Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Napoleon und die Gespenster

Privatisierer des Lebenswichtigen sind die Romantiker von heute. Notizen auch zu Büchern.


Von Holger Becker

„Zum Teufel mit Napoleon!“ Mit diesem Ausruf der ermittelnden Kommissarin endete ein im Jahre 2003 erstmals gesendeter „Polizeiruf 110“-Krimi des Rundfunks Berlin-Brandenburg. Der Film, sehenswert wie alle Streifen dieser märkischen Reihe wegen des Schauspielers Horst Krause in seiner Rolle als knorzig-kauziger Dorfpolizist, drehte sich um einen Mord im Milieu jener Enthusiasten, die viele Wochenenden damit verbringen, in orginalgetreu nachgestalteten Uniformen historische Gefechte nachzustellen. In diesem Fall war es die Schlacht von Großbeeren 1813.

Da dem Fluch auf den großen Kaiser der Franzosen der Abspann folgte, blieb er unwidersprochen. Das aber ist nicht gut. Die in Deutschland verbreitete Mißachtung der Verdienste Napoleon Bonapartes nützt nämlich nur den Gespenstern der Geschichte. Wer damit gemeint und warum das Thema wichtig ist, werden wir noch sehen.

Verantwortlich für die negative Sicht auf den früheren Artillerieleutnant von der Insel Korsika, der sich 1804 im Gefolge einer Volksabstimmung selbst zum Kaiser Frankreichs krönte, sind insbesondere die Schriftsteller der deutschen Romantik, der „Turnvater“ Friedrich-Ludwig Jahn und Jossif Wissarionowitsch Stalin nebst allen seinen Nachfolgern.

Wie das?

Als Napoleons Armeen zu Beginn des 19. Jahrhunderts einen großen Teil Europas eroberten, trugen sie auf ihren Bajonetten den Fortschritt hinaus über Frankreichs Grenzen. Es waren Errungenschaften der Großen Revolution der Franzosen von 1789, an denen nun auch die Einwohner anderer Länder teilhaben konnten. Napoleons Armeen brachten vor allem den Code civil als bürgerliches Gesetzbuch. Das bedeutete die Gleichheit aller (männlichen) Bürger vor dem Gesetz, Schutz des Privateigentums, vollkommene Trennung von Staat und Kirche, Wegfall des Zunftzwanges, Gewerbefreiheit und freie Berufswahl, Einführung eines Personenstandswesens und vieles mehr. Das bonapartistische Modell, das den Staat über die Klassen der Gesellschaft herrschen ließ und ein Gleichgewicht besorgte, stellte die zu seiner Zeit mögliche Weise dar, dem unaufhaltsamen Siegeszug des Kapitalismus ein halbwegs menschliches Antlitz zu verleihen.

Von diesem Export moderner Staatlichkeit profitierten auch die Bewohner deutscher Territorien, auf denen es ja keine Revolution wie bei den Franzosen gegeben hatte. Als Napoleon 1806 die Gründung des französisch dominierten Rheinbundes befahl, dem anfangs 16, später 36 deutsche Fürstentümer angehörten, fiel das längst vermoderte Heilige Römische Reich Deutscher Nation einfach zu Staub. Ins Leben traten Modellstaaten wie das Königreich Westphalen, andere wie Bayern und Württemberg erfuhren Zuwachs an Land und Macht. Kennzeichen der dort einsetzenden Reformen war es, daß sie in den Fürstentümern jeweils die Zentralmacht stärken und Sonderrechte des adligen Großgrundbesitzes, der Kirchen und anderer Institutionen beschneiden und beseitigen sollten. Es ging um die Abschaffung der Patriomonialgerichtsbarkeit, also des Rechts feudaler Gutsherren, selbst Recht zu sprechen, um den Wegfall von Privilegien wie der Aufsicht des Adels über Schule und Kirche, um die Besteuerung der Rittergüter, die es zuvor nicht gegeben hatte. Es ging um die Effzienz der Verwaltung, die nun ausschließlich dem Staat verpflichtete und von ihm versorgte Berufsbeamte besorgen sollten. Entsprechend seiner Eignung sollte jedermann jeden Posten einnehmen können, was ja zu den Erfolgsgeheimnissen der nachrevolutionären französischen Armee gehörte. Napoleon, „die Weltseele zu Pferde“, wie der überzeugte Bonapartist Georg Friedrich Wilhelm Hegel ihn nannte, verkörperte eben auch das Leistungsprinzip, das nichts mit dem heutigen Begriff der „Leistungsträger“ zun tun hat, der genau besehen die Angehörigen bestimmter Kasten meint.

Nicht alle Reformen gelangen damals sofort oder überhaupt. In jedem Fall aber stießen sie prinzipiell auf Widerstand. Nicht amüsiert waren die Inhaber jener Rechte und Privilegien, die aus dem Mittelalter stammten. Was, auch sie sollten sich dem für alle geltenden Gesetz unterwerfen? Zum Sprachrohr dieses Alteisens, das nicht auf den Schrottplatz der Geschichte wollte, wurde die literarische Richtung der Romantik. Wie das vor sich ging, hat der Dichter Peter Hacks in mehreren großen Essays schlüssig mit großer begrifflicher Klarheit beschrieben. So gibt er u.a. folgende Definition: „Alle Romantik ist Überbau einer in sich ungleichartigen, nur in der Verneinung einigen Fronde gegen die Staatlichkeit der Verwaltung. Das ist ihr Wesen, in dem ist sie unveränderlich. Wenn sie sich ändert, hängen ihre Änderungen von den Änderungen des Staates ab, den sie verneint.“

Doch nicht die Romantik hat Napoleon besiegt. Seine Niederlage erfuhr er in Spanien, dessen Volk sich zur Freiheit nicht zwingen lassen wollte, und im bitter rückständigen Rußland, das er angriff, weil es im Bündnis mit England zur Gefahr wurde. Des Zaren Generäle ließen die französischen Truppen ins Leere laufen und hungerten sie aus mit einer Politik der verbrannten Erde. Das ganze nannten sie „Vaterländischer Krieg“. Auf diese propagandistische sprachliche Fügung griff dann Stalin zurück, als er 1941 nach seinem großen anfänglichen Debakel als Kriegsherr gegen die vormarschierenden Armeen des faschistischen Deutschland den russischen Patriotismus mobilisierte und den „Großen Vaterländischen Krieg“ ausrief. Spätestens seit diesem Zeitpunkt, zu dem Hitler und Napoleon zu geschichtlichen Parallelerscheinungen erklärt wurden, galten im Moskauer Machtbereich alle Feinde Bonapartes als honorige Leute – auch die deutschen.

In der späteren DDR, die es nun wiederum ohne den sowjetischen Sieg über Hitler nicht gegeben hätte, mußten deshalb zum Beispiel Figuren wie der Leibeserzieher Friedrich-Ludwig Jahn und der Schriftsteller Ernst-Moritz Arndt, die beide barbarische Nationalisten, Judenhasser, Franzosenfresser und antibonapartistische Konspirateure gewesen sind, als traditionsbildende Gestalten herhalten. Die 1956 gegründete Nationale Volksarmee hatte sich dem Geist der „Befreiungskriege“ von 1813 bis 1815 verpflichtet zu fühlen, weshalb sie ihren höchsten Orden nach den preußischen antinapoleonischen Generälen Gerhard Johann David von Scharnhorst und Gebhard Leberecht Fürst Blücher von Wahlstatt benannte. Und als 1988 an Europas größtem Denkmal in Leipzig ein Großspektakel zum 175. Jahrestag der Völkerschlacht über die gigantische Bühne ging, charakterisierte das allen Journalisten überreichte „Drehbuch“ Napoleon als „Ungeheuer“.

Wir können an dieser Stelle nicht die Frage diskutieren, warum Napoleon Bonaparte letztlich militärisch scheiterte. Keineswegs gescheitert ist sein Export der Staatsreform hin zum neuzeitlichen Verwaltungsstaat. Auch nach dem Wiener Kongreß, auf dem 1815 die Landkarte des nachnapoleonischen Europa gezeichnet wurde, verschwanden in den deutschen Fürstentümern nicht alle Neuerungen der Verwaltung. Selbst der Code civil, genannt auch Code Napoleon, galt in vielen Ländern weiter bis zur Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches im Jahre 1900. In Rheinland-Pfalz zum Beispiel richtete sich das Nachbarschaftsrecht noch bis 1971 nach den Bestimmungen des napoleonischen Gesetzbuches.

Alles Geschichte? Oh nein. Der romantische Kampf gegen die „Staatlichkeit der Verwaltung“ hat nie aufgehört. Seinen Schlachtenlärm hören wir beispielsweise überall dort, wo es um die Privatisierung von Systemen der Wasserversorgung, von Eisenbahnen und anderen Verkehrswegen, von Krankenhäusern, der Altersvorsorge oder von Institutionen der Bildung geht, kurz von allem, was man „Daseinsvorsorge“ zu nennen sich angewöhnt hat. Zu den Begleiterscheinungen gehört das Auftauchen von „Schwarzen Sheriffs“ und anderen privaten Sicherheitsdiensten. Sie sind vielleicht sogar der sinnfälligste Ausdruck von Rücknahme napoleonischen Fortschrittes, das heißt der Rückkehr zu Zuständen, in denen jeder Gutsbesitzer über seine Klitsche die Polizeigewalt ausübte. Bei alledem geht es heute wie zu Beginn des 19. Jahrhunderts darum, ob in der Verwaltung öffentlicher Angelegenheiten Vorrechte und Privilegien gelten, die aus der Zugehörigkeit zu bestimmten Ständen und Kasten erwachsen. Oder ob zumindest als offizielles Ziel das Allgemeinwohl gilt und der Staat sich darum kümmert.

Bis 1989 erzwang die Systemkonkurrenz in der Bundesrepublik die napoleonische Variante, die jemand den „Rheinischen Kapitalismus“ genannt hat. Danach ist die Romantik mit ihrer Antistaatspropaganda auf dem Vormarsch gewesen. Was dabei herauskam, hat ein Ex-Bundeskanzler als „Raubtierkapitalismus“ bezeichnet. Die Protagonisten und Propagandisten dieses Prozesses, also die Mehdorn, Riester und Ackermann, all die Privatisierungsideologen aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Medien gehören eigentlich zu den romantischen Gespenstern, weil sie es auf ein Rückwärts in schon mal überwundene Zustände anlegen.

Damit nichts in den falschen Hals kommt: Es geht nicht um Vergottung des Staates. Wer könnte die betreiben wollen nach den Geschehnissen des 20. Jahrhunderts oder angesichts täglicher Erfahrungen mit Bürokratie, schlechten Gesetzen und Amtsträgheit. Aber niemand sollte verkennen: Wo der Staat die Dinge nicht regelt, gilt das Recht des Stärkeren.

Der bekannteste Fan Napoleons, den Deutschland bisher sah, gilt auch als Deutschlands größter Dichter: Johann Wolfgang Goethe gehörte zu den Anhängern Napoleons, seitdem dieser Stern am Himmel aufgetaucht war, und er blieb es bis zum eigenen Tod lange nach Bonapartes Niederlage.
Aber was fand Goethe an dem Korsen? War es Schwärmerei oder die Ehrerbietung von Genie zu Genie? Es ist gut, daß mit Gustav Seibt jetzt einer der bekannteren Feuilletonjournalisten des Landes diese Frage behandelt hat. Schlecht ist, daß sein Buch „Goethe und Napoleon“ sie nicht bzw. so beantwortet: politische Gründe können es nicht gewesen sein, zumindest nicht nach Napoleons Abgang. Ja, Seibt präpariert aus einigen Goethezeilen sogar ein vorgebliches politisches Verdikt Goethes gegen Napoleon, dieser sei „habituell, ja strukturell friedensunfähig“ gewesen.

Dabei ging es Goethe, der über Politik ungern redete, selbstverständlich um dieselbe, wenn er „seinem Kaiser“ treu blieb. Hätte er Bonaparte ein „Kompendium der Welt“ genannt, wenn er dessen Ratschläge für die Einrichtung der Welt nicht als die richtigen ansah? Und: Goethe lehnte die Romantik doch nicht nur aus ästhetischen Gründen, sondern aus politischen Gründen ab. Denn: Ihm paßt die ganze Richtung nicht, die künstlerisch sehr inhomogen und vielfransig, politisch sich aber in einem Punkte einig war: der Ablehnung Napoleons, der laut einem Brief Goethes an Karl Ludwig von Knebel von 1807 „die höchste Erscheinung“ gewesen sei, „die in der Geschichte möglich war”.

Es lohnt sich aber, Seibts Buch zu lesen. Dessen Erzählung rankt sich um das legendäre Zusammentreffen Goethes und Napoleons beim Erfurter Fürstenkongreß von 1808, wo der Dichter das von Bonaparte 1802 gestiftete Kreuz der Ehrenlegion aus dessen Händen empfing. Wer sich seinen Teil dabei denkt, kann von Seibts detailreicher Darstellung der Zeitumstände profitieren, zur Einordnung bestimmter Personen und Vorgänge läßt sich vergleichend bei Peter Hacks nachschlagen, gegen den Seibts Buch sich unausgesprochen richtet.

Gustav Seibt: Goethe und Napoleon. Eine historische Begegnung.Verlag C.H. Beck, München 2008, 288 Seiten, 19,90 Euro.

Von Peter Hacks sind zum Thema insbesondere zu empfehlen die Essays „Ascher gegen Jahn, ein Freiheitskrieg“ (Werke Band 14), und „Zur Romantik“ (Werke Band 15). Die Hacks-Werkausgabe erscheint im Eulenspiegel-Verlag, Berlin. Die einzelnen o.g. Bände kosten 24 Euro.

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