Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Windmühlen auf der Alb?

Wenn es ernst wird mit dem Ausstieg aus der Kernkraft. Notizen auch zu Büchern


Von Holger Becker

Wird es auf den Kuppen der Schwäbischen Alb oder auf den Höhenzügen des Schwarzwaldes bald so aussehen wie in der Uckermark, wo eine der herrlichsten Landschaften Deutschlands ein zunehmend unschönes Bild bietet? Das anmutig hügelige Gelände mit seinen Feldern, Wiesen, Wäldern und Seen im Nordosten der Republik präsentiert sich dem Betrachter heute vollgepflastert mit monströsen Windrädern, die an der Spitze ihrer Flügel meistens eine größere Höhe als das Ulmer Münster erreichen, mit 161,53 Metern bekanntlich der höchste Kirchturm der Welt. Viele Durchreisende auf der Autobahn A 20 registrieren inzwischen mit Grausen diesen Zustand, der aber vor allem für die Einheimischen eine Zumutung ist (unser Foto). Landschaftszerstörung à la Uckermark, wo jetzt auch die Wälder sogenannte Windparks aufnehmen sollen, müßte aber die Konsequenz sein, wenn der Slogan „Atomkraft, nein danke!“ zur allgemeinen Handlungsmaxime wird. Gerade in Baden-Württemberg, wo die Grünen mit dieser Parole die letzte Landtagswahl gewannen. Auf den Höhenzügen der Mittelgebirge dieser Region bläst der Wind besonders kräftig.

Der Energiebedarf dort, wo man angeblich außer Hochdeutsch alles kann, ist besonders hoch. Fast 15 Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Bundesrepublik werden in Baden-Württemberg erbracht, nur rund 2 Prozent liefert Brandenburg. Bei der Windkraft ist es genau umgekehrt, hier verfügt Brandenburg über eine installierte Leistung von 4159 Megawatt, während Baden-Württemberg auf mickrige 454 Megawatt kommt.

Da ist es doch sinnvoll, den „Öko-Strom“ dort zu gewinnen, wo er am meisten gebraucht wird. Das spart lange Übertragungswege, die nicht nur zu hohen Leitungsverlusten, sondern auch zu weiteren Belastungen für Mensch und Natur führen. So wie derzeit in der Uckermark, wo der Vattenfall-Konzern eine 380-Kilovolt-Freileitung bauen läßt, die aus der Nähe Prenzlaus bis vor die Tore Berlins führt.

Doch wie wird es ausgehen, wenn es in Schwaben um konkrete Antworten auf konkrete Fragen geht? Derzeit kompensiert man – vollkommmen protestfrei – auch dort die nach der Abschaltung einiger Kernkraftwerke fehlenden Kapazitäten mit dem Import von Atomstrom aus grenznahen Kraftwerken in Tschechien und Frankreich. Doch bald könnte die Perspektive von Windmühlenwäldern nicht mehr nur ein Problem sein, mit dem sich die Leut´ weit hinten in der Fasttürkei auseinandersetzen müssen. Windkraft wird dann auch in Hupfingen, Tupfingen und Mupfingen keine Thema der bloßen Geldanlage mehr sein, für die man Renditen von bis zu 8 Prozent einstreicht, gewonnen mit dem hochsubventionierten Strom aus Anlagen, die in Pötzlow, Wötzlow oder Mötzlow stehen und die man nie zu Gesicht bekommen wird. Vielmehr geht es dann um Riesenmaschinen, die vor der eigenen Haustür aufgebaut werden sollen, die das gewohnte Bild der unmittelbaren Heimat zerstören, die kilometerweit hörbaren Lärm, aber auch schädliche Schallwellen im tieffrequenten Bereich erzeugen, die massenhaft Vögel töten und Touristen vergraulen, die am Tage Schatten werfen und in der Nacht mit ihren Lichtern den Sternenhimmel verblitzen, die nicht zuletzt geeignet sind, jahrzehntelange Schaffe-schaffe-Häusle-baue-Anstrengung zu entwerten.

Denn Wohngrundstücke in der Nähe von Windparks verlieren enorm an Wert. Sie lassen sich, wenn überhaupt, nur zu sensationell niedrigen Preisen verkaufen. Das haben Grundstückseigentümer im Osten schon bitter erfahren.

Die Dimension des Problems in Baden-Württemberg läßt sich schon ahnen angesichts der großen Proteste, auf die ein geplantes Pumpspeicherwerk am Schluchsee im südlichen Schwarzwald trifft. Solch ein Werk ist im Augenblick die einzige Möglichkeit, in großem Maß Energie zu speichern, die Windräder oder auch Solaranlagen erzeugen, um sie abrufen zu können, wenn der Wind nicht weht und die Sonne nicht scheint und die fehlende Energie aus Kernkraftwerken oder Anlagen bezogen werden muß, die fossile Energieträger verbrennen. Der massive Widerstand gegen das Projekt führt Argumente ins Feld, die zweifellos stimmen: Solch ein Kraftwerk zerstört Natur und Landschaft, vertreibt auch Touristen. Das aber gilt genauso für Windparks – nur hat es in Baden-Württemberg bisher kaum jemand am eigenen Leibe erfahren. Aber wenn das Ländle entsprechend seinem Energieverbrauch öko-energetisch aufrüsten will, dann darf kaum ein Berg oder Hügel als Windradheimstatt ausgelassen werden – falls die Diskussion nicht noch eine ganz andere Richtung nimmt.

Und zwar diese: Man könnte doch den Osten quasi zu Deutschlands Öko-Kraftwerk machen, das heißt, noch viel größere Teile der Landschaft mit Windrädern und Solarkraftwerken belegen. In größeren Teilen der Bevölkerung des Südwestens ände man das sicher nur zu gerecht und sähe es vielleicht sogar als Akt der Entwicklungshilfe an. Immerhin geht es ja um jene Schwestern und Brüder, die man, so das Bewußtsein bei vielen, seit 20 Jahren mit durchfüttern muß. Und die Übertragungsverluste, ja, die müssen dann eben sein. Die Rendite der eigenen Geldanlage in die Windkraft Ost werden sie schon nicht schmälern.

Zu übel gedacht, zumal in diesen Zeiten? Immerhin sind es doch die Grünen und ihre Wähler, bei denen Moral und Ethik Dauerthema zwischen Frühstück und Abendbrot sind? Es lohnt hier ein Blick auf die jüngere Geschichte und einige Ergebnisse der Soziologie sowie Konfliktforschung.

Als die Bündnisgrünen mit der SPD die Bundesregierung stellten, haben sie als Partei ihre Rücksichtslosigkeit bewiesen. Unter Gerhard Schröder und Joseph Fischer zogen Deutsche erstmals wieder in den Krieg – um Jugoslawien zu bombardieren. Und auf das Konto der Grünen gehen genauso die sog. Hartz-Gesetze, die den tiefsten unsozialen Einschnitt in der Geschichte der Bundesrepublik gebracht und seitdem Millionen Deutsche in den Zustand existentieller Unsicherheit versetzt haben – was bis weit in die Mittelschichten reicht und dort auch Eigentum an Haus und Hof gefährdet bzw. nicht selten schon vernichtet hat. Seit die asoziale Politik der Schröder/Fischer-Regierung Wirkung zeigte, schnellte die Zahl der Zwangsversteigerungen von Häusern und Wohnungen bundesweit in die Höhe – von 52.800 im Jahr 1999 auf 92.577 im Jahr 2005. Im Jahr 2010 waren es immer noch 82.208 Objekte, die unter den Hammer des Zwangsauktionators kamen. Und betrachtet man die Sache im partiellen Ost-West-Vergleich, dann ist die Zahl der wangsversteigerungstermine pro 100.000 Einwohner auch heute noch in Sachsen vier Mal so hoch wie in Baden-Württemberg, obwohl die Wohneigentumsquote in Sachsen nur 38 Prozent, in Baden-Württemberg aber 62 Prozent beträgt.

Die heutige Wählerschaft der Grünen zeigt sich relativ unbeeindruckt von solchen Leistungen ihrer Lieblingspartei. Es sind die beiden obersten Einkommensfünftel die – im Unterschied zu früheren Zeiten – überdurchschnittlich häufig die Grünen wählen. Angehörige der unteren drei Fünftel, Rentner, Arbeiter oder Arbeitslose hingegen finden sich kaum drunter. Laut dem Parteienforscher Franz Walter sind die Grünen jetzt so, „wie die Grünen 1983 die CDU beschrieben haben: furchtbare Bürger, elitär, selbstgefällig“. Beziehungsweise ihr Prototyp sieht so aus, wie ihn Jens Berger in dem Internetblog ww.nachdenkseiten.de schildert: „die Zahnarztfrau, die ihre Kinder mit einem SUV, auf dessen Heck ein Atomkraft-Nein-Danke-Aufkleber prangt, in die Privatschule fährt und für die Multi-Kulti zuvörderst der Einkauf von Bio-Gemüse beim türkischen Lebensmittelhändler ist.“

Eine „Volkspartei“, zu der sie derzeit medial hochgeplappert werden, sind die Grünen somit keinesfalls. Aber es wird ein beachtenswerter Teil ihrer Mitglieder, Anhänger und Wähler unter Befunde fallen, die der inzwischen 9. Band der Suhrkamp-Reihe „Deutsche Zustände“ ausbreitet. Wilhelm Heitmeyer, Konfliktforscher aus Bielefeld und Herausgeber dieses Sammelbandes, beschäftigt sich dort mit Tendenzen der Entsolidarisierung, wie sie sich unter dem Einfluß der Wirtschafts- und Finanzkrise gezeigt haben. Trotz einer beispiellosen Umverteilung von unten nach oben, hält Heitmeyer ls Ergebnis empirischer Untersuchungen fest, fühlten sich immer mehr Personen mit hohem Einkommen ungerecht behandelt. Ein Aspekt der Gesellschaftskrise sei die fortschreitende Entsolidarisierung. Diese komme „vor allem in der schwindenden Bereitschaft der oberen Einkommensgruppen zum Ausdruck, schwache Gruppen zu unterstützen“.

Dies deckt sich mit Erhebungen aus dem Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung, nach denen das Interesse der Grünen-Wähler, die zu über 50 Prozent weiblich sind, meistens über ein Abitur verfügen und in Großstädten wohnen, an sozialen Fragen eher gering ausfällt. Sogar die Friedenserhaltung, die früher zum Kern des grünen Selbstverständnisses gehörte, ist in dieser Klientel so gut wie kein Thema mehr (Wochenbericht des DIW Berlin Nr. 12/2011). Nicht ohne Grund offenbar spricht Ex-Grüne Jutta Ditfurth über die Wähler ihrer früheren Partei von einer „verrohenden“ oberen Mittelschicht (spiegel-online.de vom 20. Februar 2011). Und die nimmt, wie gesagt, auf alles weiter unten wenig Rücksicht. Das zeigt sich beim gewissensberuhigenden Klimaschutz-Aktionismus der Grünen, die am liebsten jeden kleinen Hauseigentümer zu äußerst kostspieligen und für die meisten zu teuren energetischen Maßnahmen zwingen möchten.

Und das erweist sich sogar im Sprachgebrauch. Noch in Erinnerung ist das „Klasse statt Masse“ der Renate Künast, einer Forderung an die landwirtschaftliche Produktion, bei der Friedrich Nietzsche und ein elitäres Bewußtsein lautstark grüßen ließen – in Zeiten, da Suppenküchen und Tafeln, wo Bedürftige Lebensmittel umsonst bekommen, erheblichen Zulauf haben. Im Gutsherrenton unterscheidet es sich kaum von Thilo Sarrazin, der das Grünen-Wort mühelos adaptierte, um seine Anforderungen an die Einwanderung nach Deutschland zu formulieren. Sarrazin möchte nämlich nur Einwanderer sehen, die sich Künasts teures Bio-Gemüse oder Rindfleisch leisten können. Albrecht von Lucke spricht in seinem Beitrag für den Suhrkamp-Band – bezogen auf Sarrazin – von einem „Jargon der Verachtung“.

Die Diskussion um die Folgen des Ausstiegs aus der Kernkraft und auch der Verbrennung fossiler Stoffe wie Kohle und Öl wird erst richtig beginnen. Jenseits zum Teil begründeter, zum Teil aber auch diffuser Ängste vor der Energieerzeugung per Spaltung des Atoms, wird es dann um ausschließlich faßbare Dinge gehen. Was wird der Strom kosten? Was wird mit denen, die ihn nicht bezahlen können? Wo sollen die Anlagen stehen, die den Energiebedarf decken? Die Gefahr ist groß, daß der Osten dabei unter die Räder kommt. Seine Einwohnerschaft gehört nämlich, will man Heitmeyers Erkenntnisse darauf anwenden, zu den „schwachen Gruppen“, die mit schwindender Unterstützung rechnen müssen. Das kann zum sozialen GAU führen, zum größten anzunehmenden Unfall mit Strompreisen, die dort zunehmend weniger Menschen bezahlen können, mit Mondlandschaften voller Windparks, die nur ein paar Verpächtern der Aufstellflächen Einnahmen bringen, mit verlassenen Häusern und Grundstücken, die niemand mehr haben will. Für den Osten jedenfalls heißt die Farbe der Hoffnung keinesfalls grün.

Hg. Wilhelm Heitmeyer: Deutsche Zustände – Folge 9 edition suhrkamp 2616, Suhrkamp verlag, Berlin 2011, 348 Seiten, 15 Euro

 

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