Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Gedenken - mahnen - denken

Eine Betrachtung von Gustav-Adolf Schlomann


An Denkmalen mangelt es nicht in Deutschland. Es wird an vielen Orten der Menschen gedacht, die nach dem Willen vergangener Regime und Politiker in Kriege geschickt worden sind und dort zum angeblichem Ruhme, einer für diesen Zweck beschworenen Ehre oder, noch hehrer, auch für das Vaterland, die Heimat, das Volk, und gelegentlich auch für Könige, Kaiser oder einen „Führer“ gefallen sind. Sie sind nicht getötet, nicht umgekommen, nicht erschossen, nicht zerfetzt und nicht verreckt, nicht verhungert und nicht erfroren, sondern „gefallen“. Das macht sie zu Helden, zu Patrioten, denen ehrenvolles Gedenken gewiß ist. Zahlreicher jedoch all denen, deren „Fallen“ länger zurück liegt, 1812/13, 1870/71, 1914 bis 1918 als denen der Jahre 1939 bis 1945. Mit letzteren hat sich die Geschichte ungleich schwerer getan.
Und dann gibt es Denkmale, mit denen Dichtern und Schriftstellern, Musikern, Naturwissenschaftlern, Ärzten, Erfindern, Denkern, Heerführern und Politikern gedacht wird, wenn sie für das ganze Land oder gar darüber hinaus von Bedeutung sind, wenn sie ihrer Geburtsstadt oder dem Ort ihres Ablebens etwas wert sind, gibt es sie sowohl im öffentlichen Raum, auf Marktplätzen beispielsweise oder mehr für betriebs- oder parteiinterne Zwecke vereinnahmt.

Auch bedeutenden Ereignissen wird gedacht, kriegerischen, anderen weltlichen und religiösen Ereignissen. Und es befördert das Denken, wenn es sich um Stätten der Mahnung, um Mahnmale handelt.

Von wenigstens gleicher Wirkung auf die lebende Generation ist es, wenn die Denk- und Mahnmale einer ganzen Periode der Geschichte entsorgt werden, wie die Geschichte eines untergegangenen Staates, an den die Erinnerung ausgelöscht werden soll, und selbst vor den in dieser Zeit entstandenen Baudenkmalen mit der Abrißbirne nicht haltgemacht wird.

Die jüngere Geschichte des wiedervereinigten Deutschlands tut sich noch schwer mit Mahn- und Gedenkstätten. An die Verbrechen an den Juden, die in den Machtbereich der Nazidiktatur gelangten, an deren nahezu vollständige Ausrottung, deren Holocaust, soll ein Mahnmal in Berlins Mitte erinnern. Inwieweit diese Betonklötze einem beispiellosen Verbrechen in der jüngeren deutschen Geschichte gerecht werden, Mahnung an das kaum vorstellbare Grauen sind, mag jeder selbst beurteilen. Beim Anblick dieser Betonwüste habe ich mit der kundgetanen Absicht ihrer Auftraggeber, Architekten und Erbauer meine Probleme. Aber ich bekenne ebenso, daß ich mir schwerlich vorstellen kann, im Grunde genommen Unvorstellbares vorstellbar zu machen. Keine leichte Aufgabe auch für ein Denkmal, mit dem der ermordeten Sinti und Roma, der Homosexuellen durch die Nazibarbarei gedacht werden soll.

Zwei weitere Vorhaben der Mahnung und des Gedenkens rücken nun in zeitliche Nähe.

In seiner Weihnachtsansprache sagte der Bundespräsident Horst Köhler nach einem dankbaren Gruß aus der Heimat an deutsche Soldaten, Polizisten und Entwicklungshelfer, die sich im Ausland für den Frieden in der Welt einsetzen: „Meine Gedanken sind in dieser Stunde auch bei den Familien derer, die bei Auslandseinsätzen ums Leben gekommen sind." (zitiert nach Märkische Oder-Zeitung vom 23.12.2007 S. 4)

Mit dem Frieden in der Welt ist das so eine Sache. Seit 1945, so haben Institute festgestellt, wurden 150 Kriege in der Welt geführt. Schätzungsweise kamen nach 1945 etwa 50 Millionen Menschen ums Leben, wenngleich auch nur knapp 10 Prozent davon Soldaten waren. Aber deutsche Soldaten „fallen“ nicht mehr, sie kommen nur „ums Leben“. Deutschland führt ja auch keine Kriege, ist nicht an Kriegen beteiligt, sondern nur an Missionen, an Einsätzen. Da „fällt“ man nicht, da kommt man eben nur so um, obwohl man im Auftrage des Deutschen Bundestages, des höchsten deutschen Vertretungsorgans mit Flugzeugen, Marineeinheiten, Panzern, Raketen und aller persönlichen militärischen Ausrüstung schwerbewaffnet im Nahen Osten, am Hindukusch oder auf dem Balkan ist.

Da bedarf es dann ja auch logischerweise keines Ehrenmals für die Toten der Bundeswehr, schon gar nicht zentral gelegen und im öffentlichen Raum, zugänglich für jedermann und ständig diejenigen an ihre Verantwortung mahnend, in deren Auftrag sie sich für den Frieden in der Welt einzusetzen hatten.

Die Vorbereitung eines Ehrenmales der Bundeswehr auf dem Gelände des Verteidigungsministeriums, also nicht im öffentlichen Raum, vielleicht nicht zu jeder Zeit sondern nur aus gegebenem Anlaß oder mit Nachweis eines besonderen Interesses zugänglich, hat bereits begonnen, Anfang 2008 soll Baubeginn sein.

Eines ist mit diesem Vorhaben auf diese Weise auf jeden Fall gesichert: Kein Mitglied des Deutschen Bundestages muß bei einem unvermeidbaren Anblick beispielsweise auf einem Standort vor dem Bundestag sein Gewissen auf seine vorangegangene Entscheidung in der Sache befragen.

Und dann gibt es nun noch ein weiteres Vorhaben: „40 und 20 = 60“. Sie wissen noch nicht, was das ist? 2009 besteht die Bundesrepublik 60 Jahre, von denen Ost und West 40 Jahre getrennte Wege gegangen sind und 20 Jahre sind dann seit dem Mauerfall vergangen. Deshalb soll aus diesem Anlaß ein zentrales Denkmal in Berlin errichtet werden und der Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) sieht sogar Grund, an vielen Orten in Städten und Dörfern, wie er der SUPERillu in Nr. 46/ 2007 S.15 anvertraute, Erinnerungsstätten ins Leben zu rufen. "Heute könnte es viele Freiheitsdenkmale geben“, wir brauchen „authentische Orte“, an vielen Stellen in der DDR, wie der Minister sagte.

Um jeglichem Mißverständnis vorzubeugen: Die Teilung unseres Landes ist uns aufgezwungen worden. Sie war widernatürlich und die Wiedervereinigung der Teile Deutschlands, die uns nach dem Willen der Siegermächte geblieben sind, wünschens- und erstrebenswert. Wie sie jedoch vollzogen wurde, sehen Akteure dieses Prozesses, Betroffene und Unbeteiligte, die ja überwiegend noch zu der Generation der Lebenden zählen, sicherlich heute noch sehr unterschiedlich. Einig können alle darin sein, daß es Glück und Verdienst zugleich war, wenn der Weg zur deutschen staatlichen Einigung auf friedliche Weise gelang.

Ob es jedoch heute schon an der Zeit ist, allerorten Freiheitsdenkmale zu setzen, die diesem Ereignis gerecht werden wollen, wage ich sehr zu bezweifeln.

Viele Bundesdeutsche, vor allem auch Westberliner, deren Leben nicht mehr völlig unberührt in den bis 1990 gewohnten Bahnen ablief, hatten als Schuldigen ganz schnell den „undankbaren Ossi“ ausgemacht, zum Arbeiten angeblich zu faul, aber maßlos in seinen Forderungen. In Wirklichkeit hatte die alte Bundesrepublik einen in anderen Industrieländern längst begonnenen oder bereits vollzogenen Prozeß als Konsequenz der längst global wirkenden wirtschaftlichen Entwicklungen verpaßt. „Die Krise des bundesdeutschen Sozialstaates wurde nicht vom Jahrhundertereignis Wiedervereinigung verursacht, seine Reformbedürftigkeit wurde dadurch aber endgültig offenkundig.“ (Gerhard A. Ritter: Der Preis der deutschen Einheit, C. H. Beck, München 2007) Die Finanzierung erheblicher Kosten der deutschen Einheit aus den Sozialkassen der alten Bundesrepublik hat kein „fauler Ossi“ zu vertreten. Auch daß die DDR nichts an Werten hinterlassen habe, das Manko in den Kassen der Treuhandanstalt nach der Verschleuderung von Grundstücken, Betrieben, Maschinen und Anlagen, Patenten und Rechten an die bundesdeutsche Konkurrenz sei ja der Beweis, hält heute keiner ernsthaften Betrachtung mehr stand. Jährlich werden auch heute noch mit den „Resten der DDR“, Äckern und Wäldern, Seen, Immobilien und ganzen Wohnquartieren beispielsweise an ausländische Investoren Einnahmen für den Haushalt in vielfacher Millionenhöhe erzielt.

Vielerorts entstanden in den neuen Bundesländern große, moderne Arbeitsämter, in denen in krisenfesten Arbeitsverhältnissen die Nichtarbeit verwaltet wird. Sie werden von Betroffenen ebenso als ein Mahnmal deutscher Einheit gesehen wie Suppenküchen und fast allerorten Tafeln, bis dahin völlig unbekannte Einrichtungen als Folge eines von der Politik beschrittenen Weges, auf dem ein Drittel Deutschlands entindustrialisiert wurde. Ungeachtet dessen geht es einem Teil der Ostdeutschen besser als zu Zeiten der DDR. Das ist unbestritten. Aber zu groß ist der Anteil derjenigen, die lernen mußten, was eine „Warteschleife“ ist, aus der es kein Entkommen gab, daß gesetzlich erworbene Rentenansprüche „gedeckelt“ werden können, daß man als „Aufstocker“ von seiner Arbeit nicht mehr leben kann, daß „evaluieren“ etwas anderes als die Evolution ist, daß es einen Unterschied zwischen einem „Rentenwert Ost“ und einem „Rentenwert West“ gibt und daß „Stichtage“ darüber entscheiden, ob man beispielsweise Erbe werden oder Eigentümer eines erworbenen Wohngrundstücks ist, daß man in Mark der DDR bezahlte Kanalisation oder ortsüblich entstandene Straßen heute in Euro noch einmal bezahlen soll oder auf welche Weise man Eigentum an Erholungs- oder Garagenbauten völlig legal auf gesetzlicher Grundlage loswerden kann.

Wenn das „rechtmäßig“ erworbene verbliebene Vermögen von Mitgliedsorganisationen der DDR, dabei kann es sich ja nur um gezahlte Beiträge handeln, 2007 „ freigegeben“ in die Rekonstruktion von Schlössern des Adels gesteckt wird, wirkt das genau so auf viele derjenigen aus der lebenden Generation, die ihr Leben in der DDR verbracht haben, wie die Einrichtung von Museen, in denen mit alten Möbeln, Radios und Suppentüten demonstriert wird, wie man in der DDR gelebt haben soll.

20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es kaum noch Unterschiede bei den Lebenshaltungskosten zwischen Ost und West, jedoch weder bei Löhnen noch bei Renten eine Angleichung der Einkommensverhältnisse. Sie ist politisch auch nicht gewollt, wie die jüngste Entscheidung zu Mindestlöhnen für die Postbediensteten mit ihrer Differenzierung zwischen Ost und West ausweist. Zwei Jahrzehnte mit doppelt so hoher Arbeitslosigkeit im Osten im Unterschied zum Westen und drastisch niedrigeren Löhnen werden noch weit in die Zukunft mit den auf dieser Basis erworbenen Rentenansprüchen wirken, die im Osten zu gravierender Altersarmut führen wird. Und es gibt keinen Zeitplan dafür, das derzeitige Rentenniveau, das im Osten bei 87 Prozent im Vergleich zum Westen liegt, irgendwann einmal anzupassen.

Man sollte schlicht und einfach zur Kenntnis nehmen, daß Millionen Menschen der DDR nicht versucht haben, die Staatsgrenze zu überwinden, in den Westen zu kommen und sie dennoch keine Gegner der deutschen Einheit sind. Nicht jeder, der auf Grund seines Alters zu Vergleichen in der Lage ist, weil er beispielsweise drei unterschiedliche Regimes erlebt hat, will, wenn er mit entsetzen heute Wachschützer vor Schulen erlebt, deshalb die Fahnenappelle der DDR unbedingt wiederhaben. Aber Objektivität in der Betrachtung, Würdigung und Wertung der Geschichte beider deutscher Staaten wären Voraussetzung, bevor man sich an die Errichtung von Denkmalen macht, das jedenfalls ist meine Meinung.

 

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