Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Argumente für den Bau des TVO-Teilstücks

Berlin-Biesdorf: Verkehrszählung bestätigt hohe Belastung in der Köpenicker Straße

Vier Hauptverkehrsstraßen führen vom Nordosten Berlins zur Bundesstraße 96a in Adlershof, die den Anschluß zum Flughafen Berlin-Schönefeld und zur Autobahn Richtung Schönefelder Kreuz herstellt. Sie durchqueren teils dicht besiedelte Wohn- und Geschäftsviertel, teils mit Einfamilienhäusern bebaute Siedlungsgebiete. Insgesamt sind diese Straßenzüge, zu denen die Köpenicker Straße in Berlin-Biesdorf gehört, mit bis zu 70.000 Kraftfahrzeugen pro Tag vor allem durch überregionalen Verkehr belastet.

Die Köpenicker Straße erschließt zunächst die beidseitig anliegenden Grundstücke und sammelt den Verkehr aus den anliegenden Wohngebieten. Der zusätzlich auf ihr lastende überregionale Verkehr ist beträchtlich angestiegen, seitdem die Köpenicker Altstadt für den Durchgangsverkehr gesperrt ist und Teilabschnitte einer tangentialen östlichen Verbindung in Betrieb genommen wurden. Die Anwohner beklagen eine hohe Verkehrslärmbelastung und ein beträchtliches Gefahrenpotential für Fußgänger beim Überqueren der Straße. Bloßer Protest nutzt jedoch wenig, wenn er nicht sachlich begründet und überzeugend vorgetragen wird. Wer etwas ändern will, muß sich mit der Materie auseinandersetzen:

• Der erste Schritt besteht darin, die gegenwärtige Verkehrsbelegung einer Straße durch eine Verkehrszählung zu erfassen.

• In einem zweiten Schritt werden die Zähldaten ausgewertet und auf das gesamte Jahr hochgerechnet.

• Der dritte Schritt dient dem Nachweis der Lärmbelastung anhand von Richtwerten und Grenzwerten für die Schallimmission durch Straßenverkehr.

• Daran schließt sich der vierte Schritt mit Schlußfolgerungen für notwendige Maßnahmen an.

Bei diesem Vorgehen leistete der VDGN wirksame Unterstützung. Er organisierte zwei Verkehrszählungen und wertete sie entsprechend dem wissenschaftlich-technischen Standard aus. Zwar lagen von der Senatsverwaltung aus den Jahren 1993 bis 2007 diverse Aussagen zum Verkehr auf der Köpenicker Straße vor. Jedoch schätzten die Anwohner ein, daß die Verkehrsbelastung im mittleren und südlichen Teil der Straße höher ist als in den besagten Quellen angegeben. Das führte zu dem Entschluß, selbst Verkehrszählungen vorzunehmen.

Die Zählungen fanden am 1. Juli und am 24. September statt. Mittels Querschnittszählungen wurden alle Fahrzeuge während eines Zeitabschnitts erfaßt, die den Straßenquerschnitt an einer festgelegten Zählstelle passieren. Beide Male wurden Kurzzeitzählungen von 6 bis 10 Uhr und von 15 bis 17 Uhr getrennt für jede Fahrtrichtung durchgeführt.

Dankenswerterweise hatten sich Einwohner für den Einsatz als Zählpersonal zur Verfügung gestellt. Sie wurden während einer Schulung mit den Zählformularen vertrautgemacht und zusätzlich mit Hintergrundwissen konfrontiert. Nach erfolgter Auswertung wurde ihnen das Resultat erläutert.

Ein erster Blick auf die Zählergebnisse bestätigte die hohe Verkehrsbelastung der Köpenicker Straße. Die morgendlichen Spitzenwerte lagen bei 430 Kraftfahrzeugen (Kfz) am 1. Juli bzw. 424 Kfz am 24. September in 15 Minuten, nachmittags wurden maximal 435 bzw. 421 Kfz innerhalb einer Viertelstunde gezählt. Das heißt: ca. alle 2,1 Sekunden passierte ein Fahrzeug den Straßenquerschnitt – ein Überqueren der Fahrbahn ist unmöglich!

Mit einem in der Verkehrsplanung praktizierten Verfahren wurden die Zähldaten auf den Zähltag, dann auf die Woche, in der die Zählung stattfand, und schließlich auf das gesamte Jahr umgerechnet. Als Ergebnis erhält man die Anzahl der Fahrzeuge, die im Jahresdurchschnitt im Laufe von 24 Stunden den Straßenquerschnitt passieren. Diese Anzahl wird als durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke DTV bezeichnet und in Kfz/24 h ausgewiesen. Ergänzend werden noch die DTV-Werte für sogenannte Normalwerktage (außerhalb der Ferienzeit), für Urlaubswerktage und für Sonntage ermittelt. Beide Zählungen bestätigen, daß an Normalwerktagen die durchschnittliche tägliche Verkehrsstärke mehr als 20.000 Kfz/24 h beträgt.

Die Belastung der Anwohner durch Verkehrslärm wird durch die schalltechnische Berechnung nach der Richtlinie für den Lärmschutz an Straßen bestätigt. Die Immissionsberechnungen belegen, daß bei einem Abstand bis zu 30 Metern zwischen Straßenmitte und Immissionsort die Grenzwerte von 59 dB(A) tags und 49 dB(A) nachts für Wohngebiete überschritten werden, die für den Neubau oder die wesentliche Änderung von Straßen zutreffen.

Die EU-Richtlinie über die Bewertung und Bekämpfung von Umgebungslärm verpflichtet die Mitgliedsstaaten zur Aufstellung von strategischen Lärmkarten für Ballungsräume und von Aktionsplänen für Hauptverkehrsstraßen mit einem Verkehrsaufkommen von über 6 Millionen Kfz/Jahr. Hier ist der Ansatzpunkt für die Anwohner der Köpenicker Straße, ihre Forderung nach Bau des fehlenden Mittelstücks der Tangentialverbindung Ost anzubringen, zumal durch neue Wohngebiete und Geschäftsbauten sowie durch den Ausbau des Flughafens BBI das Verkehrsaufkommen ansteigen wird.

Prof. Dr. Lieselotte Hellmann

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