Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Noskes Spannemann

Über Klaus Gietingers Waldemar-Pabst-Biographie


Von Holger Becker

Eine „Räuberpistole“ nannte 1994 der damalige Leiter der SPD-Parteischule Tilman Fichter die Belege, die es für die Verstrickung der SPD-Führung in den Mord an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg im Januar 1919 gibt. Das war bei einer Podiumsdiskussion in der Berliner Urania, an der auch der Sozialwissenschaftler, ARD-„Tatort“-Regisseur und Publizist Klaus Gietinger teilnahm. Gietinger hatte zuvor aufsehenerregende Aufsätze in der angesehenen, der Sozialdemokratie durchaus nahestehenden Berliner Zeitschrift „Internationale wissenschaftliche Korrespondenz zur Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung“ (IWK) veröffentlicht, die als Kronzeugen für die Verwicklung der Noske und Ebert den direkten Befehlshaber der Doppelmordaktion präsentierten: Waldemar Pabst (1880 bis 1970, abgebildet auf dem ovalen Foto), zur Tatzeit Hauptmann und faktischer Chef der Garde-Kavallerie-Schützen-Division (GKSD). Gietinger zitierte aus Pabsts Aufzeichnungen, in denen es insbesondere heißt: „Daß ich die Aktion ohne Zustimmung Noskes gar nicht durchführen konnte – mit Ebert im Hintergrund – und auch meine Offiziere schützen mußte, ist klar. Aber nur ganz wenige Menschen haben begriffen, warum ich nie vernommen oder unter Anklage gestellt worden bin. Ich habe als Kavalier das Verhalten der damaligen SPD damit quittiert, daß ich 50 Jahre lang das Maul gehalten habe über unsere Zusammenarbeit.“

Seltsamerweise rückte Pabst, von dem ein Teil des Nachlasses sogar im SED-Parteiarchiv lag, als historische Figur erst Mitte der 1990er Jahre in den Fokus des Interesses. Es war die Bremer Sozialhistorikerin Doris Kachulle, die tiefergehende Forschungen anstrengte. Ab und an diskutierte sie ihre Funde in deutschen und Schweizer Archiven mit dem Autor dieser Zeilen, der sie in dem Vorhaben bestärkte, eine Waldemar-Pabst-Biographie zu schreiben. Der Hamburger Verleger Lutz Schulenburg von der Edition Nautilus erwärmte sich für das Projekt, über dem Doris Kachulle aber 2005 verstarb. Klaus Gietinger, der jahrelang mit ihr korrespondiert hatte, nahm den Faden auf. Er stieg selbst noch einmal in die Archive und legt jetzt bei Edition Nautilus eine Arbeit vor, bei der sich ein „Räuberpistolen“-Verdikt wohl niemand mehr trauen wird.

Gietinger zeigt darin: In bestimmten Situationen handelte Waldemar Pabst als eine Schlüsselfigur der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts. Das betrifft vor allem, aber nicht nur den Mord an Liebknecht und Luxemburg, ohne den es wahrscheinlich nicht zu der dann folgenden Verhärtung der Fronten innerhalb der schon gespaltenen deutschen Arbeiterbewegung gekommen wäre und wahrscheinlich auch nicht zur sog. Bolschewisierung der KPD und deren Fern- und Fremdsteuerung aus dem Kreml. Zum ersten Mal wird hier deutlich, welche entscheidende Rolle Pabst insgesamt beim Abwürgen der dem Massensterben des Ersten Weltkrieges folgenden Revolution von 1918/19 gespielt hat.

Und das beginnt schon sehr früh mit der Rückführung der immer noch kaisertreuen, bei französischen Militärs als Weiße Garde berüchtigten GKSD von der Westfront in der Mitte des November 1918. Wie Ebert, wie Noske sieht Pabst in Gestalt der Arbeiter- und Soldatenräte den „Bolschewismus“ am Werk, obwohl es sich in Deutschland anders als bei der russischen Oktoberrevolution um einen spontanen Aufstand der sozialdemokratisch orientierten und organisierten Massen, nach Sebastian Haffner um eine „sozialdemokratische Revolution“ handelte, die man ob ihrer Unblutigkeit nun tatsächlich mit Fug und auch mit Recht eine „friedliche Revolution“ nennen könnte.

An der Spitze der GKSD und weiterer schwerbewaffneter Fronttruppen zieht Pabst am 10. Dezember 1919 in Berlin durchs Brandenburger Tor, begrüßt von Friedrich Ebert, der die Revolution nach eigenem Bekenntnis „wie die Sünde“ haßt, sich aber zähneknirschend und nur zum Zwecke ihrer Ermordung an deren Spitze stellt. Dies ist der sichtbare Auftakt zum Bürgerkrieg, den die Oberste Heeresleitung (OHL) mit Wissen Eberts plant.

Pabst und seine zum Freikorps umgebildete GKSD sind es schließlich, welche die Hauptrolle bei der Niederschlagung des sog. Januaraufstands und damit beim Sieg der Konterrevolution auf der ganzen Linie spielen. Der „Januaraufstand“ ist hin und wieder auch in der DDR als „Spartakusaufstand“ bezeichnet worden, um die Rolle der damals gerade gegründeten KPD zu erhöhen. In Wirklichkeit war er eine spontane Erhebung der nach wie vor sozialdemokratischen Berliner Arbeiter, die am 5. und 6. Januar 1919 zu Hunderttausenden gegen die Absetzung des Berliner Polizeipräsidenten Emil Eichhorn demonstrierten. Daraus entwickelten sich spontane und unkoordinierte bewaffnete Aktionen, von denen die Besetzungen von Zeitungsredaktionen am bekanntesten wurden. Einheiten von Pabsts GKSD, getrimmt auf brutalste Bürgerkriegsmethoden, nutzen im Einverständnis mit dem neuen Oberbefehlshaber die Chance, sich als Retter vor dem „Bolschewismus“ zu profilieren und ziehen eine Blutspur durch Deutschland – in Berlin, bei der Niederschlagung der Räterepubliken in Bremen und München, beim „Aufräumen“ in Magdeburg, Königsberg, Braunschweig und vielen anderen Städten. Insgesamt 3.000 bis 5.000 Tote soll der Terrorfeldzug der Weißen Garden gefordert haben, wobei bis heute niemand weiß, wieviel Menschenleben der mit Bombenflugzeugen unterstützte Angriff auf die Arbeiterviertel in Berlin-Lichtenberg im März 1919 gekostet hat.

Eine besondere Rolle in diesem großen Massaker spielt der von Oberbefehlshaber Noske im März 1919 ausgegebene Befehl: „Jede Person, die mit Waffen in der Hand gegen Regierungstruppen kämpfend angetroffen wird, ist sofort zu erschießen.“ Die Vorlage dafür stammte von Pabst, der sich so die Carte blanche für den massenhaften Mord holte. Gietinger wertet diesen Befehl zur Gefangenentötung ohne Standrecht als „Meilenstein in der Einführung des Terrors und der Genese des Faschismus“. Und in der politischen Bewertung der von Ebert und Noske zur Rettung vor dem Bolschewismus aufgebotenen Freikorps, von denen die GKSD eindeutig das wichtigste war, sieht er sich einig mit Sebastian Haffner, der schrieb: Sie waren „in Ansichten, Gehabe und Kampfstil einfach dasselbe wie die späteren Nazi-Sturmtruppen“. Zur Rolle Noskes und anderer SPD-Oligarchen fügt Gietinger noch hinzu: „Sie tragen die Verantwortung dafür, im Verein mit Waldemar Pabst und anderen Freikorpsführern, als erste innerhalb Deutschlands völlige Recht- wie Wertlosigkeit von Menschenleben eingeführt und in dieser Hinsicht dem Nationalsozialismus Bahn gebrochen zu haben.“

Die offizielle SPD von heute müßte sich mit alldem nun endlich auseinandersetzen und es sich nicht so leicht machen wie ihr Kanzlerkandidat Frank-Walter Steinmeier, der zum 60. Jahrestag der Konstituierung der Weimarer Nationalversammlung am 6. Februar 2009 den angesichts der Tatsachen den geradezu albernen Satz bildete: „Es war vor allem der bewaffnete Aufstand der Kommunisten im Januar 1919, der die frei gewählten Abgeordneten zwang, Berlin zu verlassen und in Weimar Zuflucht zu suchen.“

Helfen könnte der SPD-Führung Gietingers Buch in jedem Fall. Es stellt ausführlich dar, wie Pabst und Leute seines Schlages dachten – selbstverständlich nicht als Freunde der Sozialdemokratie. Ein Stück sollte zusammen marschiert werden, „dann wollten wir unseren bisherigen Verbündeten die Rechnung vom November 1918 vorlegen und von ihnen begleichen lassen“ , wie Pabst 1933 nach Hitlers Machtantritt im Rückblick triumphierend schrieb. Gietinger schildert ausführlich Pabsts Aktivitäten zur Rechnungsbegleichung. Dazu gehört – neben dessen eigenen Staatsstreichplänen im Sommer 1919 – der Kapp-Putsch im März 1920, dessen Organisator Pabst sein sollte, dann aber nicht wurde, weil er die Sache vor dem Losschlagen als „verraten“ ansah und deshalb erst einmal floh. Dazu zählt Pabsts Wirken als Agent des Außenministers Gustav Stresemann in Österreich und sein dortiger, durchaus gegen die Sozialdemokratie gerichteter Versuch, die sog. Heimwehren als paramilitärischer „Selbstschutzverband“ im faschistischen Sinne zu formieren. Dazu gehören ebenso Pabsts Pläne für eine faschistische Internationale, der mindestens Deutschland, Österreich, Ungarn und Italien angehören sollten.

Gietinger geht Pabsts Spuren und Schleichwegen bis zu dessen Lebensende nach. Dessen Legende, im Widerstand gegen die Nazis gestanden zu haben – er war beim „Röhm-Putsch“ 1934 verhaftet, dann aber auf Initiative seines Freundes Göring befreit worden – hält er Pabsts Umtriebe als „Wehrwirtschaftsführer“ und Rüstungsfabrikant bei Rheinmetall entgegen. Über die Schweiz, wohin sich der Agent des Oberkommandos der Wehrmacht angesichts des bevorstehenden deutschen Fiaskos 1943 begab, erfährt man, wie viele Faschistenfreunde Pabst dort in einflußreichen Positionen hatte. Erst 1951 traut sich Pabst, der vor allem Angst vor der französischen Besatzungsmacht hatte, in die Bundesrepublik überzusiedeln, wo inzwischen auch das aus seiner GKSD als Streikbrechereinheit hervorgegangene Technische Hilfswerk (THW) – es hatte zuvor Technische Not-hilfe geheißen und war von den Alliierten 1945 verboten worden – wieder legal existierte. Pabst unterstützt, anders als die SPD, die Wiederbewaffnung, er handelt mit Waffen, wirft sich für die NPD in die Bresche und haucht schließlich 1970 in Düsseldorf sein Leben aus.

An Klaus Gietingers Buch mag diese oder jene Formulierung angreifbar sein. Wer sich für die deutsche Geschichte interessiert, muß es lesen. Wer tatsächlich lernen will, muß diese Darstellung akzeptieren, die sich auf der Linie bewegt, die schon Kurt Tucholsky und Sebastian Haffner gezogen haben.

Klaus Gietinger: Der Konterrevolutionär. Waldemar Pabst – eine deutsche Karriere, Edition Nautilus, Hamburg 2009, 544 Seiten, gebunden 39,90 Euro

Ebenso empfohlen werden kann das Buch desselben Autors zum Mord an Liebknecht und Luxemburg, das in überarbeiteter Fassung gerade erschienen ist:

Klaus Gietinger: Eine Leiche im Landwehrkanal. Die Ermordung Rosa Luxemburgs, Edition Nautilus, Hamburg 2009, broschiert,192 Seiten, 13,90 Euro

Und was man unbedingt zum Thema kennen muß ist Sebastian Haffners großartige Darstellung der Novemberrevolution, die von Haffners letztem Verleger Uwe Soukup sorgfältig illustriert worden ist:

Sebastian Haffner: Der Verrat: Deutschland 1918/1919, Verlag 1900, Berlin 2000, gebunden 221, 9,95 Euro

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