Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Als Einzelkämpfer hat man schlechte Karten“

Zu Besuch beim Erholungs- und Freizeitverein Plötzky e.V., einem der größten Datschenvereine beim VDGN


Von Kerstin Große

Wochenend´ und Sonnenschein, von wegen. Es regnet ohne Pause, will gar nicht heller werden an diesem Samstagvormittag im August. Wer um alles in der Welt wird sich bei solchem Mistwetter auf seine Datsche begeben?
Auf dem Gelände des Erholungs- und Freizeitvereins Plötzky e.V., die Eingeweihten sagen kurz „Ee-eF-Vau-Peh“, begegnen uns nur wenige Menschen. Doch die haben wetterfeste Kleidung, unerschrockene Haltung.
Der Regen kann ihnen nichts anhaben, so sieht es aus. Dieser Meinung ist auch Manfred Rothe, Vereinsvorsitzender: „Schließlich gibt es auf dem Grundstück immer etwas zu tun, und wenn man nur mal nach dem Rechten sieht.“

Wie jeden Samstag in der Saison hat er das kleine Vereinsbüro heute für die Sprechstunde aufgeschlossen. „Bei einem so großen Verein wie unserem ist es wichtig, daß Probleme möglichst bald angesprochen werden. Manches duldet keinen Aufschub,“ meint der drahtige Mann mit den weißen Haaren. Sein Engagement für das Große und Ganze wird geschätzt, er weiß die Fäden zusammenzuhalten. 15 Damen und Herren unterstützen ihn im Vorstand, eine richtige Mannschaft. Darüber hinaus ist das Vereinsgelände in 52 Sektionen aufgeteilt, für die sich wiederum Vereinsmitglieder besonders verantwortlich fühlen. Was fast militärisch anmutet und manchen schrecken könnte, hat durchaus seinen Sinn: Brennt etwas auf den Nägeln, wissen die Mitglieder, an wen sie sich wenden können, wer sich in ihrer Nähe um eine Lösung kümmert. So lastet nicht alles allein auf dem Vereinschef, sondern ist auf breiten Schultern verteilt.

Mehr als 600 Vereinsmitglieder gehören zum EFVP. Zwei Drittel sind Pächter ihres Erholungsgrundstücks. Ein Drittel, also um die 200 Mitglieder, erwarben Grund und Boden. Allein daraus resultieren mitunter verschiedene Interessen und Ansichten. Zum Glück, so meint der Vereinschef, halten bisher dennoch alle dem EFVP die Treue.

„Der Verein bietet Vorteile, die man als Einzelkämpfer einfach nicht hat.“ Ruhig und sachlich sagt das Manfred Rothe, und man kann sich vorstellen, wie er mit seiner unaufgeregten Art schon so manchen Zweifler nachdenklich stimmte und letztlich überzeugen konnte, daß seine Mitgliedschaft im Verein wichtig ist. Nur wenn sie mit vereinter Kraft auftreten, werden sie von den Bürgermeistern und Gemeindevertretern der umliegenden Dörfer als ernstzunehmender Partner wahrgenommen, ebenso von den Verpächtern. Darunter ist die Elbaue Naherholungsförderungsgesellschaft die bedeutendste, sie erledigt Verwaltungsaufgaben für den kommunalen Grundeigentümer. Weitere neun Privateigentümer verpachten ebenfalls Land an Datschenfreunde.

Bislang gelang es dem Verein, moderate Pachtpreise durchzusetzen. Um die 80 Cent sind seit Jahren für den Quadratmeter zu zahlen, damit können die meisten leben. Das kam nicht im Selbstlauf, sondern ist Manfred Rothe und seinen Mitstreitern zu danken. Sie konnten sich bislang noch immer gegen vereinzelt in den Gemeinden vorgebrachte Forderungen wehren, die Pachten zu erhöhen. Ihre Argumente sprechen für sich. Solange die Pachten fair sind, behalten die Wochenendler ihre Datsche im Grünen. Bei Aufgabe wegen Alters, Umzugs oder Krankheit finden sich auch schneller neue Pächter. Die Gärten und Häuschen verwildern nicht, sondern werden gepflegt. Fast rund ums Jahr sind die Leute auf ihren Datschen, so bleibt das Gelände auch sicherer. Wer seinen Müll einfach in der Landschaft „entsorgen“ wollte, traut sich nicht, weil er umgehend zur Ordnung gerufen würde.

Und die Geschäfte in den Dörfern ringsum, der Bäcker, das Eiscafé, der Einkaufs- und der Baumarkt, die Handwerksbetriebe - alle profitieren sie von den Wochenendlern. Vom zeitigen Frühjahr bis zum ersten Frost im Spätherbst zählen sie zu ihren Kunden. Manfred Rothe übertreibt sicher nicht, wenn er sagt, daß manches Geschäft ohne die Datschenfreunde, ohne Camper und Ausflügler wohl nicht überleben könne.

Das Vereinsgelände erstreckt sich über mehrere Quadratkilometer in einem Landschaftsschutzgebiet mit reichem Baumbestand an der Alten Elbe, nahe der Landeshauptstadt von Sachsen-Anhalt, Magdeburg. Bis in die fünfziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wurde in diesem Gebiet Quarzstein abgebaut, ein wichtiges Exportgut der jungen DDR, das unter anderem beim Straßenbau in Hamburg Verwendung fand, erzählt Renate Wunderling, die mit ihrem Mann schon seit den 60er Jahren hier ihr kleines Paradies hat.

Denn als der Abbau nicht mehr lohnte, kam die Idee von einem Naherholungsgebiet auf. Renate Wunderling erinnert sich: „Nach der Anmeldung dauerte es bis zu zehn Jahre, ehe man dran war und das begehrte Stück Grün herrichten konnte. Da Baumaterial knapp und nur über „Beziehungen“ zu haben war, brauchten manche noch einige Jahre, bis ihr ersehntes Wochenendhäuschen stand.“ So erklärt sich wohl auch, weshalb viele Vereinsmitglieder eine starke Bindung zu diesem Stückchen Land haben, die sie auch im hohen Alter noch aufrechterhalten. Oft geht das nur mit familiärer Unterstützung. Renate Wunderling berichtet von Vereinsmitgliedern, die weit über 80 oder sogar schon 93 Jahre alt sind und es sich nicht nehmen lassen, bestimmte Arbeiten auf dem Grundstück immer noch selbst zu erledigen.

Als der Quarzit-Abbau Mitte des letzten Jahrhunderts nicht mehr lohnte, hatte man die Steinbrüche damals voll Wasser laufen lassen. Heute durchziehen 16 Seen das Gebiet zwischen Plötzky, Pretzien und Dannigkow. Sie haben eine stahlblaue bis smaragdgrüne Färbung, sind häufig klein, aber tief. So erreicht der Kolumbussee immerhin 36 Meter Tiefe, wie Manfred Rothe weiß. Alle sind sie zum Baden geeignet, regelmäßig wird das Wasser von der Behörde geprüft. Neben den Datschenfreunden und Dauercampern kommen auch Tagesausflügler und Touristen hierher. Das Gelände steht allen offen.
Mitunter treten Meinungsverschiedenheiten auf, so diskutiert man die Frage, ob an den Stränden Textiles- und FKK-Baden gleichberechtigt sein sollen – und wer darüber das letzte Wort hat.

Auf diesen Zwist läßt sich Manfred Rothe jedoch nicht ein, jedenfalls nicht an diesem Samstagvormittag. Es gibt Probleme, die wirklich drängen. Die Datschenfreunde aus dem Verein hatten sich vor geraumer Zeit zu einzelnen Interessengemeinschaften zusammengeschlossen, die sich beispielsweise um Fragen der Energie- oder Wasserversorgung, der Abrechnung und gerechten Verteilung der Kosten selber kümmern. Für eine solche IG hat Doris Dichte den Hut auf. Und sich damit auch ein Problem aufgeladen: Denn ein Stromabnehmer wollte partout nicht einsehen, daß er für Energiekosten, die er verursacht hatte, auch zur Kasse gebeten wird. Nun ist die Sache vor Gericht, dem gingen viele nervenaufreibende Auseinandersetzungen voraus. Ein Ende ist nicht abzusehen ...

Streit mit dem Bodeneigentümer haben mehrere Pächter momentan um die Verantwortung für die Bäume auf dem Grundstück. Die meisten Exemplare hier sind hochgewachsen und oft Jahrzehnte alt. Manche schwächten die Stürme der vergangenen Monate oder Krankheiten derart, daß von ihnen Gefahr ausgeht. Besorgte Pächter gingen zum Umweltamt und beantragten deshalb die Fällung. Die Erlaubnis erhielten sie nach Begutachtung auch, doch nun steht die Frage im Raum, wer bezahlt das? Für Manfred Rothe und die Pächter ist die Sache klar: Es handle sich in diesen Fällen ausnahmslos um Bäume, die schon vor Abschluß der Verträge auf dem Grundstück standen und für die die Eigentümer die Verantwortung zu tragen haben, erklärt der Vereinsvorsitzende und verweist dabei auf einschlägige Gerichtsurteile.

Bei solchen Problemen kann sich das Ehrenamt schon mal zu einem schweren Amt auswachsen, können Erholung und Entspannung auf dem Grundstück in weite Ferne rücken. Die Flinte ins Korn zu werfen, das käme Manfred Rothe, Renate Wunderling und Doris Dichte dennoch nicht in den Sinn.

Ein starker Verein wird weiter gebraucht, ist sich der Vereinschef sicher. Er baut auf die Unterstützung des Dachverbands VDGN, und er weiß wackere Mitstreiter hinter sich, die denken wie er. „Als Einzelkämpfer hat man schlechte Karten!“

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