Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Sanierung beschleunigen!


Für kostengünstige, flächendeckende Energie-Lösungen in den Siedlungsgebieten

Das Wort des Jahres 2011 müßte „Energieeffizienz“ heißen. Politische Sonntagsreden betonen nahezu täglich,  daß rund 40 Prozent des Gesamtenergiebedarfs in Deutschland für Heizen und Warmwasserbereitung im Gebäudebereich eingesetzt würden, daß hier ein außerordentlich hohes Energieeinsparpotential bestünde. Etwa drei Viertel der Wohngebäude im Bestand seien älter als 30 Jahre, überwiegend sogar deutlich älter. Jährlich würden 1 Prozent von ihnen energetisch ertüchtigt, eher weniger als mehr. Ein Einfamilienhaus energetisch umfassend zu sanieren, kostet bis zu 70.000 Euro. Es können aber auch mehr als 100.000 Euro werden, wenn z. B. Geothermie genutzt werden soll. Von der Politik werden die Eigenheimer ebenso wie die Wohnungseigentümer sich selbst überlassen. Die Mehrzahl von ihnen verfügt aber nicht über die erforderlichen finanziellen Mittel und hat auch keine Chance, diese in Gestalt von Verkehrswerterhöhung oder Energiekosteneinsparung in vertretbaren Zeiträumen erwirtschaften zu können. Selbst die hochgelobten KfW-Kredite sind ihnen meist nicht zugänglich.

Die systematische energetische Sanierung der Siedlungsgebiete mit mehr als 12 Millionen Eigenheimen und einer großen Zahl von Eigentumswohnungen hat im Bestand und in der Fläche noch immer nicht begonnen. Ohne die erfolgreiche Lösung dieser gigantischen Aufgabe ist aber die notwendige hohe Energieeffizienz im Wohngebäudebereich nicht zu erreichen. Was muß sich ändern?

- 1. Die staatliche Energiepolitik muß einen Paradigmenwechsel vollziehen: Anstatt  Monopol der Netzagentur, Gewinnmaximierung der Aktionäre von Stromkonzernen, Herstellern und Betreibern von Windkraft-, Solar- sowie Biogasanlagen, von energieintensiven Industrien durch massives Hochtreiben der Strompreise für die Bevölkerung muß eine größtmögliche logistische und finanzielle Unterstützung der Eigenheim- und Wohnungseigentümer bei der energetischen Ertüchtigung ihrer Immobilien erfolgen und dies ohne Beschränkungen (wie Förderung bis Baujahr 1994, Nichtzulassen bzw. -fördern von Teilsanierungen) sowie ohne ordnungspolitische Drohkulisse (wie Schornsteinfeger als Kontrolleure). Bund, Länder und Kommunen müssen die flächendeckende energetische Sanierung der Siedlungsgebiete in Richtung Niedrigenergiehausniveau wollen und praktische Schritte zur Lösung dieser Aufgabe gehen, wozu sie bislang nicht bereit sind.

- 2. Es muß im Wohngebäudebereich, in Sonderheit für die Siedlungsgebiete generell „in der Fläche gedacht und gehandelt“ werden, um ineffizienten energetischen Wildwuchs aus suboptimalen Einzellösungen zu beenden, architekturbezogene kostengünstige Bestlösungen in der Breite zu realisieren,  Effizienzgewinne aus Flächenlösungen wie dezentraler Strom- sowie Nahwärmeerzeugung zu nutzen, regenerative Energien trotz erheblicher Restriktionen im höchstmöglichen Umfang einzusetzen. Bislang bevorzugen Bund, Länder und Kommunen Einzelgebäudelösungen mit Vorzeige- und Alibifunktion.

- 3. Die Kommunen müssen ihre Verantwortung für die flächendeckende energetische Ertüchtigung der in ihrem Territorium gelegenen Siedlungsgebiete erkennen, anerkennen und wahrnehmen. (Berlin u. a. für Deutschlands größtes zusammenhängendes Siedlungsgebiet mit rund 40.000 Gebäuden). Das reicht von der Erarbeitung flächenbezogener Sanierungskonzepte, über die längerfristige firmenunabhängige Koordinierung, Steuerung und gebäudebezogene/-übergreifende Begleitung der Sanierungsmaßnahmen bis hin zum Nachweis des er-reichten Sanierungsergebnisses und dies alles bei maximal möglicher Mitwirkung und Unterstützung der Gebäudeeigentümer. Bislang verweigert sich die überwiegende Mehrzahl der Kommunen dieser Verantwortung.

- 4. Für die energetische Sanierung von Siedlungsgebieten im Bestand und in der Fläche muß gezielt konkretes, verallgemeinerungsfähiges Führungs- und Fachwissen aus der Praxis für die Praxis, unmittelbar aus praktischer Tätigkeit in den Siedlungsgebieten, generiert werden, u. a. zu den architektur-, siedlungsstruktur- sowie eigentümerbezogenen Möglichkeiten und Grenzen der energetischen Ertüchtigung, zur Höhe und zur Gestaltung einer optimalen indi-viduellen objektbezogenen finanziellen Förderung, zur Auswahl der den fortgeschrittenen Stand der Technik bestimmenden, breit einsetzbaren Heizsysteme, Dämmungen etc. Ein solches Know How ist bundesweit bislang nicht vorhanden.

- 5. Es muß für den Bereich des überwiegend selbstgenutzten Wohn- und Wohnungseigentums ein großzügiges, über Jahrzehnte  verläßliches, objektbezogenes (individualisiertes), real zugängliches staatliches Förderprogramm (vermutlich im dreistelligen Milliardenbereich) aufgelegt werden. Sämtliche bisherigen KfW-Förderprogramme einschließlich des jüngsten Programms „Energetische Stadtsanierung” sind dafür ungeeignet, weil sie die Erfordernisse, die Spezifik, die Dimensionen der Siedlungsgebiete sowie die demografischen Entwicklungen ignorieren.

- 6. Die Hersteller von Energiesystemen müssen hocheffiziente kostengünstige und breit einsetzbare technische Systeme für Siedlungsgebiete entwickeln, anbieten und an deren flächendeckendem Einsatz mitwirken. Analog sind die Anbieter von Dämmsystemen, Fenstern etc. gefordert. Gebäude- und firmenübergreifend optimierte und standardisierte Systeme für Siedlungsgebiete fehlen.    

- 7. Die Industrie- und Handelskammern sowie die Handwerkskammern müssen sich dafür engagieren, daß die benötigten Gewerke für die flächendeckende energetische Sanierung der Siedlungsgebiete im Bestand befähigt werden und über eine wirksame Qualitätssicherung verfügen, die Baumängel grundsätzlich ausschließt. Bislang sind keine Initiativen bekannt, die eine flächendeckende Qualitätssicherung energetischer Sanierungsmaßnahmen beinhalten.

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