Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Mit freundlichen Grüßen, Ihr Zweckverband“

17 000 Euro für den „Altanschluß“ oder: was eine 82jährige Frau eines Sonnabends im Briefkasten fand


Christa Schmuck ist eine Oma wie aus dem Bilderbuch. Sie trägt Kittelschürze und Pantoffel, und sie guckt mit lieben Augen in die Welt, auch wenn sie sehr krank ist und nur noch mit zwei Krücken gehen kann. Vor ihrem Haus steht eine Bank, und die Butterblumen auf ihrem Hof leuchten im schönsten Frühlingslicht.

Am 2. September 2006 fand Christa Schmuck in ihrem Postkasten einen Brief. Der kam vom Wasserversorgungs- und Abwasserzweckverband Güstrow-Bützow-Sternberg (WAZ). „An dem Tag habe ich gedacht, mich trifft der Schlag. Sie haben mir geschrieben, daß ich mich an der Kanalisation beteiligen muß, und da stand dann ein Betrag von 17.000 Euro.“ Der, so heißt es im Brief weiter, ist innerhalb von vier Wochen zu zahlen. Frau Schmuck verstand die Welt nicht mehr: Wofür sollte sie auf einmal so viel Geld bezahlen und - warum? Niemand hatte zuvor mit ihr gesprochen, es gab keine Vorwarnung, keine Bauarbeiten. Dann plötzlich aber dieser Brief.

Am selben Tag, einem Sonnabend, bekamen auch alle anderen Anwohner der Kritzkower Dorfstraße Post vom WAZ: Sie sollen ein Leitungssystem bezahlen, das es schon seit DDR-Zeiten gibt, bestens funktioniert und an das alle Grundstücke seit langem angeschlossen sind. Gebaut aber hat die Anlage nicht der WAZ, der jetzt Geld dafür haben will - sondern die LPG des Ortes. Mitte der 80er Jahre hatte der Agrarbetrieb nicht nur Häuser im Dorf, sondern auch die Entwässerungsanlage für die Gemeinde gebaut. Mit Material, Geld und Arbeitskraft. „Und der WAZ hat nach der Wende alles für Null übernommen“, sagen die Kritzkower.

Viele der betroffenen Familien wohnen seit 20, 30 Jahren und länger in dem Dorf, einige erst seit kurzem. Christa Schmuck hat ihr ganzes Leben in Kritzkow verbracht. Im Haus ihrer Großeltern. „Ich bin 82 Jahre, und so lange wohne ich hier.“ Gearbeitet hat sie in der Landwirtschaft, erst als junges Mädchen auf dem eigenen Hof, nachdem der Vater im Krieg starb. Später ging sie zur LPG. Sie bekommt heute eine monatliche Rente von 300 Euro und eine Witwenrente. Und sie sagt: „17.000 Euro, das schüttelt man ja nicht aus dem Ärmel. Ich hatte gespart, wollte mir einen Maler nehmen, um das Haus zu renovieren. Tja, geht jetzt nicht.“ Eine Belastung in einer solchen Größenordnung hat es es in ihrer Familie nie gegeben.

Ein junger Kritzkower, der vor einigen Jahren auch für seine Kinder hierher ins Grüne gezogen ist, hat vom WAZ einen Bescheid über 21.000 Euro bekommen. Tagelang haben er und seine Frau diese riesige Summe nicht begriffen und was das für sie bedeutet. „Wir waren fertig. Aber wir haben ja beide wenigstens Arbeit. Was wenn wir arbeitslos wären? Was soll man dann tun? Sich den Strick nehmen? Eine arbeitslose Frau in unserer Straße weiß nicht einmal, wie sie die 3000 Euro bezahlen soll, die man von ihr fordert.“ Will man die Menschen von hier vertreiben, sollen „wir alle beim Bürgermeister unseren Schlüssel abgeben?“ Kann die Kommune nicht froh sein, daß die Menschen in Kritzkow bleiben, sich um die meist alten Häuser kümmern und damit den Ort erhalten? „Der eine will eine neue Küche kaufen, der andere die Fassade erneuern, mit so einem Bescheid zu Hause kann man das nicht. Der Region entzieht das alles Kaufkraft, ob beim Einzelhandel oder dem Baubetrieb.“

Und eines findet der junge Mann besonders merkwürdig: „Der Zweckverband ist ja eine kommunale Einrichtung, und er gehört eigentlich uns allen. Aber selbst die Kommune soll für die Schule und die Neubaublocks an den WAZ bezahlen.“ Verkehrte Welt! Er sagt: „Wir sollen jetzt die Fehlinvestition bezahlen, weil nach der Wende viel zu große Klärwerke gebaut wurden? Das verstehe ich nicht. Ein Bäcker kann auch nicht fünf Euro für ein Brötchen verlangen, wenn er in eine neue Brotbackmaschine investiert. Wenn das eine falsche Investition war, ist allein er verantwortlich und nicht der Kunde.“ Der WAZ allerdings handelt nach einem anderen Prinzip. Er gibt die Kosten seiner Fehlinvestitionen direkt an die Bürger weiter.

Schnell war klar: Das ist ungerecht! Das lassen wir uns nicht gefallen! Eine Bürgerinitative gründete sich. Protestplakate wurden auf Laken gemalt und überall im Dorf aufgehängt, „Nicht-Paragraphen-Kenner“ wälzten nach Feierabend Gesetzestexte, lernten die Juristensprache, die „drei Seiten braucht, um eine Sache zu erklären, die man auch in fünf Sätzen sagen kann“. Die Anwohner suchten nach Fehlern in den Bescheiden und fanden sie. Berechnet wurden zum Beispiel falsche Geschoßzahlen - und das, obwohl der WAZ eigens eine Firma beauftragt hatte, die Häuser exakt einzuschätzen: die Firma Comuna mit Sitz in Neuenstadt am Kocher und einer Filiale im mecklenburgischen Schönberg. Und diese Gesellschaft für Kommunal- und Wirtschaftsberatung mit beschränkter Haftung wiederum bekam dafür vom WAZ sogar ein sehr gutes Honorar. In den Zahlungsbescheiden stehen trotzdem falsche Geschoßzahlen und damit falsche Berechnungsgrundlagen. Die Bürger reichten Widerspruch gegen die Bescheide ein. Der WAZ im Gegenzug schickte Mahnungen aus und drängte auf Zahlung. Dann aber mußte der Zweckverband beigeben. Ein erster Erfolg der Bürgerinititative: Die Bescheide wurden reduziert. Allein in der Dorfstraße kamen über 50.000 Euro zusammen, die der WAZ zu seinen Gunsten berechnet hatte und von den Anwohnern kassieren wollte. Auf dem neuen Bescheid für Christa Schmuck stehen „nur“ noch rund 10.600 Euro. „Für uns ist klar, der Verband macht keine korrekte Arbeit. Es stimmt einfach nicht, das bei denen immer alles stimmt.“

Kritzkow hat Wirkung auch in der Region. Ein gallisches Dorf sei es, das sich dort dieser Praktiken widersetzt. Oft genug sei zu hören, das nütze alles nichts, ihr müßt doch bezahlen, die da oben machen keine Fehler. Die Lokalzeitung verkündet angebliche Erfolge des WAZ, schreibt „nicht immer die ganze Wahrheit“ und „gibt Gerichtsurteile nur einseitig wieder“, wie die Leute sagen. Vieles macht das Durchhalten schwer. Wenig aber ist es auch nicht, was die Menschen in dem Dorf gemeinsam geschafft haben. Fristen einzuhalten, rechtzeitig Anträge auf Aussetzung der Vollziehung zu stellen, Widersprüche einzureichen - all das ist mühsame Kleinarbeit, raubt Zeit und macht nicht jedem Spaß. In Kritzkow aber mußte bis jetzt noch niemand bezahlen, und das ist immerhin ein beachtlicher Erfolg gegen einen Riesen wie den WAZ. Dessen letzte Bescheide stammen vom 24. April 2007. Darin heißt es, alle Verfahren ruhen, bis es vorm Verwaltungsgericht. in Schwerin ein Urteil in der Sache gibt. „Es lohnt auf jeden Fall, dagegen vorzugehen", sagt Kerstin Redemund, die die Logik des Abwasserverbandes nicht verstehen kann: „Am meisten erschreckt mich diese Eiseskälte, wie mit den Menschen verfahren wird. Die Zahlungsfrist war: vier Wochen. Viele können überhaupt nicht bezahlen und erst recht nicht so schnell. Uns wurde dann auf einer Versammlung gesagt, wir könnten die Summen stunden lassen. Nicht gesagt, hat man uns, daß für diese Stundung dann 6,5 Prozent Zinsen fällig werden.“

Frau Schmuck weiß nicht, woher sie das viele Geld hätte nehmen sollen. „Man hat mir schon gesagt, dann muß ich eine Hypothek aufnehmen. Wenn das das Haus der Eltern ist, man hier sein ganzes Leben verbracht hat, und dann in meinem Alter eine Hypothek auf das Haus aufnehmen zu müssen, obwohl man schuldenfrei ist, das ist schlimm. Ich möchte eigentlich so lange wie möglich hier wohnen bleiben.“

Daß hinter der rigiden Praxis der WAZ riesige finanzielle Interessen stecken, hat die Bürgerinitiative, die zu den Mitgründern des Aktionsbündnisses Wasser/Abwasser Mecklenburg-Vorpommern unter dem Dach des VDGN gehört, öffentlich gemacht. Kaum einer wußte zuvor, daß der WAZ seine Geschäfte gar nicht mehr selber führt, sondern von der Eurawasser Nord GmbH besorgen läßt, die wiederum Teil des französischen SUEZ-Konzern ist. „Und das ist ein Riesenkonzern.“ Es geht also um nichts Geringeres als um die Privatisierung von - Wasser. „Für uns ist völlig schleierhaft, wie Deutschland ein Menschenrecht, das Recht auf Wasser an einen ausländischen Konzern verkaufen kann? Man hat einen 25-Jahresvertrag mit Eurawasser geschlossen, die reinste Lizenz zum Gelddrucken“, sagt Gerald Harder, der spiritus rector der Kritzkower Bürgerinitiative.

Die Reise zur Demonstration in Schwerin am 10. Mai konnte Christa Schmuck nicht auf sich nehmen. Aber die 82jährige hat für jemand anderen den Sitzplatz im Bus bezahlt, hat Geld gegeben für Farbspraydosen und Plakate. „Weil ich das richtig finde. Weil mir so viele aus dem Dorf geholfen haben und ich nette Menschen um mich habe.“ Und nach einem Weilchen sagt sie: „Zu dieser Politik habe ich kein Vertrauen, daß die oben sitzen und sich die Taschen füllen, und hier gibt es so viel Armut unter den Menschen, das verstehe ich nicht.“

Ulrike Schulz

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