Verband Deutscher Grundstücksnutzer

In der dritten deutschen Republik

Ausflüge in die kleine und die große Welt (Folge 3): Rüterberg

Von Holger Becker

Man schrieb das Jahr 1957: Im mecklenburgischen Elbdorf Rüterberg brachen auf zu einer Reise ins 250 Kilometer entfernte Berlin der Schneidermeister und der Lehrer. Als sie zurückkehrten in ihre damals gerade mal 300 Einwohner zählende Gemeinde lagen im Wartburg 311 des Schneidermeisters zwei Fernsehgeräte: ein „Rubens“ aus dem VEB Rafena Radeberg für den Lehrer und eine Fernsehtruhe mit Radioteil namens „Clivia“ vom selben Hersteller aus Sachsen. 1.350 Mark hatte der einfache „Rubens“ gekostet, 3.200 Mark das für die damalige Zeit luxuriöse Unterhaltungsmöbel „Clivia“. Die Differenz spiegelte die Einkommensunterschiede zwischen dem staatlich besoldeten Lehrer und dem privaten Handwerker nur unvollkommen wieder.

Ein Zaun ums Dorf
Spaß an ihren Geräten aber hatten beide, zumal auch das Westfernsehen gut empfangen werden konnte. Man wohnte ja direkt an der Grenze zur BRD. Den Lehrer versetzte das Schulamt ein paar Jahre später in ein anderes Dorf, der Schneider blieb und wurde Jahrzehnte drauf für eine Viertelstunde der Weltgeschichte berühmt: Hans Rasenberger (1921 bis 2007) nämlich gründete am 8. November 1989 mit einer Einwohnerversammlung die „Dorfrepublik Rüterberg“. Einen Tag bevor Günter Schabowski in Berlin seinen berühmten Zettel verlas und der Ansturm auf die Mauer begann, gaben sich die Rüterberger in Anwesenheit eines Offiziers der DDR-Grenztruppen und des Volkspolizei-Chefs des Kreises Ludwigslust eigene Gesetze.

Verständlicherweise hatten sie die Nase voll vom Grenzregime der vorangegangenen zwei Jahrzehnte. Denn zusätzlich zu den Grenzbefestigungen entlang der Elbe war 1967 um das Dörfchen ein Zaun gezogen worden, der Rüterberg auch noch vom DDR-Gebiet abschnitt. Zwischen 23 und 5 Uhr konnte niemand den Ort betreten oder verlassen. Besucher der Gemeinde brauchten einen Passierschein, den die Behörde nur vorsichtig vergab. Auch für Schneidermeister Rasenberger schuf das eine komplizierte Situation. Denn wie sollte er seine Kundschaft aus der nahen Kleinstadt Dömitz bedienen? Rasenberger, ein findiger Mann, schuf sich ein Atelier im Wald vor dem Zaun, wohin er bei gutem Wetter zum Maßnehmen oder zur Anprobe bat.

Daß ein gewisses Geltungsbedürfnis eine Rolle spielte beim Gründen der „Dorfrepublik“, kann kaum bestritten werden. Auch hatte Rasenberger  schon zuvor immer wieder gern die Öffentlichkeit gesucht, so als Volkskorrespondent der „Schweriner Volkszeitung“. In der Ludwigsluster Lokalredaktion des regionalen Massenblattes gingen Redakteure schnell auf Tauchstation, wenn der Rüterberger Schneider nahte, um mit Geschichten aus seiner Jugend aufzuwarten. Er stammte aus Schilda im heutigen Landkreis Elbe-Elster, das – wie einige andere Städte auch – für sich in Anspruch nimmt, Heimat der berühmten Schildbürger zu sein.

Immerhin Rasenbergers dritte deutsche Republik schaffte es bis hin zu staatlicher Anerkennung. Das Innenministerium von Mecklenburg-Vorpommern verlieh Rüterberg das Recht, auf den Ortsschildern den Titel „Dorf-republik“ zu führen. Die folkloristische Autonomie mit eigenem Poststempel, eigenem Wappen und eigener Flagge endete erst im Jahr 2004 mit der Eingemeindung Rüterbergs in die Stadt Dömitz.

Vier MPi-Salven zu Beginn
Wer Rüterberg heute besucht, kommt meistens wegen der idyllischen Auenlandschaft drumherum. Der 1340 erstmals urkundlich erwähnte Ort liegt an einem weiten Bogen der Elbe, auf deren anderen Seite es nicht weit bis ins berühmte Gorleben ist. Bis 1938 hieß das Dörfchen Wendisch-Wehningen. Doch den Nazi-Rassenfanatikern paßte dieser wendische Besitzanspruch im Namen des Ortes – in dem sich bis in die Neuzeit Restgruppen der alten slawischen Bevölkerung erhalten hatten – nicht in den Kram. Warum die DDR es bei „Rüterberg“ beließ, hat bisher niemand erforscht, sehr wohl aber, was dort sonst noch so los war in den Zeiten des Kalten Krieges. Denn ausgerechnet in der Nähe Rüterbergs und ein Jahr vor dessen vollständiger Einzäunung drohte die Auseinandersetzung in einen heißen Krieg umzuschlagen.

Die Geschichte beginnt mit vier MPi-Salven. Abgegeben wurden sie am 10. Oktober 1965 von der östlichen Elbseite aus auf das bundesdeutsche Vermessungsboot „Kugelbake“. Das 36 Tonnen schwere, mit Echoloten ausgestattete Schiff soll damals von zehn Geschossen getroffen worden sein. Die Besatzung, das ist sicher, überstand den Beschuß unbeschadet.

Provokative Peilung
Warum fielen die Schüsse? Die „Kugelbake“ vermaß an jenem Tag die Fahrrinne des Stromes, der bis 1989 auf einer Länge von rund 100 Kilometern Grenzfluß zwischen der DDR und der Bundesrepublik war. Um seine Peilungen vernünftig durchführen zu können, mußte sich das Schiff auf einer Zickzacklinie zwischen beiden Ufern bewegen. Dabei  fiel die „Kugelbake“ dem letztlich nie entschiedenen Streit zwischen Ost und West über den Verlauf der Elbgrenze zum Opfer: Die Bundesrepublik und mit ihr die für diese Region zuständige britische Besatzungsmacht behaupteten, daß die Elbe in voller Breite zum westdeutschen Territorium zähle. Die DDR und so auch die östlicherseits zuständige sowjetische Besatzungsmacht hingegen  beharrten darauf: Die Grenze verläuft in der Mitte des Flusses. Und diese Demarkationslinie hatte die „Kugelbake“ nach Ansicht der DDR ohne Erlaubnis  verletzt. Auf der Ostseite sah man das als eine Provokation des Westens an, den eigenen Rechtsstandpunkt rücksichtslos durchzusetzen.

Wie sich ein Jahr später erweisen sollte, war diese Einschätzung nicht falsch. Der „Kugelbake“ hatte man in Bonn und London durchaus die Funktion eines Rammbocks zugedacht. Als das Schiff am 3. Oktober 1966 –mit Einverständnis des Ostens – erneut Messungen unterhalb von Schnackenburg begann, schickte die DDR ein eigenes Peilboot, die „Lenzen“, in denselben Abschnitt des Flusses. Doch das hielt der Westen mit der Begründung auf, die DDR habe kein Recht zu Arbeiten entlang der Grenzstrecke des Flusses. Die DDR-Behörden zogen daraufhin in der Nacht vom 6. auf den 7. Oktober ihre Erlaubnis für die „Kugelbake“ zurück. Jedes- mal, wenn die nun am westlichen Ufer ablegte, taten es ihr  DDR-Patrouillenboote nach. Sie fuhren zur Mitte des Flusses und bildeten dort eine Linie. Den Kapitän der „Kugelbake“ warnten die DDR-Grenzer, daß sein Schiff die Flußmitte nur auf eigenes Risiko überqueren könne.

Daraufhin wurde die zivile Mannschaft des Vermessungsschiffes vorsichtig. Wie der britische Publizist David Shears später berichtete, widersetzten sich der Kapitän und seine

Crew dem Drängen aus Bonn, mit der „Kugelbake“ einen Weg durch die Linie der viel kleineren und etwas antiquierten hölzernen DDR-Militärboote zu rammen. Sie fuhren einfach in der Fahrrinne zwischen den Markierungsbojen auf und ab und traten schließlich sogar in den Streik. Damit hätte die Sache ihr Bewenden haben können. Doch die Verantwortlichen in Bonn wollten das nicht, sondern mit dem Kopf durch die Wand - so wie auch die Briten. Dazu Shears: „Für Sir Frank Roberts, den damaligen britischen Botschafter in Bonn, und seine Mitarbeiter war die Frage jedoch nicht nur, ob die Briten die Westdeutschen unterstützen sollten oder nicht; schließlich ist und bleibt die Bewachung der Grenze hauptsächlich eine Aufgabe der Alliierten und nicht der Deutschen.“ Und so wurde der Chef der britischen Militärmission beim sowjetischen Hauptquartier in Potsdam beauftragt, bei der östlicherseits für die Grenze letztlich zuständigen Macht Protest einzulegen. Doch die Sowjets antworteten, das sei nicht ihre Sache, sondern Angelegenheit der DDR.

In Bonn gelangte die Sache nun auf den Tisch des Kabinetts Erhard, wo sich insbesondere der Minister für Gesamtdeutsche Fragen Erich Mende für einen Bruch der „Blockade“ einsetzte. Und der wurde dann –nach Absprache auch mit den amerikanischen und französischen Botschaftern George McGhee und Francois Seydoux – in Angriff genommen. Den taktischen Plan für die Aktion arbeitete der Kommandeur des Bundesgrenzschutzes aus, Brigadegeneral Heinrich Müller, dem – wie er später selbst sagte – dabei seine Erfahrungen aus den Panzerschlachten in Nordafrika zugute kamen. Als Elb-Rommel entwickelte Müller ein Szenario, wie auf der Höhe von Gorleben im Westen und Wootz im Osten die Linie der zwölf gegnerischen Holzboote gewaltsam zu durchdringen sei. Neben der „Kugelbake“, deren zivile Mannschaft gegen Bundesgrenzschützer von der Ostsee-Küstenwache ausgetauscht wurde, kamen dabei mindestens acht Zoll- und Sturmboote, mehrere Helikopter und zwei Pontonschiffe zum Einsatz, die Müller in der Nacht auf dem Landweg in den Mini-Hafen von Gorleben bringen ließ.

Am 18. Oktober ging es dann los. Am westlichen Elbufer bauten sich außer einem BGS-Bataillon Panzer und SPW der 7. Panzerbrigade der britischen Rheinarmee auf. Kommandiert wurden diese Truppen von Brigadegeneral Richard Worsley, der einige SPW direkt am Elbufer aufstellen ließ. Denn die Briten wollten als Besatzungsmacht ihre Präsenz demonstrieren und notfalls, so meint jedenfalls Shears, Feuerschutz geben. Außerdem meinten die britischen Militärs, Müller –ihr ehemaliger Gegner im Sand von Nordafrika – müsse unter Kontrolle gehalten werden. Der war kurz vor Beginn der Aktion im Hubschrauber nach Gorleben geflogen. Müller kam aus der Eifel. Im dortigen Regierungsbunker hatte er die ganze Nacht mit Bundesinnenminister Lücke konferiert. Und die Bonner Minister sollten auch den 18. Oktober in ihrem angeblich atombombensicheren Versteck erleben. Denn gerade und rein zufällig lief das Nato-Manöver „Fallex ´66“, das vom Szenario eines begrenzten Kernwaffenkrieges ausging, dessen Anlaß ein militärischer Zusammenstoß an der DDR-Grenze gewesen sein sollte.

Die große Schießerei blieb aus
Zu dem wäre es dann auch beinahe gekommen. Nachdem die „Kugelbake“ – mit dem britischen Offizier Freddy Hope sichtbar auf Deck und eskortiert von den Zollbooten „Lüchow“ und „Berlin“ – mehrfach bis an die Linie der DDR-Boote herangefahren war, eilten gegen 14.30 Uhr sechs Zoll- und drei Sturmboote sowie die zwei Pontons herbei. Sie versuchten, die kleineren Boote zu rammen, während drei „Alouette“-Hubschrauber über dem Schauplatz standen. Mit dem Druck ihrer Rotoren sollten sie die kleineren Boote der DDR-Grenzer zum Kentern bringen oder zumindestens  in Richtung des östlichen Ufers drücken.

Ihnen flog nun ein Mi4-Hubschrauber der DDR-Grenztruppen entgegen. Und auch zwei britische „Whirlwind“-Helikopter, schußbereite Maschinengewehre in den offenen Seitentüren, überflogen den Ort.

Doch eine  Schießerei fand nicht statt, und es gab keinen Sieger, aber „Es hätte leicht einen dritten Weltkrieg auslösen können“, so Generalmajor Mike Strickland, der am 18. Oktober als ranghöchster britischer Militär in Gorleben anwesend war.

Wer sich heute in Rüterberg Reste der ehemaligen Grenzanlagen anschaut und das kleine Dorfmuseum im ehemaligen Schulhaus besucht, sollte auch um die „Schlacht auf der Elbe“ von 1966 wissen.

 

Die Elbe bei Hochwasser in der Nähe von Rüterberg. Im Hintergrund sieht man die Autobrücke bei Dömitz
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