Verband Deutscher Grundstücksnutzer

TVO statt Kollaps

Streitgespräch mit Pro und Contra zur Ost-Tangente in Berlin


Eng gedrängt saßen und standen die Besucher am Abend des 14. Januar im Saal der Berlin-Biesdorfer Versöhnungskirchengemeinde. Zur Diskussion "Pro und Contra TVO“ hatte das Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses Liane Ollech (SPD) eingeladen. VDGN-Präsident Eckhart Beleites und die vom Verband ins Leben gerufene überparteiliche TVO-Arbeitsgruppe waren der Einladung ebenso gefolgt wie Franziska Eichstädt-Bohlig, Fraktionsvorsitzende von Bündnis 90/Die Grünen im Berliner Abgeordnetenhaus.

Das Thema bewegt die Leute, denn in ihrem Siedlungsgebiet spielt sich jeden Tag dasselbe ab: Nicht enden wollende Autoschlangen in der Köpenicker Straße. Fußgänger, die beim Überqueren spurten müssen. Vollgestopfte Busse, Lärm und Schmutz zu jeder Tages- und Nachtzeit, klirrende Gläser durch Schwerlasttransporte. Bislang ist die „Tangentiale Verbindung Ost“ (TVO) nur Stückwerk, eine Entlastung nicht in Sicht. Daß sich die Berliner Politik in dieser Frage endlich bewegt und die Vollendung der TVO vorantreibt, dafür streitet der VDGN ganz entschieden. Nichts wünschen sich die Betroffenen in den Siedlungsgebieten sehnlicher als den unerträglichen Durchgangsverkehr los zu sein.Von den Grünen könne keiner erwarten, die Vollendung der TVO aktiv zu unterstützen, erklärte Franziska Eichstädt-Bohlig gleich zu Beginn der Veranstaltung. Dabei sehe sie das Problem der Anwohner durchaus. Ungläubiges Kopfschütteln und hörbaren Protest erntete die frühere Stadtplanerin, als sie den Zuhörern prophezeite, der Individualverkehr werde aufgrund steigender Energie- und damit Benzinpreise nicht wesentlich zunehmen: „Manche unter ihnen könnten schon in ein paar Jahren gezwungen sein, das Auto stehen zu lassen und auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen“. Die Grünen unterstützten daher den Ausbau des öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV). Biesdorf müsse in Richtung Adlergestell und Flughafen BBI besser angebunden werden.

Der Kampf des VDGN für eine Vollendung der TVO bedeute nicht, stellte VDGN-Präsident Eckhart Beleites klar, gegen den ÖPNV zu sein. Allerdings bezweifle er die perspektivischen Überlegungen von Eichstädt-Bohlig. „Steigende Preise sind im öffentlichen Nahverkehr so gut wie sicher“, entgegnete Eckhart Beleites der Grünen-Politikerin unter lautstarker Zustimmung der Versammelten, „außerdem hat man im ÖPNV selbst noch Nachholebedarf in Sachen Klimaschutz. So mancher Bus darf nur mit Ausnahmegenehmigung in der Umweltzone fahren. Die Technik ist längst so weit, kraftstoffsparende und umweltgerechte Lösungen im Autobau anzubieten. Mit dem eigenen Fahrzeug unterwegs zu sein, das kommt bislang und wohl auch in Zukunft preisgünstiger als mit den Öffentlichen, sogar als Einzelreisender.“ Schon jetzt zeigt sich selbst nach offiziellen Verkehrszählungen, daß die Zahl der Fahrzeuge sowohl in der Köpenicker Straße in Berlin-Biesdorf als auch auf der Karlshorster Treskowallee im Nachbarbezirk Berlin-Lichtenberg stetig und in erschreckendem Ausmaß zunimmt. Ein Verkehrskollaps droht. Warentransporte auf der Straße werden mit der anziehenden wirtschaftlichen Entwicklung und dem Ausbau des Flughafens BBI in Berlin-Schönefeld noch weiter wachsen. „Besseren Verkehrsfluß, weniger Standzeiten und weniger Spritverbrauch wird nur eine vernünftige Anbindung wie die TVO bringen. Sie ist deshalb unbedingt notwendig – aus Sicht der Betroffenen in den Siedlungsgebieten und aus Sicht der Unternehmen im Berliner Nordosten, die auf Flexibilität im Warentransport und auf durchlässige Verkehrsadern angewiesen sind. Nur da, wo günstige Verkehrslösungen existieren, kann die Wirtschaft prosperieren“, bekräftigte Eckhart Beleites unter starkem Beifall.

Die Vorteile eines westseitigen Ausbaus der Osttangente erklärten Dr. Wolfgang Nier und Dr. Axel Rackow von der beim VDGN tätigen überparteilichen TVO-Arbeitsgruppe. Für diese Trassenführung spreche, daß man weder Häuser noch Gärten schleifen müsse, betonte Dr. Wolfgang Nier. Die Tangentiale Verbindung könne diesem Konzept folgend über ein genügend breites Areal eines stillgelegten Rangierbahnhofs führen, das auch S-Bahn-Gleise aufnehmen könne.

Mit aussagekräftigen Fotos – einige davon illustrieren diesen Bericht - belegte er den derzeitig verwahrlosten Zustand des Geländes. In den Mienen der Zuschauer spiegelte sich blankes Entsetzen: aufgetürmte Schotterberge, ölgetränkte Bahnschwellen, illegal entsorgte Giftbehälter, Kabel, Rohre und Ruinen, die inzwischen als Müllkippe dienen.

Nachdenklichkeit und Zorn zeigten sich auch in der abschließenden Diskussion. Betroffene schilderten drastisch, wie sehr sie das Verkehrschaos in ihrer Lebensqualität beeinträchtigt. Die Straßen, ob in Biesdorf oder Karlshorst, sind für solche Auto- und erst recht für Schwerlastströme gar nicht geschaffen, sie befinden sich wegen permanenter Überbeanspruchung in desolatem Zustand. All diese Bedingungen minderten nicht zuletzt auch den Wert ihrer Grundstücke, betonten Teilnehmer.

Die anderthalb Stunden regen Streitgesprächs „Pro und Contra TVO“ brachte VDGN-Präsident Eckhart Beleites in seinem Schlußwort auf einen gemeinsamen Nenner, mit dem sich auch die Grünen-Politikerin Franziska Eichstädt-Bohlig anfreunden konnte. Beide Aufgaben müsse man gemeinsam lösen: Erstens - die Vollendung der Osttangente, um den Durchgangsverkehr aus den hochbelasteten Gebieten zu nehmen und eine vernünftige Verkehrsanbindung für die nordöstlichen Gewerbegebiete zu schaffen; zweitens - den öffentlichen Nahverkehr mit einem äußeren Ring weiter auszubauen. Im Kampf um eine lebenswerte Umwelt wird der VDGN nicht lockerlassen.

KG

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