Verband Deutscher Grundstücksnutzer

Skandinavien in Brandenburg

Dänische Datschen an der Havel: In Zehdenick sollen jede Menge moderner Ferienhäuser entstehen

Schlichte Schönheit, Großzügigkeit, Komfort und naturbelassene Grundstücke - das vor allem zeichnet skandinavische Ferienhäuser aus. Vorzüge, die viele deutsche Nordeuropa-Urlauber bereits seit langem schätzen. Vorzüge, die jetzt auch nach Deutschland importiert werden sollen.

In Zehdenick nördlich von Berlin sollen 785 Ferienhäuser nach skandinavischem Vorbild entstehen, ein Gemeinschaftsprojekt der dänischen ESKE-Gruppe und des Ferienhausanbieters Novasol. Mehr als 190 Millionen Euro sollen in den brandenburgischen Ort im Landkreis Oberhavel investiert werden und diesem nicht nur den touristischen, sondern auch den wirtschaftlichen Aufschwung bringen.

25 Prozent Arbeitslosigkeit

15 000 Menschen leben in und um Zehdenick, offiziell sind knapp 25 Prozent der Zehdenicker arbeitslos. Von den größeren Betrieben ist nicht mehr viel zu sehen. Bis zur Wende gab es in der Stadt eine Außenstelle des Kombinates für Mikroelektronik Frankfurt/Oder, die vielen Menschen Arbeit gab. Geblieben sind einige Nachfolgebetriebe, vor allem kleinere Zulieferbetriebe für die Autoindustrie. Es heißt, in jedem Auto steckt zumindest ein kleines Teil aus Zehdenick. In der Ziegelindustrie, die einst so prägend für den Ort war, gab es hier nur bis zum Jahr 2000 noch einen größeren Betrieb. Was im Jahre 1888 mit der Entdeckung großer Tonvorkommen begann, hatte den Ort nachhaltig verändert: Zahlreiche Ziegeleien wurden errichtet, Ton in riesigen Mengen abgebaut. In Folge der Industrialisierung entstand in und um Zehdenick eine einmalige Landschaft: 60 frühere Tonstiche sind heute gefüllt mit Wasser und ziehen sich - aneinandergereiht wie an einer Perlenschnur - entlang des Ortes, der direkt an der Havel und am Europäischen Fernradweg Berlin-Kopenhagen liegt. Wasser, Natur, eine historische Industrielandschaft und das nur 60 Kilometer von Berlin entfernt - optimal, fanden die Investoren aus dem Norden. Und so fiel die Wahl der Skandinavier, die in ganz Deutschland nach einem geeigneten Standort gesucht hatten, auf Zehdenick.

Ganz ohne Zäune

Das Projekt hat Modellcharakter: An neun Standorten im gesamten Stadtgebiet sollen kleinere Ferienhaussiedlungen entstehen und jeweils thematische Schwerpunkte bilden. Dabei soll die Tradition der Ziegelhütten im Stadtbild integriert bleiben. Ganz unterschiedliche Bauweisen - mit Ziegel, Holz oder Glas - sollen eine Mischung aus Historischem und Modernem zeigen. Alle Häuser werden barrierefrei und - in Skandinavien durchaus normal, in Deutschland nicht ganz üblich - vollkommen ohne Zäune sein. Das garantiere auch, daß alle Tonstiche und Stichkanäle weiterhin der Öffentlichkeit zugänglich bleiben. Für die Kommune von Beginn an eine wichtige Voraussetzung: „Die Tonstiche bleiben für jedermann offen.“ verspricht .Zehdenicks Kämmerer Fred Graupmann , in der Stadtverwaltung Zehdenick zuständig für die Betreuung des Bauprojektes.

Bürger sollen mitreden

Von vornherein setzte die Kommune auf die Beteiligung der Bürger, die dem Projekt durchaus mit Skepsis gegenüberstanden. Die Bürgerversammlungen waren denn auch rappelvoll. Gerade die Bevölkerung sei weiterhin aufgefordert, sich zu äußern. „Wir wissen, wie konstruktiv Hinweise sein können, die direkt von den Menschen kommen, weil wir als Stadt ja vielleicht auch etwas übersehen oder gar nicht wissen können.“ Bürgerbeteiligung, so Graupmann, wird auch in Zukunft gewährt, wenn es möglicherweise um Straßenausbau oder Folgeinvestitionen geht.

Als Chance für Zehdenick und die gesamte Region wird das Ferienhausprojekt der Dänen gesehen. Die überregionale Bedeutung liegt auf der Hand. Mit der Entwicklung des touristischen Bereiches - erweiterten Angeboten z. B. für Wassersport, Angeln, Reit- und Fahrradurlaub - erhofft man sich in der Kommune auch einen Belebung für andere Branchen, der Gastronomie, dem Kleingewerbe, neue Jobs in Reinigungsfirmen oder Sicherheitsunternehmen. Die Infrastruktur könnte erneuert und verbessert werden, vielleicht kann Zehdenick sogar wieder ein Kino bekommen. So hofft man zumindest. 

Dennoch, Bernd Muckenschnabel, Europadirektor von Novasol, ist vorsichtig: „Gerade in Brandenburg sind schon zu viele große Luftschlösser gebaut worden. Wir wissen um die vielen großen Versprechungen, die nichts gebracht und nur Unmengen von Steuern gekostet haben. Milch und Honig zu versprechen - das ist nicht unsere Intention.“ Er ist sich aber sicher: Wenn eine solche Urlaubsregion entsteht, haben gerade die Menschen vor Ort Nutzen davon. „Die Versorgungseinrichtungen, der Bäcker, die Restaurants, kleine Läden sind ja vorhanden und sollen für die Urlauber als Anlaufpunkte dienen. Existierendes soll genutzt und gestärkt werden. Es kommt Kaufkraft in die Region.“ so Muckenschnabel. Mit 60- bis 90 000 Besuchern im Jahr rechnet man bei Novasol.

Seit 1990 ist der europaweit aktive Ferienhausvermittler auch mit Objekten in Deutschland vertreten. Das Prinzip: Novasol plant gemeinsam mit Bauunternehmern und Bauträgern, wo Ferienhäuser entstehen und wie sie aussehen sollen. Die Ferienhäuser, von denen neuere Objekte z. B. auf Rügen und an der Ostsee stehen, werden später an private Vermieter verkauft. Novasol aber übernimmt die Vermittlung und Vermietung an die Urlauber - und bleibt so im Geschäft. 750 Ferienhäuser hierzulande werden über Novasol bereits vermietet, rund 90 Prozent dieser Ferienhäuser befinden sich in privater Hand. Jetzt sollen die 785 Häuser in Zehdenick dazu kommen. Ein Großprojekt, in das drei Potsdamer Ministerien, Denkmalschutz- und Naturschutzbehörden involviert sind, und bei dem es auch um jede Menge Fördermittel geht. 

Deutsche Erschwernisse

Für viele Menschen in den großen Industrienationen Europas ist das Ferienhaus längst ein wichtiger Teil ihres Alltags geworden. In Ländern wie Spanien, Finnland, Frankreich, Schweden oder Dänemark hat sich eine lebendige Ferienhauskultur entwickelt. Viel touristisches und damit auch ökonomisches Potential liegt in der Vermietung solcher Häuser, doch in Deutschland macht man es diesem erfolgreichen Modell schwer. „Das Ferienhaus, wie es in allen Ländern Europas so populär ist, wurde in Deutschland einfach nicht zugelassen. Es wurden Beschränkungen und teils unsinnige Auflagen erteilt, die Baufläche ist auf eine ganz minimale Fläche begrenzt, und einen Standard wie in anderen Ländern längst üblich, darf es hier nicht geben, „ kritisiert der Novasol-Chef. „Ein Ferienhaus hat in Deutschland auszusehen wie eine Campinghütte - es tut mir leid, aber das ist nun wirklich nicht mehr zeitgemäß.“

Aber auch hierzulande sei ein „Umbruch in Gange“, so Muckenschnabel. „Die Tendenz geht seit langem in Richtung Individualtourismus: Man möchte im Urlaub Ruhe finden, selbst bestimmen können, wann man mit anderen und mit welchen Menschen zusammen sein möchte. Man möchte direkt in der Natur sein. Und man möchte Platz und dabei einen höheren Komfort haben. Das alles spricht für das Ferienhaus. Doch das hat Deutschland nie begriffen“, sagt er. Die deutsche Tourismusindustrie habe auf diesen Bedarf „in ihrer Arroganz nie reagiert“. Im Gegenteil. Riesige Hotelanlagen, die oft eher Bunkeranlagen ähnelten, und Ferienparks nach holländischem Vorbild seien errichtet worden. Die zunehmende Beliebtheit des Ferienhausurlaubs erklärt Muckenschnabel so: „Viele möchten keinen Urlaub mehr machen, in dem alles vorgegeben und geordnet ist, der sich nach anderen richtet, in dem man animiert und oftmals auch gegängelt wird.“ Deutschland hinke hier noch immer vielen europäischen, sogar osteuropäischen Ländern hinterher, die sich schnell und unkompliziert auf die neue Entwicklung eingestellt hätten. Daß Urlaub im Hotel oder in einer Ferienanlage längst nicht mehr als non plus ultra gilt, habe man woanders zeitiger erkannt.

In der Zehdenicker Stadtverwaltung ist man optimistisch und rechnet mit einem Baubeginn zum Ende des zweiten oder Beginn des dritten Quartals. Denn schon in diesem Jahr sollen auf einem ehemaligen Werksgelände die ersten Ferienhäuser entstehen.

Ulrike Schulz

 

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