Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Berlin ein Renaturierungsgebiet?

Der Staat kann eine internationale Metropole nicht dem Sumpf überlasssen

Die Karte, erstellt von der KWS Geotechnik GmbH, stellt den Grundwasseranstieg zwischen 1989 und 2011 dar. Hier geht es nicht um zu erwartende, sondern um bereits erreichte Grundwasserstände. Die hellblauen Flächen weisen einen Anstieg des Wassers um 50 Zentimeter bis 1 Meter aus, die dunkler blauen einen Anstieg um mehr als 1 Meter

Warum steigt in weiten Teilen Berlins das Grundwasser auf gefährliche Höhen? Diese Frage läßt sich nur mit einem Blick in die Geschichte beantworten.

Ursprünglich stand Berlin auf ziemlich feuchtem Grund. Zahlreiche Straßenbezeichnungen, die auf -damm enden, zeugen davon, daß man sich durch Sumpfgebiet bewegte. Das änderte sich in den Jahren nach 1870 recht gründlich. Die Einwohnerzahl und die industrielle Produktion nahmen in den folgenden Jahrzehnten einen enormen Aufschwung. Das hatte einen stetig wachsen- den Wasserbedarf zur Folge, den Berlin aus dem eigenen Stadtgebiet deckte. Der Grundwasserspiegel fiel deswegen kontinuierlich und erreichte um 1935 seinen tiefsten Stand.

Mit der Zerstörung großer Teile der Stadt im Zweiten Weltkrieg änderte sich die Lage dramatisch. Weniger Wasser wurde verbraucht, und das Grundwasser stieg ziemlich weit in Richtung des natürlichen Sumpfzustandes.

Doch etwa ab 1960 trat eine erneute Änderung ein. Die politisch geteilte Stadt stellte als Gesamtsiedlungsgebiet wieder eine Millionenmetropole dar. Der Wasserverbrauch der Bevölkerung beiderseits der Mauer folgte den Ansprüchen moderner Lebensgewohnheiten, zu denen Bäder, Duschen, Waschmaschinen und andere Gerätschaften gehörten. Im Osten war bei alledem der Wasserpreis so niedrig, daß er für die Bevölkerung keine Rolle spielte, was auch dem Grundwasserspiegel im Westen der Stadt zugute kam. Der Osten Berlins fungierte zudem als ein industrielles Zentrum der DDR. Auch im Westteil gab es zahlreiche wichtige Produktionsbetriebe, die zum Teil aus politischen Gründen in der Stadt gehalten oder angesiedelt wurden.

Der Grundwasserspiegel sank in dieser Zeit etwa auf das Niveau der 1920er Jahre.

So blieben die Verhältnisse bis in die 1990er Jahre. Die Zeit danach wirkte auf das Grundwasserniveau wie der Zweite Weltkrieg. Großbetriebe im Osten wurden „abgewickelt“, viele Produktionen im Westen stillgelegt. Mit der faktischen Deindustrialisierung Berlins verschwanden die größten Wasserverbraucher. Gleichzeitig ging der Wasserverbrauch der Bevölkerung stark zurück. Schuld daran ist nicht nur die Nutzung neuer, wassersparender Haushaltsgeräte, sondern insbesondere der  ökonomische Zwang, der auf die Verbraucher zum Wassersparen ausgeübt wird.

Einen ersten Sparschub gab es, als Anfang der 1990er Jahre der Westwasserpreis auch im Osten Berlins eingeführt wurde. Den zweiten Schub brachte die Teilprivatisierung der Berliner Wasserbetriebe im Jahr 1999, die zwei Großkonzernen als Anteilseignern Renditegarantien gab. Seitdem erlebte der Wasserpreis in Berlin einen Anstieg um 30 Prozent. Das Bundeskartellamt geht heute davon aus, daß er um bis zu 25 Prozent über der Billigkeitsgrenze liegt. In dieser Zeit wurden mehrere Wasserwerke geschlossen. Der Wasserverbrauch hat sich seit 1990 halbiert.

Ebenso zum Problem wurde der verantwortungslose Umgang mit vorhandenen Anlagen zur Ableitung von Schichtenwasser, zum Beispiel in Pankow. Zu DDR-Zeiten gepflegte Drainagen, die Wasser von privatem wie öffentlichem Land aufnahmen und in Gräben ableiteten, wurden zum großen Teil zerstört bzw. dem Verfall anheimgegeben. Weder das Land Berlin noch die Wasserbetriebe wollten Verantwortung dafür übernehmen. Zugleich machen sich Folgen des Klimawandels bemerkbar mit höheren Niederschlagsmengen und höheren Wasserständen der Spree. Selbst die Stillegung von Tagebauen im Lausitzer Braunkohlegebiet und deren Renaturierung als Seenlandschaft beeinflußt den Grundwasserpegel im Berliner Urstromtal.

Kann man da nichts machen? Ist Berlin diesen Entwicklungen hilflos ausgeliefert? Die bisher vorherrschende Meinung im Senat hat diese Frage bejaht. Die Verantwortung  für die Folgen siedlungsunverträglicher Grundwasserstände schob sie den Grundstückseigentümern zu. Doch das muß sich grundlegend ändern. Berlin ist eine Metropole von internationaler Geltung und kein Renaturierungsgebiet, das getrost wieder dem Sumpfe überlassen werden könnte. Die Stadt braucht ein landesweites Grundwassermanagement. Das Gemeinwesen muß das als seine Aufgabe begreifen – und auch finanzieren.

 

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