Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Strom für den Süden durch den Osten?

Von Christian Gräff, Bezirksstadtrat in Berlin-Marzahn/Hellersdorf

In den kommenden Monaten wird uns eine Frage sicher beschäftigen: Wo kommt die Energie der Zukunft her? Nach der Abschaltung von sechs Atomkraftwerken im Süden Deutschlands stellt sich die Frage nach einem sinnvollen Energiemix, bei dem mit Sicherheit die Windenergie eine große Rolle spielen wird. Mit dieser Form der Energiegewinnung wird aber auch die Frage stehen „Wie kommt diese Energie zu den Abnehmern?“. Denn die Abnehmer sind keinesfalls geographisch gleichmäßig verteilt bzw. besonders dort angesiedelt, wo der Strom aus Windkraft erzeugt wird.

Weil überproportional viele Kraftwerkskapazitäten im Süden fehlen, von der Küste her aber Windenergie hereindrückt, entsteht in den Überlandleitungen nun ein „Stromsog“ Richtung Süddeutschland. Und da im Süden Deutschlands für die Industrie viel Energie benötigt wird, aber in den ostdeutschen Ländern die Stromabnahme durch die Industrie kaum mehr eine Rolle spielt, werden die neuen Bundesländer wohl unter dem Ausbau gleich zweimal zu leiden haben: Verspargelung der Landschaft durch Windräder und viele zusätzliche Überlandleitungen.

Der starke Ausbau von Windenergie an der Küste und im Meer hat die Übertragungsnetze in den letzten Jahren an den Rand ihrer Leistungsfähigkeit gebracht.

Zum Abtransport der Energie müßten dringend mehr Höchstspannungsleitungen geschaffen werden. Nach einer Studie der Deutschen Energieagentur (Dena) müßten bis zu 3.600 Kilometer neue Trassen für 380.000-Volt-Kabel her, um den norddeutschen Windstrom bundesweit verteilen zu können.

Für Grundstücksbesitzer und Häuslebauer ist dies nicht nur mit einem Wertverfall, sondern womöglich auch mit gesundheitlichen Gefahren verbunden.

Auch deswegen bedarf es massiver Investitionen in Wissenschaft und Forschung für die Speicherung von Energie.

Völlig inakzeptabel wäre ein Ausbau der Netze auf dem Rücken der Bürgerinnen und Bürger im Beitrittsgebiet, die noch immer mit sinkenden Grundstückspreisen, Erschließungsbeiträgen und Restitutionsansprüchen zu kämpfen haben, aber nur wenig Energie abnehmen. Und bis heute unter einem nie dagewesenen Abbau von Industrie und damit vor allem Arbeitsplätzen leiden. Vielmehr sollte von den Gewinnen, die vornehmlich im Süden Deutschlands auch mit Hilfe des Stroms aus dem Norden erzielt werden, etwas zurückfließen. In die Länder, wo die Energie gewonnen und Wege für deren Transport bereitgestellt werden. Stattdessen klagen gerade die südlichen Bundesländer gegen den föderalen Finanzausgleich.

Das ist eine Frage der sozialen Gerechtigkeit, wieder einmal im übrigen der Gerechtigkeit zwischen Ost und West.

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