Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Essener Modell: Parzellen gekauft, Entsorgung geklärt

Kleingärtner fanden eigenen Weg für zeitgemäßen Standard und sichere Gärten


Unstrittig dürfte sein, daß das Kleingartenwesen eine festen Stammplatz in der modernen Industriegesellschaft hat. Mit ca. 1,1 MillionenJäeingärten ist es allerdings auch eine wirtschaftliche Macht.

Auf dem Weg vom Armengarten zum modernen Freizeitgarten gab es Höhen und Tiefen. Es sei nur daran erinnert, daß zweimal, 1918 bis 1921 und 1945 bis 1948, Kleingärtner einen wesentlichen Anteil daran hatten, daß Deutschland nicht verhungerte.

Nun muß sich aber das Kleingartenwesen dem modernen Zeitgeist, mit all seinen Anforderungen, stellen. Jede Gemeinde wäre gut beraten, wenn sie diesen Prozeß unterstützen würde. Auf der einen Seite hat der Kleingärtner selbst für sich ein preiswertes Stück Freizeit und dies dürfte gerade in Zukunft von besonderer Bedeutung sein. Auf der anderen Seite gibt der Kleingärtner aber auch der Gesellschaft einiges zurück. Da ist zunächst:

1. Das öffentliche Grün, das heißt die Kleingartenanlagen sind für die Gemeinde kostenlose Parkanlagen für alle Bürger.

2. Kleingärtner sind alle etwas älter, im. Durchschnitt über 60 Jahre alt. Der Kleingärtner geht weniger zum Arzt, weil er in erster Linie Gesundheit aus der Natur tankt. Er wird in der Regel später, wenn überhaupt, zum Pflegefall, da er sich aktiv in der Natur betätigt.

3. Kleingärten sind Stätten der lautlosen Integration, denn gerade unsere Mitbürger mit Migrationshintergrund drängen verstärkt in die Kleingartenanlagen und dort, wo der Mensch auf den Menschen trifft, klappt es auch ohne theoretische, politische Aktivitäten.

4. Ebenso verstärkt drängen Familien mit Kindern, und das ist das Beste, was einer Gesellschaft passieren kann, in die Kleingärten. Letzteres stellt allerdings eine Herausforderung der besonderen Art dar, denn diese Gruppe ist in einem völlig anderen Zeitgeist aufgewachsen. Sie hat moderne Ansprüche, will nicht mehr Opas Gemüsegarten, sondern in erster Linie einen Freizeitgarten.

In dem Spannungsfeld vom Armengarten zum Freizeitgarten steht das erst 1984 geschaffene Bundeskleingartengesetz. Dieses Gesetz muß, um keine Mißverständnisse aufkommen zu lassen, im Interesse des kleinen Mannes, der kleinen Frau erhalten bleiben. Allerdings muß es, trotzdem es noch so jung ist, entrümpelt und dem Zeitgeist angepaßt werden.

Wie Kleingärten und deren Organisationen, in partnerschaftlicher Zusammenarbeit mit den Gemeinden, ihre Zukunft gestalten, möchte ich am Beispiel der Großstadt Essen schildern:

1. Die Großstadt Essen mit ca. 9.100 Kleingärtnern hat nur ca. 60 Prozent der Kleingartenflächen im Eigentum der Gemeinde, der Rest ist privat. Im Durchschnitt des Ruhrgebiets befinden sich aber 96 Prozent aller Kleingartenflächen im Eigentum der Gemeinde. Dies ist ein historisch-politisches Versäumnis aus den Jahren 1960 bis 1980, als die übrigen Gemeinden des Ruhrgebiets zur Sicherung der Kleingärten die Flächen von Privat- und TndustriegeseUschaften aufkauften. Essen mußte also schon immer mindestens 40 Prozent ohne Unterstützung der Gemeinden betreuen verwalten.

2. Hieraus folgte, daß in den Jahren ab ca. 1990 viele Grundstückseigentümer zu der Erkenntnis kamen, daß man mit Kleingartenanlagen nur wenig Geld verdienen kann. So wurden die Flächen auf dem freien Markt angeboten. Leider waren die Flächen nicht durch Bebauungspläne usw. abgesichert.

Die Kleingärtner in Essen haben deshalb:

3. zur Selbsthilfe gegriffen, sie haben eine gemeinnützige Gesellschaft, die Essener Kleingartengrund und -boden gem. GmbH, gegründet. Diese hat den einzigen Auftrag, Grundstücke systematisch aufzukaufen und sie über den Stadtverband Essen der Kleingärtnervereine e. V. dem Kleingärtner zur Verfügung zu stellen und damit letztlich auch der Gemeinde und allen Bürgern. Interessant ist hierbei, daß man bei diesem Experiment vom Bund deutscher Kleingärtner bekämpft wurde. Die Konsequenz für den Stadtverband war natürlich der Austritt, .auch für viele andere Verbände in Nordrhein-Westfalen.

Heute ist bereits jeder vierte Kleingarten in der Stadt im Eigentum der Essener Kleingartengrund und -boden gem. GmbH.

4. Essen hat dann einen weiteren Schritt nach vorne getan: die Enstsorgung geschah in den KJeingartenanlagen nach dem Essener Modell, das bedeutet, daß Fäkalien und andere Abwässer nicht mehr im Boden versickern, sondern in die Kläranlage abgeführt werden. Dies war in Sachen Aufenthaltsqualität im Kleingarten ein menschlicher Hygienesprung nach vorn, aber auch die Umwelt hat davon massiv profitiert. Natürlich kratzt dieses Modell am Bundeskleingartengesetz, aber etwas, das im Sinne des Zeitgeistes den Menschen dient, keinen Dritten schädigt und die Natur nicht belastet, kann doch nicht falsch sein.

Zusammenfassend läßt sich aus Sicht des Stadtverbandes Essen der Kleingärtnervereine e. V. feststellen:

Das Kleingartenwesen muß im Interesse der Menschen moderner werden. Einen guten Anfang hat Essen hier sicher gemacht.

Der Kleingärtner sollte allerdings nicht meinen, öffentliche Finanzen in Anspruch nehmen zu können, denn das würde auch die persönlichen Freiheiten des Kleingärtners sowie der Organisation einschränken.

Auf diesem Weg kann man mit Politikern und Gemeinden auf Augenhöhe, als Partner, sprechen. Doch leider ist bei manch einem Politiker der Mond noch nicht aufgegangen und sie verwechseln Kleingärtner mit Kleingeistern.

Den Politikern, die so denken, sei gesagt, daß sie doch eigentlich Vertreter des Volkes sind und Politik für alle machen sollten!

Wer nun glaubt, bei soviel Selbstständigkeit und Aktivitäten der Essener Kleingärtner wäre das Verhältnis zu Politik und Verwaltung zerrüttet, der ist auf dem Holzweg. Kommune und Politiker haben in Essen erkannt, daß Kleingärten für eine Großgemeinde sehr, sehr nützlich sind. Ein faires Verhältnis muß beiden Seiten von Nutzen sein.

Dipl.-Ing. Heinz Schuster,
Verbandsvorsitzender Stadtverband Essen der
Kleingärtnervereine e. V.

Wie läuft das Verfahren zum Erwerb von Kleingartenland in Essen ab?

1. Der Kleingärtner bzw., der es werden möchte, zahlt eine Einlage X an die Essener Kleingartengrund und -boden gem. GmbH.

2. Diese finanziert mit der Einlage den Bodenkauf.

3. Der Kleingärtner kann dann seinen Garten klassisch nutzen, aber natürlich auf Grundlage des Bundeskleingartengesetzes mit den Essener Erweiterungen.

4. Die Bodensicherung der rechtlichen Art ist sogar höher als im Normalfall, denn einen Bebauungsplan kann man ändern, aber Gemeinschaftseigentum müßte man enteignen, wenn man etwas anderes plant.

5. Der Pächter zahlt nur noch eine Verwaltungsumlage und keine Pacht mehr, denn er würde sie ja indirekt an sich selbst zahlen.

Es rechnet sich also sogar noch plus-minus Null.

Der oben gezeichnete Weg des Stadtverbandes Essen der Kleingärtnervereine e. V. ist sicher ungewöhnlich, aber aus unserer Sicht zukunftsfähig!

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