Verband Deutscher Grundstücksnutzer

...allein mir fehlt der Glaube

Vorsicht bei Nachrichten aus dem Terroristenleben! Über Michael Bubacks Buch zum Mord an seinem Vater


Von Holger Becker

Der Morgen des 28. Juni 1993 war trübe und regnerisch. Ein Montag mit Siebenschläferwetter. Als auf dem Bahnhof von Bad Kleinen die Treppe zum Bahnsteig 3-4 hinter mir lag, erblickte ich auf dem Perron einen ovalen bräunlich-roten Fleck – eingetrocknetes Blut des getöteten GSG 9-Polizisten Michael Newrzella. Schon die Treppe war übersät gewesen mit Kreidekästchen, aufgemalt von der Spurensicherung des Bundeskriminalamtes. Jedes Kästchen markierte die Fundstelle eines Munitionsteiles. Uniformierte allerdings ließen sich nicht blicken, außer ein paar Eisenbahnern. Es gab keine Absperrungen und keinen Auftritt der Medienmeute mit Kamerarudeln und Mikrofonwäldern. Nur vier oder fünf Journalisten hatten sich in die mecklenburgische Kleinstadt am Nordzipfel des Schweriner Sees aufgemacht zum Schauplatz jener Schießerei am Tag zuvor, die dann fast eine Staatskrise auslösen sollte.

Zufällig hatte ich mich am 27. Juni in der Nähe aufgehalten, als ich am Abend die Fernsehnachrichten von dem „Zugriff“ auf angebliche RAF-Leute in Bad Kleinen sah. „Dort fährst du hin.“ Dieser Entschluß war schnell gefaßt, zumal meine Großeltern in den 1920er Jahren in Bad Kleinen gewohnt hatten, ich den Flecken aber nur von der Durchreise mit der Eisenbahn kannte und mich dort schon immer einmal umsehen wollte. Und ein Bericht für die Zeitung, für die ich arbeitete, würde in jedem Falle herausspringen. Zwei Tote hatte es gegeben: Newrzella und den als RAF-Terroristen beschuldigten Wolfgang Grams. Und verhaftet wurde in Bad Kleinen Birgit Hogefeld, wie Grams als mutmaßliches RAF-Mitglied mit internationalem Haftbefehl gesucht.

Nach einem Rundgang am Schauplatz des Geschehens postierte ich mich in der Bahnhofsgaststätte, die auf den Namen „Billard-Café“ hörte. Hogefeld und Grams hatten hier am Vortag zusammen mit dem V-Mann des Verfassungsschutzes Klaus Steinmetz bei Würzfleisch, gebackenem Camembert und Würstchen mit Pommes frites gesessen. Mit einem Kollegen von SAT 1 war schnell eine Arbeitsteilung ausgemacht. Er wollte die Verkäuferin aus dem Bahnsteigkiosk ausfindig machen, die alles mitangesehen haben mußte und danach so verstört gewesen war, daß sie sich in einem Schrank versteckte. Ich hingegen wollte mich auf dem Bahnhof umhören.

Wir erreichten beide nur wenig: Die Kioskfrau, die später in der Berichterstattung des Spiegel zeitweise als eine Hauptzeugin fungierte, wurde an diesem Tag vor Journalisten abgeschirmt. Die Eisenbahner auf dem Bahnhof durften uns nicht einmal die Uhrzeit sagen. Nur im „Billard-Café“ ließ sich dieses und jenes aufschnappen. Die Kellnerin, die Hogefeld, Grams und Steinmetz bedient hatte, berichtete, von den äußerlich unspektakulären Geschehnissen im Gastraum, in dem, wie sich später herausstellte, außer dem Würzfleisch-Trio ab einem bestimmten Zeitpunkt nur noch Sicherheitsbeamte saßen. Und Anwohner erzählten von Merkwürdigkeiten, die sie schon Tage zuvor registriert hatten: Bis zum Sonntag habe im Bahnhofsbereich längere Zeit ein angeblicher Munitionszug gestanden, bewacht von bewaffneten Uniformierten. Von einem Achsenbruch sei die Rede gewesen, kaum glaubhaft, weil man so etwas in Bad Kleinen innerhalb von Stunden beheben könne.

Was wir damals nicht wissen konnten: Der Zweifel am Selbstmord des Wolfgang Grams auf dem Schotter des Gleises 4, die begründete Annahme, hier habe eine Hinrichtung durch Staatsdiener stattgefunden, sollte bald Erschütterungswellen auslösen. Selbst die Behauptung, der flüchtende Grams habe den GSG 9-Mann Newrzella erschossen, konnte dann nie wirklich bewiesen werden. Offiziell war von Pannen in Bad Kleinen die Rede. Bundesinnenminister Rudolf Seiters nahm seinen Hut, und auch dem Bundesanwalt Alexander von Stahl wurde der seinige in die Hand gedrückt. Schließlich aber wurde die Sache beerdigt mit einem Untersuchungsbericht der Staatsanwaltschaft Schwerin und einer Kehrtwendung des Spiegel.

Wie in allen Fällen ähnlicher Art ist es hinterher kaum oder nur unter größten Schwierigkeiten möglich, die Wahrheit herauszufinden. Aber eines war mir schon an jenem Montagmorgen in Bad Kleinen klar: Die Schießerei auf dem Bahnhof, die stattfand, nachdem die Drei aus dem „Billard-Café“ aufgebrochen waren, sah aus wie ein inszenierter Showdon nach dem Motto: Knallerei um jeden Preis. Man hätte Hogefeld, Grams und – zum Schein – auch Steinmetz gefahrlos im „Billard-Café“ verhaften, hätte ihnen unter Umständen sogar „was ins Essen tun“ können, wie mir ein Kriminologe später mal sagte. Nur, wenn es so einfach gespielt worden wäre, hätte sich hinterher jeder gefragt: Und das sollen die hochgefährlichen Mitglieder einer Terrororganisation sein, die Männer wie den Deutsche Bank-Manager Alfred Herrhausen und den Treuhandchef Detlev Karsten Rohwedder umgebracht haben, ohne daß es über Jahre und Jahrzehnte einen Ermittlungserfolg gegeben hat? Bei diesen Würzfleisch- und Würstchenvertilgern soll es sich um die Angehörigen der berühmten Dritten RAF-Generation handeln, nach denen seit Mitte der 1980er Jahre alle Sicherheits- und Geheimdienste so verzweifelt fahnden? Die Schüsse und die Toten von Bad Kleinen dementierten vielmehr die durchaus plausible Erklärungsvariante, die Dritte Generation der RAF sei nichts weiter als ein Phantom, eine Maske, die quasi jeder benutzen konnte – wobei Morde wie die an Herrhausen und an Rohwedder so professionell ausgeführt wurden, das geheimdienstliche Hintergründe nahelagen.

Alles „Verschwörungstheorien“? Abwarten. Es mag ja sein, daß bestimmte Legenden aus finsteren Motiven in Umlauf gesetzt werden, aus Wichtigtuerei oder aus marktwirtschaftlichen Erwägungen, die man auch als Geldgier bezeichnen kann, um Bücher und Filme zu verkaufen. Doch wird der Vorwurf, ein „Verschwörungstheoretiker“ zu sein, nur zu oft als geistiger Baseballschläge, gegen Menschen angewandt, die einfach nicht alles glauben, was ihnen Politiker, Beamte und Medien erzählen. Die schon mal zweifeln an den Berichten von Verteidigungs- und Außenministern über serbische „Hufeisenpläne“oder die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen oder an den Botschaften des Osama bin Ladin, der zwar Geld ohne Ende, aber keine halbwegs funktionierende Videokamera besitzt. Die mit Goethe sagen: „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.“

Im Augenblick sieht sich dem Vorwurf, „Verschwörungstheorien“ zu verfechten, ein Mann ausgesetzt, der dies wahrscheinlich nie für möglich gehalten hätte: Michael Buback. Der Name seines Vaters findet sich in jeder Chronik von RAF-Gewalttaten. Generalbundesanwalt Siegfried Buback und zwei seiner Begleiter waren am 7. April 1977 in Karlsruhe von einem Motorrad aus erschossen worden. Und der Sohn, der seinen Vater verehrt, möchte wissen, wer diese Morde begangen hat. 30 Jahre lang glaubte er die Angaben der Bundesanwaltschaft, mit der ihn ein Verhältnis verband, das er selbst familiär nennt. Danach seien die RAF-Leute Christian Klar, Günter Sonnenberg und Knut Folkerts die Mörder gewesen, wobei man nicht wisse, wer als Fahrer und wer als Schütze auf dem Motorrad gesessen und wer im Fluchtauto gewartet hatte. Diese Gewißheit erschütterte ein Telefonat mit Peter-Jürgen Boock. Dieser längst aus der Haft entlassene RAF-Mann der zweiten Generation teilte ihm zweierlei mit: Weder Klar noch Folkerts hätten auf dem Motorrad gesessen, und der Schütze sei sein RAF-Ex-Kollege Stefan Wisniewski gewesen.

Seitdem stellte Michael Buback, ein im In- und Ausland hochdekorierter Physikochemiker mit Lehrstuhl in Göttingen, zusammen mit seiner Frau eigene Recherchen zum Tod seines Vaters und dessen Begleitern an. Diese Nachforschungen allerdings führten zu Ergebnissen, die mit den Erzählungen Boocks, der auch der „Karl May der RAF“ genannt wird, an einem entscheidenden Punkt nicht übereinstimmen. Das Studium alter Zeitungen und Gerichtsunterlagen, aber auch die Aussagen neuer Zeugen ergaben: Auf dem Rücksitz des Motorrades war eine zierliche Person beobachtet worden, mit aller Wahrscheinlichkeit eine Frau. Als dringend tatverdächtig ermittelte Michael Buback danach Verena Becker. Denn bei der Verhaftung von ihr und Sonnenberg wurde die Tatwaffe bei den beiden gefunden, dazu noch ein Schraubenzieher aus der für die Morde benutzten Suzuki. Und es gibt Unterlagen des BKA, in denen steht: Haare in einem der Motorradhelme, die von den Tätern zurückgelassen wurden, sind identisch mit Haaren aus einer Bürste von Verena Becker.

Michael Buback konnte nachvollziehen, wie schon in den ersten Stunden nach der Tat Spuren verwischt wurden, die zu Verena Becker führten. Er fragte sich, warum wurden Becker und Sonnenberg nur wegen einer Schießerei bei ihrer Festnahme in Singen angeklagt und verurteilt, das Verfahren wegen der drei Morde in Karlsruhe gegen beide aber eingestellt? Seine Antwort: Es gab für jene Frau, die dringend verdächtig ist, den Generalbundesanwalt und zwei weitere Menschen erschossen zu haben, in den Sicherheitsapparaten eine „schützende Hand“.

Doch wie könnte das sein? Und warum? Michael Buback hat seine mit der Akribie des Naturwissenschaftlers gewonnenen Erkenntnisse in dem Buch „Der zweite Tod meines Vaters“ vorgelegt, das es jetzt in einer erweiterten Taschenbuchausgabe – nur die sollte man kaufen – gibt. Auch darin weigert er sich, an Spekulationen teilzunehmen. Aber er nimmt selbstverständlich zur Kenntnis: Verena Becker hat nachgewiesenermaßen nach der Tat während ihrer Haftzeit mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz kooperiert. Und dann gibt es da noch eine Notiz, die sich in MfS-Unterlagen aus dem Jahr 1972 findet: Verena Becker werde von westdeutschen Abwehrorganen „bearbeitet und unter Kontrolle gehalten“. Eine geheimdienstlich gesteuerte Terroristin als Mörderin des Generalbundesanwalts? (Wer hier sofort „unmöglich“ ruft, denke bitte an die Neuigkeiten dieses Jahres zu dem Karl-Heinz Kurras, der 1967 Benno Ohnesorg erschoß.)

Nein, so weit geht Michael Buback gar nicht. Er stellt nur fest: „Es gibt Hinweise auf Gegnerschaften meines Vaters, die zumindest das Tolerieren von gegen ihn gerichteten Maßnahmen der RAF erklären könnten.“ Dazu muß man wissen. Generalbundesanwalt Siegfried Buback war intensiv mit dem Fall des aufgeflogenen DDR-Spions Günter Guillaume befaßt, dem der Rücktritt Willy Brandts als Bundeskanzler folgte. Bevor der scheidende Kanzler sein Rücktrittsgesuch an den Bundespräsidenten schickte, gehörte Siegfried Buback zu Brandts letzten Besuchern. Es sei um das Interesse der Ermittlungsorgane an Brandts Privatleben, sprich seinen Frauengeschichten, gegangen. Buback habe versprochen, die entsprechende Befragung von Beamten aus Brandts Umfeld einzustellen. Und wahrscheinlich fand Siegfried Buback auch sehr früh heraus, wie spät und unvollständig Brandt über Guillaumes bereits bekannte Spionagetätigkeit informiert worden ist.

Eines erreicht Michael Buback mit seinem Buch ganz bestimmt: Er schärft die Wahrnehmung vieler Menschen für offizielle Nachrichten aus dem Terroristenleben.

Verena Becker, die sich schon seit 1989 auf freiem Fuß befand, ist inzwischen verhaftet worden, weil es laut Bundesanwaltschaft plötzlich DNA-Spuren von ihr an einem Bekennerschreiben zum Buback-Mord geben soll. Niels Minkmar teilte in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 30. August 2009 eine andere Version mit: „Es war Verena Becker selbst, die die Ermittler elektrisierte, als sie am Telefon von ihrer Absicht sprach, eine völlig neue Waffe einzusetzen: Sie wolle ´die Buback-Geschichte´ aufschreiben, in einem Buch. So entstand eine Dynamik, die kein DNA-Test, keine Zeugenaussage und keine behördliche Eingabe zu entfesseln vermochte.“

Michael Buback: Der zweite Tod meines Vaters. Verlag Droemer Knaur, 464 Seiten, 12,95 Euro.

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