Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Scharfe Sachen für Monsieur

Die nachte Nachbarin und die süßen Kirschen am fremden Baum

Von Rechtsanwältin Kristin Dulitz

Im kühlen Schatten seines Kirschbaums hält Anton Müller einen kleinen Mittagsschlaf. Das Kichern seiner Kinder weckt ihn. Er schiebt seinen Hut aus dem Gesicht und entdeckt die Kleinen an der Hecke zum Nachbargrundstück hockend. Da die Hecke erst kniehoch ist, kann er von seinem Liegestuhl den Grund für das Gekichere erkennen. Es ist die junge Frau von nebenan, die sich splitterfasernackt auf ihrer Terrasse rekelt. Sofort pfeift Anton Müller seine Kinder zurück. Die springen erschrocken auf und bleiben wie angewurzelt an der Hecke stehen. Er fordert Nicole Otto auf, ihr Evakostüm gegen einen Bikini einzutauschen, während er seinen Kindern die Augen zuhält. Seine Nachbarin spuckt einen Kirschkern aus und schüttelt den Kopf: „Auf meinem Grundstück kann ich machen, was ich will und ich will nunmal streifenlos braun werden“.

Auf die Kinder deutend erklärt Anton Müller: „Es geht mir lediglich um das Wohl der Kinder.“ Seine Nachbarin lacht, da sie nicht den Eindruck hat, daß ihr Anblick den Kindern schadet. Unbekümmert nascht sie die Kirschen weiter.

Anton Müller, der ein leidenschaftlicher Hobbygärtner ist, wird auf die tiefdunkelroten Kirschen aufmerksam: „Was haben Sie da für eine Kirschensorte?“ Sie zuckt mit den Schultern: „Das müssen Sie ja besser wissen, denn die Kirschen sind von Ihrem Baum.“ Darüber fassungslos hält der Hobbygärtner seine Hände vor den Mund. Die Kinder kichern sofort wieder los, da sie nun wieder freie Sicht haben. Anton Müller schickt seine Kinder ins Haus. Seine Nachbarin fragt er ungehalten: „Warum klauen Sie meine Kirschen?“ Nun wird es Nicole Otto auch zu bunt: „Ich bin doch keine Diebin, denn schließlich hängen ja einige Äste des Kirschbaums auf meiner Seite und die darf ich ja wohl abpflücken.“ Anton Müller schüttelt den Kopf: „Sie begehen eine Straftat.“ Als die Diskussion zwischen den beiden immer heftiger wird, ruft er die Polizei. Die trifft wenige Minuten später bei den Streithähnen ein.

Dem Uniformierten erklärt Anton Müller, daß er gegen seine Nachbarin Strafanzeige wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses aufgrund des Nacktsonnens und wegen Diebstahls der Kirschen stellt. Der Polizist legt seine Hand auf die Schulter von Anton Müller: „Die Straftat Erregung eines öffentlichen Ärgernisses nach Paragraph 183 Strafgesetzbuch setzt voraus, daß jemand öffentlich sexuelle Handlungen vornimmt und dadurch absichtlich oder wissentlich ein Ärgernis erregt. Das Nacktsonnen fällt nicht darunter und ist somit nicht strafbar.“

Dagegen protestiert Anton Müller: „Durch das Evakostüm meiner Nachbarin fühle ich mich aber belästigt. Außerdem muß ich meine Kinder schützen.“ Der Polizist erklärt: „Das ist nicht so einfach. Ich wurde wegen ähnlicher Situationen schon oft als Zeuge in vielen Zivilverfahren geladen. In allen Verfahren hat der Nacktsonnende Recht bekommen. Egal, ob Mann oder Frau, ob jung oder alt, ob dick oder dünn. Es gilt der Grundsatz, daß die eigene Freiheit dort aufhört, wo sie die Freiheit des Nachbarn beschränkt. Solange das Anstands- und Sittlichkeitsgefühl anderer nicht verletzt wird, kann man auf seinem Grundstück auch nackt sein.“

Anton Müller erkennt, daß er das Nacktsonnen nicht verbieten kann. Das Kirschenklauen will er sich aber nicht gefallen lassen. Von dem Polizisten bekommt Anton Müller in diesem Punkt Recht. Der Polizist ermahnt die Kirschenfrau: „Obst, das in den eigenen Garten herüberwächst, darf nicht einfach geerntet werden. Alles, was am Kirschbaum hängt, gehört Anton Müller, da er der Eigentümer des Kirschbaums ist. Zwar darf er ihr Grundstück zum Ernten nicht betreten, aber er kann durch den Zaun greifen. Erst wenn die Kirschen vom Baum auf Ihr Grundstück fallen, gehören sie Ihnen. Die Juristen sprechen dann vom sogenannten Überfall, der in Paragraph 911 des Bürgerlichen Gesetzbuchs geregelt ist.“ Der Polizist erhebt mahnend den Finger: „Es ist auch verboten, den Baum zu schütteln, damit die Kirschen auf Ihr Grundstück fallen und Ihnen gehören. Anders wäre es, wenn der Baum genau auf der Grenze stehen würde. Dann hätten Sie beide die gleichen Rechte und Pflichten.“ Die Nachbarin zeigt sich einsichtig und reicht Anton Müller die Schüssel mit den Kirschen. Doch der winkt ab: „Ach, behalten Sie die mal.“ Von der Großzügigkeit zeigt sich die hübsche Frau beeindruckt: „Dankeschön. Dafür verspreche ich, zukünftig in dem hinteren, schlecht einsehbaren Teil meines Grundstücks Sonnenbäder zu nehmen.“

Daraufhin stellt Anton Müller fest, mit seiner Nachbarin ist doch gut Kirschen essen.

Diese Geschichte entstammt der neuen VDGN-Ratgeberbroschüre „Filmreife Nachbarn. Geschichten vom Streiten und Vertragen“. Der Band mit Texten von Kristin Dulitz, die in Neubrandenburg die VDGN-Beratungsstelle leitet, führt in vergnüglicher und leichtverständlicher Form in das Nachbarrecht ein. Die Illustrationen steuerte der Zeichner Peter Isensee bei. Das Heft kostet 7,50 Euro plus 1 Euro für den Versand.

zurück