Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Krimis, Hacks und ein geheimer Zirkel

Einige Lesetips für den Sommer 2010


Von Holger Becker

Leider, leider sind sie wieder nicht bis ins Endspiel gekommen, die Brasilianer, für die der Fußball doch erfunden worden ist und deren beste Spieler – wie Pelé, Garrincha oder Ronaldo – als Sterne erster Ordnung den fußballgeschichtlichen Rest weit hinter sich lassen. Doch man kann ja nicht alles haben. Die WM ist glücklich vorbei und jetzt wieder mehr Zeit für Bücher und Filme, zum Beispiel Krimis.

U-Boote und ein fauler Kommissar
An den skandinavischen Autoren kommt kein Krimifreund vorbei. An Spannung kaum zu überbieten ist die Millennium-Trilogie des Schweden Stieg Larsson, die jetzt auch vollständig verfilmt und fürs deutsche Publikum synchronisiert im Kino und auf DVD besichtigt werden kann. Wer sie noch nicht kennt, sollte sich die Bücher besorgen, die als Taschenbuch jeweils für 9,95 Euro zu haben sind. Aber auch die Filme lohnen sich, vor allem wegen der sehenswerten Naomi Rapace, die Larssons schräge Heldin Lisbeth Salander, eine Mischung aus Mata Hari und Pippi Langstrumpf, in atemberaubender Weise verkörpert.

Doch von Larsson, der 2004 verstarb, wird es wohl keine neuen mehr Bücher geben, es sei denn im Nachlaß findet sich noch etwas Druckreifes. Und von Henning Mankell, der seine Schiffsreise gegen die Blockade des Gaza-Streifens zum Glück lebend überstanden hat, liegt der nun offensichtlich unwiderruflich letzte Kurt-Wallander-Roman vor. „Der Feind im Schatten“ handelt von einem pensionierten schwedischen Marineoffizier, der – ebenso wie dann anschließend seine Frau – spurlos verschwindet. Der Mann hat etwas mit den Affären um fremde U-Boote zu tun, die in der Zeit des Kalten Krieges vor Schwedens Küsten auftauchten, und ist zufällig der Schwiegervater von Wallanders Tochter. Kurt Wallander, der sich endlich ein Haus auf dem Lande gekauft hat, begibt sich auf die Suche. Was er findet, erklärt sich aus den Spielen hinter den Kulissen hoher Politik.

Mankell erzeugt wie immer die für seine Schreibart und eigentlich für alle guten Krimis typische behagliche Atmosphäre. Auch wenn es in diesem Roman einige ziemliche Dummheiten über den gewesenen „Ostblock“ und insbesondere dessen einstigen ostdeutschen Mitgliedsstaat gibt, man nimmt sie willig in Kauf, wenn man die politische Aussage des Romanendes kennt, die durchaus paßgerecht genannt werden kann zu Mankells derzeitigem politischen Engagement in Nahost.

Wie gesagt, es ist der letzte Wallander.

Trost angesichts dieses Abgangs ist aber längst zu haben. Nicht nur der Norweger Jo Nesbö bietet ihn mit seinem Ermittler Harry Hole, der wegen seines kaputten Privatlebens Kurt Wallander durchaus ähnelt, seinen Kummer aber nicht mit Verdi-Opern sondern mit Whiskey bekämpft und im jüngsten Nesbö-Roman namens „Leopard“ seiner Abhängigkeit von der Flasche sogar bis nach Hongkong zu entfliehen versucht. Zur Phalanx der großen skandinavischen Krimi-Autoren gehört inzwischen nämlich auch der Däne Jussi Adler-Olsen, von dem in diesem Jahr der zweite ins Deutsche übersetzte Krimi erscheinen wird. Den Anfang machte im letzten Herbst der Thriller, den sein deutscher Verlag „Erbarmen“ meinte nennen zu müssen, obwohl der dänische Originaltitel „Die Frau im Käfig“ viel passender ist.

Adler-Olsen paart Spannung mit der Lust am Lachen. Dabei erzählt er eine harte Geschichte vom Verschwinden einer erfolgreichen und hübschen jungen Politikerin, die jahrelang nicht wieder auftaucht, da sie in einer Art Bunker gefangenhalten wird. Das geht an die Nieren, während ein freundliches Licht stets über Adler-Olsens Beschreibungen dessen liegt, was die Ermittler so treiben.

Die Hauptfigur ist dabei der Kommissar Carl Mörck, das Enfant terrible der Kriminalpolizei in Kopenhagen, genial, aber ziemlich faul und unbeliebt bei den Chefs, die ihm einen Posten als Leiter der Abteilung für ungelöste Fälle mit fensterlosem Büro im Keller verpassen. Sein ebenfalls chaotisches Privatleben meistert Mörck mit Nonchalance. Er erträgt die Marotten seiner Exfrau, einer Möchtegernkünstlerin, ohne in den Opernwahn oder den Suff zu verfallen, meistert mit Humor das Zusammenleben mit seinem Sohn und anderen Mitbewohnern, die andauernd Grillfeste feiern. Vor allem aber findet er den Bunker.

Adler-Olsens bester Kunstgriff: Er stellt Mörck einen Assistenten zur Seite, einen angeblichen Syrer, der ausgerechnet Hafez el Assad heißt und der seinen Chef mit allerhand außergewöhnlichen Fähigkeiten verblüfft, ansonsten aber alle Welt – die Leser inklusive – über seine tatsächliche Herkunft im Ungewissen läßt. Jussi Adler-Olsen wird seinem Publikum noch viel Freude bereiten und mit seinen Krimis ganz bestimmt ein reicher Mann. Sein Geld kann er dann in den Ausbau alter Häuser stecken, was zu den Hobbies des einstigen Rockmusikers gehört.

- Henning Mankell: Der Feind im Schatten. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010, 590 Seiten 26 Euro

- Jussi Adler-Olsen: Erbarmen, Deutscher Taschenbuch Verlag, München 2009, 417 Seiten, 14,90 Euro

Schöne Plätze, verschwiegene Leute
Da ist Musik drin – das läßt sich in jedem Fall über die Themen sagen, die der Journalist Gerhard Wisnewski aufgreift. In einem seiner jüngsten Bücher hat er sich dem Klub der sogenannten Bilderberger zugewandt, in dem sich alljährlich Spitzenleute aus Wirtschaft, Politik und Medien, Adelige und Militärs treffen, um vorbei an der Öffentlichkeit ihrer Herkunftsländer politische Projekte zu diskutieren. Dieses informelle Gremium abseits demokratischer Verfaßtheiten nennt sich nach dem niederländischen Hotel De Bilderberg, wo man sich 1954 zum ersten Mal traf. Seitdem finden diese Zusammenkünfte an Orten statt, die vor der Öffentlichkeit möglichst geheimgehalten werden und für deren Abschirmung durch Sicherheitskräfte das jeweilige Gastgeberland eine Menge Steuergeld aufwendet. Die Medien dieses Landes und anderer Staaten haben die Bilderberger-Treffen, an denen auch Vertreter führender deutscher Zeitungsverlage teilnehmen, bisher systematisch beschwiegen. Das vermeintliche Investigativ-Magazin Der Spiegel schrieb in diesem Juni das allererste Mal über die jährliche Geheimveranstaltung, die diesmal in der Nähe von Barcelona in Spanien stattfand. Was dort besprochen wurde, erfährt man aber auch beim Spiegel nicht, der sich mit dem Verweis auf die Verschwiegenheit begnügt, zu der sich die zu den Zusammenkünften Zugelassenen verpflichten.

Was Wisnewski über die Bilderberger berichtet, kann schon bei allen Menschen einen Schluckauf erzeugen, die einfach so glauben, die parlamentarischen Demokratien des „Westens“ seien zweifelsohne eine Form der Volkssouveränität. Ins Leben gerufen wurden die Treffen mit Hilfe der CIA als Strategieforum für „Eliten“ aus den USA und Westeuropa vor allem im Kampf gegen den Ostblock. Man könnte auch sagen: Die Westeuropäer wurden in diesem Kreis, dessen Zusammensetzung jährlich wechselt, auf Linie gebracht. Eine führende Rolle spielte dabei im Laufe der Jahrzehnte der zwischenzeitliche US-Außenminister Henry Kissinger.

Nach dem Zusammenbruch des östlichen Systems sind es offensichtlich die Probleme bei der Organisation der globalkapitalistischen neuen Weltordnung, mit denen sich die Bilderbergtreffen befassen, an denen schon eine lange Reihe deutscher Politiker teilgenommen hat. Angela Merkel zählt dazu genauso wie Gerhard Schröder, Joseph Fischer so wie Günter Verheugen, Rudolf Scharping so wie Friedbert Pflüger oder Guido Westerwelle.

Da die Bilderberger eine konspirative Verschwiegenheit pflegen, wie sie sich ansonsten bei Geheimdiensten, kriminellen oder terroristischen Vereinigungen findet, ist Verläßliches über die Folgen ihrer Besprechungen kaum zu haben. Wisnewski kann aber glaubhaft machen, daß Prozeßsteuerung bei der von den Bilderbergern vorangetriebenen „Globalisierung“ – und Entmachtung der Nationalstaaten als einzigem funktionierenden Feld sozialer Regulation – maßgeblich auf dem Weg von Krisen vorangetrieben wird, sei es der 11. September 2001, nach dem der Westen unter dem Vorwand terroristischer Bedrohungen nach Gutdünken militärisch zuschlägt, sei es die „Klimakrise“, die inzwischen Vorwände für autoritären Durchgriff jenseits vermeintlich unverbrüchlicher bürgerlicher Rechte schafft, oder sei es nur die zur möglichen Pandemie stilisierte „Schweinegrippe“, die mit ihrem Ausbleiben das Prinzip staatlicher Vorsorge blamierte.

Auch wer Bernt Engelmanns Tatsachenroman „Hotel Bilderberg“ kennt, dessen Würdigung Wisnewski unnötigerweise unterläßt, wird dies Buch mit Gewinn und Spannung lesen. Durchaus erhellend sind nämlich auch die reportageartigen Beschreibungen von den Abschirmungsmaßnahmen beim Bilderberger-Treffen 2009 in Griechenland. Daß ausgerechnet Griechenland kurz darauf in die Staatskrise geriet, mag ein Zufall sein. Schon 1997 zitierte eine griechische Zeitschrift Henry Kissinger mit der Aussage, die Griechen seien „anarchisch und schwer zu zähmen“. Man müsse sie als „Hindernis für unsere strategisch vitalen Pläne auf dem Balkan, am Mittelmeer und im Nahen Osten ... beseitigen“. Kissinger bezeichnete das Zitat in einem Brief an Wisnewski als „bösartige Fälschung“. Die reale politische Entwicklung läßt an diesem Dementi allerdings erhebliche Zweifel aufkommen.

- Gerhard Wisnewski: Drahtzieher der Macht. Die Bilderberger – Verschwörung der Spitzen von Wirtschaft, Politik und Medien, Knaur Taschenbuch Verlag, München 2010, 318 S., 12,95 Euro

Erinnerungen an die Zukunft
Es sei „das Abenteuerlichste, was zu DDR-Zeiten zu Papier gebracht wurde“, schreibt der Literatur- und Theaterwissenschaftler Werner Mittenzwei über die Gesprächsprotokolle von Arbeitsgruppen, die der Dichter Peter Hacks an der Akademie der Künste der DDR installiert und geleitet hatte. Diese Zirkel tagten zwischen 1972 und 1990 ganze Abende lang bei Schnittchen und gutem Cognac zu verschiedenen Themen der Literatur und des Theaters, die Hacks vorgab. Es sind aber immer auch Diskussionen um Politik gewesen, um die reale Entwicklung in der DDR und in der Welt. Wahrscheinlich gab es in der DDR kein zweites staatlich anerkanntes und finanziertes Gremium, in dem Problemlagen so offen und auf so hohem Niveau debattiert worden sind. Hacks wählte dazu die Teilnehmer sorgfältig aus und forderte von ihnen eine gute Vorbereitung. Bei den Treffen lief immer ein Tonband mit, und es wurde professionell stenographiert. Wären die Protokolle dieser Diskussionen zu DDR-Zeiten veröffentlicht worden, hätten sie den Status der sprichwörtlichen Bückdichware erreicht – schon allein wegen der Teilnehmer, zu denen Wolfgang Harich, Rainer Kirsch, Wolfgang Kohlhaase, Siegfried Matthus, Karl Mickel, Werner Mittenzwei, Günter Rücker, Frido Solter und viele andere zählten.

Mit dem Wegfall der gesellschaftlichen Gegenstände dieser Debatten lassen sich vergleichbare Veranstaltungen vorerst nicht mehr denken. Gut, daß die Protokolle jetzt – unter dem Titel „Berlinische Dramaturgie“ – gedruckt vorliegen, und zwar in einer von den Herausgebern Thomas Keck und Jens Merle sehr sorgfältig erschlossenen und kommentierten Edition. Von den erklärenden Anmerkungen bis zur Vorstellung der handelnden Personen bleiben kaum Wünsche offen.

Aber nicht nur die „Berlinische Dramaturgie“ dokumentiert das anwachsende Interesse an dem 2003 verstorbenen Dichter Hacks, nachdem ihn der Literaturbetrieb in den 1990er Jahren mit regelrechter Mißachtung gestraft hatte. Mit Suhrkamp hat nun auch einer der wichtigsten deutschen Verlage das Hacks- Werk für sich entdeckt. Zuerst erschien im Frühjahr als neuer Band der von Suhrkamp weitergeführten Insel-Bücherei Peter Hacks´ Märchen „Der Schuhu und die fliegende Prinzessin“, das auf hintersinnige Weise vom Verhältnis zwischen Macht und Kunst und von der Liebe handelt. Und gerade erst sind in dem nach Berlin übergesiedelten Verlag in einem dicken Band all jene Essays erschienen, die Hacks unter dem Titel „Die Maßgaben der Kunst“ versammelt hatte. Es handelt sich um genau jene Texte, die Hacks für die Bände 13 bis 15 der Werkausgabe autorisiert hatte. Während für diese drei Bände mindestens 72 Euro zu berappen sind, kostet der eine Suhrkamp-Band 64 Euro. Was immer noch viel Geld ist, aber auch eine Anschaffung fürs Leben. Bessere Essays als die von Hacks, insbesondere jene zum Kampf zwischen Klassik und Romantik, wurden noch nicht geschrieben. Sie bieten das kunstvoll destillierte Substrat umfassender Beschäftigung mit ihrem Gegenstand in heiter-dialektischer Weise und in einer Sprache, die zu lesen wie Naschen von der Götternahrung ist.

- Berlinische Dramaturgie. Gesprächsprotokolle der von Peter Hacks geleiteten Akademiearbeitsgruppen. Herausgegeben von Thomas Keck und Jens Merle. Aurora Verlag, Berlin 2010, 2000 Seiten, Gesamtpreis 126 Euro, Bände auch einzeln erhältlich

- Peter Hacks: Der Schuhu und die fliegende Prinzessin. Ein Märchen. Mit Zeichnungen von Heidrun Hegewald. Insel-Bücherei Nr. 1327, Insel Verlag, Berlin 2010, 82 Seiten,12,80 Euro

- Peter Hacks: Die Maßgaben der Kunst. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010, 1200 Seiten, 64 Euro

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