Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Langlebige Vorurteile

Eine Betrachtung von Gustav-Adolf Schlomann

Als grauenvolle Funde von Babyleichen in einer Kühltruhe im Osten Deutschlands die Medien beschäftigten und die Menschen erschütterten, erklärten Politiker, dies sei die Folge der Abwesenheit von Religion, fehlender christlicher Wertvorstellungen und der Verproletarisierung der Bevölkerung eines ganzen Landes infolge der SED-Diktatur.

Seit solche Funde nun auch in anderen Sauer- und weiteren Ländern gemacht werden, auch dort, wo seit Jahrzehnten der sonntägliche Kirchgang zum unverzichtbaren Ritus gehört, schweigen sich Politiker aus und überlassen die Erklärung für im Grunde Unfaßbares Polizeisprechern, Staats- und Rechtsanwälten.

Als Professor Klaus Schroeder von der Freien Universität Berlin als Ergebnis seiner Untersuchung öffentlich gemacht hatte, daß Schüler im Osten über die Vergangenheit der DDR weniger wissen, als ihre Mitschülern in Bayern und anderen westlichen Bundesländern, waren es wieder Politiker, die erklärten, daß das ja alles nicht verwundern würde. Seien doch 1990 zu viele Lehrer im Amt verblieben, zu schnell verbeamtet worden und würden es heute Eltern und Großeltern überlassen, die DDR zu erklären, weil sie sonst ihre eigene Rolle gleich mit thematisieren müßten. Daß Lehrer in Bayern möglicherweise die Vorgaben unverfälscht durch eigene Erfahrungen umsetzen könnten, aber Lehrer, die im Osten gelebt haben, nicht bereit sind, beispielsweise den unbestrittenen sozialen Zusammenhalt von Menschen nur als natürliche Folge der Mangelwirtschaft an die Kinder zu vermitteln, lassen Politiker gerne außen vor, wenn sich damit Fraktionen und ganze Landtage befassen und das so nicht länger hinnehmen wollen.

Jüngst hat nun der Hirnforscher Ernst Pöppel bekanntgemacht, das Vergessen und Uminterpretieren seien wichtige Funktionen des Gehirns. Kreatives Vergessen sei eine der wichtigsten Fähigkeiten des Gehirns, die die Abstraktionsleistung überhaupt erst ermöglicht.
(„Warum wir uns gerne falsch erinnern“, Die Welt vom 26. April 2008)
Und schon war wieder zu hören, daß dies wohl vor allem für die Ostdeutschen zuträfe, eine typisch ostdeutsche Erscheinung sei, wo ja immer noch die eigene Vergangenheit verklärt gesehen, viele die wirkliche, die wahre DDR nicht wahrhaben wollen.

Ich denke mal, so bescheuert war keiner, der sein Leben bewußt in der DDR verbracht hat, nicht zu sehen, daß mit großer Kraftanstrengung einerseits für mehr als die Hälfte der Bewohner der DDR neue Wohnbedingungen geschaffen worden waren, der Preis dafür jedoch der Verfall der Zentren vieler Städte war. Natürlich wurden mangelnde Investitionen in die Infrastruktur und in viele Wirtschaftszweige kritisch gesehen. Bekannt war auch die im Vergleich zur BRD etwa 40 Prozent niedrigere Arbeitsproduktivität. Allgegenwärtig war, daß man für sein Geld infolge eines permanenten, sich ständig vergrößernden Kaufkraftüberhanges immer weniger bekam und die Versorgung immer stärker in der Verteilung von Mängeln bestand.

Es war zunehmend offenbarer geworden, daß der Versuch einer alternativen Gesellschaftsordnung zu Deutschlands Vergangenheit und der Gegenwart der BRD gescheitert war, die mit der Verstaatlichung der Industrie, der Bodenreform, der Vermittlung von Bildung unabhängig von der sozialen Herkunft und Stellung, der Förderung von Kultur und Kunst durch Theater, Kulturhäuser, Bibliotheken zu erschwinglichen Preisen für viele und dem Ziel des Lebens in sozialer Sicherheit und frei von Arbeitslosigkeit und mit medizinischer Basis- und Grundversorgung unabhängig vom Einkommen errichtet werden sollte. Liegen in diesen alternativen Denkansätzen die wahren Gründe dafür, heute alles zu verteufeln, was an die DDR erinnert? Warum alles zu entsorgen ist bis hin zu Baudenkmalen und anderen „Zeugen“ der Vergangenheit? Selbst in der mit großer Öffentlichkeit ins Leben gerufenen „Hall of Fame“ des Deutschen Sports erinnert im 18. Jahr der Einheit Deutschlands nichts an die vielen herausragenden Sportler der DDR, wenn man von der Ausnahme Roland Matthes absieht. Aber der war ja auch noch im Herbst 1989 in die BRD gegangen.

Die DDR wurde und wird immer noch „abgewickelt“. 14.000 ostdeutsche Unternehmen sind zwischen 1990 und 1994 durch die Treuhandanstalt von Westdeutschen vorwiegend an Westdeutsche übereignet worden, im Schnitt 15 Betriebe pro Tag. Seitdem verkauft die auf Ostdeutschland spezialisierte Immobiliengesellschaft TLG Jahr für Jahr weitere Vermögenswerte, vor allem Grundstücke, und erzielte beispielsweise noch 2007 einen Gewinn von 52,4 Millionen Euro. Nun soll sie mit einem Bestand von noch rund 1.500 zum Verkauf stehenden Objekten selbst veräußert, privatisiert werden. Was Wunder, wenn nicht auch Wappen und Schriftzug der DDR einem Wessi gehören würden, dem alle Rechte daran kürzlich durch das Oberlandesgericht München zugesprochen worden sind.

Selbst die Rohre, durch die schon zu Zeiten der DDR die Fäkalien entsorgt wurden, sollen heute noch mal bezahlt werden. Geld stinkt eben seit Roms Zeiten nicht.

In der DDR ist auch Unrecht geschehen, vor allem in den ersten 15 Jahren der Existenz der DDR. Aber war die DDR deshalb ein „Unrechtsstaat“?
Eine ehrliche Aufarbeitung der Geschichte beider deutscher Staaten wäre hilfreicher und für die Zukunft besser, als das Leben in der DDR auf die vereinfachte Formel: „DDR = Stasi = Unterdrückung = Unrechtsstaat“ zu reduzieren.

Auch in der demokratischen Bundesrepublik gab es politische Gesinnungsjustiz. Als die KPD 1949 noch 216.000 Mitglieder hatte und Deutsche sich seit Generationen daran gewöhnt hatten, in Kommunisten die schlimmsten Feinde zu sehen, waren Linke und alles, was man dafür hielt, in der BRD schlimmsten Repressionen ausgesetzt. 80 Organisationen wurden verboten und für verfassungsfeindlich erklärt. Dazu gehörten die FDJ und die Gesellschaft für Deutsch- Sowjetische Freundschaft. Einem führenden Mitglied dieser Gesellschaft wurde als Rädelsführer einer verfassungsfeindlichen Vereinigung und kriminellen Organisation nach sechs Monaten Untersuchungshaft der Prozeß gemacht, und er wurde zu drei Jahren Gefängnis verurteilt. Die Angabe von Personalien von Kindern, die Ferienlager in der DDR besuchten, wurde als staatsgefährdende Nachrichtendiensttätigkeit und landesverräterische Beziehung gewertet und mit einem Jahr Gefängnis bestraft. Mit Haft wurde bestraft, wer am 1. Mai 1961 auf einem Bahnhofsvorplatz rote Mainelken zum Preis von zehn Pfennig verkaufte, weil so in demonstrativer Weise der Zusammenhang von Anhängern der inzwischen illegalen KPD gefördert werden könnte. Einzelbeispiele? Zwischen 1951 und 1968 sind 125.000 bis 200.000 Ermittlungsverfahren gegen Andersdenkende durchgeführt worden, „Zahlen, die einem ausgewachsenem Polizeistaat alle Ehre gemacht haben“, sagte der spätere Innenminister Werner Maihofer. (Angaben aus Daniela Dahn“, Westwärts und nicht vergessen“, Rowohlt . Berlin, Juni 1996, S. 134 ff.) Bis 1980 wurden etwa 1,5 Millionen Bewerber für den öffentlichen Dienst auf der Grundlage des sog. Extremistenbeschlusses unter der Regie von Bundeskanzler Willy Brandt im Jahre 1972 erlassen, durch eine Regelanfrage vom Verfassungsschutz überprüft. Über 10.000 Berufsverbotsverfahren waren nicht nur für die Betroffenen von existenzieller Bedeutung sondern wirkend ungeheuer disziplinierend.

Ein wertendes Wort aus heutiger Sicht ist mir aus berufenem Munde nicht bekannt. Dafür soll aber jeder Ostler das Wort vom untergegangenen „Unrechtsstaat“ DDR gebetsmühlenartig
verinnerlichen, obwohl tibetanische Gebetsmühlen traditionell nicht in das christliche Abendland gehören.

Nein, das alles ist kein Anlaß zu selbstgerechter Siegespose
Ja, aber seien nicht all die Menschen, die die DDR verlassen haben, geflüchtet sind, Beweis genug für die Unterdrückung, die Sehnsucht nach Freiheit, wird mir in Gesprächen entgegengehalten. Es hat sicherlich viele Gründe gegeben, die DDR zu verlassen. Die fehlende Freiheit alleine kann es nicht gewesen sein. Wie soll denn heute erklärt werden, daß 2007 etwa 164.000 Menschen der BRD den Rücken gekehrt haben, ausgewandert sind. So viele wie noch nie zuvor. 2002 waren es noch 118.000, 2005 rund 145.000. Die Bundesrepublik ist doch, nach den USA selbstverständlich, der größte Hort von Freiheit und Demokratie auf dieser Erde, wenn man sich anhört, was von Politikern in diesem Zusammenhang ständig in ihren Sonntagsreden betont wird.

Ich denke, so gerne, wie Vorurteile zwischen Ost und West bedient werden, so nachdrücklich, wie eingefahrene Denkmuster und Klischees immer noch dazu herhalten sollen, dem Westler zu suggerieren, daß an allem die Ostler schuld seien, und dem Ostler vor Augen ist, daß die Mehrzahl jener, mit denen er es wegen deren leitender Tätigkeit zu tun bekommt - vom Direktor der Sparkasse, dem Direktor des Amtsgerichts, dem Leiter des Arbeitsamtes und dem Amtsdirektor der Kommune bis hin zum Arbeitgeber – Wessis sind, je deutlicher wird für immer mehr Menschen, daß selbst die aktuelle Rentendebatte keine Frage des KOnflikts zwischen Älteren und Jungen ist, also kein Generationsproblem, sondern alles eine Frage von arm und reich, von „oben“ und „unten“ ist.

Immer mehr werden immer ärmer, immer weniger gelingt dem Einzelnen noch der Aufstieg nach oben. Aus den traditionellen Mittelschichten stürzen immer mehr nach unten ab. Fast jeder fünfte Deutsche lebt inzwischen in Armut, aber 10 Prozent der Bevölkerung verfügen über 60 Prozent des Gesamtvermögens.

Die Vermögenseinkommen, neben den Erwerbseinkommen Teil des Volkseinkommens, haben sich zwischen 1991 und 2007 um 86 Prozent von 345,6 Milliarden Euro auf 643,2 Milliarden Euro zugenommen. Die Schere zwischen diesen Einkommen und dem Arbeitnehmerentgelt ist in den letzten vier Jahren so kräftig wie nie zuvor auseinander gegangen. Die Regierung sorgt für die Gewinnmaximierung der Aktionäre. Sie belohnt sich dafür in einer Weise mit Diäten und Pensionen, das es zum Himmel stinkt. Für das gemeine Volk gibt es Steuererhöhungen, Umweltplaketten, Dosenpfand und Rauchverbot. Und für die Rentner Almosen, von denen aber gleich wieder die verbesserten Pflegeleistungen abgezogen werden.

Wir leben eben in einer Gesellschaftsordnung, in der die Reichen immer reicher, die Armen immer ärmer werden, das jedenfalls ist nicht nur meine Meinung.

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