Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Briefe aus Bayern

Über den Dialog zweier Münchner Politiker, Mark Twain und die deutsche Sprache


Von Holger Becker

Es war an einem Sonnabendnachmittag zur Kaffezeit, als ich mit einem Journalistenkollegen durch Münchens Innenstadt schlenderte. Der kalte Wintertag ließ uns einen Ort zum Aufwärmen suchen. Und wir wollten wissen, wie der Kuchen so schmeckt in der Metropole der Bayern. Also suchten wir ein Café. Was wir fanden, war ein absolut leeres Lokal, in dem wir uns zwar hinsetzen durften, auch Kaffee und Kuchen bekamen, aber beobachten mußten, wie ein unlustiger Kellner rund um uns herum die Stühle auf die Tische stellte.

Auch der Kuchen war nicht besonders in diesem Etablissement, in dem wir nun saßen und die Erlebnisse des Vormittags besprachen. Wir waren nämlich nach München gekommen für ein Interview mit dem philosophischen Logiker, Schriftsteller und Maler Alexander Sinowjew (1922 bis 2006). Für seine Kritik am sowjetischen System der Breschnew-Ära, nachzulesen in Büchern wie „Gähnende Höhen“ und „Homo sovieticus“ war dieser leidenschaftliche Mann und nüchterne Analytiker 1978 von der UdSSR ausgebürgert worden. Das Magazin Der Spiegel verglich ihn, der nun seine Wohnung in München genommen hatte, mit Größen der Weltliteratur wie Rabelais, Swift, Kafka. Allerdings fand seine Popularität bei den bundesdeutschen Leitmedien ein schnelles Ende, als er 1988 das Buch „Katastroika. Gorbatschows Potemkinsche Dörfer“ veröffentlichte. Als wir ihn an jenem Wintertag 1992 besuchten, war es längst ruhig um ihn geworden, obwohl es sich bei ihm um einen der interessantesten Menschen handelte, die man auf dieser Welt kennenlernen konnte. Sinowjew sagte uns eine Erscheinung wie Putin voraus.

Die Stunden mit dem löwenköpfigen Russen prägen die Erinnerung an den bisher einzigen München-Aufenthalt meines Lebens. Was weiß ich davon noch? Zwei Sachen: Die Leute, bei denen wir in Schwabing wohnten, hatten eine Ratte als Haustier. Und ich sah Obdachlose, die am verschneiten Isarufer in einem kleinen Zelt kampierten. So etwas kannte ich bis dahin nicht. Für das Deutsche Museum und die Pinakothek blieb auf dieser Dienstreise leider gar keine Zeit.

Falls ich doch mal wieder nach München fahre, dann wegen dieser Museen. Ein bißchen werden daran aber auch Christian Ude und Peter Gauweiler schuld sein. Der eine gehört der SPD an und ist seit 1993 Oberbürgermeister der bayrischen Landeshauptstadt, der andere war mal bayrischer Minister und sitzt jetzt für die CSU im Bundestag. Seit dem Herbst 2008 schreiben sie sich im Wochenrhythmus offene Briefe, die in der Tageszeitung Münchner Merkur zu lesen sind. Ihre Korrespondenz muß ein wichtiges Verkaufsargument der Zeitung sein. Denn sie bereitet – in der Mehrzahl der Fälle – tatsächlich ein Vergnügen. Beide Briefpartner haben Humor, und zwar ausreichend für ein Büchlein, das jetzt den Briefwechsel dokumentiert und auch dem verwunderten Leser in der Hauptstadt der Saupreußen zur Kennntnis gibt. Vielleicht hat das Münchner Klima doch andere Ingredenzien als das anderer deutscher Großstädte. Und vielleicht ist es kein Zufall, daß „Kir Royal“ als beste bundesdeutsche Fernsehserie aller Zeiten eben in München spielt.

Humor bei Politikern ist man ja kaum gewohnt, da Talkshow für Talkshow das ewige Haustdumeinetantehauichdeinetante zu beobachten ist. Ude und Gauweiler aber können durchaus sich selbst und ihre Parteien zum besten haben, ohne dabei einander etwas zu schenken oder gar auf provozierende Frotzeleien zu verzichten. Ein paar Beispiele:

• Gauweiler schlägt Ude vor, doch für den SPD-Vorsitz zu kandidieren und bemerkt dabei: „Du müßtest nur die Sache mit Afghanistan ändern, weil niemand die SPD wählt, um Tornados an den Hindukusch zu schicken, für den Wahlfälscher Karzai – und ein in 50 Jahren aufgebautes Sozialsystem der EU-Harmonisierung mit Polen und Portugal zu opfern.“

• Ude kritisiert die Ideologie der Steuersenker, zu denen auch Gauweiler zählt, und führt dabei aus: „Hier ist der Versuch erkennbar, den Staat, der in der Not die Hilfe bringen soll, so auszuhungern, daß er in einigen Jahren kollabiert – und daß dann abermals das Lied ´Privat vor Staat´ angestimmt werden kann. Diese Absicht ist leicht durchschaubar, ziemlich unanständig und politisch töricht.“

• Gauweiler macht sich Gedanken zum Thema Daseinvorsorge per Agrarpolitik und schreibt: „Wenn wir – auch aus Gründen einer Versorgungssicherheit in weltwirtschaftlich mageren Jahren – die Milcherzeugung hierzulande sichern wollen, muß uns die Landschaftspflege durch einheimische Milcherzeuger mehr wert sein als bisher.“

• Ude stimmt ihm zu und ergänzt: „Wenn Preisdumping schädlich sein kann, dann doch nicht nur bei Aldi und Lidl zum Nachteil der Milchbauern, sondern auch bei neuen Dienstleistungsfirmen, deren einzige Geschäftsidee darin besteht, Briefzusteller schäbig zu bezahlen.“

Aufmerksam auf den Briefwechsel wurde ich, weil ein Freund mir eine der Folgen aus dem Münchner Merkur mailte, die im Buch noch gar nicht enthalten ist. Denn dieses umfaßt nur die Korrespondenz bis kurz nach der Bundestagwahl 2009. In besagtem Brief vom 26. November 2009 berichtet Gauweiler, er habe sich mit Egon Krenz getroffen, und niemand möge deshalb bitte in Ohnmacht fallen. Sie hätten unter anderem darüber gesprochen, „daß der geistige Bürgerkrieg, der unser Land länger geteilt hat als die Teilung, irgendwann ein Ende haben muß“. Das ist ein vernünftiges Wort in Zeiten, da beim Thema DDR aus allen Ecken der Geifer spritzt, und das vorzugsweise von Leuten, die vom Leben der anderen kaum einen Schimmer haben.

Nein, bitte erwarte niemand Wunderdinge. Vielen wird es so gehen wie mir, daß sie zu den Anschauungen von Ude und Gauweiler mehr Differenzen als Gemeinsamkeiten feststellen. Das Überkreuzkolumnieren der beiden ist aber ein Lichtblick in einer Landschaft, in der sich Politik für gewöhnlich als Fall zum Abgewöhnen darstellt und ein substantieller Dialog so selten ist wie Flamingos in der Mark Brandenburg.

Zu den Vorzügen des Buches gehört übrigens: Der Stil der beiden Münchener erhebt sich auch in sprachlicher Hinsicht ein gutes Stück über den Durchschnitt in der Kaste der Politiker und ihrer Ghostwriter. Und wenn der eine mal patzt, bekommt er vom andern dafür einen Rüffel. So mault Ude, nur „schwer verdaulich“ sei Gauweilers Brief gewesen, in dem er seinen Teilerfolg vor dem Bundesverfassungsgericht feierte. Dort hatte der CSU-Mann gegen den sogenannten Lissabon-Vertrag geklagt und eine stärkere Beachtung nationaler Souveränitätsrechte erstritten. Gauweiler verteidigt sich dagegen nur lustlos, weil er wohl weiß: Sprache ohne Unterhaltungswert ist selbst beim Nekrolog verkehrt.

Gegen monströse sprachliche Fügungen wie „vereinfachtes Vertragsänderungsverfahren“ oder „Gesetzgebungszuständigkeit“ könnte Ude doch einige verbündete Kritiker anführen, gegen deren Urteil Widerspruch zwecklos ist – zum Teil, weil sie gar nicht mehr leben. Insbesondere Mark Twain (1835 bis 1910) gehört dazu, weil er uns nicht nur von den Abenteuern Tom Sawyers und Huckleberry Finns erzählt, sondern sich auch „Die schreckliche deutsche Sprache“ zur Brust genommen hat. Ein Aufsatz, der jedem empfohlen, der ab und an in die Verlegenheit gerät, sich schriftlich äußern zu wollen oder zu müssen.

Besonders lustig fand Twain die Länge vieler Wörter, welche die Deutschen benutzen. Manche seien so lang, „daß man sie nur aus der Ferne ganz sehen kann“. Und: „Dies sind keine Wörter, es sind Umzüge sämtlicher Buchstaben des Alphabets.“ Als Beispiel nennt Twain unter anderen: "Stadtverordnetenversammlung“, „Kinderbewahrungsanstalten“, „Wiederherstellungsbestrebungen“ und „Waffenstillstandsverhandlungen“. Solche Buchstabenpolonaisen winden sich auch heute durch die Zeilen und Spalten der meisten deutschen Zeitungen. Und immer wieder kommen Wörter hinzu, die Twain garantiert in seine Sammlung aufgenommen hätte. Neulich las ich in der Frankfurter Allgemeinen von einer „Wiederaufüllungskonferenz“. Gemeint war ein Treffen, bei dem beratschlagt werden soll, wie erneut Geld in einen bestimmten internationalen Fonds kommen könne.

Twains Abhandlung findet sich in einem gerade erschienenen Taschenbuch unter dem Titel „Bummel durch Deutschland“. Im Musikgeschäft würde man dieses Bändchen eine Auskopplung nennen. Denn es bietet nur den Teil von Twains 1880 erschienenem Bericht einer Reise durch Europa, der Deutschland betrifft. Der vollständige „Bummel durch Europa“ ist in verschiedenen Ausgaben verschiedener Verlage, besorgt von verschiedenen Übersetzern und illustriert von verschiedenen Künstlern zu haben, meistens für relativ wenig Geld. Man kann da wenig verkehrt machen, wenn man sich für diese oder jene Edition entscheidet. Wenn ich mich hier auf das Insel-Taschenbuch „Bummel durch Deutschland“ stütze, das gerade auf den Markt gekommen ist, dann nur darum, weil es gerade auf den Markt gekommen ist. Zuviel Mark Twain kann es auf dem Markt gar nicht geben. 

Peter Gauweiler, Christian Ude, Briefwechsel, Keyser Verlag, Berlin Potsdam München 2009, 205 Seiten, 9,90 Euro.


Mark Twain: Bummel durch Deutschland. Aus dem Englischen von Gustav Adolf Himmel. Insel Verlag, Berlin 2009. 296 S., 9 Euro

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