Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Ganz allein im Weltall?

Neue Bücher über die DDR und die Folgen ihres Endes


Von Holger Becker

Als im Jahre 1989 die Mauer fiel, gab es in der DDR nur wenige Leute, die das Richtige rieten. Einer davon war der Philosoph und Literaturwissenschaftler Wolfgang Harich. Der einstige Vertraute Bertolt Brechts empfahl damals, sich auf eine baldige deutsche Vereinigung einzustellen. Das sei auch wichtig, damit die DDR-Bevölkerung in 40 Jahren Errungenes verteidigen könne. Hören wollte das kaum einer, auch nicht die DDR-Grünen, denen der einstige politische Häftling als Berater diente. Es kam so wie der Mann sagte, der 1956 und damit zur Unzeit für die Wiedervereinigung – wenn auch auf anderer Grundlage – eingetreten war.

Eher desorientierend, weil illusionär, wirkte 1989 hingegen der Aufruf „Für unser Land“, mit dem Schriftsteller wie Stefan Heym und Christa Wolf sich an die Öffentlichkeit wandten. Den unterschrieb wohl die halbe DDR-Bevölkerung einschließlich des Autors dieser Zeilen – und lag damit falsch. Was sollte die nicht mehr abwendbare Rücktransformation hin zu einer kapitalistischen Wirtschaftsordnung bringen, wenn sie in den Farben der DDR erfolgte? Das Land und seine Menschen konnten so nur noch als Plünderungsmasse für gewendete Komsomolzen dienen, die sich wie im Rußland der Gorbatschow-Jelzin-Ära und in den anderen Überbleibselländern des sowjetischen Raums das Volkseigentum unter den Nagel rissen und große Bevölkerungsteile der Verarmung überließen.

Es sollte also nicht vergessen werden: Der Weg, den die Bundesregierung unter Helmut Kohl einschlug, lief auf die für die DDR-Menschen sozial günstigere Variante hinaus. Das heißt noch lange nicht, es sei gut gelaufen, was da je nach Blickwinkel und Absicht mit Begriffen wie „Wiedervereinigung“, „Beitritt“, „Anschluß“, „Kolonisation“ und ähnlichem mehr belegt wird. Viel zu viele Menschen im Osten haben viel zu viel an Verlust erlebt, an Zurücksetzung, Demütigung, an intellektueller und emotionaler Beleidigung, als daß dies folgenlos bleiben könnte. Falsch waren aber oft auch ihre Vorstellungen von den Realitäten des Westens, der noch dazu ja ein anderer geworden ist, als er vor 1989 gewesen war.

Eigentlich sollte sich also niemand wundern, wenn die Bemühungen in Politik, Wissenschaft und Medien, den Ostlern immer wieder einzutrichtern, in welch schlimmem System sie doch gelebt hätten, nicht nur nichts fruchten, sondern auf zunehmende Renitenz stoßen – inzwischen sogar bei jungen Leuten, die selbst die DDR gar nicht mehr aus eigener Anschauung kennen, wie das Magazin Der Spiegel jüngst ebenso staunend wie verärgert bemerkte. Doch das große Ramentern geht weiter, gerade im Jahr 20 nach dem Fall der Mauer, das uns eine Fülle von Büchern zum Thema beschert.

Fangen wir an mit dem neuesten Werk von Hubertus Knabe: Keine Person repräsentiert das Scheitern des Anti-DDR-Agitprop in den östlichen Gefilden wohl stärker als er, der Leiter der Gedenksätte im ehemaligen MfS-Untersuchungsgefängnis Berlin-Hohenschönhausen. Unter dem Titel „Honeckers Erben“ will er nun die „Wahrheit über DIE LINKE“ verbreiten. Wozu es sicher viel zu sagen gibt. Nur was Knabe vorzubringen hat, ist geboren aus dem Schaum vor seinem Munde. Geist und Ton seiner Darstellung kennzeichnet es, wenn er bemerkt, es sei eine „korrupte Verbrecherbande“ gewesen, die in der DDR die Macht ausgeübt habe. Der Staat, der vor zwei Jahrzehnten ohne einen Schuß der Gegenwehr unterging, erscheint bei ihm als eine Veranstaltung der flächendeckenden Rundumdieuhrunterdrückung. Selbst die LPG, deren Nachfolger aus guten Gründen noch heute das Bild der ostdeutschen Landwirtschaft bestimmen, sind ihm nur gut, um sie als „Rädchen im Getriebe der Planwirtschaft“ zu beschimpfen.

Hubertus Knabe beweist bei alledem viel Unkenntnis der Tatsachen und auch der Geschichtsliteratur. Ganz schlimm wird das, wenn er auf die KPD und damit einen Teil der Vorgeschichte von DDR, SED und Linkspartei zu sprechen kommt. Nur zwei Beispiele: Man kann nach Sebastian Haffners Darstellung der Novemberrevolution nicht mehr behaupten, die gerade gegründete KPD habe den sogenannten Januaraufstand von 1919 initiiert, selbst wenn in manchem DDR-Geschichtsbuch ähnliches stand, das Ereignis sogar als „Spartakusaufstand“ bezeichnet wurde. Und es ist durchaus nicht akzeptabel, der SED-Darstellung zu folgen, nach der es noch am 7. Februar 1933, also nach Hitlers Machtantritt, eine illegale Tagung des ZK der KPD im Sporthaus Ziegenhals gegeben habe. Worum es sich bei dieser Veranstaltung handelte, hat schon vor über eineinhalb Jahrzehnten Henryk Skrzypczak in einem großartigen Aufsatz dargelegt (Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung, Heft 3, 1993).

Es gibt auf dem Markt sogar Extremeres als Hubertus Knabe. So das Buch „Vorwärts und vergessen!“ der Journalisten Uwe Müller und Grit Hartmann, in dem die These eines Juristen von der DDR als Fortsetzung der Nazidiktatur zustimmend zitiert und eine zu lasche Bestrafung von DDR-Funktionären beklagt wird. Es gibt aber auch wesentlich Besseres. Vor allem Daniela Dahns neues Buch „Wehe dem Sieger!“

Die Autorin greift darin jenen Ansatz auf, mit dem Wofgang Harich 1992 unbeirrt von den Einreden einiger durchaus PDSnaher Historiker die Alternative Enquetekomission Deutsche Zeitgeschichte ins Leben rief. Die DDR, so machte er geltend, habe nicht für sich allein im Weltraum, sondern in Zusammenhängen existiert. Die Spaltung Deutschlands sei nicht ohne die Vorgeschichte, nicht ohne die Herrschaft des Faschismus und den Zweiten Weltkrieg zu erklären. Die DDR und die BRD hätten sich ständig aufeinander bezogen und könnten auch in ihrem Wechselspiel wiederum nicht isoliert betrachtet werden. Harich exerzierte diese Gedanken für zahlreiche Sachgebiete durch und organisierte dazu gemeinsam mit Verbündeten große Veranstaltungen.

In der Methode sehr ähnlich verfährt jetzt Daniela Dahn. So schildert sie detailliert den Wettlauf beider deutscher Staaten um die bessere Sozialpolitik, die ja ein entscheidendes Feld für die Attraktivität der jeweiligen Seite war. Ihre Leser können hier nachverfolgen, wo die Stärken und Schwächen der Konkurrenten lagen, aber auch warum die DDR letztlich aufgrund von Honeckers unseriöser Wirtschaftspolitik das Rennen nicht gewinnen konnte. Die Systemkonkurrenz verhinderte nicht, daß es mehr oder weniger stille Kooperationen hinweg über die stark gesicherte Grenze gab. So schildert Daniela Dahn, wie1974 die DDR die neue Bonner Regierung unter SPD-Kanzler Helmut Schmidt stützte, indem sie mit Großaufträgen an die westdeutsche Industrie ein weiteres Ansteigen der Arbeitslosigkeit in der Bundesrepublik verhinderte.

Unbedingt zu unterstützen ist das Plädoyer der Schriftstellerin für eine „faktengenau vergleichende, verflochtene Geschichtsschreibung“. Nicht zufällig werde „die auf historischen Kontext bestehende Sicht gern mit dem Äquidistanz-Verbot belegt“. Nötig seien vergleichende Studien auch für andere Themen wie die politische Repression auf beiden Seiten, die Geheimdienste oder den Einfluß, den Kultur und Medien auf die jeweils andere Seite ausübten. Eine lange Themenliste dieser Art, so sei ergänzt, müßte sich in den Papieren zu Harichs Alternativer Enquetekomission finden. Nur wer gibt in diesem Lande Geld für solche Forschungen?

„Wehe dem Sieger!“ – Dieser Titel bezieht sich vor allem auf die Folgen, die das Verschwinden der Systemkonkurrenz in Europa zeitigt. Daniela Dahn scheut sich nicht, den Zusammenhang deutlich anzusprechen: Die Existenz des anderen Systems im Osten, das den „Umsturz“, die Drohung mit der Enteignung des privaten Eigentums an Produktionsmitteln in staatlicher Form manifestierte, hat den Kapitalismus im Westen gebändigt. Seitdem dieser Druck weg ist, lebt das Raubtier ohne Gitter und Leine. Die Konsequenzen sind der Abbau von Sozialstaatlichkeit und Demokratie und auch die Wiederkehr des Krieges nach Europa. Daniela Dahn setzt sich verdienstvollerweise mit dem NATO-Überfall auf Jugoslawien auseinander, bei dem die Regierung Schröder/Fischer zum ersten Mal seit 1945 Deutschland in einen Krieg geführt hat – einen Angriffskrieg wohlgemerkt.

Hinzufügen könnte man etwas, das die Autorin nur am Rande streift: Die schärfsten Auswirkungen im Parteiensystem der Bundesrepublik hatte das Ende des Sozialismus für die SPD. Mit dem Konzept des Reformismus nämlich läßt sich nichts mehr erreichen, wenn das Kapital die Angst vor dem Umsturz verliert. Als politische Speerspitze der Gegenreform zu agieren, wie sie es mit der „Agenda 2010“ praktizierte, wiederum führt in ungeahnte Tiefen der Wählerungunst. Und ein Nachdenken darüber, was die Qualität der Sozialdemokratie zu Zeiten von August Bebel und Wilhelm Liebknecht politisch ausmachte, hat sich beim langen Sitzen an den Tischen der Macht verloren.

Wie geht es weiter? Auch darüber macht sich Daniela Dahn ihre Gedanken. Ich gebe zu, daß ich Kapitel zu diesem Thema bei allen gesellschaftskritischen Autoren nur flüchtig überblättere, wobei die Geschwindigkeit steigt, wenn, wie in diesem Fall, Geistesgrößen wie Michail Gorbatschow als prognostische Mitdenker positive Erwähnung finden. Klar, so wie es ist, kann es nicht bleiben. Und in Vorstellungen, wie das Leben, Staat, Gesellschaft und Wirtschaft organisiert sein sollten, ist man sich schnell einig, wenn man nicht die Interessen bevorrechteter Kasten verficht.

Doch die Geschichte hält viele Wendungen parat. Wer zum Beispiel hätte im Jahr 1849 gedacht, als preußische Truppen die letzten Aufstände der 48er Revolution niederschlugen, daß ausgerechnet mit Bismarck ein Preuße nur zwei Jahrzehnte später die Hauptforderung dieser Revolution erfüllen und die Einheit Deutschlands herstellen würde? Wer hat 1987 beim Staatsbesuch Erich Honeckers in Bonn geahnt, daß es den Staat, den er vertrat, bald nicht mehr geben werde und welche Folgen das auch für diejenigen hat, die seine Abschaffung bewerkstelligten?

Hubertus Knabe: Honeckers Erben. Die Wahrheit über DIE LINKE. Propyläen, Berlin 2009, 448 Seiten, 22,90 Euro

Uwe Müller, Grit Hartmann: Vorwärts und vergessen! Kader, Spitzel und Komplizen: Das gefährliche Erbe der SED-Diktatur. Rowohlt Berlin, Berlin 2009, 316 Seiten, 16,90 Euro

Daniela Dahn: Wehe dem Sieger! Ohne Osten kein Westen. Rowohlt, Reinbek 2009, 302 Seiten, 18,90 Euro

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