Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Oberbarnim und Understatement

Schöne Landschaft, schlechte Wege und Ausländer, die den Osten beschreiben. Notizen auch zu Büchern


Von Holger Becker

Die meisten Berliner wissen es nicht: Nicht weit weg von den Grenzen ihrer Stadt liegen zwei große Waldgebiete, deren Charakter in vielem einem Mittelgebirge ähnelt. Im Südwesten ist es der langgezogene Landrücken des Fläming mit seinen Kiefernwäldern, der es mit dem Hagelberg immerhin auf 201 Meter über dem Meeresspiegel schafft. Im Osten ist es der Oberbarnim, der die Gegend zwischen Werneuchen und dem Oderbruch mit einer überraschend hügeligen, nicht selten dramatische Kerbtäler vorzeigenden Landschaft ausfüllt.

Der Fläming gehörte früher zu Sachsen, bis der Wiener Kongreß 1815 diesen Landstrich den Preußen zuschlug – als Strafe, weil die Sachsen sympathischerweise zu Napoleon Bonaparte gehalten hatten. Den Einheimischen im Fläming merkt man den feineren zivilisatorischen Schliff heute noch an. Fast könnte man denken, nicht im Brandenburgischen zu sein. Zwischen Jüterbog und Belzig sprechen die Leute leiser und fahren die Autos langsamer als zwischen Strausberg und Bad Freienwalde.

Doch was die Landschaft angeht, gebührt dem Oberbarnim die Krone. Seine Wälder glänzen mit abwechslungsreichem Baumbestand, führen neben der Kiefer auch Fichte, Lärche, Buche, Birke, Ahorn und Eiche. In langgestreckten Seen spiegeln sich Himmel, Hügel und Wälder, alles strotzt vor Saft und Kraft. Und selbst im höchsten Sommer geht durch die weiten Forsten ein kühler Hauch. Rehe, Hirsche und wilde Schweine gibt es in Fülle. Wer ein bißchen achtgibt, bekommt auch einen Dachs oder einen Schwarzspecht zu sehen. Und wo der Oberbarnim im Osten endet, da öffnet sich der Blick weit ins Oderbruch und über den Grenzfluß bis nach Polen hinein. Die Höhenunterschiede auf engem Raum sind dort groß genug, um reguläre Skischanzen zu errichten, wie es in den letzten Jahren in Bad Freienwalde geschah.

Wer den Oberbarnim kennt, wundert sich nicht, hier eine Hochburg der Naturschutzbewegung in Deutschland zu finden. Aus Bad Freienwalde stammt die Naturschutzeule, deren Erfinder Kurt Kretschmann sich über Jahrzehnte auch um die Anlage von Wanderwegen in der Region kümmerte. Denn Kretschmann war klar: Die Natur schützen zu wollen, heißt erst einmal sie kennenzulernen.

Viele dieser Wege und Anlagen, zu denen Geländer, Truppen und Schutzhütten gehören, wurden nach der „Wende“ von sog. ABM-Kräften gepflegt, erneuert und erweitert. Inzwischen vergammelt das meiste, wie zum Beispiel am Fontane-Wanderweg zwischen Bad Freienwalde und Falkenberg, der 1951 als erster Naturlehrpfad der DDR angelegt worden war.

Offensichtlich mangelt es nicht nur in den kommunalen und regionalen Verwaltungen an Interesse für die nähere Umgebung des Schreibtischsessels. Auch Leute, die dafür bezahlt werden, Touristen und Ausflügler in die Gegend zu locken, wissen oft nicht, wie es in ihren Wäldern aussieht. Zwar beklagen sie, der Oberbarnim sei zur Transitstrecke für die Einkaufstouren der Berliner nach Polen geworden. Daß aber Mangel an Infrastruktur für das Naturerlebnis der Grund sein dürfte, wenn hier niemand sein Auto stoppt, fällt ihnen nicht ein.

Verschlimmert haben sich die Zustände noch, seitdem das Bundesland Brandenburg weite Teile seiner wertvollen Wälder an Privatleute verkauft. Die Sägen stehen kaum noch still. Gigantische Holzvollerntemaschinen verwandeln in Nullkommanichts vormals gut passierbare Waldwege in Mondlandschaften. Nicht selten müssen auch ausgewiesene Wander- und Radwege daran glauben, so wie in diesem Frühjahr der Weg durch den Gamengrund zwischen den Ortschaften Hirschfelde und Tiefensee. In diesem Areal, das sich „der Blumenthal“ nennt und dessen Schönheit Theodor Fontane mehrfach rühmt, gingen im Mai massenhaft prächtige Fichten zu Boden und machten den einstmals recht gut gepflegten Weg zur Wüstenei. Fast hat man den Eindruck, es seien Herrschaften am Werk, die verhindern wollen, daß Krethi und Plethi jene Wälder betreten, die sie für die ihrigen halten, bloß weil sie als Eigentümer im Grundbuch stehen.

In jedem Fall aber ist der Privategoismus bei der großflächigen Nutzung des Bodens ein häufiger Grund, warum Radfahrer im Oberbarnim ins Fluchen geraten. Denn nicht wenige der nicht gerade vielen befahrbaren Wege enden plötzlich und ohne Vorwarnung – manchmal an einer riesigen Obstplantage, durch die nun kein einziger Pfad mehr führt, manchmal an einer Koppel, für die ihr neuer Besitzer auch den bisherigen Feldweg am Rande mit eingezäunt hat, und manchmal eben mitten im Wald.

Was hier unter einem bestimmten Blickwinkel geschildert wird, ist die Gegend, in die uns auch ein Buch führt, welches in diesem Jahr auf den Bestsellerlisten rangiert. Dieter Moor, der omnipräsente Fernsehmoderator und Schauspieler, hat es geschrieben. Es erzählt die Geschichte, wie ein Schweizer Medienmann (Dieter Moor) und eine österreichische Medienfrau (Dieter Moors Gattin) sich einen Bauernhof im Dorf Amerika (Hirschfelde bei Werneuchen) zulegen und schließlich dort Landwirtschaft betreiben. Das Buch trägt einen witzigen Titel („Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht!“), der auf einen Spruch im Dorfkonsum anspielt, und einen Untertitel („Geschichten aus der arschlochfreien Zone“), der wenig stilsicher wirkt und letztlich nicht stimmt (siehe oben). Was als eine Nebensache abzutun wäre, wenn es nicht um die Hauptsache ginge.

Denn Moor bastelt sich und uns eine besondere Art von heiler Welt. Seine fiktive Geschichte vom Ankommen des realen Schweizers im brandenburgischen Dorfleben bevölkert er mit Ossis, wie er sie sich wünscht – äußerlich rauhbautzig, aber im Grunde gütig, zupackend, hilfsbereit und lebenstüchtig. Gemeinsam meistert man alle Schwierigkeiten, ganz gleich, ob es sich um die Heuernte, die Geburt von Schafslämmern oder den Besuch von Nazis auf dem Dorffest dreht. Bei jeder und jedem handelt es sich um ein Original: bei der schönen Helena, welche die Dorffeuerwehr leitet, beim angeblich so bauernschlauen Bauern Müsebeck, der sich so wacker als „Wiedereinrichter“ durchschlägt, bei der Frau Widdel, die als Gutsbesitzertochter nicht Tierärztin werden durfte und nun den Dorfladen führt, beim bärenstarken Junggesellen Teddy, der als Multitalent so tatkräftig auf dem Hof der Moors zupackt.

Sollte das nicht der Seele des Ossis schmeicheln, der viel besser ist als in manchen Büchern von ignoranten und verständnislosen Wessis dargestellt? Sicher, viele im Osten haben gelernt klarzukommen. Doch Geschichten, die ausschließlich von Stehauffrauchen und -männchen handeln, spiegeln nicht die Realität des Lebens, schon gar nicht im Osten, schon gar nicht auf dem Dorf in Brandenburg, das in der historischen Perspektive in den letzten 20 Jahren einen Abstieg erlebte. Die Jugend ist weit weg im Westen oder in Skandinavien, dorthin gezogen, wo es Arbeit gibt. Fast jede Familie erlebt es als Normalfall, daß eines oder mehrere ihrer Mitglieder arbeitslos sind. Und das Hobby, einen Bauernhof zu führen, können sich die wirklichen Landleute nicht leisten. Auch wenn von Dieter Moors fiktivem Erlebnisbüchlein selbstverständlich keine soziologische Genauigkeit verlangt werden soll, ein bißchen mehr darf´s schon sein als das, was der Erzähler wahrnehmen will.

Richtig schief wird die Sache aber, wenn Moor die Lebensgeschichten seiner Heldinnen und Helden aus der Nachbarschaft bis in die DDR-Zeit rückspult. Wahrscheinlich fehlt ihm die Kenntnis oder er glaubt an das, was er tagtäglich im Fernsehen sieht: Das von ihm geschilderte Leben der Leute bestand aus Mangelerscheinungen und Bedrückung durch die Russen sowie vertrottelte DDR-Funktionäre. Die LPG firmiert als Zwangsveranstaltung, mit der das freie Bauerntum starb – als sei die einzelbäuerliche Wirtschaft tatsächlich noch eine erstrebenswerte Veranstaltung gewesen. Es ist schon so: Viele Bauern kamen nicht freiwillig in die LPG, blieben aber später gerne dabei. Weil sie wußten, was sie hatten: zum Beispiel die Möglichkeit, Urlaub und mit der privaten Nebenwirtschaft trotzdem gutes Geld zu machen, zum Beispiel in einem Zustand ohne Angst um Haus und Hof zu leben. Nach dieser Erfahrung wollte sich ab 1990 kaum einer von ihnen als einzelbäuerlicher „Wiedereinrichter“ versuchen. Sie sind ja nicht blöde, die Bauern, den Rückfall in die sprichwörtliche Idiotie des Landlebens freiwillig zu vollziehen: in besinnungslose Schufterei ohne nennenswerte Möglichkeit zu kultureller Teilhabe.

Doch Dieter Moor preist seinen Herrn Müsebeck, den „Wiedereinrichter“. Als er ihn zum ersten Mal trifft, hat Müsebeck zehn Jahre lang keinen Urlaub gemacht. Und der Erzähler tiriliert: „Mein Respekt vor diesem Mann steigt schlagartig. Da hab ich also nun einen dieser ´Ossis´ vor mir, vor denen wir so gewarnt worden waren. Die keine Eigenverantwortung übernehmen wollen, die nicht auf die neue Zeit reagieren können, die lieber jammern und nach Papa Staat schreien. Ein größerer Gegensatz zwischen diesem Image und der real existierenden Wirklichkeit läßt sich kaum vorstellen!“
Eigenverantwortung übernehmen, nicht nach Papa Staat schreien, auf „die neue Zeit“ reagieren – das sind die Eigenschaften willigen Kanonenfutters auf dem Schlachtfeld des Neoliberalismus, der Amerikaner halt. Danke für das Ossi-Lob, Dieter Moor!

Doch einiges muß man dem Autor schon lassen: Er beobachtet gut, und ihm gelingen lustige Passagen. Geschäftlich ist er sogar ein Genie. Sein Buch stärkt sein Alleinstellungsmerkmal in der Fernsehlandschaft: Er und nur er ist der Talkmaster mit Bauernhof, quasi Entertainer und Ententrainer in Personalunion. Das mit erhöhter Bildschirmpräsenz verdiente und von Gebührenzahlern aufgebrachte Geld kann er wieder in den Bauernhof stecken.

Vielleicht hätte Roger Boyes, Berliner Korrespondent der Londoner Times, das Moor-Modell kopieren sollen. Doch statt eines Bauernhofes versuchte er es mit einem Hotel. Geblieben ist davon immerhin das Büchlein „Ossi forever!“– der Verlag nennt es Roman – , in dem die Frau des englischen Erzählers ein Schlößchen in Brandenburg erbt. Das soll nun zu einer britischen Bed & Breakfast-Pension werden. Ein gerissener Bürgermeister (selbstverständlich mit Stasi-Hintergrund und Freunden bei der Russenmafia) versucht das zu verhindern, weil er im Schloß ein Spielkasino einrichten will. Die skurrilen Verwicklungen, die sich dabei ergeben, sie sind die Handlung des Textes, der genußvoll mit den Ossi-Klischees spielt.

Oder besser gesagt: die Gelegenheiten, sarkastische Bemerkungen über die Welt im Großen und im Kleinen anzubringen, über Ossis, Engländer, Schotten, Männer und Frauen, Sottisen, wie sie wohl nur ein Brite hinbekommt. Zu den Kreuzen beispielsweise, die sich allenthalben an Brandenburgs Straßenrändern finden, läßt Boyes seinen Erzähler sagen: „Was für eine Verschwendung von jungen Männern. Sie könnten auch Uniformen tragen und Taliban töten.“

Das ist alles recht nett, wenn auch kein großer Wurf. Anbiederei immerhin ist Boyes´ Sache nicht. Vielleicht ist sein Haus im Westen Berlins gerade deshalb zum „Asyl“ für Freunde aus dem Osten geworden, wie Boyes jüngst in einem Radio-Interview sagte. Und weil er – Understatement ist dem Bewohner der norddeutschen Landstriche fast immer sympathisch – sich selbst nicht so unheimlich wichtig nimmt. Wer zu ihm komme, der müsse auch seine Kochkunst ertragen und werde mit schlecht gebratenen Eiern traktiert.

Roger Boyes: Ossi forever! Ein Roman aus der brandenburgischen Provinz. Ullstein. Berlin 2010. 272 Seiten, 8,95 Euro

Dieter Moor: Was wir nicht haben, brauchen Sie nicht. Geschichten aus der arschlochfreien Zone. Rowohlt Taschenbuch Verlag Reinbek 2010. 304 Seiten, 8,95 Euro

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