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Napoleon des Nordens

Der Politiker Olof Palme in einer neuen Biographie

Olof Palme (1927 bis 1986) ist wahrscheinlich immer noch der bekannteste schwedische Politiker. Seinen Grund hat das vor allem in dem Mord an ihm, der nie aufgeklärt worden ist. Am Abend des 28. Februar 1986 wurde Palme erschossen, nachdem er, der Ministerpräsident Schwedens, zusammen mit seiner Frau Lisbet im Kino Suzanne Ostens Film „The Mozart Brothers“ gesehen hatte. Das Ehepaar war gerade auf dem Wege zur U-Bahn.

Warum Palme ermordet wurde und wer dahinter stecken könnte? Der Stockholmer Journalist Henrik Berggren hat diese Fragen weitgehend beiseite gelassen in seiner Olof-Palme-Biographie, in der er sich, wie es sich für das Genre gehört, auf das Leben seines Haupthelden konzentriert. Und dieses Leben ist erstaunlich.

Palme entstammt einer Familie von Großbürgern und Adligen, die seinerzeit den Konkurrenz-Clan zu jenen Wallenbergs darstellten, die noch heute das Wirtschaftsleben bei unseren nördlichen Nachbarn prägen. Dennoch wurde Palme Sozialdemokrat. In seinen jungen Jahren wirkte Palme, ziemlich offensichtlich mit Geld der CIA, führend darin mit, die internationale Studentenbewegung zu spalten und so auf diesem Felde den Einfluß der Sowjetunion und ihrer Verbündeten einzudämmen, vor allem in der Dritten Welt. Dennoch entwickelte sich Palme zu einem scharfen Kritiker des Kriegs der USA in Vietnam, was ihm in den USA den zeitweiligen Status einer Persona non grata, in vielen Ländern der Dritten Welt aber viel Respekt einbrachte, zumal er sich weiterhin für das Selbstbestimmungsrecht der kleinen Nationen einsetzte (welch aktueller Gedanke übrigens angesichts gegenwärtiger Mißachtung nationaler Souveränitäten durch Killer- und Aufstandsherbeiführungskommandos fremder Mächte).

Als Privatmensch hielt Palme auf Familie, mit der ein Reihenhaus in einem Stockholmer Vorort bezog. Dennoch liebte er Provokationen, zu denen sein Auftritt in Vilgot Sjömanns sozialrealistischem Film „Ich bin neugierig (gelb)“ 1967 gehörte, der international vor allem wegen seiner für die damalige Zeit freizügigen Sexszenen bekannt und in Norwegen und Finnland sogleich verboten wurde.

Widersprüche erzeugen Spannung. Und Berggrens Buch lohnt sich allein deswegen. Gewinn bringt aber auch die Beschäftigung mit der philosophischen Dimension des Olof Palme. Er und die die schwedischen Sozialdemokraten seines Schlages setzten darauf, daß Freiheit und Staat kein Gegensatzpaar darstellen, sondern daß Freiheit, verstanden als Wahlfreiheit für alle, nur über den Staat herzustellen sei: über sozialpolitische Verbesserungen, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Bildung, gute Gesundheits- und Altenfürsorge. Nur so, meinte Palme, würden die Menschen „unabhängiger von wirtschaftlichen Interessen, die sie selbst nicht kontrollieren können”. Bei Palme ist das aber gekoppelt mit dem Gedanken, daß der Staat, der für seine Leistungen ein hohes Maß an finanziellen Abgaben verlangt, möglichst wenig gängelnd in das Leben der Menschen eingreifen solle. So fallen nicht zufällig in Palmes erste Amtszeit als schwedischer Premier von 1969 bis 1976 eine Liberalisierung des Scheidungsrechts, die Aufhebung der Unterhaltspflicht zwischen Erwachsenen und die Legalisierung der Pornographie. Als tatsächlicher Reformer hat er sich den Titel verdient, den ihm Der Spiegel schon 1969 im Vorgriff verlieh: „Palme – der Napoleon des Nordens“.

Die Beschäftigung mit Olof Palme 25 Jahre nach seiner Ermordung muß also keine rein historische sein. Und die Frage nach den Gründen für das Verbrechen an ihm wird bestimmt bald wieder andere Autoren beschäftigen.

Holger Becker

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