Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Rosen und Dill

Gärten, Gartenbücher sowie ein bißchen Politik. Von Holger Becker


Von Holger Becker 

Manchmal am Abend, wenn ich mir eine Zigarre anzünde, will ich nichts mehr sehen und hören vom Elend der Welt. Auch nichts lesen. Was für Bücher könnten es dann sein? Agatha Christie oder Fontanes „Wanderungen durch die Mark Brandenburg“, beide zu lesen mit einer karierten Decke auf den Knien? Ja, das geht. Aber auch Bücher über Gärten oder, noch besser, den Garten als solchen sind eine Lösung. Es sollte nur keine Fachliteratur sein. Da reicht mir ohnehin Franz Böhmigs Klasssiker „Rat für jeden Gartentag“, in dem schon mein Vater immer nachschlug, wenn er wissen wollte, welchen Reihenabstand der Kohlrabi braucht. Der Böhmig, den wir zuhause auch „Das Buch mit der Sonnenblume“ nannten, ist aber nichts für späte Stunden. Von Prachtwerken über Gartenkunst in England oder China, lasse ich ohnehin die Finger. Sie würden nur die Unzufriedenheit nähren, die der ständige Begleiter aller Gartenbesitzer ist. Auch Bücher über Rosen muß ich nicht haben. Ich würde mich nur ärgern über das edle Blühwerk, das auf unserem 340-Quadratmeter-Handtuch unter Birken und Ulmen nicht wachsen mag.

Nein, mein Favorit für solche Zeiten ist das Karl-Foerster-Lesebuch „Freude und Ärger im Garten“. Es ist 2001 im Verlag Eugen Ulmer erschienen und beruht auf Karl Foersters (1874 bis 1970) vor Jahrzehnten geschriebenem „Gartenärgerlexikon“, das der Bearbeiter des Lesebuchs Uwe Peglow um andere Texte des alten Meisters und eigene Passagen mit Vorsicht ergänzte.

Foerster, der große Mann der Stauden, hatte seinen Zaubergarten in Potsdam-Bornim. Und was er uns über seine Lieblinge erzählt, nimmt immer wieder gefangen. Vor allem ist es die farbige, saftige Sprache, in der er über Blumen erzählt, auch der Ton, in dem das geschieht: gütig, ein wenig listig-durchtrieben mit Sinn für Humor, so wie Foersters Augen auf einigen Fotos, die ich sah. Er war ganz besessen-ernsthafter Wissenschaftler, Mann der Naturforschung, das aber auf dem Fundament tiefer humanistischer Bildung und geradezu selbstverständlicher musischer Gestimmtheit – Vertreter eines Typs, zu dem auch Albert Einstein gehörte und der seit dem Ende der Weimarer Republik offensichtlich nicht mehr nachgewachsen ist.

Foersters „Freude und Ärger im Garten“ ist überhaupt kein Buch, das man von vorn bis hinten durchlesen sollte. Es ist auch kein Lexikon, obwohl Foerster oft helfen kann, die sorgenfaltengefurchte Gärtnerstirn zu glätten, indem er punktgenaue Ratschläge zur Behebung von Gartenproblemen erteilt. Nein, hier muß man einfach hineinlesen. Denn die zusammengestellten Foerster-Texte handeln nicht nur von vielen verschiedenen Blumen, Gräsern und Farnen, sondern von allem möglichen, was im Garten eine Rolle spielen kann: den Spatzen im Efeu, von Mistjauche, Insekten, Lauben, der Grundstückswahl, von Pfauen und Nachtigallen. Wo Foerster uns belehrt, entmutigt er nicht mit seinem Wissen, sondern er nimmt uns mit auf den mit Fehlern gepflasterten Weg der Erkenntnis.

So schreibt er über Stockrosen, die zu den Malvengewächsen zählen: „Ich hatte sie einmal zu düngerreich und mastig gepflanzt, der Erfolg war furchtbar, sie nahmen Riesenhöhen an und verteilten die Blumen monströs mager, fielen auch um. Dahlienvorpflanzung vor rostbefallenen Malven ist äußerst passend und wirkungsvoll, etwa als wenn sich eine Dame schützend vor einen Herrn mit zerrissenen Hosen stellt.“

Und über die Orchestrierung eines Gartens teilt Foerster mit: „Laubbäume bilden den Baß in der Musik des Gartens, Sträucher die breite Mittellage, und Stauden, Kletterpflanzen und andere Blumen setzen die Glanzlichter des Diskants auf.“

Foerster zu lesen, wird mir nicht über. Dennoch muß ab und an Neues her. Als ich im elektronischen Prospekt des Insel-Verlages, der zum Unternehmen Suhrkamp gehört, ein Buch der Schriftstellerin Eva Demski sah, das den Titel trägt „Gartengeschichten“, wurde ich naschsüchtig. Mal sehen, was das ist. Mal sehen, was die so erzählt. Zumal die Illustrationen in dem Buch von Michael Sowa stammen, einem Maler, der es schafft, in einzelnen seiner Bilder mentale Verfaßtheiten ganzer gesellschaftlicher Gebilde einzufangen.

Frau Demski hat mich nicht begeistert, aber auch nicht entäuscht. Sympathisch finde ich an ihrem Buch, daß sie sich als Gärtnerin bzw. Gartenliebhaberin nur mäßig ernst nimmt. Sie verleugnet zwar ihren Anspruch auf Kennertum nicht, doch geht es um den eigenen Garten, verhandelt sie eher ihre Mißerfolge. Sie schreibt vom Rittersporn – der war Karl Foersters eigentliche Domäne –, der bei ihr partout nicht wachsen will, auch vom gescheiterten Versuch, die Rosen mit Dill zu kombinieren. Ihr Fazit: „Er hat mich mehr als einmal gerettet, der Garten: die Dinge zurechtgerückt, mich zum Lachen gebracht, wenn mir zum Heulen war. Er bereitet mir Niederlagen, aber er tröstet mich, wenn die Welt mir welche bereitet.“

Das Buch bietet auch allerhand feine Beobachtungen rund um das und die Gartenwesen. Eva Demski erinnert sich an ihre Mutter, die eine „Gartensozialistin“ gewesen sei und in der holländischen Mafia mit ihren Tulpenzwiebeln, die nur einmal blühen, sowie in jedem Gartencenter überhaupt einen Grund sah, „die Revolution nicht zu vergesssen“. Sie schildert Menschen, die der „Gartenvöllerei“ verfallen sind (und welcher Gartenliebhaber ist das nicht?) und also immer mehr neue Stauden kaufen, als ihr Garten verkraften kann, die Hornspäne horten und einen Mähtrecker für 80 Quadratmeter Rasen anschaffen. „Gartencenter ist wie nachts am Kühlschrank: Man weiß, daß es böse endet, aber es ist wunderbar.“

Eva Demski setzt sich auch mit Vorwürfen auseinander, die Beschäftigung mit dem Garten sei eine Art Flucht, ein Abwenden von politischem Denken und Handeln, wobei sie meint, ein bißchen was sei dran an diesen Verdikten. Auch da kann ich ihr zustimmen. Ich fürchte nur, in ihrem Fall ist das mehr als ein bißchen. Eva Demski, deren 1974 verstorbener Mann Strafverteidiger des RAF-Mitglieds Gudrun Ensslin gewesen ist, als Achtundsechzigerin zu bezeichnen, dürfte nicht falsch sein. Ihre „Gartengeschichten“ von heute handeln auch von aristokratischen Damen, die auf den Besitztümern ihrer Familien im westlichen und südlichen Deutschland ihre Tage vornehmlich damit zubringen, sich um die Gestaltung ihrer riesigen Gärten und Parks zu kümmern. Davon erzählt die Autorin, als müsse es so sein, obwohl jeder weiß: Grundbesitz dieser Größenordnungen beruht immer auf Ausbeutung, geschichtlich meist auch auf Raub und Krieg. Der Gartenliebhaber aus dem Osten sieht angesichts dieser selbstverständlichen Akzeptanz die Bodenreform von 1945/46 in einem noch schöneren Licht, selbst wenn ihr einige herrschaftliche Gartenkleinodien zum Opfer gefallen sind.

Doch zurück in den Garten: In einer Abhandlung darüber, was heutzutage im Garten als „Schmutz“ angesehen wird, kommt Eva Demski auf Birken zu sprechen. Die haben keinen leichten Stand, wegen des Pollenflugs im Frühjahr und des Laubes im Herbst. Also müssen sie weg. Liebhaber des lichten Birkenschattens und der Anmut ihrer weiß bis silbern umwickelten Stämme bedauern das. Ich zum Beispiel mache mir angesichts der Ausrottungsaktionen gegen die Birke immer wieder Gedanken, warum sich das Gesicht von Gärten seit meiner Kindheit in den 60er und 70erJahren so verändert hat. Selbst auf den kleinsten Dörfern wollen Grundstückseigentümer heute, ihr Garten möge wie eine Verlängerung ihres Wohnzimmers aussehen – mit englischem Rasenteppich, aus dem der Löwenzahn ständig ausgestochen wird, mit den gerade modischen Gehölzen, die nicht über Mannshöhe wachsen dürfen und so wirken, als hätte die Sebnitzer Kunstblumenfabrik die Produktion auf Bäume umgestellt, mit gepflasterten Wegen, denen alles Fugengrün notfalls mit dem Flammenwerfer ausgetrieben wird. Da stört im Herbst jedes Blatt von den Bäumen. Nichts, was von selbst wächst, wird noch geduldet.

Sind es die gewachsenen technischen Möglichkeiten (Wer hatte in den 60er Jahren einen Rasenmäher mit Motor?), sind es veränderte Lebensverhältnisse (Wer konnte früher seine Kraft für reine Zierde verschwenden, wenn der Garten doch vor allem Gemüse liefern mußte?), sind es Fernsehserien wie „Dallas“ und „Denver“ (Haben die nicht auch in anderer Hinsicht Leitbilder geschaffen, bei Frisuren zum Beispiel?), die diese Wandlungen bewirkten? Und jetzt machen es alle so. Und keiner darf sich ausschließen. Denn was würden die Nachbarn denken?

Freiheit sieht anders aus. Sie gibt es nicht ohne die Möglichkeit der Wahl, der sachkundigen Entscheidung zwischen tatsächlichen Alternativen. Wenn ich wissen will, wie es auch sein kann, kehre ich im Garten rund um das Haus der Naturpflege in Bad Freienwalde ein, was im Landkreis Märkisch-Oderland liegt. Kurt Kretschmann, der große Vorkämpfer des Naturschutzes in Deutschland, hat ihn zu DDR-Zeiten gemeinsam mit seiner Frau Erna geschaffen. Man kann diesen Garten für einen geringen Obolus besuchen. Behutsam belehrend zeigt er die Möglichkeiten, den Garten naturnah zu gestalten – man könnte auch sagen: wieder Leben in die Gärten zu bringen.

Die Kombination von Rosen und Dill, von der Eva Demski schreibt und die in anderen Gärten als ihrem eigenen durchaus funktioniere, hätte Kurt Kretschmann wahrscheinlich gefallen. Ebenso die Bilder von Michael Sowa in Demskis Buch, die in seltener Weise zeigen, daß Poesie und Komik miteinander vereinbar sind. Kurt Kretschmann – Erfinder der Eule als Naturschutzsymbol und ein entschlossener Kriegsgegner, der aus der Hitler-Wehrmacht desertierte – war nämlich ein lebenslustiger Mann.

Eva Demski: Gartengeschichten. Insel Verlag, Frankfurt am Main 2009, 237 Seiten, – 19,80 Euro

Karl Foerster: Freude und Ärger im Garten. Ein Lesebuch. Bearbeitet von Uwe Peglow. Verlag Eugen Ulmer, zweite neubearbeitete Auflage, Stuttgart 2001, 210 Seiten, – 29,90 Euro


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