Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Namen, die keiner mehr nennt

Der ostelbische Adel als Zentrum blaublütigen Rechtsradikalismus. Über eine noch zu wenig beachtete historische Untersuchung


Von Holger Becker

Es war eine der beschwingteren Folgen des ARD-Fernsehkrimis „Tatort“, in der sich die Kommissare Stoever (Manfred Krug) und Brockmüller (Charles Brauer) in den Kreisen des rechtlich gesehen nicht mehr existenten deutschen Adels bewegten. „Lappen draußen, Lumpen drinnen, hö, hö“, bemerkte Stoever, als er ein altes Herrenhaus betrat, vor dem die Familienfahne des besitzenden Adelsgeschlechts wehte. Selbstverständlich ging es in diesem Krimi um Mord, nebenbei aber auch um Bemühungen der Adelsfamilie nach Restitution von Immobilien in Sachsen-Anhalt. Im Film schlug das fehl. Denn gerade noch rechtzeitig war ein altes Album aufgetaucht, das aufs Herrlichste das aktive Nazitum des nach 1945 enteigneten Blaublütervorfahren bebilderte. Alles in allem ließen die Macher des Streifens keinen Zweifel, daß sie die Verstrickung von Adelsfamilien in die Nazibewegung als den geschichtlichen Normalfall ansehen.

Alles nur Ressentiment, wie es Kommissar Stoever auch im Film immer wieder von seinen adligen Gesprächspartnern unterstellt wurde? Spätestens seit Stephan Malinowskis 2003 erstmals erschienener Studie „Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus“ ist die Frage beantwortet.

Malinowski hat unter verschiedenen Gesichtspunkten ausführlich untersucht, wie sich der deutsche Adel, dessen Vorrechte mit der Novemberrevolution von 1918 ja formell abgeschafft worden waren, zur faschistischen Bewegung der Hitler & Co. verhielt. So differenziert er nach Gruppen wie dem protestantisch geprägten ostelbischen Adel in Preußen und Mecklenburg, dem katholischen Adel Süd- und Südwestdeutschlands und dem ebenfalls katholisch grundierten Adel Westfalens. Er unterscheidet die Individuen nach Lebenslagen sowie Einkommens- und Vermögensverhältnissen. Er beschreibt die Haltung der über große Besitztümer verfügenden „Grandseigneurs“, die oft aus einstmals regierenden Fürstenhäusern stammten, ebenso wie die von Vertretern des „Kleinadels“, dem in durchaus großer Zahl entwurzelte Individuen entsprossen, die nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg kein „standesgemäßes“ Leben als Gutsbesitzer, Offiziere oder Staatsbeamte führen konnten, sondern sich in bürgerlichen Berufen sogar als Zwiebelhändler oder Pensionsbetreiberinnen umtun mußten. Bei alledem beleuchtet Malinowski nicht nur die Berührungspunkte zwischen dem Adel und der Nazibewegung – schon 1920 nahm die Deutsche Adelsgenossenschaft als größte Standesorganisation des Adels einen Arierparagraphen in ihre Satzung auf –, sondern er sucht auch gezielt und unvoreingenommen nach adligen Verhaltensmustern, die Distanz zum Faschismus begründen. Der Autor findet sie vor allem in Vorbehalten der zur Herrschaft und dem Bewußtsein vermeintlicher Höherwertigkeit erzogenen Adligen gegen die Massenorientierung und die Sozialdemagogie der Nazis, die ja durchaus Leute anzog, die von Hitler auch eine Revolution in den Eigentumsverhältnissen erwarteten.

Alles in allem sind die Befunde Malinowskis, der Quellen von beeindruckender Fülle gesichtet hat, eindeutig: Ganz gleich, ob sich Adlige der Hitlerbewegung direkt anschlossen oder dies unterließen, überaus große Gemeinsamkeiten mit den Nazis hatte der Adel als gesellschaftliche Schicht in den Feindbildern. Gemeinsam lehnte man alles ab, was auf Namen wie Demokratie, Republik oder Liberalität hörte, wandte man sich gegen Juden, Sozialdemokraten, Kommunisten und alle anderen, die als „links“ galten. Malinowski hält fest: Es läßt sich keine zweite soziale Formation benennen, „die sich in solcher Geschlossenheit, in solcher Schroffheit und in solcher Aggressivität gegen Republik und Demokratie gestellt hätte wie der Adel“.

Ab 1930, also dem Zeitpunkt des politischen Durchbruchs der Nazibewegung, habe im Adel ein massiver Strom in die NSDAP und ihre Gliederungen eingesetzt. Bereits im Januar 1933 sei der Adel in der Nazibewegung überrerpräsentiert gewesen. In der SS, dem Verbrecherorden mit dem Totenkopf als Symbol, wimmelte es schließlich nur so von Namensträgern wie Alvensleben, Bülow, Pückler, Steuben, Uslar, Westphalen oder Henckel-Donnersmarck.

Die aktive Beteiligung an der Hitlerei war mit einer Hoffnung auf Vorteile verbunden, die sich nach der unter maßgeblicher Beteiligung von Adelskreisen ausgekungelten Machtübergabe an Hitler durchaus erfüllen sollte. Hitlers Aufrüstung schuf massenhaft neue Offiziersstellen und damit in der Weimarer Republik schmerzlich vermißte Möglichkeiten einer „standesgemäßen“ Karriere. Dasselbe galt für adliges Nachrücken in zivile Positionen des Staatsdienstes nach dessen „Säuberung“ von Juden, Sozialdemokraten und anderen mißliebigen Personen. Und schließlich brachte der Krieg im Osten Beute an Grund und Boden, so daß nun auch die jüngeren, ansonsten in der Erbfolge immer leer ausgehenden Söhne von Großgrundbesitzern mit Latifundien versorgt werden konnten. „Ich wäre ihnen sehr dankbar, wenn Sie mich kurz wissen lassen würden, ob grundsätzlich die Möglichkeit des Ankaufs größerer Güter im Osten nach Kriegsende für mich gegeben sein wird“, schrieb unter Hinweis auf seine insgesamt sechs Söhne am 2. Juni 1941 Nikolaus Erbgroßherzog von Oldenburg an den SS-Reichsführer Heinrich Himmler, worauf er eine positive Antwort bekam.

Am stärksten auf Distanz zur Nazibewegung blieb laut Malinowski der süddeutsche, insbesondere der altbayerische Adel, wobei diese Distanz nicht mit Widerstand verwechselt werden sollte. Das Zentrum aber des blaublütigen Rechtsradikalismus bildete eindeutig der ostelbische Adel in Preußen und Mecklenburg, dessen Mitglieder in großer Zahl der Nazipartei, der SA und SS beitraten oder aber ohne direkte Mitgliedschaften als Angehörige der „Funktionseliten“ in Militär, Bürokratie und Landwirtschaft das Naziregime stützten. Das Bild, das sich in der Summe seiner Ergebnisse zeige, „macht es schwer, sich den negativsten Beurteilungen, die in der Forschung über die politische Rolle des preußischen Adels formuliert wurden, zu entziehen“.
Eindrucksvoll sind allein die Zahlen, die der Historiker über NSDAP-Mitglieder aus bekannten ostelbischen Adelsfamilien ermitteln konnte.

Hier einige Beispiele: Alvensleben (34/8)*, Arnim (53/25), Bassewitz (23/9), Bernstorrff (20/5), Bismarck (34/4), Blücher (13/5), Bothmer ( 22/12), Borries (43/14), Bredow (43/8), Bülow (40/13), Dewitz (29/8), Dohna (23/7), Einem (25/10), Eulenburg (10/3), Goltz 37/10), Hardenberg (27/5), Helldorf (19/7), Hoyningen-Huene (22/2), Kleist (43/5), Lettow(16/11) Maltzahn (36/8), Massow (26/8), Oertzen (44/16), Osten (70/20), Puttkamer (38/10), Richthofen (36/7), Roon (11/6), Schack (24/9), Schlieffen (14/7), Schorlemer (14/6), Schulenburg (41/17), Schweinitz (15/10), Schwerin (52/22), Tresckow/Treskow (30/10), Vietinghoff (44/9), Wangenheim (33/15), Wedel (78/35), Winterfeld (48/18), Witzleben (30/7), Wrangel (15/6), Zedlitz (23/12), Zitzewitz (34/6).

Die Ergebnisse von Malinowskis großangelegter Studie, die öffentlich vielmehr zur Kenntnis genommen werden müßten, führen auch alle Versuche ad absurdum, den 20. Juli 1944 mit seinem Attentat auf Hitler zu einem „Aufstand des Adels“ zu stilisieren. Wie eine Schwalbe keinen Sommer macht, lassen die hochachtbaren, aber wenigen adligen Verschwörer gegen Hitler aus dem deutschen Adel keine antinazistsiche Widerstandsorganisation werden. Malinowski: Nicht bei den adligen Angehörigen des 20. Juli, sondern bei der weitgehend unbekannten „Masse“ adliger Nationalsozialisten, „handelt es sich – um einen erfolgreichen Buchtitel Marion Gräfin Dönhoffs aufzunehmen – um die ´Namen, die keiner mehr nennt´“.

Die Untersuchung des Berliner Historikers bestätigt alles in allem eine Sicht, die kein Unrecht darin erblicken kann, daß dem ostelbischen Adel nach 1945 in der Sowjetischen Besatzungszone die Machtgrundlagen per Enteignung entzogen worden sind. Malinowski selbst sieht die Entmachtung des ostelbischen Adels sogar als Vorbedingung dafür an, daß sich der Adel in die bundesdeutsche Nachkriegsgesellschaft integrieren konnte. Die Bundesrepublik habe der Adel im Unterschied zur Weimarer Republik nicht bekämpft. Zwar bestehe die zum Kern des adligen Habitus gehörende Auffassung von der eigenen Höherwertigkeit fort. Aber sie richte keine nennenswerten Schäden mehr an.

Stephan Malinowski: Vom König zum Führer. Deutscher Adel und Nationalsozialismus, FischerTaschenbuch, Frankfurt am Main 2004, 660 Seiten, 19,95 Euro

* Die erste Zahl gibt die Gesamtzahl der NSDAP-Mitglieder in der jeweiligen Familie bis zum 8. Mai 1945 an, die zweite die Anzahl der Familienmitglieder, die vor dem 30. Januar 1933 der NSDAP beigetreten sind.

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