Verband Deutscher Grundstücksnutzer

"Detailschilderung behufs bessrer Erkenntnis"

Über Theodor Fontanes "Wanderungen durch die Mark Brandenburg"


Von Holger Becker

Es war in Schottland, genauer gesagt, auf einer Insel im Leven-See der Grafschaft Kinross, wo Theodor Fontane die Idee zu seinen „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ heraufdämmerte. „Erst die Fremde lehrt uns, was wir an der Heimat besitzen“. Mit diesem Satz beginnt er denn auch 1861 das Vorwort des ersten Bandes, dem bis 1882 drei weitere folgen sollten. Wir müssen also dem Umstand dankbar sein, daß der 1819 als Apothekersohn in Neuruppin Geborene einiges von der Welt außerhalb seines engeren preußisch-märkischen Umfeldes gesehen hat. Ansonsten wäre ihm vielleicht bis zu seinem Tod 1898 zuhause gar nichts Besonderes aufgefallen.

Allerdings: Fontanes Wanderungen waren nur teilweise welche. Man darf sich die Sache nämlich nicht so vorstellen, als wäre der damals schon über 40jährige Redakteur, den zu jener Zeit kaum einer kannte, nur mit Rucksack und Knotenstock auf Schusters Rappen durch die Lande gezogen. Nein, unser Mann bevorzugte Eisenbahn und Kutsche, ging hin und wieder auch ein Stückchen zu Fuß. Wichtig war: Er begab sich auf Reisen, die ihn inspirierten, besah die Orte und Landschaften, über welche er schrieb. Er sprach viel mit den Menschen, die dort lebten, oftmals auf Plattdeutsch, in dem man sich noch im 19. Jahrhundert bis in die Gegenden südlich Berlins verständigen konnte. Er studierte alte Kirchenbücher und die Akten in den Archiven, las jede Menge geschichtlicher Spezialliteratur, ja kletterte bis in die Spitzen von Kirchtürmen, um die Inschriften auf deren Glocken zu entziffern.

Seine „Wanderungen“, die Fontane zuerst als Fortsetzungsserie in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlichte, handeln denn auch fast durchgängig von märkischer Geschichte, die er uns aber als gelebtes Leben, als die Geschichte von Menschen zeigt. Selbstverständlich spielen märkische Adelsgeschlechter, Fürsten und Könige nebst ihren Kriegs- und Heldentaten eine wichtige Rolle, ebenso aber die Bürger und Bauern. Man braucht nur einmal die Seiten im zweiten Bande lesen, auf denen er beschreibt, wie es zuging, als das Oderbruch im 18. Jahrhundert nach seiner Trockenlegung von Menschen verschiedener Nationalitäten besiedelt wurde und eine neue Schicht selbstbewußter Bauern entstand. „Detailschilderung behufs bessrer Erkenntnis und größrer Liebgewinnung historischer Personen, Belebung des Lokalen, und schließlich Charakterisierung märkischer Landschaft und Natur, – das sind die Dinge, denen ich vorzugsweise nachgestrebt habe“, schrieb Fontane später selbst über seine Motive.

Sicher, bestimmte Gegenden kannte Theodor Fontane besonders gut, so die um Bad Freienwalde. Denn dort lebte in dem kuscheligen Neutornow/Schiffmühle von 1855 bis zu dessen Tode der Vater des Schriftstellers. Er besuchte ihn „alle Jahr einmal“. Von der vermutlich so entstandenen besonderen Vertrautheit mit der einmaligen Landschaft, in die Bad Freienwalde sich bettet, zeugen die ausführlichen und besonders stimmungsvollen Beschreibungen des oberbarnimschen Hügellandes, das spektakulär in einzelne Talkessel ausläuft, von deren Höhen der Blick weit ins Oderbruch und darüber hinweg reicht. Die Höhenunterschiede erreichen hier Werte bis zu 150 Metern auf kleinstem Raum, was für das norddeutsche Flachland fast unglaublich ist. Fontane weiß von jeder Anhöhe Besonderes zu berichten, und er hat offensichtlich auf jeder gestanden.

Wenn Fontane Deutschlands berühmtester und auch bester Reiseschriftsteller wurde, den auch heute viele Leserinnen und Leser verehren, dann nicht zuletzt, weil er die Liebe zur märkischen Heimat durchaus mit einem nüchtern-kritischen Blick zu verbinden wußte. Ebenso komisch wie erhellend ist es zum Beispiel, wie er die Bewohner des „Bergdorfes“ Falkenberg skizziert, die im Sommer gegenüber den Touristen mit thüringischer Freundlichkeit glänzen, im Winter aber „ganz Märker“ werden, „fleißig, ordentlich, strebsam, aber mißtrauisch, eigensinnig und zu querulieren geneigt“.

Wer Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“ heute lesen will, kann im Buchhandel zwischen vielen verschiedenen Ausgaben wählen. Auch Hörbücher gibt es – zum Beispiel eine Reihe, in welcher der bekannte Schauspieler und Sprecher Gunter Schoß den Text spricht, zu dem der inzwischen verstorbene Peter „Cäsar“ Gläser von der legendären Klaus-Renft-Combo sich Musik ausgedacht hat. So kann man Fontane auch hören, wenn man heute vielleicht eher mit dem Auto die Stellen aufsucht, von denen uns Theodor Fontane erzählt.

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