwede liefen rund 400 Kubikmeter Gülle und Gärreste aus der Anlage in den angrenzenden Lünzener Bruchbach – das ist gleichbedeutend mit einer Menge von 400.000 Litern konzentrierter Nährstoffe! Wie Jürgen Cassier, Leiter der Naturschutzbehörde des Landkreises, nach der Havarie informierte, entwickelten sich Teile des Substrats im Wasser zu Ammoniak. Zehn Kilometer entlang des Flußlaufes seien alle Tiere sofort verendet.

Der Naturschutzbund Deutschland fordert ein deutschlandweites Zentralregister für Störfälle in Biogasanlagen und geht derzeit von 40 bis 60 (!) Vorfällen jährlich aus.

Das neue EEG soll die allgemeine Situation verbessern, indem mehr kleinere Biogasanlagen mit bis zu 75 Kilowattstunden gefördert werden. Das würde eine Dezentralisierung der Standorte bewirken und zudem würden die kleineren Anlagen mit Gülle und anderen biologischen Reststoffen „gefüttert“. Die jüngsten Entwicklungen lassen jedoch Schlimmes ahnen: Ein pfiffiger Bäcker plant bereits, nicht verkaufte Backwaren-Reste – immerhin acht bis zehn Prozent der Tagesproduktion –, als Energiequelle zu nutzen. Obwohl damit ein Teil der bundesweit mehr als 1,5 Millionen bedürftigen Menschen – knapp ein Drittel davon Kinder und Jugendliche – versorgt werden könnte.

Autoren einer Stellungnahme der Deutschen Akademie der Naturforscher Leopoldina kommen zu dem Schluß: „Um den Verbrauch von fossilen Brennstoffen und die Emissionen von Treibhausgasen zu reduzieren, sollte Deutschland nicht den weiteren Ausbau von Bioenergie anstreben.“ Weiter heißt es: „Die Förderung von Bioenergie sollte sich auf Formen beschränken, die weder zur Verknappung von Nahrungsmitteln führen noch deren Preise durch Wettbewerb um Land und Wasser in die Höhe treiben. Darüber hinaus sollten diese Formen von Bioenergie keinen größeren negativen Einfluß auf Ökosysteme und Biodiversität haben, und eine substantiell bessere Treibhausgas-Bilanz aufweisen als die fossile Energie, die sie ersetzen.“                              

Monika Rassek

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