Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Kraniche, der EU-Vertrag und eine grüne Leuchterscheinung

Meinungsmonokultur heute und gestern – Bemerkungen zu einigen neuen Büchern.

Von Holger Becker

„Die Kraniche sind da“ – so stand es am ersten Sonnabend des März auf Seite 1 meines mecklenburgischen Regionalblattes. Was sollte ich davon halten? Hatte ich doch als passionierter Ökovoyeur schon zwei Wochen zuvor zahlreiche Kranichpärchen bei den ersten Balzversuchen beobachtet und außerdem den ganzen Winter über Kranichkeile am Himmel und einzelne Vögel auf den Feldern gesehen. Mehr und mehr der schönen großen Flieger, so wußte ich ja schon, haben ihre anstrengenden Fernreisen nach Marokko, Südfrankreich und Spanien inzwischen eingestellt und überwintern in unseren nördlichen Breiten. Aber davon stand nichts in der Zeitung. Warum? Die Meldung von der Kranichankunft gehört halt zum touristischen Kalender in Mecklenburg-Vorpommern. Es nähme ihr den Ereigniswert, würde sie mit relativierenden Informationen über verändertes Kranichverhalten angereichert. Kraniche, so las ich auf der Internetseite eines Tourismusvereins, sind in Mecklenburg-Vorpommern heute ein „Wirtschaftsfaktor“.

Also Leser: Ein Blick in die Zeitung und zwei aus dem Fenster! Aber so einfach ist es ja nicht immer. Wie zum Beispiel soll der treue Abonnent oder Kioskkäufer einer Zeitung, der gebührenzahlende Fernsehgucker und Rundfunkhörer von politischen Tatbeständen erfahren, die ihm alle Medien in geradezu bandenmäßigem Zusammenhalt verschweigen? Ein Beispiel für solche gemeinschaftliche Unterschlagung von Informationen ist die deutsche Medienberichterstattung über den sog. EU-Reformvertrag. Diese inhaltliche Neuauflage der am Willen mehrerer zur Abstimmung zugelassener Völker glücklich gescheiterten EU-Verfassung wird auch „Vertrag von Lissabon“ genannt. Der Deutsche Bundestag hat ihr am 24. April 2008 zugestimmt. Und kein Abgeordneter hatte den Vertrag zuvor gelesen.

Es konnte ihn auch niemand wirklich kennen, weil es keine Lesefassung gab. Darauf macht Gerhard Wisnewski in seinem Buch „Verheimlicht. Vertuscht. Vergessen. Was 2008 nicht in der Zeitung stand“ aufmerksam, das als zweiter Band in der Reihe „Das andere Jahrbuch“ erschienen ist. Wisnewski klärt seine Leser auf: Der EU-Reformvertrag war zu dem Zeitpunkt, als ihn das deutsche Parlament behandelte, nichts anderes als eine Sammlung von 300 Verweisen auf 3.000 Seiten in anderen EU-Verträgen. Wie solche Verweise aussehen, verdeutlicht der Autor anhand der Bestimmungen über den Europäischen Gerichtshof, in denen es heißt: „... In Artikel 51 Absatz 1 Buchstabe a dritter Gedankenstrich wird der Verweis auf Artikel 202 dritter Gedankenstrich ersetzt durch einen Verweis auf Artikel 249c Absatz 2…“

Daß es in Deutschland kein Referendum über diesen Vertrag gibt, der faktisch im Rang einer Verfassung steht, ist schlimm, doch der Gewöhnung anheimgefallen. Daß gewählte Abgeordneten nicht wissen, worüber sie da abstimmen, verwundert nicht in Zeiten, da Fraktionsführungen das Stimmverhalten festlegen und auch definieren, wann Parlamentarier sich auf ihr Gewissen berufen dürfen. Daß aber der EU-Rat laut dem von Wisnewski zitierten dänischen Europa-Abgeordneten Peter Bonde allen EU-Institutionen untersagt hat, eine lesbare Fassung des Vertrages herzustellen, und die deutschen Medien diesen Tatbestand nicht als Skandal behandeln, wirkt wie eine Verschwörung gegen die ansonsten laut besungene Demokratie.

Wisnewski, der früher für ARD-Politmagazine arbeitete und insbesondere als Mitautor des Buches „Das RAF-Phantom“ (Droemer Knaur-Verlag) bekannt wurde, stellt seinem Jahrbuch eine These voran, die da lautet: „Immer mehr verändert sich unsere Medienlandschaft zu einer Meinungsmonokultur, in der Recherchen nur stören und Fragen unerwünscht sind.“ Dem läßt sich zustimmen, zumal Wisnewski einige schlagkräftige Beispiele bringt. Dazu gehört die einhellig antichinesische Berichterstattung im Olympiajahr 2008, die sich bei ihren Vorwürfen in puncto Menschenrechte insbesondere unkritisch auf die dubiose, von US-amerikanischen Stiftungen finanzierte Organisation Human Rights Watch stützte. Es zählt dazu der antirussische Grundton der deutschen Medien im kurzen Krieg zwischen Georgien und Rußland, bei dem Wisnewski die Schuld eindeutig auf Seiten des „proamerikanisch regierten Georgien“ sieht. Und es reiht sich hier auch ein die Frage- und Rechercheabstinenz deutscher Medien nach dem Tode des österreichischen Rechtspopulisten Jörg Haider. Obwohl auch Wisnewski offensichtlich politisch kein Haiderfreund ist, er listet zahlreiche Widersprüche zur offiziellen Version vom Unfalltod auf. Dabei hat er vollkommen recht mit seiner Bemerkung: Selbst wenn man in Haider einen Nazi sieht, bleibt es doch wichtig zu klären, wie solch ein einflußreicher Politiker starb.

Schade allerdings: Der Autor blickt nicht in jeder Hinsicht so klar. Ein Ärgernis sind ihm der Antimänner-Feminismus à la Alice Schwarzer und die Gender-Ideologie, mit deren Vormarsch er die Männer mehr und mehr im Nachteil sieht. Wisnewskis Antwort auf die Emma-Spießigkeit erhebt sich leider nicht über deren Niveau, obwohl man doch seit eineinhalb Jahrhunderten weiß: „Der gesellschaftliche Fortschritt läßt sich exakt messen an der gesellschaftlichen Stellung des schönen Geschlechts (die Häßlichen eingeschlossen).“

Doch sei´s drum: „Verheimlicht. Vertuscht. Vergessen“ ist ein nützliches Buch, das kritisch gelesen, gegen Erscheinungen von Immunschwäche gegenüber dem Medienausfluß hilft.

Wie aber stellt sich eine „Meinungsmonokultur“ her, in der Fragen und Recherchen nicht erwünscht sind? Diese Frage ist nicht ganz neu, sie beschäftigte Menschen in der DDR, in der es ja auch Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen gab. Der Untergang dieses Staates hatte sogar im Überdruß an der „Meinungsmonokultur“ einen seiner wichtigen Gründe.

Einige Antworten darauf gibt Günter Schabowski in seinem Buch „Wir haben fast alles falsch gemacht“. Schabowskis Laufbahn in der DDR war lange die eines Journalisten. Von 1978 bis 1985 amtierte er sogar als Chefredakteur von Neues Deutschland (ND), stieg in dieser Zeit bis ins SED-Politbüro auf und regierte dann als Parteichef die DDR-Hauptstadt Berlin. Man liest bei ihm von der Gängelei der Medien, vom System der Anweisungen und Anleitungen, von Honeckers Hineinregieren in das ND und die abendliche Aktuelle Kamera des DDR-Fernsehens, vom Selbstverständnis der Journalisten als Parteifunktionäre und vom leninistisch geprägten Verständnis der Presse als „kollektiver Agitator, Propagandist und Organisator“. Das ist alles richtig, wenn auch nicht neu, nur zum Kern dringt es nicht vor.

Die Qualität von Medien hängt von der Qualität der leitenden Journalisten ab. Das ist heute so, das war so auch gestern. In Medien der Meinungsmonokultur bekleiden Karrieristen die leitenden Funktionen, Leute, die im Zweifelsfalle gegen ihren Verstand handeln, das Fragen und Recherchieren untersagen, um oben zu bleiben. Manchmal glauben sie auch an ihre eigene Propaganda.

Die Frage ist also, warum sind in der DDR Menschen vom Typus Schabowski ans Ruder in den Medien gelangt? Die Antwort weiß ich nicht. Nur um die richtige Frage zu stellen, müßte das Individuum Schabowski, den Schritt vom Wir zum Ich endlich vollziehen und sich von dem Gedanken abwenden, den der Kollektivschuld suggerierende Titel seines Buches enthält. Für ein ehemaliges Mitglied des SED-Politbüros wäre es ohnehin nicht richtig zu sagen: „Wir sind alle Armleuchter gewesen.“ Nein, hier gehörte es sich, in der Einzahl zu sprechen. Und im vorliegenden Fall wäre auch der Vorschlag der Gegenwartsform zu erwägen.

Was ich meine mit dem Typus Schabowski, wird vielleicht an einer verbürgten Episode deutlich. Sie spielt in der Mitte der 1980er Jahre, als ein ND-Wissenschaftsredakteur eines späten Abends eine Nachricht der sowjetischen Agentur TASS in den Papierkorb wirft. Inhalt des Tickerpapiers, das sich auf die Moskauer Gewerkschaftszeitung Trud beruft: Auf dem Flug von Minsk nach Leningrad wurde eine Maschine der Gesellschaft Aeroflot von einer „grünen Leuchterscheinung“ begleitet. Erst kurz vor der Landung verschwand das von der Besatzung beobachtete Phänomen. Der Redakteur denkt sich: Die Russen sind besoffen. Doch am nächsten Morgen erhält er noch zuhause einen Anruf. Am Telefon ND-Chef Günter Schabowski. Der brüllt den Redakteur an, was er sich einbilde, die Meldung zu unterschlagen. Die Berliner Zeitung habe sie sogar auf grauem Raster gebracht. Wer weiß, was Moskau damit signalisieren wolle. Sofort antanzen, hieß der Befehl, dem neues Gebrüll im Chefredakteurzimmer folgte. Ein halbes Jahr später allerdings verbreitete sich in Berlin die Nachricht von der Bestrafung zweier Trud-Journalisten, die im Suff die Nachricht von einer „grünen Leuchterscheinung“ erfunden hatten, beobachtet von Piloten der Aeroflot.

Günter Schabowski wirft in seinem Buch anderen, die nicht wie er ihre Gesinnung wechselten, pauschal Verstocktheit und Betonköpfigkeit vor. Bei allem Verständnis für den Groll, den die miese und demütigende Behandlung durch die Wende-SED-Führung im Winter 1989/90 bei ihm erzeugt haben mag, er hat das Recht dazu nicht, schon weil ihm im Vergleich zu vielen der von seiner Beschimpfung Erfaßten die Breite und Tiefe der theoretischen Bildung fehlen.

Wer übrigens weiteren Stoff zum Thema Meinungsmonokultur sucht, kann sich mit dem Buch „Zwischen den Zeilen“ auseinandersetzen, einer Geschichte der Zeitung Neues Deutschland, die Burghard Ciesla und Dirk Külow vorgelegt haben. Die nun wiederum ist vom genehmigten Geschichtsverständnis in der heutigen Linkspartei geprägt, das sich zum Beispiel keine realistische Sicht der Ulbrichtschen Reformperiode vom Mauerbau 1961 bis zu deren faktischem Ende mit dem 11. Plenum 1965 traut. Man ahnt zwar, daß damals Chancen für bessere DDR-Medien inklusive des ND vorhanden waren, erfährt aber nicht, was sie tatsächlich vernichtete, als Moskau mit Honeckers Hilfe Ulbrichts Neues Ökonomisches System und die damit gekoppelten liberaleren Ansätze in der Jugend-, Kultur- und Medienpolitik zerschoß. Die Fehlstellen im Text von Ciesla/Külow ließen sich durchbuchstabieren bis zur dünnen Darstellung der Vorgänge im ND der Wendezeit 1989/90.

Doch – vorbei ist vorbei – man kann seine Zeit auch besser verwenden. Wer heute der Meinungsmonokultur ein Schnippchen schlagen will, hat immerhin das Internet zur Verfügung, in dem entgegen gezielt verbreiteter Gerüchte nicht nur Unzuverlässiges zu haben ist, sondern sich dem Medienkonsumenten auch Möglichkeiten für die eigene Gegenrecherche eröffnen. Zum Beispiel findet dort nun jeder sehr leicht eine Lesefassung des EU-Reformvertrages. Wenn junge Leute heute weniger Zeitung lesen und häufiger googeln, muß das also nicht unbedingt von einem Kulturverfall zeugen.

Gerhard Wisnewski: Verheimlicht – vertuscht – vergessen. Was 2008 nicht in der Zeitung stand. Knaur Taschenbuch, München 2009, 320 Seiten, 6 Euro

Günter Schabowski im Gespräch mit Frank Sieren: Wir haben fast alles falsch gemacht. Die letzten Tage der DDR. Econ, Berlin 2009, 288 Seiten, 19,90 Euro

Burghard Ciesla/Dirk Külow: Zwischen den Zeilen. Geschichte der Zeitung „Neues Deutschland“. Das Neue Berlin, Berlin 2009, 256 Seiten, 24,90 Euro

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