Verband Deutscher Grundstücksnutzer

„Symbol der Volkssouveränität“

Warum der CSU-Politiker Oscar Schneider für eine Kuppel auf dem restaurierten Reichstagsgebäude kämpfte. Ein Interview mit dem Bundesbauminister a. D.

Die von Sir Norman Foster geschaffene Kuppel des Reichstages ist heute zum Wahrzeichen Berlins und zum begehrtesten Ziel der Hauptstadttouristen geworden. Foster arbeitete ursprünglich auf eine Verfremdung des Reichstagsgebäudes durch einen Glasbaldachin hin. Sie wandten sich schon frühzeitig dagegen und plädierten für eine Kuppelarchitektur. Was waren damals Ihre Gründe?

Das Reichstagsgebäude ist ein Dokument der deutschen Geschichte und ein Symbol der deutschen Demokratie. Dem heutigen Verfassungssouverän, dem Deutschen Bundestag, stand es nicht zu, beliebig mit dieser Brand- und Kriegsruine umzugehen.

Es gibt eine Legitimität im Umgang mit dem baulichen Erbe: Das Reichstagsgebäude gehört zu den Architekturen, mit denen wegen ihres historischen und politischen Ranges nur denkmalpflegerisch verfahren werden durfte.

Doch bei der Ausschreibung des Architektenwettbewerbs wurde der Bauwille des Bauherrn nicht klar genug definiert. Es wurde vor allem nicht gefordert, daß die Dachform des Gebäudes wieder eine Kuppel sein muß. Der Deutsche Bundestag als Bauherr verzichtete auf eine eigene klare Architekturaussage. Er traute sich eine solche Aussage nicht zu. Die Architekten sollten, wettbewerbserfahren, dem Bauherrn sagen, wie man mit der Wallotschen Architektur umgehen solle. Viele Parlamentarier wollten sich nicht dem Vorwurf aussetzen, sie grenzten die künstlerische Freiheit der Wettbewerbsteilnehmer ein.

Ich vertrat dagegen immer die Auffassung, die Freiheit des Bauherrn, seinen Bauwillen zu definieren, kann und darf durch die künstlerische Freiheit des Architekten nicht eingeschränkt oder gar ausgeschaltet werden. Wenn der Bauherr erst nach dem Wettbewerbsverfahren sagt, was er will, vernachlässigt er seine Verantwortung gegenüber dem Volke. Beide Freiheiten, die des Bauherrn und die des Architekten, stehen gleichberechtigt nebeneinander. Am Ende muß der Bauherr entscheiden, was gebaut werden soll! Er trägt dafür vor dem Volke auch die alleinige Verantwortung.

Ich hatte übrigens nie etwas gegen einen englischen Architekten einzuwenden, weil ich den europäischen Aspekt in Fragen der Kunst immer höher bewertete als nationale Erwägungen. Die Geschichte der europäischen Architektur hat darin mein Denken und Handeln bestimmt. Ich sah im Reichstagsgebäude ein historisches Dokument, ein Symbol der deutschen Demokratie, das vor dem zerstörerischen Eingriff geschichtsloser Modernisten und kulturblinder Funktionalisten gerettet werden müsse.

Der Reichstagsarchitekt Paul Wallot mochte seinerzeit dem Wunsch des Kaisers und des Kronprinzen nach einem Reichstag in englischer Gotik nicht folgen. Wallot hat dabei eher die gemeinsamen Wurzeln deutscher Kultur gesucht als in einem kleindeutschen Lokalstil zu bauen. Mit der Kuppel erschuf der Architekt etwas damals völlig Neuartiges, indem er einen Zusammenhang mit den kirchlichen und feudalen Kuppeln vermied und sich eine sozusagen bürgerliche Bekrönung des deutschen Parlamentsgebäudes ausdachte. Wie sehen Sie den Kuppelstreit Anfang der 90er vor diesem historischen Hintergrund?

Das Parlament im neugegründeten deutschen Kaiserreich, einer konstitutionellen Monarchie, sollte ein architektonisches Zeichen demokratischer Souveränität setzen. Die Kuppel auf dem Reichstagsgebäude sollte am Berliner Himmel mit der Kuppel des Schlosses konkurrieren. Man darf auch nicht übersehen, daß in der Planungs- und Bauzeit des Reichstages der Historismus das öffentliche Bauen in ganz Europa beherrschte. Viele Parlaments-, Justiz- und Museumsgebäude wurden damals im Neorenaissance-Stil ausgeführt und mit einer Kuppel bekrönt.

Selbst in den USA wählte der demokratische Bauherr für das Capitol die Form einer neoklassischen Kuppel. Der Einwand, es könne sich dabei um eine reaktionäre, feudalistische Entgleisung des parlamentarischen Bauherrn handeln, wäre dort als absurd zurückgewiesen worden.

Neugotische Entwürfe hatten in Berlin damals keine Chance verwirklicht zu werden. Die Renaissance stand damals auch in der Geschichtswissenschaft im Zentrum der Forschung. Die Renaissance wurde als maßgebliche Kulturepoche verstanden und in der humanistischen Bildungstradition des deutschen Gymnasiums als ein Höhepunkt der deutschen Reichs- und Kulturgeschichte verehrt.

An der Spree, auf märkischem Sand, im reformierten Preußen, sollten Schloß und Parlament die Sprache und Grammatik der Epoche sprechen, der wir die Wiedererweckung der antiken Kultur- und Geistestradition verdanken. Was Wallot baute, wurde an der Berliner Universität gelehrt.

Sir Norman Foster wollte ursprünglich keine Kuppel?

Der Architekt sah in der Kuppel eine Architektur von gestern, die er heute nicht mehr für zeitgemäß erachte. Deshalb stellte ich an ihn die Frage, ob er denn überhaupt bereit sei, für den Reichstag eine Kuppel zu entwerfen. Darauf antwortete dieser, daß er sich einer entsprechenden Entscheidung beugen werde. Er würde es aber bedauern, würde er es nicht schaffen, die Kommission von der in seinen Augen besseren Lösung zu überzeugen, und es werde ihm nicht leichtfallen, eine Lösung zu verfolgen, von der er selbst nicht vollkommen überzeugt sei.

Mir war besonders daran gelegen, die Proportionen der historischen Kuppel zu erhalten, weil nur auf diese Weise das gesamte Proportionalgefüge des Gebäudes gerettet werden konnte. Aber es dauerte noch bis April 1995, bis sich der Ältestenrat für die inzwischen von Sir Norman Foster entworfene Kuppel entschied, die heute zum Wahrzeichen des deutschen Parlaments und der Hauptstadt Berlin geworden ist.

Heute kann man sich das Gebäude ohne Kuppel nicht mehr recht vorstellen. Sie dürften sich im Nachhinein in Ihren Auffassungen bestätigt sehen. Gab es noch weitere Kritik, die Sie gegenüber dem Architekten formulierten?

Die Reichstagskuppel entspricht nicht voll meinen Vorstellungen. Ihr fehlt ein Tambour, also ein Sockelaufbau, den wir bei allen Kuppeln der Weltarchitektur vorfinden. Durch den Verzicht auf einen Tambour fehlt der Gesamtarchitektur des Reichstages ihre letzte innere Schlüssigkeit und planerische Konsequenz. Paul Wallot hat für seine Architektur Abmessungen und Proportionen gefunden, die niemand ungestraft verändern durfte.

„Kuppel des Volkes“, so sprach man auch von der Wallotschen Eisenkuppel. Was halten Sie von dieser Formulierung?

Jedes Parlamentsgebäude ist ein Haus des Volkes, weshalb denn auch jeder Dachaufbau in einem unmittelbaren Bezug zur Volkssouveränität gebracht werden kann. Die Demokratie soll kein Aschenputtelkleid tragen!
Architektonische Formen sind Ausdruck einer ganz bestimmten Kunst- und Kulturgesinnung. Die Formensprache der Demokratie darf mindestens ebenso repräsentativ sein, wie die der Monarchie oder gar der Diktatur. Das Volk hat für repräsentative Architekturen durchaus Verständnis. Im Falle der Berliner Reichstagskuppel wird diese Behauptung jeden Tag hundert- und tausendfach bestätigt. Kein Gebäude in Deutschland hat eine so hohe Akzeptanz im Volke gefunden wie die Reichstagsarchitektur. Ich kenne niemanden, der sich heute an der Kuppel stört. Jedenfalls glaube ich, daß mein Kampf für eine Kuppelarchitektur, für die Wiederherstellung des historischen Architekturbildes notwendig und erfolgreich war.

Die Fragen stellte Ulrike Schulz

Vor kurzem erschien im Bouvier Verlag Oscar Schneiders Buch ““Kampf um die Kuppel. Baukunst in der Demokratie”, in dem die Vorgänge um die Reichstagskuppel ausführlich behandelt werden. Das Buch hat 280 Seiten und kostet 24 Euro

zurück