Verband Deutscher Grundstücksnutzer

In die Irre geführt

Großflughafen Schönefeld: Jahrelang sind Bürger über Flugrouten getäuscht worden


„Wir sind von den neuen Vorschlägen für die An- und Abflugrouten überrascht worden.“ So der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, kurz nach der Veröffentlichung der neuen Flugrouten durch die Deutsche Flugsicherung (DFS) am 6. September dieses Jahres. Vor dem Berliner Abgeordnetenhaus räumte er am 12. November, also nur zwei Monate später, nunmehr ein, daß ein entsprechendes Papier der DFS bereits 1998 vorlag, daß bei einem parallelen Betrieb beider Flugbahnen eine 15-Grad-Divergenz vorsah. Also doch! Die Bürger sind über Jahre über die wahren Flugrouten belogen worden, damit der Flughafen in der Nähe Berlins gebaut werden kann. Der VDGN hatte auf die Flugrouten-Lüge bereits auf einer Pressekonferenz am 1. Oktober im Abacus-Tierparkhotel in Berlin hingewiesen. Denn interne Papiere, die dem Verband zugespielt wurden, legten zwingend nahe, daß hier die Politik mit falschen Karten gespielt hatte.

Der BBI hat ein System zweier Parallelbahnen. Der Abstand zwischen den Bahnen beträgt 1900 Meter.

Bis zum März 1998 ging die Flughafengesellschaft, demzufolge auch die DFS davon aus, daß beide Bahnen „abhängig voneinander“ betrieben werden sollen. Dadurch war die Annahme der Geradeaus-Ab-und-Anflugrouten rechtens. So weit, so gut.

Doch spätestens ab Mitte 1998 änderte sich die Situation grundlegend. Nach dem internen Papier der DFS wurde die Behörde zu dieser Zeit durch das damalige Brandenburger Ministerium für Stadtentwicklung, Wohnen und Verkehr (heute Infrastruktur und Landwirtschaft) gebeten, Flugrouten für „gleichzeitige, unabhängige Abflüge“ zu prüfen. Bereits im Oktober 1998 erhielt das Ministerium die geforderten Informationen. Diese enthielten bereits den Verweis, daß „gleichzeitige unabhängige Abflüge nur möglich sind, wenn eine Divergenz von 15 Grad eingehalten wird“. Schon damals gab es eine entsprechende Empfehlung der Internationalen Luftfahrtbehörde (ICAO), der auch die Bundesrepublik angehörte. Auch wenn das nur Empfehlungscharakter hatte, war klar, daß Geradeaus-Starts nicht in vollem Umfang möglich sein werden und sich damit auch die zu überfliegenden Gebiete um den Flughafen ändern.

Im April 2004 wurde die Empfehlung der ICAO zur 15-Grad-Abknickung zur Vorgabe und damit zwingend anwendbar für alle Mitgliedsstaaten. Spätestens zu diesem Zeitpunkt hätte das Ministerium die bis dahin im Planfeststellungsverfahren angeplanten Routen ändern müssen, da sich damit auch die Schallschutzzonen erheblich verändern.

Doch nichts geschah. Offensichtlich wurde stur nach alten Informationen weitergearbeitet. Weil nicht sein sollte, was nicht sein durfte. Am 13. August 2004 erfolgte dann der Planfeststellungsbeschluß – mit den immer noch geradeaus führenden Flugrouten.

Das DFS-Papier belegt ebenfalls, daß die DFS noch zwei weitere Mal nach August 2004, nämlich 2007 und 2009 „zwei Luftraum- und Verfahrensmodelle“ entwickelte, die beide, ebenso wie die Routen von 1998 für „den gleichzeitigen, unabhängigen Betrieb mit der 15-Grad-Divergenz“ dargestellt waren. Und diese Daten gingen neben dem Brandenburger Ministerium auch an die Flughafengesellschaft. Zitat aus dem Papier der DSF: „Die Flughafengesellschaft wurde im Rahmen der (an allen Flughäfen üblichen) Lieferung von Flugplandaten eingebunden. Weiterhin wurden aktuelle Sachstände im Rahmen von Briefings dargestellt.“ Der Regierende Bürgermeister von Berlin, Klaus Wowereit, ist Aufsichtsratsvorsitzender der Flughafengesellschaft, Brandenburgs Ministerpräsident Matthias Platzeck Mitglied des Aufsichtsrates. Es ist schwerlich glaubhaft zu machen, daß solche brisante Informationen, die auf den Betrieb des Flughafens maßgeblichen Einfluß haben, ausgerechnet an diesen beiden Personen vorbeigegangen sind. Die heftigen Proteste in den letzten Wochen in Berlin und Brandenburg sind ein deutliches Zeichen dafür, daß sich die Bürger betrogen fühlen. Daß nunmehr auch Platzeck schwerwiegende Fehler einräumt, wie den, das Planfeststellungsverfahren getrennt von der Routenführung gemacht zu haben, ist für die Neubetroffenen von Fluglärm kaum ein Trost.

Thomas Walther

zurück