Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Weißer Hirsch in Schwarz

Anmerkungen zu Uwe Tellkamps vielgepriesenem Roman „Der Turm“.


Von Holger Becker

Ob ich denn mit dem „Brikett“ schon fertig sei, wollte mein Freund am Telefon wissen. Und es bahnte sich ein Mißverständnis an. Ich wähnte, er meine das Buch, das Florian Havemann, Künstler und Verfassungsrichter in Brandenburg, über seinen Vater Robert Havemann, den immer wieder gefeierten DDR-„Regimekritiker“, geschrieben hat. 1484 Gramm bringen die 1090 Seiten dieses Wälzers auf die Waage, den mein Freund gerade noch rechtzeitig eingekauft hatte, bevor der Band 2007 im Gefolge von Gerichtsentscheidungen aus dem Buchhandel verschwand. Wegen meiner Geschichtsmacke borgte ich den Dreipfünder aus und las ihn fast vollständig durch.

Er ist stellenweise spannend. Florian Havemann nämlich erzählt in dieser unzensierten Ausgabe wenig schmeichelhafte Geschichten über den Freund der Familie Wolf Biermann und dessen Verhältnis zu Margot Honecker, sowie über seinen Vater, den er, Wolfgang Harich zitierend, einen Dilettanten in philosophischen Fragen nennt. Aber es waren wohl die Behauptungen, die der Sohn über das Sexualverhalten des Vaters aufstellt, das, so die Behauptungen stimmen, zur fraglichen Zeit und in jedem zivilisierten Land strafbar war, die zur Kastration dieses Werkes führten.

Auch in der Bundesrepublik Deutschland kann halt nicht jeder schreiben, was er will. Florian Havemanns Erzählungen jedenfalls kontrastieren mit Geschichten aus dem Schatz der Sagen über die DDR, die ansonsten zu bestimmten Jubiläen in fast allen Medien der Massenkommunikation nacherzählt werden. Aus den Behauptungen von Havemann junior ergibt sich nämlich die Frage: Wenn sich Havemann senior diese Blöße gegeben hat, warum ist ihm dann in der DDR nichts Schlimmeres als ein Hausarrest passiert, zumal er doch „rund um die Uhr von der Stasi überwacht“ worden ist, wie es im Internetlexikon Wikipedia heißt? Weil er unter dem Schutz der „Russen“ stand, wie Havemann selbst seinem Sohne sagte? Aber wie paßte das mit Havemanns Ruf als Großdissident und Staatsfeind Nummer eins zusammen?

Aber nein, mit dem „Brikett“ hatte mein Freund am Telefon gar nicht das Havemann-Opus gemeint. Ja, das Buch könne ich ihm gelegentlich zurückgeben. Er meine vielmehr den Tellkamp, Uwe Tellkamp und dessen Roman „Der Turm“– Bestseller, Deutscher Buchpreis 2008, mit 972 Seiten auch ein „Brikett“. Vor allem aber ein Roman über das Ende der DDR. Den müsse ich doch inzwischen gelesen haben. Wie das Buch denn so sei?

Das konnte ich nicht sagen. Aber ich versprach, mich zu kümmern, und besorgte das 1008 Gramm schwere Trumm aus dem Hause Suhrkamp, dem auch das Havemann-Buch entstammt und das ich nun für mich die „Brikettfabrik“ nannte. Was hatte ich mir da aufgehalst?

Dieser Tellkamp, eigentlich Arzt von Beruf, ist ein Schriftsteller mit viel Bildung, riesigem Wortschatz, Sprachlust, vielfältigen Interessen, unbändigem Schreibdrang, wohl auch Lebenserfahrung – und einer Haltung zur Welt, die mir nicht gefällt. Sein Roman lebt von der Verachtung für die DDR, die der in Dresden aufgewachsene Autor schon von kleinauf inhaliert haben muß.

Der wichtigste Schauplatz des Buches ist Dresden, das zugleich für die ganze DDR steht. Seine Hauptfiguren bewohnen verfallende Villen auf dem Weißen Hirsch und bilden eine Art bildungsbürgerliches Geflecht, dessen Angehörige dem „Alten Dresden“, der aus den Arbeiter-und-Bauern-Fakultäten hervorgegangenen DDR-Intelligenz oder Familien der DDR-„Aristokratie” mit dem Hintergrund Moskauer Emigration bzw. Anbindung entstammen.

Eine Handlung findet nicht statt, vielmehr erzählt der Roman vor allem miteinander verbundene Episoden aus dem Leben der miteinander familiär verbundenen Hauptpersonen, des Arztes Richard Hoffmann, seines Sohnes Christian, der Medizin studieren will, aber im DDR-Militärgefängnis Schwedt landet, sowie seines Schwagers Meno Rohde, der als Verlagslektor arbeitet. Das alles dient der Beschreibung von Zuständen. Tellkamp benutzt dazu vorzugsweise die Farben Grau und Schwarz.

Ausgelassen wird dabei nichts von dem, was am DDR-Alltag nervte. Die Jagd nach Ersatzteilen und Handwerkerterminen, die Schwierigkeiten mit dem Urlaubsplatz, das schlechte Angebot in den Kaufhallen, der Wohnungsmangel, die Zeitungen usw. usf. Alles richtig, nur die Atmosphäre, in die er das bettet, kommt einem vor wie aus einem jener Amifilme, in denen alles im „Ostblock“ immer so abläuft, wie sich der Regisseur das Moskau der 30er Jahre vorstellt: Die Menschen gehen geduckt, wagen nicht, einander länger anzuschauen, oder in der Öffentlichkeit miteinander zu reden. Ehepaare schweigen in der eigenen Wohnung aus Furcht vor Wanzen. Alles ist Angst. War das so in der DDR der 1980er Jahre?

Aber klar, es ist ein Roman, kein Geschichtsbuch. Der Romancier ist laut Erwin Strittmatter ein „Großraumlügner“ – aber eben im Dienste der Wahrheit. Tellkamps Buch hat seine starken Seiten, wo der Autor eigenes Erleben verarbeitet. So fesseln die Seiten über Christian Hoffmanns Geschicke als NVA-Panzerkommandant, der sich um des Studienplatzes willen zu dreijährigem Dienst verpflichtet hat, aber erst nach fünf Jahren wieder entlassen wird. Insgesamt aber ist es ein Ärgernis.

Es schimmert mir zuviel Absicht durch. Das betrifft die Darstellung von DDR-Funktionären als Vertreter einer Art Schurkenkaste, besonders aber die von Tellkamp aufgebaute Szenerie von Schriftstellern, Gelehrten sowie Verlagsmenschen, welche die Turmlandschaft mitbevölkern. Sie haben eindeutig ihre Vorbilder in der Realität. Da ist der Graf Arbogast, eine dubios-skurrile Figur, die den Forscher und Institutschef Manfred von Ardenne zum Vorbild hat. Da sind Jochen und Philipp Londoner, in denen sich Jürgen

Kuczynski und dessen Sohn Thomas wiedererkennen lassen. Da sind Altberg und Groth, nachgebildet den Schriftstellern Franz Fühmann und Stefan Heym. Da ist der Dichter Eschschloraque, der an niemand anderen als Peter Hacks erinnert, der in Tellkamps Version nicht nur der Snob ist, der er tatsächlich war, sondern als Künstler eine lächerliche Figur und obendrein ein Lakei der Staatsführung. Das aber kann nur suggerieren, wer Rechnungen begleichen muß. Denn es stimmt das eine so wenig wie das andere. Tellkamp stellt seinem Buch zwar den absichernden Satz voran, die handelnden Personen hätten mit existierenden Menschen soviel gemein wie „der Bildhauerton mit einer Skulptur“. Doch auf den Umstand, daß beim Leser und an der Vorbildfigur schon etwas hängen bleiben wird, kann sich der Autor verlassen.

Den Nerv des deutschen Feuilletons jedenfalls hat Tellkamp getroffen. Es hätte der kleinen Passage gar nicht bedurft, in der – selbstverständlich wieder verschlüsselt – so viel Gutes über Marcel Reich-Ranicki (hier der Kritiker Wiktor Hart) gesagt wird. Das Buch paßt zur offiziösen, über den medialen Mainstream hergestellten Geschichtssicht. Belehrt von Tellkamps Roman dürfte kein Ostler an heutigen Zumutungen mehr laut mäkeln. Arbeitslosigkeit, Hartz IV, Ausschluß vom sozialen und kulturellen Leben mit Ausnahme der Glotze, Unsicherheit von Haus und Hof wegen den Begehrlichkeiten der Beitragseintreiber, all das und noch viel mehr wäre im Vergleich mit damals doch nicht so schlimm, als es auf Tellkamps Weißem Hirsch zumeist kein Wasser gab. So primitiv wird’s nicht gespielt? Oh, doch! Das Jahr 2009 mit seinem 20er Jubiläum wird uns da noch viel bescheren.

Die Qualitäten des Autors als Erzähler sollen bei alledem nicht bestritten werden. Er versucht sich an einem großen Gegenstand, beherrscht verschiedene Stilmittel, hat auch Humor. Manchmal überfällt er den Leser mit Gewittern sprachlicher Bilder, manchmal täte Straffung not, manchmal ein Fettabscheider, der Sätze bekömmlicher macht.

„Was meinst Du, soll ich das Ding nun lesen oder ist das alles nur Schnee von gestern?“, fragte der Freund. Ich nannte ihm meine Einwände gegen das Buch viel ausführlicher als hier geschrieben. „Dann gib´ es mir doch bitte beim nächsten Treffen“, sagte er, „kaufen will ich es nicht. Wir sollten weiter Bücher tauschen, zumal bei den Preisen für ´Briketts´.“

Uwe Tellkamp: Der Turm. Geschichte aus einem versunkenen Land. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008, 976 Seiten, 24,80 Euro

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