Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Alter Fritz und frisches Gemüse

Preußenkönig Friedrich II. und seine Spuren im Märkischen Sand



Weit ins Land reicht der Blick, wenn man auf den Höhen bei Reitwein oder bei Falkenberg ins Oderbruch hineinschaut. Saftig sind die Wiesen in der von Gräben durchzogenen Landschaft. Prächtig gedeihen Möhren, Kohl, Sellerie und Zwiebeln auf dem fruchtbaren Boden, der seit langem als „Gemüsegarten der Berliner“ dient.

Früher war es mal anders. Da stand bis in den Juni das Wasser in der Region. Die wenigen Bauern erreichten ihre höhergelegenen Gehöfte nur mit dem Kahn. Und Fremde trauten sich kaum in die sumpfige Landschaft, über der sommers riesige Schwärme blutgieriger Mücken summten.

Den Fortschritt hin zum heutigen Zustand brachte das 18. Jahrhundert. Zu verdanken haben wir ihn zehntausenden fleißigen Menschen und einem Mann, der von 1740 bis zu seinem Tode 1786 als König Preußen regierte: Friedrich II. Viele nennen ihn, obwohl er vom Perückenscheitel bis zur Stiefelsohle nur 1,65 Meter maß, Friedrich den Großen. Und eingebürgert hat sich auch die Bezeichnung „Alter Fritz“.

Wie auch immer: Seinem politischen Willen ist es geschuldet, daß ab 1747 ernstgemacht wurde mit dem Eindeichen und Trockenlegen des Oderbruchs. Über ein System von Gräben fließt seitdem das von unten an die Erdoberfläche drückende Wasser ab. 32.500 Hektar Ackerland wurden so gewonnen, auf dem der Preußenkönig eine Bevölkerung ansiedeln ließ, die aus damaliger Sicht multikulturell genannt werden darf. Neue Siedler kamen aus Hessen, Mecklenburg, Sachsen, der Pfalz und Württemberg, aber auch Österreich und der Schweiz.

Wenn in diesem Jahr des 300. Geburtstages von Friedrich II. gedacht wird, der ganz bestimmt als der berühmteste unter den gewesenen deutschen Fürsten gelten muß, sollten seine Verdienste um das Oderbruch nicht vergessen sein. Johann Wolfgang Goethe immerhin, der nach eigener Aussage als Teenager „fritzisch gesinnt“ war, läßt der Deutschen Nationaldrama „Faust“ mit dem Versuch seines Titelhelden enden, ein riesiges Sumpfgebiet trockenzulegen. Warum sollte er dabei ausgerechnet nicht an den Preußenkönig gedacht haben, dessen Bild in der Geschichte ansonsten durchaus umstritten ist.

Die einen sehen in ihm einen Modernisierer des Staatswesens, der in Sachen Toleranz und aufgeklärter Freigeistigkeit zu seiner Zeit den guten Ton angegeben habe. Andere folgen dem Dichter Gotthold Ephraim Lessing, der Preußen 1769 als das „sklavischste Land von Europa“ titulierte. Die einen sehen in Friedrich II. ein militärisches Genie, ja fast den Schlachtengott persönlich – so wie es Kaiser Napoleon Bonaparte tat, der sich nach der Einnahme Potsdams durch die siegreichen Franzosen 1806 einen Degen des Preußenkönigs als schönstes Souvenir mitnahm. Andere, zu denen der gealterte Fritz sogar selbst gehörte, warfen ihm die Vergeudung von Menschenleben durch unverzeihliche militärische Fehler vor. Die einen sehen in ihm den großen Förderer von Musik und Literatur, der selbst auf der Querflöte musizierte und mit dem großen französischen Aufklärer Voltaire korrespondierte. Andere hingegen werfen das Licht vor allem auf Friedrichs Ignoranz gegenüber der deutschen Kultur, die ihn zur Verachtung der Künstler aus den heimatlichen Gefilden führte.

Wie uns Jürgen Luh in seiner kürzlich erschienenen Biographie vorführt, war das Sinnen und Trachten des Preußenkönigs massiv darauf gerichtet, das Bild vorzuprägen, welches sich die Nachwelt von ihm machen würde. So betätigte er sich als ein großer PR-Stratege, plante mit Sorgfalt seinen Nachruhm, ja provozierte ganz bewußt seine Bezeichnung als „Friedrich der Große“. Daß er unter den Fürsten seiner Zeit einer der wichtigsten war, ist aber kaum zu bezweifeln, da Preußen unter seiner Regentschaft zu einer europäischen Macht aufstieg, ohne die keine Rechnung mehr zu machen war.

Wer in der berlinisch-brandenburgischen Region unterwegs ist, stößt unweigerlich auf Friedrichs Spuren. Und das nicht nur in Potsdam, Berlin oder Rheinsberg. Das Oderbruch nannten wir schon, wo in Letschin ein Denkmal an den König erinnert. Man könnte auch die Kartoffeläcker nennen, die es in Brandenburg erst seit der Zeit Friedrichs II. gibt. Der Anbau der nahrhaften Erd-äpfel hat seitdem wahrscheinlich einige Hungersnöte verhindert, wobei der Alte Fritz nach neuerer Erkenntnis gar nicht der große Kartoffelpropagandist war, als der er oft hingestellt wird.    

H.B.

Jürgen Luh: Der Große. Friedrich II. von Preußen. Siedler Verlag, München 2011, 288 Seiten, 19,99 Euro

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