Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Spinat aus dem Tiergarten

Geschichten rund um den Reichstag (Folge 6): Nach dem Krieg blühte um den Reichstag der Gartenbau

Von Holger Becker



„Kürzlich kündigten wir unseren Lesern an, daß in Berlin jetzt eine fabrikmäßig hergestellte Blutwurst zum Verkauf gelangen würde, und heute können wir mitteilen, daß nun auch ein Pulver abgegeben wird, das nach sachgemäßer Zubereitung einen blutwurstähnlichen Aufstrich ergibt.“ Für die in der stark zerstörten Stadt verbliebenen Einwohner war es eine wichtige Nachricht, was da am 25. August 1945 in der Berliner Zeitung stand. Das sowjetisch lizensierte Blatt, das nach dem 8. Mai als erste deutsche Zeitung in der alten Reichshauptstadt erscheinen konnte, stellte die Ausgabe des Blut-wurstersatzes „Hämosil“ schon für die „nächsten Tage“ in Aussicht. 150 Gramm sollten pro Kopf „auf Nährmittelabschnitt“ ausgereicht werden.

Die Jagd nach Eßbarem gehörte nicht nur in diesen Monaten nach dem Krieg, sondern über Jahre zu den Hauptbeschäftigungen der „kleinen Leute“ in Berlin. Alles war knapp –Brot, Wurst, Fleisch und vor allem Gemüse. Im nahen Oderbruch, das der Hauptstadt zuvor eine Million Tonnen Gemüse pro Jahr geliefert hatte, stand das Unkraut nun mannshoch.

So tauchte schon früh die Frage auf, ob die zuvor aus den Provinzen versorgte Metropole selbst mehr für ihre Ernährung tun könne. Immerhin sei die „Zahl der anbaufähigen Flächen innerhalb Groß-Berlins ungleich größer als man vermutet“, hatte schon am 17. Juni die Berliner Zeitung verkündet und sich für die Anlage von „Kleinstgärten“ in Vorgärten und Höfen stark gemacht.

Die ersten Spinaternten auf den von Schutt gesäuberten Flächen seien „gut ausgefallen“, wußte das Blatt, das den im Gartenbau überwiegend unerfahrenen Berlinern die Gärtnertips gleich mitlieferte: Noch sei es nicht zu spät, weitere Kulturen anzulegen: „Pflücksalat, Kresse und Radieschen benötigen bis zur Ernte nur kurze Zeit.“ Ferner sei „das Auspflanzen von Herbstkohlrabi und Grünkohl zu empfehlen“.

Schließlich kam es zu einer „Sofortaktion“ des Magistrats, der zur „Urbarmachung jedes unbenutzten Streifen Landes in Berlin“ aufrief. Im Grunewald wurden nun Kohlfelder angelegt, im Wedding 80.000 Pflanzen an Kleingärtner übergeben. Auch an „Schulungsgärten“ war gedacht, die „richtige und falsche Bearbeitung und Pflege“ demonstrierten.

Doch auf einen warmen Sommer folgte ein harter Winter. Er verschärfte die Not. Zum Mangel an Lebensmitteln gesellte sich die Knappheit an Heizmaterial. Viele Berliner machten sich nun zum Holzeinschlag auf. Zum bevorzugten Ziel wurde der Tiergartenpark in der Nähe des Reichstags. Dieses Refugium inmitten der großen Stadt hatte bereits unter den alliierten Luftangriffen stark  gelitten, mehr noch unter den Kämpfen im Frühjahr 1945.

Für die Verteidigung des zur Festung erklärten Reichstages hatten Wehrmachts- und SS-Verbände quer durch den Tiergarten Schützengräben und Panzersperren angelegt, um aufzuhalten, was längst nicht mehr aufzuhalten war. Die erbitterten Kämpfe ließen nicht viel übrig von dem einst prächtigen Tiergarten, den Georg Wenzeslaus von Knobelsdorff ab 1740 unter dem „Anspruch eines „Lustparkes für die Bevölkerung“ gestaltet hatte. Sämtliche Brücken und zahlreiche der berühmten Denkmäler waren zerstört oder beschädigt. Nur die Gewässer des Parks blieben intakt, wenn auch zu großen Teilen verschlammt und verschüttet. Der erste Nachkriegswinter machte nun den meisten der erhalten gebliebenen Bäume den Garaus. Von den einst 200.000 Bäumen der verschiedensten Arten blieben letztlich nur 700 auf ihren Wurzeln. 

Was sollte mit dem weitläufigen Areal geschehen? Die im Juli 1945 vom Magistrat beschlossene Wiederherstellung des Tiergartenparks erwies sich als vorerst illusorischer Wunschanbauplan. Im April 1946 beschloß die Stadtverwaltung deshalb, aus dem fast abgeholzten Gelände Kleingartenland zu machen. Berliner nutzten nun auch das Gelände am Reichstagsgebäude, um ihre dürftigen Lebensmittelrationen ein wenig mit dem Anbau von Kartoffeln und Gemüse aufzubessern. Aus Ruinenresten errichteten sie kleine provisorische Gartenlauben, aus alten Bettstellen und Steinbrocken die unvermeidlichen Zäune. 2.500 Mini-Parzellen gab es dort. Sie lieferten pro Ernte insgesamt bis zu 20 Tonnen Gemüse oder Kartoffeln.

Noch bis 1950 wurde im Tiergarten der Gartenbau betrieben. Er half nicht wenigen Berlinern beim Überleben. Doch selbst nach der Teilung der Stadt blieb ein Teil des Geländes der Landwirtschaft erhalten: Am Reichstag wuchs Grünfutter für Westberliner Milchkühe.

Die Wiederaufforstung des Tiergartens hatte schon im Mai 1950 begonnen. Er sollte ein naturnaher Waldpark und Erholungsgebiet für die Bevölkerung in der unmittelbaren Umgebung werden. Doch bevor die Neuanpflanzungen begannen, mußten  350 Tonnen Metallschrott und 1.500 Tonnen Trümmerschutt abgefahren werden. Tausende „Notstandsarbeiter“ wurden dafür eingesetzt. Neben den neuen Bäumen, Sträuchern und Stauden legten sie auch insgesamt 35 Kilometer Wege neu an. Obwohl sich der Park nun zu erholen begann, blieb es für die Berliner auch bis spät in die Fünfziger Jahre hinein kein außergewöhnliches Bild, wenn im Tiergarten Schafherden grasten.

 

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