Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Denken nach Gutsherrenart

Thilo Sarrazins Kampfschrift ist eine geistige Rücknahme der Sozialdemokratie. Notizen zu Büchern.


Von Holger Becker

Über Franz Müntefering, falls sich an den jemand erinnert, stand neulich in der Zeitung, nach Jahren des Chauffiertwerdens im Dienstwagen müsse sich der frühere SPD-Vorsitzende wieder daran gewöhnen, selbst ein Auto zu steuern. Erstaunt habe er die kleine Skizze auf dem Knauf der Gangschaltung studiert. Was, es gibt Autos mit sechs Gängen? Früher waren es doch nur vier?

Die Mehrzahl der Leute in diesem Lande ahnte die wandlitzartige Lebensferne deutschen Politikpersonals schon längst. Was die sogenannte politische Klasse, bestehend aus Berufspolitikern und journalistischen Meinungsbrei-Tretern in den Leitmedienredaktionen, den „politischen Diskurs“ nennt, wird bei der Masse zu einem großen Teil nur noch als problemfernes Gelaber empfunden.

Wer wollte denn in den letzten Jahren wirklich wissen von den Nöten jener Eltern, deren Kinder in Schulen mit erdrückend hohem Anteil von Schülern aus Einwandererfamilien erst einmal ruhiggestellt wurden, bis die anderen einigermaßen die deutsche Sprache erlernt hatten? Wer das offen ansprach, lief Gefahr, in den Geruch der Ausländerfeindlichkeit zu kommen, während die Produzenten des politisch-korrekten Sprachschaums (sie erfanden Verrenkungsvokabeln wie die „Mitbürger mit Migrationshintergrund“), falls selber betroffen, ihr Problem stillschweigend lösten und die eigene Nachkommenschaft auf Waldorfschulen und andere esoterische Bildungsstätten schickte.

Oder: Wer hat sich öffentlich auseinandergesetzt mit den Ängsten jener Industriearbeiter, die seit Einführung der Hartz-Gesetze bei Verlust ihres Arbeitsplatzes mit einem blitzschnellen Absturz für sich und ihre Familien auf ein finanzielles Niveau im untersten Drittel der Gesellschaft rechnen mußten? Dieselben Leute aber, die für Hartz IV, Rentenklau und andere asoziale Zumutungen verantwortlich zeichneten, riefen auf zum „Aufstand der Anständigen“ gegen eine – jedenfalls für den Augenblick – halluzinierte Gefahr von ganz weit rechts.

Doch jetzt ist endlich, endlich einer da, der Klartext spricht. So heißt es. Aus diesem Erlösungsversprechen, zu dessen Muezzin sich vor allem die Bild-Zeitung machte, indem sie es millionenfach verstärkte, erklärt sich die Aufmerksamkeit für die Schrift des Thilo Sarrazin. Da gab es schließlich kein Entrinnen mehr. Man wagte kaum noch eine Fischbüchse zu öffnen, vor lauter Furcht, auch dort könnte Berlins einstiger Finanzsenator unter dem Deckel hervorlugen. Die Ablösung Sarrazins als Vorstand der Bundesbank sprengte dann alle Halteseile: Muß dieser Mensch aber mutig sein, wenn er so von oben bekämpft wird!

Aber was ist dran an dem Buch? Ist es wirklich so wichtig? Oder gehört es eher in die Reihe „Bücher, die Sie sich schenken können“?

Leider: Es war schade um die Zeit, die es braucht, sich durch die gut 460 Seiten zu kämpfen, die vor Zahlen und Tabellen nur so strotzen. Denn der Extrakt des großen Begründungsaufwandes, warum Deutschland sich angeblich abschafft, paßt auf den berühmten Bierdeckel. Bei Sarrazin steht:

1. Intelligenz ist zu 50 bis 80 Prozent eine Sache biologischer Vererbung.

2. Die „Unterschicht“ ist „Unterschicht“, weil sie dümmer ist als die „Oberschicht“. Es gibt hier eine „natürliche Ordnung“.

3. Besonders dumm unter den Angehörigen der „Unterschicht“ sind die Einwanderer aus der Türkei und Nordafrika (Muslime).

4. Die „Unterschicht“ vermehrt sich stärker als die „Oberschicht“. Besonders stark vermehren sich die Muslime.

5. Die höhere Fruchtbarkeit der „Unterschicht“ bewirkt, daß diese einen immer höheren Anteil an der Gesamtbevölkerung erhält. Wegen der erblichen Dummheit der „Unterschicht“ wird Deutschland dümmer. Da sich die Muslime am meisten vermehren, schafft sich Deutschland mit der Zeit auch kulturell ab.

Aber auch Sarrazins Rezepte passen mit etwas Mühe noch auf die Unterlage für das Bierglas. Sie laufen auf folgendes hinaus:

1. Der „Unterschicht“ muß ihr Vermehrungsdrang ausgetrieben werden. Hartz IV-Empfängern geht es zu gut, insbesondere auch im Vergleich zu den Verhältnissen in den Herkunftsländern vieler Einwanderer. Es muß Schluß gemacht werden damit, daß die „Hartzer“ ihre Lebensverhältnisse durchs Kinderkriegen verbessern können.

2. Für die „Oberschicht“ muß es materielle Anreize zur verstärkten Vermehrung geben nebst besseren Angeboten für die Kinderbetreuung.

Nur ungern sei den Sarrazin-Kritikern aus der „politischen Klasse“ recht gegeben. Aber was Berlins Ex-Senator bietet, kann tatsächlich nicht anders als mit den Substantiven „Biologismus“, „Sozialdarwinismus“ und „Sozialrassismus“ beschrieben werden. Sarrazin unternimmt Ausflüge auf verschiedene Wissenschaftsgebiete, hantiert mit Statistiken, daß es nur so klappert. Das gibt seinem Buch den Anstrich der Seriosität. Dem einzelnen Rezensenten fällt es selbstverständlich schwer, auseinanderzuklamüsieren, was Sarrazin in Jahren für sein Weltbild zusammengetragen hat, zumal der als hochrangiger Staatsfunktionär Apparate zur Verfügung hatte.

Doch wer anfängt, sich selbst nur ein bißchen zu belesen, um Sarrazins Argumente wenigstens beklopfen zu können, stellt fest: Der Grund, auf dem dieser Mann baut, ist porös.

Zentrale Bedeutung für sein gesamtes Gebäude haben die Aussagen zur Erblichkeit von Intelligenz. Nun wird niemand genetische Dispositionen für die geistige Leistungsfähigkeit eines Menschen bestreiten. Aber Sarrazin behauptet, wissenschaftlich unstrittig sei, die Intelligenzleistung eines Menschen hänge zu 50 bis 80 Prozent von seinen Genen ab. Diese Aussage aber läßt sich seriös nicht treffen, schon weil es in der Wissenschaft keine einheitliche Auffassung darüber gibt, was Intelligenz überhaupt ist, ob zu ihr neben Problemlösungsfähigkeiten nicht beispielsweise auch emotionale und soziale Komponenten gehören. Sarrazin bezieht sich ausschließlich auf Tests, die den berühmten Intelligenzquotienten (IQ) messen und auf Studien an ein- und zweieiigen Zwillingen. Andere Ansätze wie die Studien an Adoptivkindern, die zeigen, wie sich der IQ dem ihrer Adoptiveleltern annähert und deshalb die individuelle Entwicklungsfähigkeit betonen, läßt unser Bestsellerautor links liegen.

Wir deuteten es an: Sarrazin erklärt soziale Unterschiede aus angeblichen biologischen Gegebenheiten. Daß so etwas heute vorkommt, und ausgerechnet bei einem Autor mit sozialdemokratischem Parteibuch, daß so etwas in einem Verlag mit einstmals gutem Ruf (seit einiger Zeit gehört er zur Randomhouse-Gruppe und damit zu Bertelsmann) erscheint, gibt zu denken. In der Bebelschen SPD wäre ein Autor dafür ausgelacht worden. Zum Beispiel hätte man ihm die legendären pommerschen Krautjunker vorgehalten, die zur damaligen „Oberschicht“ zählten und von denen die Sozialdemokratin Lily Braun feststellte: „bei allen dieselbe souveräne Verachtung geistiger Werte“. Aber gerade die pommerschen Gutsbesitzer als Ausbünde geistiger Stumpfheit hatten eine Vorstellung von der „natürlichen Ordnung“.

Eine Renaissance eines Denkens nach Gutsherrenart, gefördert von Deutschlands größten Medienhäusern Bertelsmann und Springer? Dafür spricht einiges. Das Vorhandensein gesellschaftlicher Schichtungen als biologische Konstante zu postulieren, bedeutet eigentlich nichts weniger als die Rücknahme der Sozialdemokratie, also das, was Otto von Bismarck nicht schaffen konnte, Gerhard Schröder mit seinen Hartz-Gesetzen aber beinahe vollbrachte.

Sarrazin verbindet das mit Vorschlägen, den Plebs wieder stärker an die Kandare zu nehmen. So möchte er das US-amerikanische Workfare-Konzept zum Vorbild nehmen und alle erwerbsfähigen Empfänger einer Grundsicherung zur „Gegenleistung“, das heißt zur Arbeit verpflichten. Dabei könne es „zunächst dahingestellt bleiben, wie produktiv diese Gegenleistung ist und ob sie überhaupt produktiv ist. Entscheidend sei vielmehr, „daß sie ausnahmslos eingefordert wird und die Anforderungen an Pünktlichkeit, Disziplin und Arbeitsbereitschaft dem regulären Arbeitsleben möglichst nahekommen“.

Was Sarrazin da fordert, unterscheidet sich wenig von der Praxis des sog. Werkhauses in frühkapitalistischer Zeit. Solche Werkhäuser gab es ab dem 17. Jahrhundert in ganz Europa. Als „Gegenleistung“ für ein Minimum an Versorgung mußten dort Arbeitslose oft unsinnige Arbeit verrichten. Das zielte auf Abschreckung: Lieber zu niedrigsten Löhnen arbeiten, als solche Erniedrigung zu erdulden, dachten die damaligen „Leistungsempfänger“. Oder wie Sarrazin für das Heute schreibt: „Ein solches Modell… würde erheblichen Anreiz zur Aufnahme bezahlter, regulärer Arbeit schaffen. Wenn nämlich das `Arbeitsleid´, insbesondere die Disziplinanforderung als Voraussetzung für den Transferbezug, den Anforderungen des regulären Arbeitsmarktes näherkommt, dann wird es attraktiv, sich dort um Arbeit zu bemühen, weil selbst eine Niedriglohnbeschäftigung in Kombination mit dem Transfersystem mehr Geld einbringt als reine Grundsicherung.“

Auch die Methode des „Aufstockens“, die Sarrazin hier empfiehlt, ist eine Erfindung aus alter Zeit. Es konnten in bestimmten englischen Distrikten im 18. Jahrhundert die Unternehmen einen Teils der Lohns, und zwar den, der bis zum Existenzminimum fehlte, auf die Armenkasse abwälzen. Man lese es nach in Otto Rühles „Illustrierter Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats“ von 1930.

Seit den Werkhaus-Zeiten hat etwas stattgefunden, das landläufig Fortschritt genannt wird. Diesen Fortschritt – vor allem auch in den Lebensbedingungen für die Menschen in den heutigen Industrieländern – hätte es nicht gegeben ohne die Aufklärung, die bürgerlichen Revolutionen, das Infragestellen der traditionellen gesellschaftlichen Schichtungen gerade auch durch die Arbeiterbewegung. Wenn heute bestimmte zivilisatorische Standards infrage gestellt werden, zum Beispiel weil Frauen gezwungen werden, vermummende Kleidungsstücke zu tragen, oder Kindern von ihren Eltern die Teilnahme am Unterricht in bestimmten Schulfächern verboten wird, dann sollte man sich das nicht bieten lassen. Es ist aber kein Grund, quasi aus Angst vor dem Tode in vormoderne Denkweisen zurückzufallen und so der eigenen Zivilisation den Garaus zu machen.

Thilo Sarrazin: „Deutschland schafft sich ab. Wie wir unser Land aufs Spiel setzen“. Deutsche Verlags-Anstalt, München 2010. 464 Seiten, 22,99 Euro

Otto Rühle: Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats. Neuer Deutscher Verlag, Berlin 1930. 590 Seiten, 492 Abbildungen. Nur antiquarisch zu erwerben

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