Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Schluß mit dem Mief im Wohngebiet

VDGN-Ehrenamtler in Berlin setzt sich für Anwohnerinteressen ein – und durch

Am östlichen Rand von Berlin, in Mahlsdorf, werden nicht nur die Verpackungsabfälle der Hauptstadt, sondern auch die aus Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern sortiert – bis zu 130 000 Tonnen pro Jahr. Den Inhalt der Gelben Säcke verarbeitet die Firma Alba Recycling GmbH in einer modernen Anlage und bereitet diesen zu Ausgangsstoffen für neue Flaschen, Tüten oder anderes auf. Wiederverwertung um die Umwelt zu schonen – seit zwei Jahren nun schon zum Leidwesen der Anwohner. Denn denen stinkt es gewaltig, besonders im Sommer. An warmen Tagen hängt ein säuerlicher, fauler Geruch in der Luft, begleitet von schwärmenden Schmeißfliegen. In der Bäckerei gegenüber der B1/B5 bleiben die Kunden weg, im Tankstellen-Shop wird das Snack-Angebot mitleidig belächelt – wer hat schon Appetit bei diesen „Wohlgerüchen“ und Fliegenscharen? 

Als Alba 2005 auf dem Gelände des ehemaligen „Rohstofferfassers“ SERO am Hultschiner Damm 335 die modernste Recyclinganlage Europas errichtete, gehörten Beschwerden der Anwohner zu den Ausnahmen. Der miese Geruch, der die Wellen der Empörung hoch schlagen ließ, lag erstmals 2009 in der Luft. Dafür sehr intensiv und über mehrere Tage. Anwohner und Geschäftsleute machten den Verursacher schnell aus: Alba. Sie beschwerten sich, mehrfach, eindringlich. Ohne Erfolg. Der Gestank kam immer wieder. Anneliese und Dieter Zimmermann, die gegenüber dem Unternehmen ein Haus bewohnen, wandten sich hilfesuchend an Erhard Anders, weil sie wußten, daß der beim VDGN ist. „Mir war an manchen Tagen speiübel, ganz schlimm“, so die Rentnerin. Da sei es gut gewesen, einen Ansprechpartner zu haben.

Erhard Anders ist Regionalgruppenbevollmächtigter – so heißen die ehrenamtlich tätigen Leiter der Regionalgruppen offiziell – und fühlt sich für die Probleme der Anwohner zuständig. „Da kann man doch gar nicht nein sagen, wenn die Lebensqualität der Bewohner im Siedlungsgebiet ständig von so üblen Gerüchen beeinträchtigt wird“, betont Anders. Damals ahnte er noch nicht, wie umfangreich, zeit- und nervenaufreibend sich sein neues Projekt gestalten würde. Den Dialog mit den betroffenen Anwohnern und Geschäftsleuten fand er schnell. Familie Zimmermann und Geschäftsführerin Henriette Braun, die die Interessen der dort ansässigen Unternehmen vertritt, standen dem 75-jährigen von Beginn an zur Seite. Man war sich einig: Der Gestank muß weg. Insbesondere von Henriette Braun, deren Firma unmittelbarer Nachbar von Alba ist, bekam der engagierte Ehrenamtler wertvolle Hinweise und tatkräftige Unterstützung.

Einer der ersten Wege führte ihn ins Bezirksamt. Dort hieß es: „Wir sind nicht zuständig. Wenden Sie sich an die Senatsumweltverwaltung.“ Das tat der Abgewiesene und bekam Arbeit: Geruchserfassungsbögen. „Die Vordrucke verteilte ich nach Anweisung an verläßliche Betroffene oder wie die Senatsverwaltung titelte, geeignete Beschwerdeführer“, erklärte er. Über einen Zeitraum von mehr als zwei Monaten seien von den Anwohnern akribisch Daten zu sammeln gewesen: „Alles mußte täglich ganz genau erfaßt werden. Wie riecht es, wonach und wie stark zu welcher Zeit? Dazu noch das Datum sowie besondere Begleiterscheinungen wie zum Beispiel die Fliegen.“

Auf Initiative des VDGN-lers traf sich im Juli 2009 der Geschäftsführer der Alba Recycling GmbH, Uwe Küber, mit den Betroffenen zu einem Gespräch. „Die Atmosphäre war eisig“, erinnert sich Erhard Anders. „Herr Küber legte eine starke Abwehrhaltung an den Tag und hielt uns einen Vortrag über die Vorzüge der Entwicklung des Recyclingbetriebes.“ Und obwohl der ehrenamtliche Akteur sich über die Art und Weise der Gesprächsführung ärgerte, blieb er ruhig und sachlich. Denn, so sagt er aus seiner langjährigen Berufserfahrung als Wirtschaftler: „Große, laute Auseinandersetzungen verhärten zumeist die Fronten.“ Ein konstruktiver Dialog sei dann nicht mehr möglich. Und letztendlich seien sie auf die Hauptursache für den Gestank im Siedlungsgebiet während einer der Betriebsbesichtigungen gestoßen, zu denen Alba Betroffene und ihn mehrfach eingeladen hatten. „In den letzten zwei Jahren habe ich nicht nur ungeheuer viel über Abfälle und deren biologische Prozesse gelernt, sondern auch über Menschen. Es war faszinierend, wie bei den Leuten von Alba langsam der Prozeß des Umdenkens einsetzte.“ Für einen Industriebetrieb, der in erster Linie gewinnorientiert arbeitet, längst nicht selbstverständlich. Im Laufe der Zeit gab es mehrere Gespräche mit Uwe Küber und Betriebsleiter Alexander Gora. Informationen wurden ausgetauscht, strittige Punkte diskutiert. Die Phase der vorsichtigen Annährung. Beide Seiten entwickelten dabei ein Gespür für die Denkweise der „Gegner“. Aus diesem Grund übergab Erhard Anders die ausgefüllten Geruchserfassungsbögen nicht nur dem Senat, sondern auch Alba. Die Verantwortlichen sollten einen Überblick zu den Ausmaßen der Beeinträchtigungen vermittelt bekommen und Verständnis entwickeln. Es funktionierte.

Obgleich es noch keine konkreten Ansatzpunkte für die hauptsächliche Ursache des extremen Gestanks gab, leitete – wie der Mahlsdorfer erzählt – Alba 2010 erste Schritte zur Geruchsbeseitigung ein. So verbesserte man das System zur Ableitung des Abwassers, für etwa 1,2 Millionen Euro. Auch eine Desodorierungsanlage unter freiem Himmel im Bereich der Nachsortierung wurde installiert. Dennoch, während der ersten heißen Tage diesen Jahres legte sich erneut eine Glocke widerlichen Gestanks über das Siedlungsgebiet. Ungewöhn-lich, so Erhard Anders, war jedoch die Ausbreitung des Miefs: „2009 weitete sich der Dunst vornehmlich südlich des Hultschiner Damms aus, jetzt war auch das Wohngebiet neben dem großen Baumarkt betroffen.“ Eine Bür-gerinitiative sei schon in Gründung gewesen. Die Nerven der Anwohner hätten blank gelegen. Die Aktionsrunde „gegen den Gestank“ bekam eine neue Mitstreiterin: Maria Hartwig vertrat die Interessen der Neu-Betroffenen.

Die kleine, aber kämpferische Gruppe um Erhard Anders übte verstärkt Druck auf Alba aus, ließ sich nicht abweisen. Eine neuerliche Betriebsbesichtigung wurde anberaumt. Die Aktiven ließen sich diesmal nur von ihrer Nase führen, Schritt für Schritt tauchten sie tiefer in die Wolke ein. Den Brechreiz unterdrückend näherten sie sich der Annahmehalle. Beim Eintreten war schlagartig klar, woher der Wind wehte…

Der Mahlsdorfer entschied sich nun doch zu einem unerwarteten Schritt. Er lud die Presse ein. Der Beitrag schlug Wellen. Weitere Zeitungen griffen das Thema auf, zogen mit der Berichterstattung nach. Der Durchbruch. Am 22. September trafen sich verantwortliche Mitarbeiter des Senats, Alexander Gora, Uwe Küba, Betroffene und Erhard Anders auf dem Betriebsgelände zum entscheidenden Gespräch. „Geschäftsführer Uwe Küber versprach, eine neue Desodorierungsanlage im Wert von 80.000 Euro für die Annahmehalle installieren zu lassen“, sagt Anders.

Der VDGNler reibt sich zufrieden die Hände und strahlt: Beim letzten Treffen der Aktions-runde am 7. November berichteten ihm Anneliese Zimmermann, Henriette Braun und Maria Hartwig übereinstimmend, daß der Gestank weg ist. Erhard Anders hofft, daß es sich in Mahlsdorf nun endlich ausgemieft hat: „Betriebsleiter Alexander Gora versprach uns noch eine abschließende Betriebsbesichtigung, wenn die neue Desodorierungsanlage verläßlich läuft.“

Monika Rassek

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